Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Donnerstag, 29. August 2013

Danach - Teil 23

Hej

Schon wieder befinde ich mich auf dem Weg von Schweden in die Schweiz. Schon wieder habe ich viele spannende Sachen hier erlebt und es gibt das eine oder andere zu berichten. Also kommt schon wieder ein Mail. Weil es das letzte ist, dürfen alte Traditionen gebrochen werden - deshalb ist heute Mittwoch. Nun aber zu den wichtigen Dingen.
  • Nach ein paar Tagen im Toggenburg ging es im Juli für eine Woche nach Taizé. Es war wieder eine wunderbare Erfahrung, meine Akkus sind nun aufgeladen und ich habe wieder viel gelernt. Obwohl ich die ganze Zeit in Stille verbracht habe, habe ich ein paar Schweden kennen gelernt. Ein richtiges Heimatgefühl war das.
  • Wenig später wurde der Rucksack wieder gepackt: Mit meinen Eltern ging es per Auto quer (also längs) durch Deutschland, mit der Fähre nach Schweden (ich durfte das Auto auf die und von der Fähre fahren - und es ist noch ganz!!) und dann mit Zwischenstationen (die erste natürlich Lund) nach Stockholm. In Lund war es sehr schön, all die bekannten Plätze noch einmal im schönsten Sommerwetter zu sehen, Eis zu essen und einfach in Erinnerungen zu schwelgen. In Stockholm stiess dann der "erste beste Besuch" zu uns und weiter ging es nach Ramshyttan.
  • Ramshyttan ist die Farm, auf der wir nun einen wunderbaren Monat mit wwoofing (voluntary working on organic farms) verbracht haben. Auch beim dritten Mal fasziniert die Natur dort, die Menschen, die Tiere, einfach alles. Ich habe wieder viel gelernt: Rasenmäher fahren, trimmen (ein Trimmer ist ein Fadenmäher - keine Ahnung, was der korrekte Ausdruck dafür ist - siehe Bild), Hügelkultur anlegen (ein Teil von Permakultur: man baut einen riesigen Hügel aus Baumstämmen, Reisig, Mist, Grasziegel etc. und baut dann Gemüse und ähnliches darauf an - siehe Bild), Holz am effektivsten stapeln, Konfi (Marmelade für die Deutschen) kochen…
  • Auch viele Tiere haben wir angetroffen: Ringelnattern, eine Kreuzotter, Hasen (tote und lebendige), Spechte, zwei Rehe im Vorgarten, Opa Langbeine (viiiiiiiiiiiiele!! Sie werden auch Zimmermänner oder Weberknechte genannt. Und es ist eins der wenigen Tiere, in denen ich keinen Funken Schönheit entdecken kann. Wir werden wohl niemals Freunde werden.), Wurmgetier (viiiiel Wurmgetier, gefunden beim Mist für den Hügel holen), Vögel mussten befreit werden, Fledermäuse ebenso, Schmetterlinge auch… Und dann waren da natürlich noch die Pferde. Fünf Friesen (grosse schwarze Pferde mit langen, schönen Mähnen) und zwei Isländer (kleine, flinke und sehr trittsichere Pferdchen). Auch da war alles dabei: Reiten ohne Sattel, Schritt, Trab, Galopp, herunterfallen, ausmisten, Wundversorgung, füttern, Wassertrog reinigen, Reitwege ent-urwalden...
  • Das grösste Highlight in diesem Monat hatte allerdings nichts mit Landwirtschaft zu tun. Wie ihr euch vielleicht erinnern könnt, gab es in ferner Vergangenheit (sprich Februar) Probleme mit meinem Landlord (Vermieter). Er warf mich raus, leider aber nicht mit all meinen Sachen und vor allem ohne mir mein Geld zurück zu zahlen. Nach einem Behördenmarathon wurde eine Anwältin für mich gefunden. Der Gerichtstermin sollte morgen sein, ist nun aber nicht mehr nötig: Der gute Lord zahlt von alleine, fast den ganzen Betrag. Ich muss also nicht vors Gericht. Am schönsten ist aber, dass sich der ganze Aufwand und die viele Energie, die ich in diese Sache gesteckt habe, gelohnt haben. Alles in allem eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte, aber die auch nicht unbedingt wiederholenswert ist.
Noch ein paar Fakten fürs Allgemeinwissen:
  • Warum alle Schweden rote Häuser haben: Die rote Farbe wird aus einem Nebenprodukt des Erzabbaus hergestellt. Sie lässt das Holz atmen, schützt es aber gleichzeitig. Wer sein Holzhaus alle 10-20 Jahre mit dieser Farbe streicht, wird sehr lange darin wohnen können.
  • Was Fika ist: Fika kann vieles beinhalten. Grundsätzlich ist es ein Wort für gemütliches Zusammensitzen. Das kann ein Snack in der 10-Uhr-Pause, Kaffee trinken am Nachmittag, ein Feierabendbier, ein Schlummertrunk vor dem Schlafengehen oder anderes sein. Man kann dabei etwas essen oder auch nur etwas trinken. Hauptsache gemütlich und in Gesellschaft. Fika machen ist sehr wichtig in Schweden, beispielsweise auch bei der Arbeit. Wer dort nicht mindestens einmal am Tag Fika mit seinen Kollegen macht, kann schon als "zu arbeitsam" gelten. Ich werde auf jeden Fall probieren, die Fika-Kultur in die Schweiz zu importieren….
Tschüss sagen ist immer schwer, vor allem an so einem schönen Ort (Ramshyttan) und von einem so lieb gewonnenen Land. Aber ich freue mich auf die Zukunft: Zuerst geht es mit Zwischenhalten in Lund und Deutschland in die Schweiz zurück. Dort wartet die beste WG überhaupt (vier Frauen, wenn das mal gut geht… Immerhin haben wir zwei Badezimmer.). Nach ein paar Tagen Paris (ich war noch nie da, dabei ist es nur drei Stunden Zugfahrt von Basel entfernt!) fängt dann die Uni wieder an - auch darauf kann man sich zeitweise freuen. Und irgendwann kommt bestimmt wieder einmal der Tag, an dem ich mit meinem Rucksack in den Zug Richtung Schweden steige. Schwedisch kann ich jetzt ja.

Übrigens: Der Mietvertrag ist nun unterschrieben und der Briefkasten hat bereits ein Namensschild. Briefe, Karten, Päckchen und Besuch sind herzlich willkommen! Die Adresse kann bei mir erfragt werden.

Bästa hälsningar (= liebe Grüsse)

P.S.: Noch ein paar Bilder, gemacht natürlich vom "ersten besten Besuch".

Sonnenuntergang.
Trimmen.
Reiten auf Bresi ohne Gebiss und ohne Steigbügel aber mit viiiiel Spass.
Warum es mir da so gefällt.
Unser Hügel. Noch nicht ganz fertig. 
Ohne Worte.
Bildhübscher Friese Arion.