Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Montag, 31. Oktober 2011

Lieblingszitate lieber Leute.

Doubt thou the stars are fire,
Doubt that the sun doth move,
Doubt truth to be a liar,
But never doubt I love.
W. Shakespeare

Die schönste Geste

Unerwartete Nähe
Zwei Arme
Umschliessen
Einrahmen
Beschützend.
Herzklopfen
Haare
Hals
Nacken.
Willkommen heissend
Verabschiedend
Wohlwollend
Einfach so
Tröstend
Liebe.
Halten zusammen
Halten fest
Stabilisieren.
Sicherheit.
Geborgenheit.
Machen Sekunden zur Ewigkeit.


Sonntag, 30. Oktober 2011

Menschenkinder und ihre Heimat.

Bedenkt, dass jetzt um diese Zeit, der Mond die Stadt erreicht. 
Für eine kleine Ewigkeit sein Milchgebiss uns zeigt. 
Bedenkt, dass hinter ihm ein Himmel ist, 
den man nicht definieren kann. 
Vielleicht kommt jetzt um diese Zeit 
ein Mensch dort oben an. 
Und umgekehrt wird jetzt vielleicht 
ein Träumer in die Welt gesetzt. 
Und manche Mutter hat erfahren, 
dass ihre Kinder nicht die besten waren. 
Bedenkt auch, dass ihr Wasser habt und Brot, 
dass Unglück auf der Straße droht, 
für die, die weder Tisch noch Stühle haben 
und mit der Not die Tugend auch begraben. 
Bedenkt, dass mancher sich betrinkt, 
weil ihm das Leben nicht gelingt, 
dass mancher lacht, weil er nicht weinen kann. 
Dem einen sieht man's an, dem andern nicht. 
Bedenkt, wie schnell man oft ein Urteil spricht. 
Und dass gefoltert wird, das sollt ihr auch bedenken. 
Gewiss ein heißes Eisen, ich wollte niemand kränken, 
doch werden Bajonette jetzt gezählt und wenn eins fehlt, 
es könnte einen Menschen retten, 
der jetzt um diese Zeit in eurer Mitte sitzt, 
von Gleichgesinnten noch geschützt. 
Wenn ihr dies alles wollt bedenken, 
dann will ich gern den Hut, den ich nicht habe, schwenken. 
Die Frage ist, die Frage ist, 
sollen wir sie lieben, diese Welt? 
Sollen wir sie lieben? 
Ich möchte sagen, wir wollen es üben.

Hanns Dieter Hüsch

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Illustration eines Nachmittags

ich sitze an meinem Lieblingsplatz
über den Dächern der Stadt
umgeben von Holz
in Form von Balken und Büchern
rechts das Riesenrad
dahinter das Münster
links die Kamine der Pharmaindustrie
gradeaus der Balken zwischen den Fenstern
wie der Balken vor meinem Kopf
weisse Farbe

Musik in meinen Ohren
ein geschenktes Käsebrot
eine gemeisterte Aufgabe
im Bauch
lecker
entspannt
Kindergeschrei
ich will klein sein
ein Stück Schokolade
zum Nachtisch

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Seit du mich kennst

Erst seit du mich kennst
kenn ich mich selbst!

Einst lag mein Körper mir fern
wie ein entlegener Erdteil
und ich wusste von mir
weder Osten noch Süd.
Einsam war meine Schulter
wie ein vergessener Fels
bis deine Hand sie berührte:
Da erst fühlte ich mich!
Da bekam ich Augen
und mein Mund eine Form
ahnte mein Fuss seinen Lauf
und mein Herz seinen Schlag.

Nun erst liebe ich mich
da du mich liebst.
Ivan Goll

Dienstag, 25. Oktober 2011

Augenkorrektur

Ich wünsche mir eine Brille.
Nicht weil ich so gerne Brillen trage - im Gegenteil, ich verabscheue Sonnenbrillen, Skibrillen, Chemiebrillen, rosa Brillen...
Ich wünsche mir eine Brille, um einmal, ein einziges Mal, die Welt mit deinen Augen zu sehen.
Mit den Augen eines Skeptikers.
Eines Optimisten.
Eines Spaniers.
Einer Bartänzerin.
Einer Politikerin.
Eines Diplomaten.
Eines Fabrikarbeiters.
Einer Mutter.
Eines Matrosen.
Einer Prinzessin.
Einer Musikerin.
Einer Grossmutter.
Eines Busfahrers.
Eines Kindes.
Eines Liebenden.
Und so fort.
Ich wünsche mir eine Brille, um dich zu verstehen.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Ein Linguistikbuch erklärt die Welt.

"Wenn ich Post im Kasten vorfinde, kann ich schliessen, dass der Briefträger vorbeigekommen ist. Der bringt zwar nicht immer Post, aber wenn Post da ist, muss er sie gebracht haben. Der Schluss ist nicht absolut sicher (es könnte sein, dass mein Nachbar meine Post von gestern unter seinen Zusendungen entdeckt hat und dass er sie jetzt bei mir eingeworfen hat), aber im Normalfall zuverlässig."
aus "Studienbuch Linguistik" von Linke/Nussbaumer/Portmann

Frühschicht bei der SBB

Ein korrekt gekleideter Mann mit dem Logo der SBB sitzt auf einem Stuhl. Vor ihm ein Computer. Er nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse und wartet. Er tut nichts. Über ihm leuchtet ein grosses blaues i. i wie information. Wie ich bin für Sie da. ihre Ansprechsperson. Die Uhr zeigt zwei Minuten vor acht Uhr. Ich brauche dringend eine Auskunft, mein Zug fährt 08.03 Uhr, perfektes Timing also. Ich grüsse den Beamten mit dem SBB-Logo auf der Brust freundlich. Das Schild mit den Öffnungszeiten fällt mir ins Auge: offen ab 08.00 Uhr. Toll, denke ich, die Bahnangestellten sind wirklich pünktlich, und anscheinend mag dieser Herr seinen Job. Er informiert gerne. Sogar schon zwei Minuten früher als er müsste!
Denke ich. Einmal mehr denke ich falsch. "Mir händ im Fall nonig göffnet!" ist die patzige Antwort des SBB-Logo-Trägers auf mein "Guten Morgen". Aha. Das ist allerdings eine sehr klare Information. Mein Mund klappt auf. Es vergehen ein paar Sekunden. Dann klappt er wieder zu. Ich vernichte den Mann mit Krawatte, gradem Scheitel und Wollpulli, auf dem das Logo der SBB prangt, mit einem Blick. Die Uhr schlägt 8. Ich drehe mich um und gehe.
Offensichtlich haben wir unterschiedliche Auffassungen von der Definition und Handhabung der Begriffe "Kundenfreundlichkeit", "Kulanz", "Korrektheit". Als ich mich noch einmal umdrehe und zurück blicke, grinst mich das grosse blaue i  an. Ich ziehe eine Fratze. i wie ich bin bünzlig. Wie informationen - nicht bei mir.
Ich steige in den Zug und trauere um die gute alte Gelassenheit und Kompromissbereitschaft.

Samstag, 22. Oktober 2011

Be active.

Let's do something out of the ordinary
Let's do it good and do it now.

Freitag, 21. Oktober 2011

Danach ist Davor.

Ich mache gerade eine Lernpause. Es bleibt jetzt jedem selbst überlassen, ob ich in einer Pause lerne oder eine Pause vom Lernen mache. Irgendwie trifft beides auf mich zu: Ich bin faul, mache also quasi permanent eine Pause vom Lernen. Wenn ich dann endlich lerne, ist das nur so schnell schnell während einer Pause zwischen zwei Veranstaltungen.
Ja, ich habe vor, die Prüfungen zu bestehen. Ja, ich habe vor, mich zu bilden und "klüger" zu werden. Aber mich hinsetzen und lernen? Nein. Da mache ich lieber eine Pause. Mit einem Cookie.

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Schöne Ziele.

Auszug aus der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft:

Art. 2 Zweck

1. Die Schweizerische Eidgenossenschaft schützt die Freiheit und die Rechte des Volkes und wahrt die Unabhängigkeit und die Sicherheit des Landes.

2. Sie fördert die gemeinsame Wohlfahrt, die nachhaltige Entwicklung, den inneren Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt des Landes.

3. Sie sorgt für eine möglichst grosse Chancengleichheit unter den Bürgerinnen und Bürgern.

4. Sie setzt sich ein für die dauerhafte Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und für eine friedliche und gerechte internationale Ordnung.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

In the course of time



The people around me
Keeps getting older and older
I'm thinking if it's me
That has fallen out of the track

The wives and the children
Has never been close for me
But now I'm in panic
So afraid of falling behind

So afraid of falling behind
I'm afraid of falling behind

I'm thirty plus something
I should have gotten further in life
But I'm still here stomping
Like I was fourteen or something

I think of the future
I can't see anything changing
This life that's before me
I don't wanna do it again

I don't wanna do it again
I just don't want to do it again

I'm waiting for something
But nothing happens if I don't get it done myself
I'm too shy, I'm stuck here

I'm trying to reach out
But all I do is done out of my normal self
This heart won't give up yet

I'm still here in panic
Thinking I could be better at something
This life is not ment for
Thinking 'bout what's never been done

This weight that's upon me
Soon has to be lifted away
Or else I'll go under
I don't want to be here no more

I don't want to be here no more
I just don't want to be here no more

Dienstag, 18. Oktober 2011

Die Visite

Als ich aufsah von meinem leeren Blatt,
stand der Engel im Zimmer.

Ein ganz gemeiner Engel,
vermutlich unterste Charge.

Sie können sich gar nicht vorstellen,
sagte er, wie entbehrlich Sie sind.

Eine einzige unter fünfzehntausend Schattierungen
der Farbe Blau, sagte er,

fällt mehr ins Gewicht der Welt
als alles, was Sie tun oder lassen,

gar nicht zu reden vom Feldspat,
und von der Großen Magellanschen Wolke.

Sogar der gemeine Froschlöffel, unscheinbar wie er ist,
hinterließe eine Lücke, Sie nicht.

Ich sah es an seinen hellen Augen, er hoffte
auf Widerspruch, auf ein langes Ringen.

Ich rührte mich nicht. Ich wartete,
bis er verschwunden war, schweigend.
Hans Magnus Enzensberger

Montag, 17. Oktober 2011

Finnischer Tango

Was gestern abend war ist
und ist nicht
Das kleine Boot das sich entfernt
und das kleine Boot das sich nähert
Das Haar das ganz nah war
ist fremdes Haar
Das ist leicht gesagt!
Das ist immer so
Der graue See ist doch
der graue See
Das frische Brot von gestern abend ist hart
Niemand tanzt
Niemand flüstert
Niemand weint
Der Rauch ist verschwunden
und nicht verschwunden
Der graue See ist jetzt blau!
Jemand ruft
Jemand lacht!
Jemand ist fort
Es ist ganz hell!
Es war halb dunkel
Das kleine Boot kehrt nicht immer zurück
Es ist dasselbe
und nicht dasselbe
Niemand ist da!
Der Felsen ist Felsen
Der Felsen hört auf Felsen zu sein
Der Felsen wird wieder zum Felsen
Das ist immer so!
Es verschwindet
nichts und nichts bleibt!
Was da war
ist und ist nicht und ist!
Das versteht niemand!
Was gestern abend war
Das ist leicht gesagt!
Wie hell der Sommer hier ist
und wie kurz.
Hans Magnus Enzensberger

Sonntag, 16. Oktober 2011

Wie im Film

Manchmal fühle ich mich wie Truman aus "The Truman Show". In diesem Film wächst Truman in einer künstlichen Welt auf. Eine eigene Stadt wurde extra für ihn geschaffen, seine Mitmenschen sind Schauspieler und sein gesamtes Leben kann 24 Stunden und 7 Tage die Woche live im Fernsehen mitgelebt werden. (The Truman Show - Trailer)
Wieso ich mich so fühle, obwohl man mich nicht im Fernsehen sieht?
Weil ich manchmal das Gefühl habe, dass alle anderen Menschen nach einem bestimmten Drehbuch leben. Sie wissen schon was kommt, sie wissen was sie sagen müssen, sie wissen überhaupt alles. Nur ich wurde nicht eingeweiht. Auch habe ich zeitweise den Eindruck, das Leben wäre für andere nur ein Spiel. Oder eben ein Job. Und ziemlich oft beschleicht mich die dunkle Ahnung, dass andere wissen, was ich denke, was ich fühle, was ich tue. Dass sie sich komische Blicke zuwerfen. Dass meine Privatsphäre gar nicht privat ist.
Hoffentlich kann niemand in meinen Kopf gucken.

Samstag, 15. Oktober 2011

Vorbands sind toll.

Bastian Baker - Tomorrow may not be better


I got no reason to wake up, tomorrow I could sleep,
All day or start something, somehow
coz sunrise and sunset will come forever
My illness leaves me weak-kneed and fevered.
It is not only a headache: I also feel afraid
I worry all the time when the panic attacks I’m scared
I feel like my soul is empty, my life’s deprived of sense.
I always want to scream out as loudly as I can

I’m afraid of the future and I regret the past.
And when I see those old pictures it’s all gone by so fast
Only a quarter of my life up but all hope is dead
I’ll be confined to an office; it’s not what I had planned.

I’m not sure I understand what people talk about
What they talk about!
Money, Fame and Fashion what is it all worth?
If when you go out, you’re not happy with your birth.
It’s now five in the morning, I think this song’s over
I wonder if I’ll wake up tomorrow may not be better.

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Momente der Stille

"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."
Ludwig Wittgenstein

Mittwoch, 12. Oktober 2011

An sich

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir, und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan sein muss, und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kannst das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist sich ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist, und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.
Paul Fleming

Weisst du es?

Wie viele Tränen weint ein Mensch?

Dienstag, 11. Oktober 2011

Kluge Dozenten

"Farblose grüne Ideen schlafen wütend."
Ja, über solche Sätze reden wir an der Universität. Ganze 87 Minuten.

"Derjenige, der denjenigen (oder diejenige), der (oder die) den Pfahl, der auf der Strasse, die nach Kulmbach führt, steht, umgeworfen hat, anzeigt, erhält eine Belohnung."
Man beachte die Aneinanderreihung von SECHS Verben. Bewundernswert.

"Aus der Tiefe des Vergessens steigt die Erinnerung hervor."
Ich habe über diesen Satz immer noch nicht zu Ende gedacht.

Montag, 10. Oktober 2011

Sommerfrüchte.


I wish I had a mango tree
in my backyard.

Integrierte Einführung in die Soziologie

"Ihr müsst nicht aufstrecken, ihr könnt euch einfach melden!"

Wie erfrischend ein Soziologie-Tutor nicht sein kann. Herrlich.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Über Interpretationen, Zwiebelmesser und Sisyphus

"Es gibt keine Tatsachen, es gibt nur Interpretationen."
Friedrich Nietzsche

"Die analoge Fertigkeit, die es erlaubt, aus einem Gedicht eine Keule zu machen, nennt man Interpretation."

"Die Lektüre ist ein anarchischer Akt. Die Interpretation, besonders die einzige richtige, ist dazu da, diesen Akt zu vereiteln."

"Auch der harmloseste Gegenstand nämlich kann, das ist klar, gemeingefährlich werden, wenn er, um nur ein Beispiel zu nennen, in verbrecherische Hände fällt: so das friedliche Zwiebelmesser in der Faust des Amokläufers, der gutmütige Bleistift in den Fingern des Bürokraten, der hilfreiche Sicherheitsstecker in der Hand des Psychiaters, der wieder mal einem aufsässigen Patienten einen Elektroschock verpasst - und, so möchte ich fortfahren, das harmlose Gedicht in der Aktentasche des Deutschlehrers.
Nicht als hegte ich Vorurteile oder auch nur Vorbehalte gegen einen Berufsstand, dessen Verdienste im umgekehrten Verhältnis zu der mageren Anerkennung stehen, die ihm eine undankbare Mitwelt zollt. Der gesellschaftliche Einfluss des Deutschlehrers ist, ganz im Gegensatz zu dem des Schriftstellers, wenn nicht ekrasant, so doch von makroskopischer Grössenordnung. Dementsprechend schwer ist seine Arbeit. Er ist der wahre Sisyphus. Ganz auf sich allein gestellt, sozusagen auf verlorenem Posten, soll er die Fähigkeit, deutsche Sätze hervorzubringen, nicht nur verteidigen, sondern sogar erwecken - eine Fähigkeit, die im öffentlichen Leben des Landes, von der Universität bis zum Parlament, von der Presse bis zu den fortschrittlichen politischen Organisationen, so gut wie ausgestorben ist."
alles von Hans Magnus Enzensberger
in "Mittelmass und Wahn", 1988

Samstag, 8. Oktober 2011

Picknick unterwegs

Die Szene:
Ein Mann und eine Frau sitzen sich in einem Zugabteil gegenüber. Man ist irgendwo zwischen Chiasso und Airolo. Der Mann packt kleine Baguette-Stückchen und eine Packung Gerber-Käse aus. Man teilt und schält den Käse sorgfältig aus der Plastikfolie. Die Frau und der Mann berühren sich nicht, nur ihre Fussspitzen stehen verdächtig nah beieinander. Der Mann schaut die Frau an, in seinem Blick liegen Zuneigung, Vertrauen, Respekt und Wertschätzung.
"Bisch z'friede?"
Die Frau kaut. Und nickt.
"Denn bin ich's au."
Die weitere Zugfahrt verläuft schweigend. Worte sind überflüssig, alles ist gesagt, man kann still geniessen.

Schon wieder Liebe

Für mich bedeutet Liebe, dass man Menschen genug traut, um sie gehen zu lassen.
Katie Kacvinsky in "Die Rebellion der Maddie Freeman"

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
und kehrt von hinten zurück.

Heinrich Heine

Vielfältiger Kaffeebesuch.

"Ein früher Gast hatte die Mittagsausgabe der Abendzeitung liegen gelassen."
Virginia Woolf in 'Ein eigenes Zimmer'

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Liebesgedicht an - ja, an wen?

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füsse kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.
Rainer Maria Rilke

Angeblich war das ursprünglich ein Liebesgedicht an Rainers "Geliebte" Lou Andreas-Salomé. Diese schlug dann jedoch vor, das Gedicht in das "Stundenbuch" aufzunehmen und somit Gott zu widmen. Kein Buchstabe musste geändert werden. Wenn man aber ein Liebesgedicht an eine Frau genauso gut auch an Gott richten könnte, gibt es dann vielleicht doch nur eine Art der Liebe? Haben wieder einmal wir Menschen etwas geschaffen - in diesem Fall all die verschiedenen Arten der Liebe: Mutterliebe, Geschwisterliebe, freundschaftliche Liebe uvm. - um uns selbst bemogeln zu können, um uns selbst Grenzen zu setzten, um uns einzuschränken und um Dinge zu definieren? Oder ist das am Ende gar nicht so wichtig, solange man nur liebt?

Dienstag, 4. Oktober 2011

Strassenmalereien

"Wir wollen doch sehn, ob nicht die allermeisten sogenannten 'unübersteiglichen Schranken' die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen!"
Lou Andreas-Salomé

Alles muss klein beginnen

Der Beweis dafür, dass auch ein grosser Schreiber mal klein angefangen hat. Sehr beruhigend, irgendwie. Man beachte vor allem die Aneinanderreihung von Atom, Dom und Rom:

Wir bauen an dir mit zitternden Händen
und wir türmen Atom auf Atom.
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom.

Was ist Rom?
Es zerfällt.
Was ist die Welt?
Sie wird zerschlagen
eh deine Türme Kuppeln tragen,
eh aus Meilen von Mosaik
deine strahlende Stirne stieg.

Aber manchmal im Traum
kann ich deinen Raum
überschaun,
tief vom Beginne
bis zu des Daches goldenem Grate.

Und ich seh: meine Sinne
bilden und baun
die letzten Zierate.
Rainer Maria Rilke

Montag, 3. Oktober 2011

Silberstreifen am Horizont

...und das Schlimmste ist die Hoffnung.
Die Hoffnung auf Veränderung.
Die Hoffnung auf ein Happy End.
Die Hoffnung, die du verabscheust,
und nicht haben willst;
aber die trotzdem da ist,
immer,
wenn auch nur als kleines Sandkorn.
Das Schlimmste ist die Hoffnung.

Move, move, move it

Beständigkeit hat in unserer Welt keinen Platz mehr. Alles muss sich verändern. Bewegen. Es reicht nicht mehr, ein Bild aufzuhängen, nein, es muss ein Bildschirm sein über den immer neue Bilder und Texte flattern. Produkte werden ständig weiterentwickelt, ein Unternehmen hat nie längere Zeit ein und dasselbe Angebot, dann ist es nämlich altmodisch und nicht konkurrenzfähig. Auch man selber darf nicht stehen bleiben, man muss sich doch weiterentwickeln, reisen, mit der Zeit gehen. Sonst wird man abgeschrieben.
Ich sehne mich nach etwas Festem. Nach Beständigkeit. Nach etwas, das bleibt. Ich sehne mich nach der Erlaubnis, langweilig gleich zu bleiben.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Wie Perlen an der Schnur.

Die Sternseherin Lise von Matthias Claudius

Ich sehe oft um Mitternacht,
wenn ich mein Werk getan
und niemand mehr im Hause wacht,
die Stern' am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut
als Lämmer auf der Flur;
in Rudeln auch, und aufgereiht
wie Perlen an der Schnur.

Und funkeln alle weit und breit
und funkeln alle rein und schön;
ich seh' die grosse Herrlichkeit
und kann mich satt nicht sehn...

Dann saget unterm Himmelszelt
mein Herz mir in der Brust:
"Es gibt was Bessers in der Welt
als all ihr Schmerz und Lust."

Ich werf mich auf mein Lager hin,
und liege lange wach,
und suche es in meinem Sinn:
Und sehne mich darnach.

Samstag, 1. Oktober 2011

Über Entscheidungen, Künstler und Alkohol

"Wir zittern, bevor wir unsere Wahl im Leben treffen, und wenn wir sie getroffen haben, zittern wir aufs neue, aus Frucht, dass wir falsch gewählt haben. Aber es kommt der Augenblick, da wir sehend werden und erkennen lernen, dass die Gnade unbegrenzt ist. Gottes Gnade will nichts weiter von uns, als dass wir vertrauensvoll ihrer harren und sie in Dankbarkeit hinnehmen. Die Gnade stellt keine Bedingungen und sondert keinen von uns aus der Reihe heraus."
(aus "Babettes Fest" von Tania Blixen)

"Für einen Künstler ist es schrecklich und unerträglich, wenn er dazu ermutigt wird, nur sein Nächstbestes zu geben und dafür noch Beifall bekommt. Durch die ganze Welt schallt unablässig der eine Schrei aus dem Herzen des Künstlers: Erlaubt mir doch, dass ich mein Äusserstes gebe!"
(aus "Babettes Fest" von Tania Blixen)

"Besser, man ist betrunken als verrückt."
(aus "Babettes Fest" von Tania Blixen)