Servus aus Minga!
Seit dem letzten Eintrag sind zweieinhalb Monate vergangen. Viel ist passiert, viel wird passieren. Hier ein - chronologischer und stichwortiger - Überblick. Diesmal eher lang, das Wichtigste steht am Schluss, also haltet durch oder springt einfach direkt dahin, merkt ja keiner...
Seit dem letzten Eintrag sind zweieinhalb Monate vergangen. Viel ist passiert, viel wird passieren. Hier ein - chronologischer und stichwortiger - Überblick. Diesmal eher lang, das Wichtigste steht am Schluss, also haltet durch oder springt einfach direkt dahin, merkt ja keiner...
- Das vermutlich Uninteressanteste zuerst: die Uni. Sie plätschert vor sich hin, Arbeiten werden geschrieben (und aufgeschoben…), für Prüfungen wird bald wieder gelernt, Referate werden gehalten - demnächst eines mit Türkischem Tee. Highlight ist nach wie vor mein Wahlpflichtfach Arabisch. Mittlerweile kann ich (SEHR) langsam lesen, verstehe aber noch so ziemlich nichts. Die Sprache und Kultur ist sehr spannend und ich hoffe, beides bald intensiver studieren zu können.
- Auch Hauskreis und Volleyballverein sind nach wie vor fester Bestandteil meines Lebens, beides ist auf sehr unterschiedliche Art bereichernd und lehrreich.
- Mein Zuhause habe ich inzwischen in der Katholischen Hochschulgemeinde gefunden. Bei den vielen verschiedenen Aktivitäten wie Taizétag, Lange Nacht der KHG oder "büffeln und beten" fliegt die Zeit nur so dahin. Die vielen lieben und herzensguten Menschen wachsen mir tagtäglich mehr ans Herz und könnten vielfältiger nicht sein.
- Ansonsten bietet München pro steigendes Grad auf dem Thermometer gefühlte zehn Aktivitäten mehr an. Freies Volleyball spielen im Park, diverse Openair-Kinos, verschiedenste Festivals, grillieren an der Isar, "schwimmen" im Eisbach… Eine wirklich lebendige und wunderschöne Stadt.
- Im April stand eine grosse Reise an, die mittlerweile schon wieder ein paar Wochen zurück liegt. Mit Taizé-Brüdern und 60 anderen jungen Menschen aus ganz Europa machte ich mich auf den Weg nach Kiew und L'viv in der Ukraine. In den ersten Tagen als Touristin durfte ich die Schönheit und Grösse Kiews entdecken. Danach ging es mit dem Taizé-Programm weiter durch Klöster und Kirchen der Stadt und Umgebung, später mit dem Nachtzug nach L'viv (was für ein Fest!). Hier einige Unter-Stichworte und Impressionen zu diesem Stichpunkt:
- In den ersten Stunden fühlte ich mich sehr fremd und verloren in diesem unbekannten Land. Zwar waren die Menschen freundlich, doch ohne Sprach- und Buchstabenkenntnisse fühlte ich mich wie amputiert. Die Verhaltensweisen der Leute waren mir fremd und ich fühlte mich einsam, ganz auf mich allein gestellt. Natürlich verflog dieses Gefühl, sobald ich erste Kontakte geschlossen hatte. Doch möchte ich mir nicht vorstellen, wie sich ein Flüchtling wohl in unseren Breitengraden fühlen mag...
- Das Tschernobyl-Museum ist auf jeden Fall einen Besuch wert (unbedingt mit Audio-Guide!), auch die Free Walking Tour zur Modernen Geschichte und Politik war sehr interessant. Die Leiterin dieser Tour, die Gastgeber im Hostel und andere Ukrainer, mit denen ich reden konnte, hatten alle sehr unterschiedliche Meinungen, Ansichten und Versionen der Geschehnisse. Doch Frieden wünschen sie sich alle.
- Kiew ist gross und architektonisch sehr schön - weniger erschlagend als bspw. Moskau, doch trotzdem grosszügig in Platz und Bauten. Viele Häuser haben Erker oder kleine Wintergärten, überall gibt es Kirchen. Ausserdem ist die Stadt sehr grün und hügelig. Fahrrad fahren ist eher ungünstig, dafür erreicht mal alle zehn Minuten einen Aussichtspunkt, der noch schöner als der vorherige ist. Gerade im Frühling mit den ganzen Knospen und zartgrünen Blättern wunderschön.
- Am Wochenende und an Feiertagen wird die grosse Hauptstrasse im Zentrum gesperrt und für Fussgänger frei gegeben. Überall sind Strassenmusiker, Menschen tanzen dazu. An mehreren Stellen in der Stadt stehen Klaviere zur freien Benutzung. Tausende (ja!) Kaffeewagen zieren die Strassenränder, Parks, Gehwege.
- Die vielen schön bemalten Ostereier, vor allem in der Ostereierausstellung in der Sophienkathedrale.
- Die mit Teppichen ausgepolsterten Marschrutkas, Mini-Busse, in denen es wie in einem belebten Wohnzimmer zugeht.
- Ältere Damen, die einem den Weg / wie das mit den Fahrscheinen geht / ihr Leben / was auch immer erklären und erzählen wollen und dabei partout nicht auf den mühsam erlernten Satz "Ich spreche kein Ukrainisch, sprechen Sie Deutsch / Englisch?" hören wollen.
- Die tiefste U-Bahn-Station der Welt (105m unter der Erde). Man fährt zwei Mal fast zweieinhalb Minuten mit einer Rolltreppe steil nach oben, die schneller fährt als ich joggen kann. Die Stationen sind zwar nicht ganz so prachtvoll wie in Moskau, doch aber sehenswert.
- Ein Besuch bei den Schwestern Mutter Theresa, die unter anderem Obdachlosen und Kindern aus einkommensschwachen Familien helfen. Kommunizieren konnten wir mit den Kindern wegen Sprachbarrieren zwar nicht, doch Hände, Füsse, geknüpfte Armbänder und Zeichnungen können auch Brücken schlagen.
- Drei unglaublich lustige Priester, die Jugendarbeit machen. Die Jugendlichen können einmal pro Woche in die Kirche kommen und Fragen auf Zettel schreiben. Die Priester stehen vorne, nehmen die Zettel in Empfang und beantworten die anonymen Fragen darauf. Von "Was haltet ihr von Sex vor der Ehe?" bis zu "Ich finde keine Arbeit, was soll ich tun?" und "In der Kirche predigt ihr über Bescheidenheit und teilen, vor der Tür stehen teure Autos - wie erklärt ihr das?" war alles mit dabei. Wacker schlugen sich die drei mit viel Witz und Humor. Manche Religiöse wären wohl empört gewesen über solche Lockerheit in einem Gotteshaus. Ich denke jedoch, dass diese Form wunderbar angemessen für den Ort und die Zeit ist - auf alle Fälle war es eine sehr interaktive Begegnung und ich hätte gerne Russisch / Ukrainisch gekonnt, um noch mehr verstehen zu können.
- Meine Gastgeberinnen in Kiew und L'viv. Beide waren sehr um mein Wohlbefinden besorgt, sogar ihre jeweiligen Mütter mischten sich ein, riefen an, gaben Kochtipps. Meine vegane Lebensweise war ein viel diskutiertes Thema und es wurden alle Register gezogen, um mir trotzdem ein Mahl bieten zu können, unter dem sich die Tischplatte biegt. All dieser Aufwand, dieser Herzlichkeit, dieses Geben-Wollen waren sehr berührend, aber auch überfordernd. Denn wie nimmt man als reiche West-Europäerin so viel von diesen Menschen an, die viel weniger haben? Denen man nichts zurück geben kann? Die eigentlich allen Grund hätten, zu verzagen und besorgt um ihr Hab und Gut zu sein? Besuche und Begegnungen wie diese, in denen Menschen Tür zu Haus und Herz öffnen, machen mich immer wieder demütig und dankbar.
- Das Gebet um das Kreuz, wie es jeden Freitag Tradition in Taizé ist. Eine Russin und ein Ukrainer, die gleichzeitig für dasselbe beten. Auch Erzählungen von anderen Teilnehmern, die ein Krankenhaus mit Kriegsverletzten besuchten, berührten mich sehr: Die Russin erzählte von ihrem ukrainischen Grossvater, der verletzte ukrainische junge Soldat von seiner russischen Familie.
All dies macht es so abstrus und unwirklich, dass noch immer Krieg im Osten dieses Landes herrscht. Auf den Strassen in Kiew sieht man heimkehrende Soldaten, in den U-Bahnen wird Geld gesammelt, ansonsten ist von Krieg nichts zu spüren. Die Menschen gehen ihrem Alltag nach, die Sonne scheint, mal regnet es. Auch der Maidan sieht auf den ersten Blick wie ein schöner Platz aus. Dann fallen die Kerzen, Bilder und Blumen auf, die überall aufgestellt sind. Aber irgendwie sind sie schon so sehr Teil der Umgebung geworden, dass sie fast natürlich erscheinen. Nur die Einschusslöcher in Laternenpfahle und Bäume erinnern an das Blutbad, das vor über einem Jahr dort angerichtet wurde. Neben all der positiven Menschlichkeit, die in den ganzen Hilfsprojekten und -programmen für Flüchtlingsfamilien, Soldaten etc. zu Tage tritt, lässt sich auch die andere Seite des Menschseins nicht verbergen. Ein sehr gebildeter Mann machte sich für mehr Waffen stark, um den Russen den Tarif durchgeben zu können. Und eine Frau in L'viv fühlte sich überfordert mit den Flüchtlingen aus dem Kriegsgebiet im Osten. Sie könnten die Sprache nicht, hätten eine ganz andere Kultur und würden überhaupt nicht versuchen, sich anzupassen. Zudem nähmen sie Wohnraum und Arbeitsplätze weg. Diese Sätze kenne ich nur zu gut - doch im Westen der Ukraine hätte ich sie zuletzt erwartet.
- Nach Hause ging es dann von L'viv aus mit dem Bus. Die Fahrt dauerte 24 Stunden und war ein Abenteuer für sich. Nur drei Dinge seien gesagt:
- Verbringt man so viel Zeit so nah aufeinander wie solch eine Busgemeinschaft, wird man fast eine kleine Familie.
- Sprachkenntnisse wären doch von Vorteil gewesen. So bekam ich immer erst viel zu spät mit, was genau los war - Toilettenpause, Passkontrolle etc. - immer einen Schritt hinterher.
- EU-Aussengrenzen sind wirklich kein Zuckerschlecken.
Fazit: Viel Neues gesehen, gehört, gelernt. Neue Freunde gefunden und Denkanstösse bekommen. Ein neues Land und die Schönheiten seiner Sprache, Menschen, Kultur, Geschichte entdeckt. Und einmal mehr bin ich dankbar, dass Taizé all diese Begegnungen ermöglicht und Brücken schlägt.
- Nach der Ukraine ging es auch noch in die Schweiz, an den Grand Prix von Bern, auch als "die schönsten zehn Meilen der Welt" betitelt. Die gut 16 Kilometer zogen sich endlos dahin, die vielen Hügel (für mich als Städterin aus dem Flachland inzwischen BERGE) trugen nicht wirklich zur Verschnellerung der Tortur bei. Im Ziel kam ich trotzdem an und mit guten Freunden ist alles ein Spass, so werde ich den GP wohl in guter Erinnerung behalten.
- Auch viel Besuch hatte ich, noch mehr Besuch hat sich für die nächste Zeit angemeldet. Wer München noch mit meiner Wenigkeit erleben möchte, sollte sich bald auf die Socken machen, denn…
… (und jetzt kommt der Zukunftsteil)…
- Nach Openair St. Gallen (jedes Jahr obligat) kommen Ende August zwei Wochen Schwedenurlaub mit VW-Bussen und einer evangelischen Jugendgruppe auf mich zu. Als Leiterin darf ich mit dem Zelt durch Schweden fahren bzw. in einem Haus mit Sauna, See und Wald irgendwo im Nirgendwo weilen und Bibelarbeiten, Workshops und andere Aktivitäten durchführen. Ich freue mich riesig auf diese neue Erfahrung.
- Gleich nach Schweden fängt ein ganz neues, aufregendes Kapitel an, auf das ich mich sehr freue, das aber auch mit ein wenig Angst oder Unsicherheit verbunden ist. Ziemlich spontan habe ich mich Anfang April für ein Erasmus-Semester in Rennes, Bretagne, beworben. Seit einer Woche steht nun fest: Ich bin angenommen worden und werde ab September ein Semester lang in Frankreich studieren. Ich freue mich sehr auf die Menschen in Rennes, die ich letzten Sommer schon kennenlernen durfte. Auch auf die Stadt und die Universität freue ich mich, auf den secours catholique, meine wundervolle Gastfamilie von damals, den schönen Park Thabor und die bretonnischen Galettes. Aber ich habe auch Angst davor, auf Französisch zu studieren, mich noch einmal ins Erasmus-Getümmel zu werfen, schon wieder in eine doch auch noch fremde Stadt zu ziehen, die Leute hier zu verlassen und nicht zu wissen, ob Freundschaften halten werden. Auch ist unklar, was nach diesem Semster sein wird - die Masterarbeit muss dann geschrieben werden, am liebsten in einer Organisation / einem Unternehmen, die Programme und Projekte in meine Interessensrichtungen durchführen. Nach noch nicht einmal einem Jahr kommt also wieder eine Zeit des Umbruchs, Abschied nehmens, Ankommens, Kennenlernens, Orientierens, Eingewöhnens auf mich zu. Natürlich werden auch Erinnerungen an das Semester in Schweden wieder wach, wo diese Form des Rundmails überhaupt erst entstand. Vielleicht wird sich der Kreis mit diesem abermaligen Auslandssemester schliessen und ein Ende finden, wer weiss.
- Nun noch eine letzte Sache. Ich werde vermutlich Mitte August ausziehen. Zum einen gebe ich dabei meine Möbel günstig ab (ja, für einmal habe ich auch was zu geben und suche nicht nur) - wer also in / bei München ist oder wen kennt oder wen kennt der wen kennt…, der Möbel braucht - der melde sich. Zum anderen habe ich ja noch immer diese bekannte Palmenwand. Es hat sich da schon einiges getan und ich bin stolz, nach acht Monaten schon so eine grosse schwarz-weisse Kartensammlung vorweisen zu können. Fotos findet ihr unten. Doch fände ich es sehr sehr toll, wenn ich in neun Wochen noch ein Foto mit einer komplett schwarz-weissen Wand machen könnte - ein kleines Löchlein ist da ja schon noch zu erkennen... Dafür brauche ich euch und all eure Schreibkraft. Zückt die Stifte, grabt schwarz-weiss-Karten aus und klebt Briefmarken drauf! Als Dank kommt ein Beweisfoto der Nicht-mehr-Palmenwand sowie eine Karte aus Schweden / Frankreich. Wenn das mal kein Anreiz ist… ;-) Und für alle Schweizer: Mit dem PostCard Creator App von der Post ist es sogar gratis und ganz bequem vom Smartphone aus zu erledigen… (Was ich eigentlich sagen will: Ich LIEBE Post und freue mich jedes Mal wie…dafür gibt's keinen Vergleich. :-)) Ihr habt noch neun Wochen Zeit, meine Adresse darf gerne erfragt werden. Ich bin gespannt!
Alle anderen kleineren und grösseren Freuden, die hier keinen Platz gefunden haben, seien dennoch nicht vergessen und in anderen Nachrichten erwähnt. Für heute soll hier jedoch Genüge getan sein.
Seid von Herzen gegrüsst
Bästa hälsningar
Servus
À bientôt.
Seid von Herzen gegrüsst
Bästa hälsningar
Servus
À bientôt.


