Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Mittwoch, 2. Dezember 2015

Kurz vor dem Ende

Salut!

Ich hoffe, ihr habt alle fleissig TORP gehört (https://www.youtube.com/watch?v=aVEg3rufEcg) und gekauft (http://www.sonicservice.ch/torp-thewild) - sie sind es wirklich wert!
Mittlerweile ist es wohl überfällig, dass ich mal wieder von mir hören lasse. Doch das Leben in Frankreich ist nicht wahnsinnig spektakulär - es war in den letzten Monaten vor allem geprägt von Bürokratie (Bis man hier die Bankkarte zu einem neu eröffneten Konto erhält… Das dauert. Und kostet. Nicht Geld, aber - vielleicht schlimmer noch - Nerven. Viele Nerven.), kleineren und grösseren gesundheitlichen Angeschlagenheiten und natürlich immer wieder von Menschen. Von Menschen, die ich neu kennen lernen durfte und von solchen, die mich schon länger begleiten. Von zufälligen Begegnungen, von intensiveren und oberflächlicheren. Aber nun wieder zur alt bewährten Form der Stichworte, in denen ich - diesmal wirklich kurz - von den Streichen und Tücken des Alltags erzählen will:
  • Die Bankkarte - ja eben. Eine Odysee. Denn alles hing mit dieser Karte zusammen. Französische Telefonnummer - nicht möglich ohne Kreditkarte. Miete zahlen - nicht möglich ohne Kreditkarte. Wäsche waschen - und so weiter. Überall wird man nach seiner Telefonnummer gefragt und muss dann immer erklären, dass man keine hat, weil die Karte und und und. Nach der ersten Beschwerde auf der Post wurde eine zweite Karte bestellt. Auch diese kam nicht an. Eine dritte Karte wurde bestellt, diesmal zur Post, nicht zu mir nach Hause. Zuerst wollten sie mich anrufen, um Bescheid zu sagen, wenn die Karte angekommen wäre. Aber… ohne Karte, keine Nummer… ihr seht, das Spiel ist endlos. Nach ein paar Wochen, immer noch keine Karte. Dann: Oh, es wurde keine Karte bestellt, das Kreuz war im falschen Kästchen. Also nochmal ein neues Formular. Karte bestellen. Quasi zum vierten Mal. Fazit: Nach zwei Monaten - der Hälfte meiner Zeit hier - war meine Karte dann da, mit Code, mit allem, und sie funktioniert inzwischen auch. Hurra!
  • Die Franzosen streiken ja bekanntlich gerne - so leider auch an einem meiner Prüfungstage. Auf dem Weg zur Arabisch-Prüfung steckte mein Bus also mitten in einer Demo von streikenden Krankenhausangestellten fest. Ich kam trotz aller Mühen 15 Minuten zu spät, die Prüfung hatte schon begonnen und der Professor knallte vor unserer Nase die Tür zu. Tja. Aber wir lernen ja fürs Leben, nicht für Prüfungen…
  • Im Herbst durfte ich eine Woche in einem Ostschweizer Kloster in der Stille verbringen. Die Schweigezeit tat mir sehr gut, da die Zukunftsplanung doch nicht immer ganz einfach ist und man beim Pendeln zwischen "Leben im Jetzt" und "Planen der Zukunft" schnell aus dem Gleichgewicht kommen kann. Die Schwestern waren einfach goldig (verschmitzt, zuvorkommend, humorvoll, trinken liebend gerne auch einmal ein Schnäpschen, unglaublich rücksichtsvoll meiner Ernährung gegenüber), das Kloster wundervoll alt und die Umgebung so schön wie es die Ostschweiz eben ist. Einmal mehr habe ich viel gelernt in diesen "stillen" Tagen und bin aus tiefstem Herzen dankbar, diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen.
  • Immer wenn ich mit dem Fahrrad in die Uni fahre, überquere ich auf dem Heimweg eine Brücke mit grossen viereckigen Steinen. Sie sind alle ein wenig lose und wackeln deshalb hin und her, wenn man darüber fährt. Dadurch geben sie ein "klackerndes" Geräusch von sich und es hört sich an, als würde man über ein Xylophon fahren. Richtig toll!
  • Ich schätze saubere Toiletten jeden Tag mehr. Saubere Toiletten sind einfach etwas wundervolles. Wenn dann noch Klopapier da ist - einfach himmlisch.
  • Inzwischen habe ich auch angefangen, wieder regelmässig im Secours Catholique vorbeizuschauen. Dort hatte ich letzten Sommer mein Praktikum mit Obdachlosen und Migranten absolviert, was mir riesigen Spass gemacht hat. Auch jetzt verbringe ich sehr gerne Zeit dort (leider nicht so viel, wie ich gerne würde…) und fühle mich wieder sehr wohl. Natürlich habe ich auch viel Kontakt mit meiner damaligen Gastfamilie - zwei wunderbare Menschen, die mir das Gefühl geben, in Rennes jederzeit ein Zuhause zu haben.
  • Auch die Bretagne habe ich wieder ein bisschen mehr erkundet: Das Cap Fréhel und auch die Côte de Granit Rose beeindruckten beide durch ihre Klippen und Felsen, durch das Meer, die wunderschöne Natur, zart und gewaltig zugleich…
  • Die Uni läuft, wir lernen und diskutieren fleissig. Es zerreisst mir das Herz, wenn ich hören muss, wie meine muslimischen Kommilitoninnen nach den Anschlägen in Paris offen auf der Strasse angegriffen werden. Sie und auch die vielen Muslime in meinem Wohnheim leben eine ganz andere Religion, als oftmals dargestellt wird. Auch die breite Zustimmung, die in Frankreich für den Militäreinsatz in Syrien besteht, finde ich beängstigend. Das ist definitiv nicht die Welt, in der ich leben will.
Bald ist nun die Zeit in dieser wundervollen Gegend zu Ende. An Weihnachten (jaja… also rechnet gut mit eurer Post! Das sind noch gut drei Wochen!) geht es weiter nach Barcelona (da werden noch zwei Schlafplätze gesucht… kennt da jemand jemanden, der nur schon ein bisschen Boden für zwei Isomatten zur Verfügung stellen könnte?), danach wie gewohnt ans Taizé-Treffen, diesmal nach Valencia. Wie es im Jahr 2016 weiter geht, ist noch unklar und wird sich wohl mit der Zeit zeigen. Wer wilde Ideen, Vorschläge, Träume hat und denkt, dass ich irgendwo von Nutzen sein könnte, darf mir diese gerne zukommen lassen.

Bästa hälsningar und bleibt behütet!