Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Samstag, 27. Oktober 2012

Schutz vor der Nacktheit

Ich bin das Wichtigste überhaupt. Ich bedecke, und sorge somit dafür, dass niemand von der Nacktheit pikiert wegschauen muss. Ich bedecke, wie der Schnee die Berge. Puder. Manche drücken mich nach unten, vermischen mich. Dann bin ich nicht mehr der Schnee auf dem Gipfel, dann bin ich die Wiese beim Abstieg, die schönsten Bergblumen, die Pause nach der grössten Anstrengung. Andere tragen mich Stück für Stück ab, wie ein Bagger. Sie tragen mich vom Gipfel in die warme Höhle. Bin ich nicht da, fehlt etwas. Nacktheit ist die Folge. Trocken, eintönig, langweilig.
Ich bin das Schokoladenpulver auf dem Cappuccino - Schäumchen. Ich bin das Wichtigste überhaupt.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Der Sinn dahinter

Ich glaube, der liebe Gott, die Natur oder wer / was auch immer hat die Halsbeuge nur dazu erfunden, damit ein Mensch ein Leben lang suchen kann, welcher Kopf wohl dort hinein passt. Das mag erstaunlich sein, denken doch viele, Gott, die Natur oder wer / was auch immer hätte die Halsbeuge, den Hals und den Nacken nur dazu erfunden, die Menschen zu quälen. Mit Nackenstarre oder -weh, einem Kratzen oder Frosch im Hals, oder um einen schweren Kopf darauf zu setzen, unter dem der schmale Hals zusammenzubrechen droht. Nun, ich darf verkünden: Ich glaube, die Halsbeuge wurde für den Kopf eines anderen Menschen gemacht. Natürlich passen mehrere Leute in eine Halsbeuge. Nicht auf einmal, aber nacheinander. Manche passen gar nicht, drücken, andere fühlen sich gut an. Aber eine Person passt noch besser als alle anderen, der Kopf einer Person schmiegt sich perfekt an die Linien der Halsbeuge. Und ich glaube, der liebe Gott, die Natur oder wer / was auch immer hat die Halsbeuge erfunden, um uns das Leben einfacher zu machen. Mit der Halsbeuge können wir ganz einfach testen, ob ein Mensch zu uns passt. Passt es, passt es. Drückt es, passt es nicht. So ist das.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Die nächste Reise

Und wieder einmal packe ich meine Koffer und Taschen. Verstaue alles in Kisten und Tüten. Wie immer landen alle Bücher in einer Kiste, bis ich merke, dass ich sie dann nicht mehr tragen kann. Also wieder auspacken, Karton mit Kleidern auffüllen, Bücher verteilen. In die Tassen werden Socken gestopft, in die Schuhe auch, zwischen die vielen Schals kommen die feinen Kerzenhalter und andere zerbrechliche Dinge. Säuberlich wird alles beschriftet ("Bücher, Kleider, Schuhe" oder "CD's, Bücher, Kleider" oder "Badezimmer, Küche, Bücher") und gestapelt, bis ich umgeben bin von ganzen Karton-Türmen. Meine Holz-Kisten staple ich ineinander, ich fühle mich wie in einem lebensgrossen Tetris-Spiel. Nägel werden aus der Wand gezogen, Bilder abgehenkt, Klebestreifen abgekratzt. Und immer wieder stellt sich die eine Frage: "Behalten oder wegwerfen?" Auch andere Gedanken kehren beständig und zuverlässig zurück, wie bestellt: "Hier werde ich nie wieder duschen. Oder kochen. Joghurt essen. In den Türrahmen laufen, weil ich morgens noch nichts sehe. Frieren, weil die Heizung ausgefallen ist. Ich werde mich nie wieder über dieses WC beugen, weil es verstopft ist. Nie wieder diesen Boden staubsaugen, die Fenster putzen, die Haustür abschliessen." Stück für Stück trage ich meinen Besitz aus meinem Zuhause, aus meinem Zimmer raus. Es wird immer leerer. Ich auch. Ganz zum Schluss kratze ich die Aufkleber von der Tür. Sie hinterlassen dunkle Stellen, reissen den Lack mit sich. Pinsel, Farbtopf - einmal drüber gestrichen, schon ist nichts mehr zu sehen. Bald wird die Tür getrocknet sein, bereit, für die nächsten Aufkleber. Das Zimmer, bereit, für den nächsten Bewohner. Bereit, wieder ein Zuhause zu sein. Meines ist es nicht mehr.