Der Beweis, dass Wirtschaft nicht gleich Dummheit bedeutet.
Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde
Freitag, 22. Juni 2012
Fragen an dich
Denkst du wirklich, du kannst mich halten?
Ich meine - bist du überhaupt stark genug? Du kannst Bäume ausreissen und Pferde stehlen, Gewichte stemmen und Berge versetzen. Aber bist du auch stark genug, um mich zu halten?
Und bist du überhaupt gross genug, um mich zu halten? Du bist ein Riese, überragst mich. Bei dir fängt es früher an zu regnen und musst du dich bis zum Boden bücken, ist das eine Weltreise. Aber hast du auch die Grösse, mich zu halten?
Und hast du auch den Mut, mich zu berühren? Du fürchtest dich vor keiner Kreatur auf diesem Erdball, auch Wind, Wasser, Feuer, Erde können dir nichts anhaben. Aber bist du auch mutig genug, um mich zu halten?
Und wirst du auch die Ausdauer haben, mich nicht fallen zu lassen? Dein Durchhaltevermögen kennt keine Grenzen, du fängst als Erster an und hörst als Letzter auf. Aber wird das auch reichen, um mich für immer festzuhalten?
Donnerstag, 21. Juni 2012
Oben im Kreis
Vor einiger Zeit erzählte mir eine Frau etwas von einem Kreislauf. Alles sei ein Kreislauf. Und alle Stadien dieses Kreislaufs seien wichtig. Diese Frau beschrieb den Kreislauf folgendermassen:
Öpis mue cho, wachse, denn treits Blüete und Frücht, und denn vegohts wieder. So gohts immer wiiter. Cho, wachse, blüeh - vegoh. Cho, wachse, blüeh - vegoh. Cho, wachse, blüeh - vegoh.
Um diesen Vorgang zu unterstreichen hob sie jeweils ihre Arme in einem grossen Kreis über ihren Kopf. Sie fingen unten an und waren beim "blüeh" ganz oben. Dann machte die Frau eine eindrucksvolle Pause, die Spannung stieg - und wurde durch ein kurzes "vegoh" und das Herunterfallen der Arme gelöst.
An und für sich ein abgerundetes Bild, ein überlegtes Bild, ein Bild, über das sich jemand Gedanken gemacht hat. Aber - ja, schon wieder ein aber, und nein, ich werde nicht müde, solche abers immer und überall einzubringen, wo es mir nötig erscheint - aber: Wieso ist die Blüte der Höhepunkt? Wieso sind die Früchte im Kreislauf ganz oben? Wieso wird da eine bedeutungsvolle Pause gemacht, wo doch eigentlich alles gleichwertig ist? Wieso habe ich den Eindruck, dass die Frau in dem überlegten Bild extra die Blüten und Früchte ganz nach oben gesetzt hat, wieso glaube ich nicht, dass es ein Zufall ist, weil irgendwas halt oben sein muss? Und wieso habe ich nicht den Eindruck, das Bild entsteht aus der Bewegung, die auch die Pflanzen haben - sie wachsen in die Höhe und fallen dann wieder zusammen, nach unten? Wieso bloss habe ich einmal mehr den Eindruck, dass da etwas nicht wertbares gewertet wird, dass Blüten und Früchte tragen über das cho, wachse und vegoh gestellt wird, dass wieder einmal ein guter Ansatz da ist, aber nicht ganz durchdacht und ins Handeln einbezogen wurde?
Ist denn nicht alles gleich wichtig? Ist denn das vegoh nicht unerlässlich für die Blüten? Und das cho, ohne das cho würde es doch auch kein wachse geben! Bedingt nicht eins das andere? Ist es nicht ein Kreislauf auf ein und derselben Ebene? Ist ein Kreislauf nicht immer auf ein und derselben Ebene? Hm.
Vielleicht liegt es auch an mir. Wie komme ich darauf, dass diese Frau die Blüten über den Rest stellt? Nur weil sie dann ihre Arme am höchsten Punkt hat? Weshalb sollte sie mit dem höchsten geografischen Punkt auch die höchste Priorität darstellen wollen? Wie komme ich darauf, dass das wichtig, ein Kriterium für sie ist? Gehe ich etwa durch die Welt und nehme alles, was oben ist, wichtiger als die Dinge unten? Naja, beim Eis ist das ja wirklich so. Die Kugel oben ist das Wichtige, nicht das Cornet. Aber bei Rüebli zum Beispiel, da würde man schön dumm aussehen, wenn man sich nur auf den oberen Teil beschränken würde. Aber so ganz ehrlich: Wann hast du dich zum letzten Mal ausgiebig um deine Füsse gekümmert? Um den "untersten" Teil deines körperlichen Kreislaufs?
Ich persönlich kann räumliches Denken nicht von hierarchischem Denken trennen. Und ich wage zu behaupten, dass ich damit nicht alleine bin. Also wäre es wichtig, darauf Acht zu geben und vielleicht ein Bild zu erdenken, das nicht zu diesen missverständlichen Aussagen führt.
| Alles ist wichtig. Blüeh, vegoh, cho, wachse. |
Mittwoch, 20. Juni 2012
Aufruf
Leute, passt mit eurer Sprache auf. Habt ihr jemals genau hingehört, was ihr so sagt und was ihr so gesagt kriegt? Wir nehmen immer an, wir verstünden schon, was der andere sagen wolle. Ich verstehe dich. Ich weiss, was du meinst. Klar. Aber habt ihr einmal wirklich genau hingehört?
Einige werden sicherlich wieder die Wichtigkeit dieser Fragen bezweifeln. Ich finde sie wichtig. (Abgesehen davon darf man auch unwichtige Fragen behandeln - falls es sowas überhaupt gibt.) Ich finde sie wichtig, weil wir ständig, immer und überall zugetextet werden. Da denke ich schon, dass es sich lohnt einmal anzuschauen, um was es da überhaupt geht.
Zum Beispiel sagte vor einer Weile jemand:
"Die Katastrophe hat gezeigt, dass nichts mehr selbstverständlich ist."
Wenn ich so einen Satz höre, dann frage ich mich sofort, was das mehr da soll. Nichts ist mehr selbstverständlich. Was war denn jemals selbstverständlich? Nichts ist selbstverständlich. Also ist dieser Satz gewissermassen eine Lüge, oder jedenfalls einfach...unsauber formuliert. Unsaubere Formulierungen führen zu mehr Missverständnissen. Unsaubere Formulierungen führen dazu, dass die Menschen sagen "Jaja, ich versteh schon", aber in Wahrheit verstehen sie nichts. Nichts.
Deshalb sage ich: Leute, passt mit der Sache auf, die in eurem Alltag vermutlich den höchsten Stellenwert überhaupt hat. Es ist die Mühe wert.
Dienstag, 19. Juni 2012
Ballett, Julia und der Prinz
Romeo liebt Julia. Und Julia liebt Romeo. Aber...wer liebt eigentlich mehr?
Liebt Romeo Julia mehr, weil er ohne sie nicht mehr leben will und sich umbringt, um mit ihr im Tod vereint zu sein? Oder liebt Julia Romeo mehr, weil sie bereit ist, das Gift zu schlucken, von dem sie nicht sicher sein kann, wie es wirkt? Wollten sie denn wirklich einander oder wollten sie nur die Unmöglichkeit des einander Habens überwinden?
Ob diese Frage wichtig ist? Keine Ahnung. Aber ich habe sie mir gestellt.
Also ist sie vermutlich wichtig.
Der Kleine Prinz zum Beispiel - von dem ich gerne jedes einzelne Wort zitieren würde, weil er so gescheite Sachen sagt - der Kleine Prinz jedenfalls findet es auch wichtig zu fragen, weshalb Blumen Dornen haben und das Schaf sie trotzdem frisst. Weshalb hat eine Blume Dornen, die gar nichts nützen? Oder nützen sie doch etwas, obwohl die Blume schlussendlich vom Schaf gefressen wird? Liegt der Nutzen womöglich ganz woanders als im nicht gefressen werden?
Vielleicht liegt die Wichtigkeit der Frage, ob Romeo Julia oder Julia Romeo mehr liebt gar nicht darin, sie mit "Romeo liebt Julia mehr" oder "Julia liebt Romeo mehr" zu beantworten.
Vielleicht liegt der Nutzen dieser Frage ganz woanders. Oder sie ist nutzlos. So nutzlos wie nichts leistende Menschen.
Mich jedenfalls interessiert es, ob Romeo Julia mehr liebt als Julia Romeo. Einfach so. Ohne Hintergedanken. Auch wenn das Ganze am Ende hinfällig ist, denn tot sind sie beide, ohne wirklichen "Nutzen". Ausser...vielleicht liegt der "Nutzen" gar nicht darin, dass sie sich am Ende kriegen (oder eben nicht). Vielleicht...
Ich weiss nicht, ob das wichtig ist. Aber es interessiert mich. Ich stelle solche Fragen. Also sind sie vermutlich wichtig.
Wissen tu ich nur eins: Die moderne Julia hat kurze Haare, ein Sixpack und trägt ein Männerhemd.
Montag, 18. Juni 2012
Taxi fahren Not helfen
"Und 200 Franken, das wären schon grad ein bisschen viel für dich...?!?"
Ich kann die Frau, die mir diese Frage stellt, nur kariert angucken. Es geht um eine Taxifahrt. Eine Taxifahrt, die bequem ist. Die einen schneller an den gewünschten Ort bringt. Bequem und schnell. Für nur 200 Franken.
Die Vorstellung, dass 200 Franken für irgendjemanden nicht viel sein könnten, ist mir zuwider.
Wie viele Menschen könnten leben von 200 Franken, könnten eine Ausbildung anfangen, wären nicht mehr blind, könnten sich einen Traum erfüllen mit 200 Franken. 200 Franken, das sind 25 Tage Nothilfe. 25 Tage, rausgeworfen an einem Abend, für eine halbe Stunde.
Wie viel Gutes könnten 200 Franken tun.
Wie kann man also nicht finden, dass 200 Franken viel sind?
Sonntag, 17. Juni 2012
Der Wirtschaftsstudent
Ein Mensch der nichts leistet - was will man mit dem schon anfangen? Was ist der schon wert?
Ein Mensch der handelt, ist der denn nichts? Wertlos? Und wie siehts aus mit jemandem, der einfach ist? Was heisst denn schon "leisten"? Was ist denn schon "Leistung"?
Ein Mensch der nicht der Norm entspricht, wird der einfach so gestrichen aus der Kartei? Untauglich?
Ein Mensch
der nichts leistet
ist wertlos.
Sagt mir der "Mensch" gegenüber ins Gesicht.
Er hätte mich genauso gut
anspucken können.
FUCK YOU.
Freitag, 8. Juni 2012
Plitsch platsch oder Alles Gute kommt von oben
Meine Vermutung ist ja, dass der liebe Gott den Regen erfunden hat, um uns an die Sintflut zu erinnern. Er will damit sagen: "He Leute, euer Lebensstil passt mir mal wieder so gar nicht, vielleicht solltet ihr was ändern." Damit spielt er zum Beispiel auf Menschen an, die Werbungen wie diese hier kreieren: "Deine Wunschfigur mit schriftlicher Abnehm-Urkunde." Und noch auf viele andere. Jedenfalls schickt er den Regen, das stelle ich mir jedenfalls so vor, um uns rein zu waschen. Um uns zu sagen: "Ok, du hast wieder ganz schön viel Mist angesammelt, du kriegst jetzt, hier, heute noch eine Chance. Du kannst noch mal anfangen, du bist jetzt sauber und fit für einen neuen Alltag."
Aber wir Menschen wollen das irgendwie nicht so recht hören. Deshalb kam (vermutlich) im Jahr 802 der Abt Alcuin von Tours auf die grandiose Idee, einem Bischof ein "Schutzdach" zu schicken. Seitdem verstehen es die Menschen konsequent, den Regen aus ihrem Leben auszublenden. Sie ziehen Capes an, spannen Schirme auf, gehen nicht mehr aus dem Haus. Denn sobald sie nur schon einen einzelnen Tropfen auf ihrer Haut spüren würden, könnten sie ja eventuell zur Einsicht gelangen. Wie tragisch das doch wäre. Also piksen wir uns lieber gegenseitig mit den tollen Schirmen und schauen zu, wie die Tropfen der Erkenntnis in den Tramschienen verkommen und in den Gulli fliessen.
Wenn es jetzt aber in die Küche regnet - dann, so denke ich, ist das ein eindeutiges Zeichen, dass wirklich etwas geändert werden sollte. So aufdringlich ist Gott nur selten, und das zu ignorieren könnte nicht absehbare, unerwünschte Folgen haben.
Sonntag, 3. Juni 2012
Papierverschwendung
Wie kann man ganz oben, zuoberst auf einer Seite schreiben: "Wenn man mit den oben genannten Kriterien..."? Das geht doch einfach nicht! Oben, über diesem Satz, ist der Rand meiner Kaffeetasse, die leider nur noch Kaffeesatz als Inhalt hat. Aber besser eine Kaffeetasse mit Kaffeesatz als ein Buch mit Mist. Kaffeesatz gehört nämlich in eine Kaffeetasse, im Gegensatz zu Mist, der auf einen Haufen gehört. In einem Buch sollte Schönheit und Intelligenz, Wissen und Werte, Sinn und Erkenntnis stecken. Und dazu gehört, dass man nicht zuoberst auf einer Seite "Wenn man mit den oben genannten Kriterien..." schreibt.
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