Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Mittwoch, 27. August 2014

Nach hinten und nach vorn - ein Resüme

Salut oder bald auch Servus

BITTE lest vor allem das fette rote BITTE am Ende des Mails, alles andere ist unwichtiger.
  • La vie en France ist zu Ende, die Zeit des Pendelns hat begonnen. In den nächsten Wochen wird der einzige Fixpunkt der Zug (hier stellvertretend für alle öffentlichen Verkehrsmittel aufgeführt) sein, der mich zwischen Basel, der Ostschweiz, Brüssel und München hin und her transportiert. Doch vor einem Blick auf die Zukunft hier noch ein Blick in die Vergangenheit:
  • Der beste Zugang zu älteren, arbeitslosen Männern, die meist auf der Strasse leben? Zigaretten, Bier oder - ein Spiel. Es lohnt sich, jassen zu lernen. Das kennt und liebt man nämlich auch in Frankreich. Mein Teampartner und ich haben zwar haushoch verloren, aber das ist Nebensache.
  • Nicht nur jassen, auch feiern kann ich jetzt auf französisch: Um den Freiwilligen für ihre Arbeit zu danken und auch einmal ausserhalb der "Arbeit" etwas zusammen zu unternehmen, habe ich sie zu einem gemütlichen Abendessen eingeladen. Zehn kamen, elf assen, elf tranken, elf spielten Spiele und diskutierten über Gott, den Glauben, ob Jesus perfekt war, die Welt, Zukunftspläne, Wertvorstellungen und Dinge, die sie bereuen. Bemerkenswert dabei ist, dass sich nicht alle untereinander kannten. Trotzdem und trotz der Verschiedenheit der Menschen (Franzosen, Afrikaner, Arbeitslose, Universitätsprofessoren etc.) einen ganzen Abend lang miteinander tiefe Gespräche führen zu können - das ist einfach toll.
  • Mit viel Gepäck bin ich gekommen, mit noch viel mehr wieder gegangen. Unter anderem dabei:
    • Bretonnische Galettes. Für daheim gebliebene Schleckermäuler.
    • Sandalen. Von meiner lieb gewonnenen algerischen Freundin.
    • Eine Taizé-Schüssel. Von meinem amerikanischen Zwilling.
    • Eine bretonnische Tasse. Von dem liebenswerten Ehepaar, das mich zum Bahnhof gebracht hat.
    • Viele Erinnerungen, die hoffentlich nie vergessen gehen.
    • Viele Kontakte, die hoffentlich eine ganze Weile halten.
    • Viele Wörter, die ich hoffentlich oft anwenden kann.
    • Viel Wissen über alles mögliche, beispielsweise Afrika, die verschiedenen Länder und Kulturen dort.
    • Bücher. Der kleine Prinz in Original, ein Buch über den tollen Markt in Rennes etc.
    • Das vielleicht wichtigste Gepäckstück: Die Gewissheit, etwas verändern zu können. Die Gewissheit, einen Unterschied zu machen. Die Gewissheit, nicht der ganzen Welt helfen zu können oder zu müssen, aber diesen paar Menschen ein paar schöne Augenblicke beschert zu haben.
Nun bin ich in München, habe meine zukünftige Wohnung gesehen (toll - klein aber fein!) und den Vertrag unterschrieben (juhu!). Bald geht es nach Brüssel (Studienreise mit der yes, young european swiss, um die EU besser kennen zu lernen), danach bin ich eine Weile in der Schweiz. Ab dem 1. Oktober studiere (Interkulturelle Kommunikation und Moderation) und wohne ich dann im Freistaat Bayern; Post (brauche viiiiel neue Wanddeko! Z.B. schwarz-weiss Bilder mit Musik- / Film- / anderen Tipps hinten drauf?!) und Besuch sind immer sehr willkommen, Adresse einfach erfragen.

Die Zeit der Rundmails endet also einmal mehr - schön war's. Ich möchte aber nicht ohne eine letzte Einladung, eine letzte Bitte, eine allerletzte Bitte und einen letzten random fact aufhören:

Einladung: Am 27. September um 20 Uhr findet in Therwil bei Basel unser Akkordeonorchester-Jahreskonzert statt. Komme wer kann - alle anderen auch. Es lohnt sich! (siehe Flyer unten)

BITTE: Eine der vielen Bekanntschaften und Freundschaften aus Rennes ist G. G. kommt aus Kamerun und hat International Affairs (oder sowas - mit international und Rechtswesen und so) studiert. Er ist im Moment ohne Papiere, also offiziell illegal in Frankreich. Seine Situation ist, wie die von vielen, ziemlich kompliziert. Er möchte gerne weiter studieren und darf das in Frankreich auch, in etwa einer Woche beginnt sein Semester. Der Mensch ist blitzgescheit, hat unglaublich viel Potenzial und wir haben viele Stunden Kaffee trinkend und diskutierend verbracht, was immer sehr bereichernd für mich war. G. schreibt gern, hat einen unstillbaren Wissensdurst und ist zielstrebig. Mit kleineren Schreibarbeiten (z.B. Texte für Webseiten von Musikern) verdient er sich ein bisschen Geld. Nun ist das Problem, dass er keinen Computer hat. Für diese Arbeiten, auch für Recherchen, natürlich für die Uni und um allgemein einfach zu schreiben wäre das aber sehr gut beziehungsweise notwendig. Momentan macht er alles über den Computer seines Cousins, bei dem er im Moment auch wohnt. Das ist aber sehr schwierig und auf Dauer nicht wirklich eine Lösung, gerade für das Studium. Lange Rede, kurzer Sinn: Falls jemand einen Computer (Laptop, da die Wohnsituation nicht stabil ist und das Ding deshalb transportabel sein sollte) hat, den er nicht mehr braucht - da würde sich ein sehr toller Mensch sehr drüber freuen. Es würde ihm seine Ausbildung möglich machen, was wiederum ein weiterer Schritt in Richtung geregeltes Leben darstellt. Es muss nicht das neueste Modell von morgen sein, aber natürlich wäre es auch nicht schlecht, wenn es kein Kasten von vorgestern wäre - wer schon einmal eine Arbeit für die Uni auf solch einem Gerät geschrieben hat, weiss, dass das Nerven ohne Ende kostet. Wer sowas hat oder jemanden kennt oder was weiss oder… - bitte melden.

Bitte II: Jetzt habe ich eine Wohnung - aber leider noch kein Umzugsequipment. Gesucht werden deshalb starke Menschen, die Lust auf einen Ausflug nach München haben; ein grosses Auto (so ein Kleinlaster / -bus, das grösste Auto, das man mit normalem Ausweis fahren darf) und ein Fahrer (jdm. der gut und gerne grosse, schwere Autos fährt) für eben dieses Auto. Umzugstermin ist irgendwann im September, flexibel, vorzugsweise nicht am Wochenende. Über Gegenleistungen kann verhandelt werden.

Random fact:
In München gibt es mehr Yoga-Studios als Kindertagesstätten. Was das zu bedeuten hat und warum das so ist, darf sich jeder selbst überlegen.

Und noch ein Filmtipp:
Monsieur Claude und seine Töchter. Eine französische Komödie über kulturübergreifende Ehen. Selten so gelacht. Wirklich.

Bästa hälsningar, danke für eure Ausdauer und lasst es euch gut gehen!


Donnerstag, 14. August 2014

Spät und lang

Salut!

Der späten Stunde wegen ohne Einleitung direkt zu den letzen zwei Wochen:
  • Ich habe zum ersten Mal eine ganze Artischocke gegessen. Kannte ich sonst nur als Pizzabelag, jetzt auch aus dem Dampfkochtopf. Hervorragend!
  • Jeden Tag lerne ich viel. Französische Vokablen und kulturelle Gepflogenheiten, aber auch meine Geografiekenntnisse (vor allem im Bereich Afrika) verbessern sich stetig. So auch das Wissen über einzelne Länder. In Guinea gäbe es zum Beispiel keinerlei Probleme zwischen Muslimen und Christen. Sie würden auch munter untereinander heiraten. Irgendwie hoffnungsvoll, dieser Gedanke.
  • Ebenfalls lehrreich: Ein Mittagessen mit einer irakischen Familie aus Mossul. Wer nicht weiss, was da gerade so abgeht, der informiere sich jetzt.
  • Ansonsten war die Zeit gefüllt mit liebem Besuch:
    • Zwei Franzosen: Auflug nach St. Malo (süsses Küstenstädtchen mit schönem Strand, der Entdecker Kanadas kommt von da) und Mont St. Michel (Pilgerort, eine Kirche auf einem Felsen im Meer). Zusammenfassung: Meer, Küste, Natur, Wind, Geruch, Rauschen, Flut, Crêpe / Galettes. Sehr schön. Siehe Bilder unten.
    • Eine Taizé-Bekanntschaft aus New York: drei Tage Englisch reden.
    • Drei Schweizerlein: zwei Tage Schweizerdeutsch reden. Gut zu wissen, dass diese Sprachkenntnisse noch vorhanden sind. Aber mein Französischniveau war nach diesen Tagen wieder…naja, sehr tief unten. Dafür kenne ich jetzt Vitré, ein winziges Städtchen ganz in der Nähe, mit Schloss und vielen Fachwerkhäusern.
      Ich hoffe, der ein oder andere Besucher wird seinen Weg auch nach München finden. Dort habe ich nämlich inzwischen eine Wohnung gefunden (ja, wirklich!) und freue mich, Tür und Tor für Gäste zu öffnen.
Nach viereinhalb Wochen hier ist es mir nun doch ein Anliegen, ein bisschen genauer zu erklären, was ich eigentlich den ganzen Tag lang mache:

Der Secours Catholique ist ein Knotenpunkt im Netzwerk der Hilfsorganisationen. Sie bieten von allem ein bisschen an, verweisen aber vor allem an die jeweils zuständigen Stellen.
  • Accueil ("Empfang", jeden Morgen 9-11 Uhr): Es gibt Kaffe und ein kleines Frühstück (manchmal Toast, meist Zwieback mit Marmelade). Man kann duschen, telefonieren, Wäsche waschen. Ausserdem bieten wir ein Dach über dem Kopf, Gesellschaft, ein offenes Ohr. Viele freuen sich nur schon über ein freundliches "Bonjour", wenn ich mich sogar an den Namen erinnern kann, werde ich mit einem Lächeln belohnt. Manchmal spielen wir UNO, manchmal sitzt jeder alleine in seiner Ecke, manchmal diskutieren wir über Polygamie, Probleme in Europa oder die beste Joggingschuhmarke. Es kommen vor allem Migranten aus verschiedensten Ländern, aber auch manche "SDF" (sans domicile fixe - Obdachloser), die meist Franzosen sind.
  • Nachmittag (14-17 Uhr): Nachmittags gibt es einen spezifischeren Accueil. Einmal nur für die Obdachlosen aus Frankreich, einmal für Migranten, die Hilfe mit den Behörden benötigen etc. Dabei lerne ich viel über das Asylwesen Frankreichs und höre zahlreiche Geschichten - warum Menschen ihre Heimat verlassen haben, wie sie hierher gekommen sind, was sie vorher für ein Leben hatten, wie ihr Leben jetzt aussieht. Es liessen sich Bände damit füllen. Manchmal können wir ihnen helfen, oft müssen wir sie woanders hinschicken oder können nur Mut zusprechen. Das ist teilweise sehr deprimierend, lohnt sich aber, wenn man auch die Dankbarkeit der Menschen sieht, die sich oft auch einfach nur darüber freuen, dass ihnen jemand aufmerksam zuhört.
  • Bagageri: Manchmal helfe ich in der Bagageri aus, wo die Menschen ihr Gepäck aufbewahren können. Da kommt es dann beispielsweise zu einer Begegnung mit einem polnischen Matrosen, der in Norwegen gearbeitet hat und in der Bretagne Gold sucht. Seine Sporttasche war voll gestopft - mit einem Europa-Atlas, geologischen Karten und Goldwäscherschüsseln. Dabei ist er weniger vom Gold an sich motiviert sondern viel mehr am Glücksgefühl des Findens.
Neben praktischen Sachen wie Dossiers suchen, Blätter kopieren, Kaffee kochen, Tische putzen und Wäsche machen verbringe ich den Tag vor allem mit dem Pflegen sozialer Kontakte. Eine armenische Sängerin mit Rückenproblemen, ein französisches Genie mit Schizophrenie, ein Afrikaner ohne Papiere, ein Jugendlicher ohne Ausbildung, ein gestrandeter Deutscher, ein lebensfroher Russe… Liebenswerte und sehr menschliche Menschen in Fülle. Sie alle wollen wahr genommen, beachtet werden. Meine Aufgabe ist also, meine Aufmerksamkeit so gut wie möglich aufzuteilen und in diesen wenigen Stunden das zu geben, was möglich ist. Was ich dafür von ihnen bekomme, kann mir keine Schule oder Universität bieten: Lehrstunden in Französischer Sprache und Kultur, in Geografie, Ethnologie, Politik aller Länder dieser Welt, in Menschlichkeit, UNO-Schummel-Möglichkeiten und (Über-)Lebenskunst etc. Dagegen erscheinen mir zwei offene Ohren und Augen, ein bisschen Klavierunterricht (Flohwalzer…) und eine Kanne Kaffe geradezu läppisch.

Fazit: 

Ich fühle mich sehr wohl. Die Leute im Büro, die Freiwilligen und die Gäste sind alle sehr freundlich und geduldig. Wenn ich in eineinhalb Wochen im Zug Richtung Basel sitze, werde ich viele neue Dinge im Gepäck haben. Vor allem in meinem Herzen.

Random fact:
Die Hauptstädte der Demokratischen Republik Kongo (Kinshasa) und der Republik Kongo (Brazzaville) liegen (vermutlich) so nah beieinander wie sonst keine zwei Hauptstädte. Geschätzte Distanz: Vier Kilometer.

Und ganz zum Schluss noch ein Werbespot für ein unterstützenswertes Projekt von Freunden:
https://www.100-days.net/de/projekt/captain-plant-food-truck/
Wirklich eine gute Sache von guten Leuten für einen guten Zweck. Und lecker.

Das war's - Zeit für die Nachtruhe.
Bleibt behütet und bästa hälsningar.

Küste zwischen Mont St. Michel und St. Malo
Küste zwischen Mont St. Michel und St. Malo
St. Malo
St. Malo
Mont St. Michel