Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Mittwoch, 30. Juli 2014

Rennes = Immer noch das Paradies

Salut!

Schon wieder sind zwei Wochen vorbei, die Zeit vergeht wie im Flug und ich bin froh, meinen Sommer mit Sonne, Wind und Regen verbringen zu dürfen (grösstenteils Ersteres) und nicht wie viele nur mit Letzterem… Die bekannte stichwörtliche (ja, das Wort existiert) Zusammenfassung - aber Achtung, es wird lang:
  • Die Ameisen. Ein paar Nächte hatte ich dieses tolle Gefühl, dass es überall krabbelt und kribbelt. Man hörte sie nämlich knirschen, die Viecher. Ohren, Zehen und alles andere sind aber noch dran. Mein Arzt des Vertrauens war das Internet, die Apotheke ein Supermarkt und die Medizin - frische Pfefferminzblätter. Angeblich mögen es die lieben Tierchen gar nicht, wenn Minze oder Basilikum sehr duftet. Zwei Nächte wurden es immer weniger, dann waren sie ganz weg. Ich bewohne mein wunderbares Dachzimmer also wieder alleine - und bin fast schon ein bisschen traurig… So langsam konnte ich alle Namen der Insektelchen… Frieda und Lisa und Irma und Roger und Paul und…
  • Ich habe schon seit einiger Zeit ein eigenes Velo und fahre auch fleissig damit herum. Der Kanal, der sich durch Rennes zieht, führt von Meer zu Meer. Wer die Strecke Basel-Mainz am Rhein entlang kennt, kann sich in etwa vorstellen, wie es hier aussieht. Herrlich!
  • Herrlich, wenn wir schon dabei sind, ist auch der grosse Stadtpark hier. Thabor heisst er (nur schon der Name…) und bietet alles, was das Herz begehrt. Einen botanischen Garten en miniature, Bäume, Gewässer aller Art, eine Orangerie mit Kunstaustellungen, Wiesen, Blumen, verschlungene Wege und breite Alleen… Ein toller Ort, an dem man immer Zeit verbringen kann. Manchmal werden auch Konzerte oder andere kulturelle Veranstaltungen angeboten, wie zum Beispiel ein Abend mit typisch bretagnischen (hm… halt typisch aus der Bretagne) Tänzen, natürlich mit passender Musik. Mein Highlight: Ein Akkordeonspieler mit roten Haaren und unglaublich schnellen Fingern. Solch schöne Töne - da geht einem das ganze Herz auf.
  • Nach dem Tanzen (und Hören) will der Körper gestärkt sein. In der Bretagne macht man das mit Galettes, Crêpes und Cidre. Delicieux! Oh, und viiiiiel Käse isst man hier. Ständig. Mein erstes Essen, zu dem ich hier eingeladen wurde, war aber - man glaubt es kaum - Schokoladenfondü.
  • Ansonsten ist die Bretagne wie ein eigenes Land. Und legt auch Wert darauf, anders zu sein, besonders, noch besonderer als alle anderen. Wie das Elsass. Und die Normandie. Und wie sie alle heissen. Zum Beispiel gibt es hier ein Spiel, das nach dem gleichen Prinzip wie Boule oder Bodja funktioniert, nur mit "Plättchen" (relativ schwer, rund aber flach, bei Wikipedia nennt man das "Wurfscheiben"). Heissen tut das Ganze dann "Jeu de palets bretons" (Spiel der bretagnischen Wurfscheiben sozusagen). Man hat ein Brett, stellt sich ein paar Meter davor auf, wirft eine kleine Wurfscheibe darauf (hofft, dass man trifft und so) und wirft dann die grösseren Wurfscheiben so, dass sie sich möglichst nah (oder auf) bei der kleinen Wurfscheibe positionieren. Gut ist, wer die Holzplatte trifft und die Wurfscheibe auch darauf liegen bleibt. Wer dann auch noch nah ist, zählt zu den Profis (wie die "gens de la rue", die "Menschen der Strasse" (Obdachlose), die seit vielen vielen Jahren jeden Montag beim secours catholique (wo ich arbeite) üben.
  • Meine Arbeit ist ansonsten einerseits nicht viel anders als das letzte Mal beschrieben und andererseits auch viel zu komplex, um das hier auszuführen. Wen's interessiert, der sollte da mündlich nachfragen. Es macht mir auf jeden Fall grosse Freude, ich lerne viel in allen denkbaren (wirklich!) Bereichen und bin unglaublich dankbar, diese Erfahrung machen zu dürfen.
  • Was aber doch noch erwähnt sein muss - und ich gebe mir grosse Mühe, das nicht rassistisch oder in einer anderen Weise angreifend zu formulieren: Es gibt hier viele schwarze Menschen (dunkelhäutig, stark pigmentiert - was auch immer). Und man bzw. ich musste mich doch irgendwie erst daran gewöhnen. Nicht, dass ich noch nie solche Menschen gesehen habe - aber in der Schweiz weiss man in der Regel "Aha, jemand aus dem Ausland". Hier ist dem nicht so - es gibt viele Franzosen, die dunkelhäutig sind. Manchmal vergesse ich das. Warum das wichtig ist? Ist es nicht. Auf den ersten Blick. Aber vielleicht ja doch, irgendwie…?
Sonstige Erlebnisse:
  • Biber als Begleitung beim Joggen am Kanal.
  • Eine Kuchenbackaktion zur Rettung grässlicher Dosenmandarinen. Niemand wollte die Mandarinen, vom Kuchen hab ich nur noch die Krümel gesehen.
  • Fleissiges Training für den Halbmarathon - inzwischen auch mit angemessenem Schuhwerk. Ob der Preis dafür auch angemessen war, darüber lässt sich streiten. Aber was macht man nicht alles für die Gesundheit…
  • Teilnahme an einer "manifestation" (Demo, Umzug) für Palästina bzw. in Gedenken an die Ereignisse in Gaza. Beeindruckend, dass in dieser kleinen Stadt (etwa 200'000 Einwohner) doch etwa 400 Menschen zusammenkommen und für den Frieden marschieren. Und das immer wieder, heute findet schon die dritte "manifestation" zu diesem Thema statt!
  • Rendez-vous au parlament: Ein kulturelles Angebot der Stadt Rennes. Abends wird auf das Parlamentsgebäude in der Stadt eine Lichtshow projeziert, die die Geschichte von Rennes erzählt. Oder so. Hab nicht alles verstanden, was da erzählt wurde, aber die Lichteffekte und Videokunst waren doch sehr eindrücklich.
  • Ein Marktbesuch (jeden Samstag): gross, bunt, laut, überall Früchte und Gemüse und Fisch und Fleisch und Käse und Brot (herrliches Brot! Da sag einer Franzosen ässen nur Baguette - Schmarrn ist das, tolles Brot haben sie!), ein Saxophon und viele junge Leute, die dazu Lindy Hop tanzen (wer nicht weiss, was das ist, der youtube diesen Begriff jetzt. Youtuben = modern für "auf der Internetseite www.youtube.com eingeben und ein Video davon anschauen")), fröhliches Geschwatz, so richtig…Markt halt.
Tipps der Wochen:
  • Film "Jimmys Hall": starke Frauenrollen, toller Dialekt (natürlich im Original angucken!) und eindrückliche Geschichte
  • Vokalensemble Orpehus. Eine ukrainische achtköpfige Männergruppe, die wunderschön singt. Beim Konzert hier in Rennes fand ich heraus, dass sie vorher in der Schweiz waren - natürlich in meinem "Heimatdörfchen". Zufälle gibt's. Sie sangen orthodoxe Kirchenlieder, traditionell ukrainische Stücke und auch Klassiker wie Yesterday von den Beatles oder "In the jungle". In Glitzerwesten. Wenn irgendwelche Männer Glitzerwesten tragen können, dann diese. Und diese Stimmen - sehr eindrücklich. Sehr empfehlenswert. Sollten sie in eurer Nähe sein - geht hin.
  • DAS WICHTIGSTE ÜBERHAUPT: Unser Konzert am 27. September, Flyer siehe unten, WEHE DEIN Gesicht ist da nicht zu finden…!!
Random facts (ging ja letztes Mal vergessen, deshalb hier zwei):
  • Rennes ist, so sagt man, die kleinste Stadt (Frankreichs…Europas…der Welt…) mit einer Metro. Noch dazu vollautomatisch, da hockt also kein Metrofahrer vorne drin. Ganz schön gespenstisch, wie das Ding so durch die Röhren wuscht.
  • Der Elephant ist das einzige Tier mit vier Knien.
Das war's - ich freu mich, von euch zu hören, und melde mich sonst einfach, wenn's wieder passt. Lasst es euch gut gehen!

Bästa hälsningar (man darf ja die erworbenen Kompetenzen nicht einfach so schleifen lassen…)
.


Mittwoch, 16. Juli 2014

Rennes = Paradies

Viele liebe Saluts

Nach dem ersten Arbeitstag und 48 Stunden in Rennes folgt schon der erste Bericht. Warum? Weil hoffentlich bald nur noch français aus meinem Mund quillt und ich euch davon verschonen möchte.

Taizé
  • Eine Woche Taizé bereichert in vielerlei Hinsicht. Neue Freundschaften, interkulturelle und -religiöse Gespräche, gelebte Solidarität und Toleranz… Ein Höhepunkt war ein Gespräch mit dem ehemaligen Erzbischof von Algier, der Hauptstadt von Algerien. Er erzählte von der Zusammenarbeit der Moslems und Christen, die dort schon seit vielen Jahren gut funktioniert. Beeindruckend! 
  • Ein weiteres Highlight: Ein von uns (ein paar Jugendliche) durften innerhalb der Woche einen Workshop zum Thema "Neue Solidarität" vorbereiten. Er wurde ein voller Erfolg und für meinen Teil zum Thema vegetarische / vegane Ernährung habe ich zahlreiche Rückmeldungen und Komplimente bekommen. Meine Worte hätten sehr zum Nachdenken angeregt, meinten viele. Und das ist genau das, was ich mit Gesprächen über diese Themen bezwecken möchte: keineswegs verurteilen oder provozieren oder beleidigen, sondern schlicht und einfach zum Nachdenken bringen. Nur damit ihr das auch alle noch einmal wisst und schwarz auf weiss seht…
  • Und ein drittes erfreuliches Erlebnis: Ich durfte bei einem sehr netten Ehepaar nach Paris mitfahren, ihre Töchter kennen lernen, trotz Grossvater im Krankenhaus bei ihnen übernachten und von ihnen zum Zug gebracht werden. Manche Sachen funktionieren einfach mit ein wenig Gottvertrauen.
  • Per Zufall verbrachte ich ausgerechnet den "14 juillet" in Paris, den französischen Nationalfeiertag. Wir verfolgten die mehrstündige Parade im Fernsehen, die Flugzeuge konnten wir aus dem Fenster sogar live sehen. Die Franzosen mögen ihr Militär schon sehr. Oder die Journalisten / Programmverantwortlichen wählen die Berichterstatter und interviewten Menschen sehr gezielt aus. Oder beides. Ich habe mir jedenfalls Mühe gegeben, nicht allzu schnippische Kommentare zu diesem ganzen Tamtam zu machen. Was angesichts meiner doch begrenzten Französischkenntnisse auch nicht wirklich schwierig war.
Rennes
  • Wohnen: nettes, älteres Ehepaar; wunderschönes Haus mit vielen afrikanischen Dekorationen; Dachzimmer mit Dachfenster (hoffentlich regnet es bald…eines der schönsten Geräusche!) und eigener AmeisenKOLONIE (!!!) direkt über dem Bett (irgendwelche Tipps oder Ratschläge? Einfach sein lassen? Sie befinden sich zwischen Decke und Wand (Dachschräge), sind morgens verschwunden und kommen im Verlauf des Tages wieder raus. Sie haben Flügel, einige jedenfalls, bleiben aber grösstenteils an mehr oder weniger dem gleichen Ort. Noch. Aber heute sind es schon massiv mehr als gestern… Esswaren habe ich keine in meinem Zimmer.); umgeben von grünen Bäumen und netten Nachbarn mit Katzen, die ich während der Ferien füttern darf / muss / kann / soll. Fazit: perfekt (trotz der Ameisen. Perfekte Perfektion gibt es nämlich nicht - es muss immer irgendein Problemchen geben, dass man lösen kann. Und Ameisen - das hatte ich noch nie.).
  • Freizeit: Rennes ist wunderschön, sehr grün, von einem Kanal (ergo Wasser) durchzogen, an dem man wunderbar joggen / spazieren kann. Die Distanzen sind laufbar, vielleicht lässt sich irgendwann irgendwie irgendwo ein fahrendes Vehikel (Velo oder Fahrrad) auftreiben.
  • Arbeiten: Der Arbeitsweg beträgt drei Minuten - ein grosses Plus. Der Arbeitsort nennt sich "secours catholique", eine Unterorganisation der Caritas France. Nach dem ersten Arbeitstag lässt sich sagen:
    • Den ganzen Tag Französisch und nur Französisch sprechen und hören ist anstrengend.
    • Mein Namensgedächtnis wird mit den Jahren nicht besser.
    • Auch das französische Asyl-System ist kompliziert und bürokratisch.
    • Ich mag Menschen.
Ein bisschen ausführlicher: Morgens betreue ich jeweils den "acceuil". Während zwei Stunden können Immigranten, Obdachlose, wer auch immer vorbei kommen und ein kleines Frühstück essen, Kaffee trinken, miteinander plaudern, duschen, Wäsche waschen. Ausserdem gibt es eine "bagagerie", wo sie Gepäck lassen können, das sie nicht immer herumtragen wollen. Nachmittags werden oftmals Beratungen für die Leute angeboten: Briefe übersetzen, Anträge stellen, Unterkünfte finden, Informationen geben. Getragen wird das alles von unzähligen Freiwilligen, die unglaublich freundlich, engagiert und kompetent erscheinen.

Soviel nach dem ersten Tag. Es wird sich zeigen, wie es weiter geht. Die "conclusion" bis jetzt: Es wartet ein grossartiger Sommer.

Seid herzlich gegrüsst.

Mittwoch, 2. Juli 2014

Wieder einmal unterwegs

Hallo meine Lieben!

Kurz war die Ruhe, jetzt geht es wieder los: Die Kisten sind gepackt, die Möbel auseinander gebaut, das Zimmer in der besten WG der Welt ist leer, (fast) alles steht irgendwo in einer Lagerhalle. Nur ein grosser blauer Rucksack (und ein grosser roter Koffer, aber das klingt nicht ganz so poetisch, also bleiben wir beim Rucksack) wird mich in den nächten drei Monaten begleiten. In dieser Zeit geht es nach Taizé (6.-13. Juli), nach Rennes (14. Juli - 23. August) für ein Praktikum bei der Caritas, nach Brüssel (31. August - 7. September) als Mitorganisatorin einer Bildungsreise mit der yes - ja und dann ist es irgendwann Zeit für München.

Genau, München im "Freistaat Bayern". Dort werde ich ab Oktober einen Master in "Interkultureller Kommunikation und Moderation" machen - vorausgesetzt, ich finde ein Plätzchen für mein Bett. München sei ein schrecklicher Ort, um eine Wohnung zu suchen, heisst es. Das ist gelogen. Es ist noch viel schlimmer. Aber mit Glück, Vertrauen und ein bisschen Hilfe von oben wird sich schon ein Türchen auftun, so war es bis jetzt schliesslich immer. Falls aber jemand von euch gerade zufälligerweise jemanden kennt, der jemanden kennt, der mit jemandem verwandt ist, der… und so weiter - meine Mailadresse darf man gerne weiterleiten…
Natürlich stehen (sobald vorhanden) Tür, Tor und Briefkasten meines neuen Heims offen und warten auf Bevölkerung / Befüllung, sprich Besuch und Post. (Bis dahin: Adresse erfragen.) Auch über allgemeine Tipps zum Leben in München freue ich mich.

Nicht nur ein Schlafplatz, auch ein Akkordeon wird gesucht. Die letzten Monate im Akkordeonorchester Binningen-Bottmingen haben mir so viel Freude gemacht, dass ich das weiter verfolgen möchte. Gesucht wird ein ordentliches Gebraucht-Modell, Tasten, chromatisch (mehr Details auf Nachfrage).

Wo wir schon beim Akkordeon sind: Am 27. September 2014 findet in Therwil bei Basel das Jahreskonzert des Akkordeonorchesters Binningen-Bottmingen statt. Ich werde da natürlich noch kräftig mitspielen, weshalb ihr alle herzlichst eingeladen seid. Es würde mich sehr freuen, dort ein paar bekannte Gesichter zu erblicken!

Nach dem Konzert ist ein Halbmarathon durch die Strassen Basels geplant, irgendwie auch ein Abschiedslauf. Die drei Jahre Studium in dieser wunderschönen Stadt haben mich sehr bereichert und viele Dinge und Menschen lasse ich mit zwei weinenden Augen zurück. Es war schön, es war wirklich wirklich schön und ich werde wohl in vielen Jahren auch eine von denen sein, die ein ganz kleines bisschen wehmütig von den guten alten Studienzeiten erzählt. Aber es ist auch Zeit für etwas Neues, und München scheint da eine ganz gute Option zu sein.

So, zum Abschluss noch ein random fact der letzten Woche: In Edinburgh kann man frittiertes Mars essen. Wirklich. Und es ist lecker.

Lasst es euch gut gehen und auf bald!