Vor einiger Zeit erzählte mir eine Frau etwas von einem Kreislauf. Alles sei ein Kreislauf. Und alle Stadien dieses Kreislaufs seien wichtig. Diese Frau beschrieb den Kreislauf folgendermassen:
Öpis mue cho, wachse, denn treits Blüete und Frücht, und denn vegohts wieder. So gohts immer wiiter. Cho, wachse, blüeh - vegoh. Cho, wachse, blüeh - vegoh. Cho, wachse, blüeh - vegoh.
Um diesen Vorgang zu unterstreichen hob sie jeweils ihre Arme in einem grossen Kreis über ihren Kopf. Sie fingen unten an und waren beim "blüeh" ganz oben. Dann machte die Frau eine eindrucksvolle Pause, die Spannung stieg - und wurde durch ein kurzes "vegoh" und das Herunterfallen der Arme gelöst.
An und für sich ein abgerundetes Bild, ein überlegtes Bild, ein Bild, über das sich jemand Gedanken gemacht hat. Aber - ja, schon wieder ein aber, und nein, ich werde nicht müde, solche abers immer und überall einzubringen, wo es mir nötig erscheint - aber: Wieso ist die Blüte der Höhepunkt? Wieso sind die Früchte im Kreislauf ganz oben? Wieso wird da eine bedeutungsvolle Pause gemacht, wo doch eigentlich alles gleichwertig ist? Wieso habe ich den Eindruck, dass die Frau in dem überlegten Bild extra die Blüten und Früchte ganz nach oben gesetzt hat, wieso glaube ich nicht, dass es ein Zufall ist, weil irgendwas halt oben sein muss? Und wieso habe ich nicht den Eindruck, das Bild entsteht aus der Bewegung, die auch die Pflanzen haben - sie wachsen in die Höhe und fallen dann wieder zusammen, nach unten? Wieso bloss habe ich einmal mehr den Eindruck, dass da etwas nicht wertbares gewertet wird, dass Blüten und Früchte tragen über das cho, wachse und vegoh gestellt wird, dass wieder einmal ein guter Ansatz da ist, aber nicht ganz durchdacht und ins Handeln einbezogen wurde?
Ist denn nicht alles gleich wichtig? Ist denn das vegoh nicht unerlässlich für die Blüten? Und das cho, ohne das cho würde es doch auch kein wachse geben! Bedingt nicht eins das andere? Ist es nicht ein Kreislauf auf ein und derselben Ebene? Ist ein Kreislauf nicht immer auf ein und derselben Ebene? Hm.
Vielleicht liegt es auch an mir. Wie komme ich darauf, dass diese Frau die Blüten über den Rest stellt? Nur weil sie dann ihre Arme am höchsten Punkt hat? Weshalb sollte sie mit dem höchsten geografischen Punkt auch die höchste Priorität darstellen wollen? Wie komme ich darauf, dass das wichtig, ein Kriterium für sie ist? Gehe ich etwa durch die Welt und nehme alles, was oben ist, wichtiger als die Dinge unten? Naja, beim Eis ist das ja wirklich so. Die Kugel oben ist das Wichtige, nicht das Cornet. Aber bei Rüebli zum Beispiel, da würde man schön dumm aussehen, wenn man sich nur auf den oberen Teil beschränken würde. Aber so ganz ehrlich: Wann hast du dich zum letzten Mal ausgiebig um deine Füsse gekümmert? Um den "untersten" Teil deines körperlichen Kreislaufs?
Ich persönlich kann räumliches Denken nicht von hierarchischem Denken trennen. Und ich wage zu behaupten, dass ich damit nicht alleine bin. Also wäre es wichtig, darauf Acht zu geben und vielleicht ein Bild zu erdenken, das nicht zu diesen missverständlichen Aussagen führt.
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| Alles ist wichtig. Blüeh, vegoh, cho, wachse. |