Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



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Samstag, 26. Mai 2012

Geständnis

In die dunkle Nacht
hinauslaufen
um an eine helle Häuserwand
den Satz zu sprühen:
Ich liebe dich!

Schreien ist ja
nach zweiundzwanzig Uhr
leider untersagt

Andrea Schwarz


Sonntag, 1. April 2012

Denkanstösse

"Für mich sieht die Welt wie ein Foto aus." V.M.

"Busse sind wie Bananen - sie kommen immer in Bündeln." (Das Wort Busse ist auch mit dem Wort Männer ersetzbar.)

"Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge. Aber sie (die meisten Essayisten) machen es umgekehrt." Schopenhauer (in Tucholsky "Die Essayisten" 1931)

"Die brutale Gesellschaft belastet die Lehrer." BAZ am 24. März 2012, Helmut Hubacher

"Was nicht zu Papier zu bringen ist, steht für uns im Verdacht, dass es nicht ist." Vilém Flusser

"Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus dem Leben zu machen." Georg Bernard Shaw

Montag, 19. März 2012

Von Grottenolmen

"Im Sommer durfte ich in einer Höhle in Istrien Bekanntschaft mit einem Grottenolm machen. Dieser blinde Lurch lebt dort bei etwa 10 Grad im Wasser. Er kennt weder Sonne noch Veilchenduft, keine Pizzas oder Börsenkurse und nicht mal Rundbriefe. Seit dieser Begegnung frage ich mich oft, ob wir Menschen wirklich so genau wissen, was es in unserer Welt gibt und was nicht, oder ob wir nur oberirdische Grottenolme sind."
Ausschnitt aus einem (nicht meinem) Rundbrief

Montag, 5. März 2012

Unbekannt

"Vielleicht hat diesen Satz noch nie jemand gesagt."

Sonntag, 26. Februar 2012

Unbegrenzte Möglichkeiten

"Alle sagten: "Das geht nicht." Da kam einer, der wusste das nicht, und hat es gemacht."
Unbekannt

Montag, 13. Februar 2012

Basler Poesie

S git Blüemli am Wäg,
Unschynber, chly,
Men achtet se chuum
Und goht dra verby.

Und so gits au Möntsche
Wo me verchennt,
Me lauft dra verby
So chalt und so frönd.

Doch nehmsch echly Zyt
Und bliibsch echly stoh,
Wurdsch stuune und loose
Und alles verstoh.

Helene Bossert


Montag, 6. Februar 2012

Das Geheimnis der Sterne

Als die Weisen aus dem Morgenland Bethlehem wieder verliessen, blickten sie von einer Anhöhe nochmals auf die Stadt zurück. Da sahen sie ein wunderbares Schauspiel: Der Stern, der sie zur Krippe geführt hatte, zersprang in tausend und abertausend kleine Sterne, die sich über die ganze Erde verteilten.
Die Weisen wussten nicht, was das zu bedeuten hatte.
Auf ihrem Weg kamen sie an eine Kreuzung. Sie fragten einen Fremden nach dem rechten Weg. Der gab ihnen freundlich eine hilfreiche Auskunft. Da sahen sie über seinem Kopf ein Sternchen leuchten. Und als sie am Abend in der Herberge waren und von dem Herbergswirt liebevoll bedient wurden, da leuchtete auch über dessen Kopf ein Sternchen.
Jetzt begriffen die Weisen das Schauspiel, das sie über Bethlehem gesehen hatten: Überall dort, wo ein Wort der Liebe gesagt, wo eine Tat der Liebe getan wird, da leuchtet der Stern von Bethlehem, ein kleiner Stern der Liebe.
Unbekannt


So lasst uns viele Worte der Liebe sagen und viele Taten der Liebe tun, damit wir und alles um uns herum leuchten unter dem Himmelszelt.

Montag, 2. Januar 2012

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
nach Frühstück und nach Leben.
Joachim Ringelnatz


Freitag, 23. Dezember 2011

Über das Geliebt-Werden.

„Wie ermüdend, geliebt zu werden, wahrhaft geliebt zu werden! Wie ermüdend, das Objekt emotionaler Belastungen eines anderen zu sein! Sich, wenn man sich frei, immer frei hat sehen wollen, mit einem Mal die Last der Verantwortung aufzubürden, Gefühle zu erwidern und so anständig zu sein, sich nicht zu entziehen, damit nur ja keiner auf den Gedanken kommt, man sei ein Prinz in Sachen Emotion und weise zugleich das Höchste zurück, das eine menschliche Seele zu geben vermag. Wie ermüdend, unsere Existenz ganz und gar abhängig zu sehen von der Gefühlsbeziehung zu einem anderen Menschen! Wie ermüdend, gezwungenermaßen ebenfalls ein bisschen lieben zu müssen, wenn auch ohne die volle Erwiderung!“
aus "Das Buch der Unruhe" von Fernando Pessoa

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Notizen eines Unterrichts

"Er erschiesst sich selbst und dann die Frau."

"Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war." Heinrich von Kleist in Briefen

"Du hättest mir nicht misstrauen sollen."
Heinrich von Kleist in Die Verlobung in St. Domingo


Sokrates ist ein Erotiker. Und dann wieder Geliebter. Sagt Plato.
Der zerbrochene Krug von Kleist ist ein einziges perverses Sexstück. Sagt unser Literaturprofessor.
Fleisch bedeutet Männlichkeit. Sagt der Englischlehrer.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Buchtipp 2


Um zu verstehen, wie solche Menschen ticken. Wie sie fühlen, denken, warum sie handeln wie sie handeln. Und wer weiss, vielleicht auch um sich selbst endlich einmal verstanden zu fühlen? Auf jeden Fall lesenswert und treffend beschrieben.

Wie Von Sinnen

Was er las, verstand er meistens auch; und wenn er aus manchem den Sinn nicht herausfand, welchen der Autor hineingelegt hatte, so fand er einen andern Sinn heraus oder legte ihn hinein, der ihm ganz allein gehörte, und mit welchem der Autor sehr oft zufrieden sein konnte.
Wilhelm Raabe: Der Hungerpastor, 1863


So lasst uns also Sinne legen wo wir nur können; sie gehören uns allein, und der Autor muss nicht damit zufrieden sein.

Samstag, 17. Dezember 2011

Vor 2500 Jahren.

Pythagoras war ein kluger Mann. Er sagte eine Menge Dinge. Gute und weniger gute. Zum Beispiel meinte er, dass Zahlen die Welt beherrschen. Und dass alles Zahl ist. Also beherrscht alles die Welt? Ausserdem sagt er noch, dass Zeit die Seele der Welt ist. Zeit ist also die Seele und Zahlen die Macht. Dann bringt er noch die Geometrie ins Spiel: Die ist ewiges Wissen. Und jeder von uns ist von Gott gemacht, damit wir Wissen erwerben können. Sagt Pythagoras. Wissen, Seele, Macht.

Freitag, 9. Dezember 2011

Zitat

"Wer sich mit Wein betrinkt, wird wieder nüchtern. Wer sich mit Reichtum betrinkt, niemals."

Also lasset uns trinken den Wein (in Massen).

Dienstag, 29. November 2011

Goethe war gut.

Auch das ist Kunst,
ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen,
sich soviel Licht ins Herz zu tragen,
dass, wenn die Sonne längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.
Johann Wolfgang von Goethe

Montag, 28. November 2011

Welch Glück, geliebt zu werden.

Willkommen und Abschied
Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht.
Schon stund im Nebelkleid die Eiche
Wie ein getürmter Riese da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr.
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut,
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter,
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund und sah zur Erden
Und sah dir nach mit nassem Blick.
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Johann Wolfgang von Goethe

Montag, 21. November 2011

Von Elefanten, Schlangen und Bäumen.

A story of the different kinds of seeing.


It was six men of Indostan
To learning much inclined,
Who went to see the Elephant
(Though all of them were blind),
That each by observation
Might satisfy his mind.


The First approach'd the Elephant,
And happening to fall
Against his broad and sturdy side,
At once began to bawl:
"God bless me! but the Elephant
Is very like a wall!"


The Second, feeling of the tusk,
Cried, -"Ho! what have we here
So very round and smooth and sharp?
To me 'tis mighty clear
This wonder of an Elephant
Is very like a spear!"


The Third approached the animal,
And happening to take
The squirming trunk within his hands,
Thus boldly up and spake:
"I see," quoth he, "the Elephant
Is very like a snake!"


The Fourth reached out his eager hand,
And felt about the knee.
"What most this wondrous beast is like
Is mighty plain," quoth he,
"'Tis clear enough the Elephant
Is very like a tree!"


The Fifth, who chanced to touch the ear,
Said: "E'en the blindest man
Can tell what this resembles most;
Deny the fact who can,
This marvel of an Elephant
Is very like a fan!"


The Sixth no sooner had begun
About the beast to grope,
Then, seizing on the swinging tail
That fell within his scope,
"I see," quoth he, "the Elephant
Is very like a rope!"


And so these men of Indostan
Disputed loud and long,
Each in his own opinion
Exceeding stiff and strong,
Though each was partly in the right,
And all were in the wrong!


MORAL.
So oft in theologic wars,
The disputants, I ween,
Rail on in utter ignorance
Of what each other mean,
And prate about an Elephant
Not one of them has seen!
John Godfrey Saxe


Sonntag, 20. November 2011

Textkiosk Tag 2

Die Aufgabe an eine Studentin des Schweizerischen Literaturinstituts: Schreibe einen Text, in dem dieses Becken mit den bunten Plastikkugeln drin vor kommt. Das im McDonalds und Ikea steht.
Das Ergebnis:

Meine Schwester war immer mutiger als ich.
Sie sprang zuerst in den eiskalten Bergbach
sie kletterte auf den höheren Baum
sie nahm den ersten Bissen vom geräucherten Bieberschwanz, sie erliebte sich, obwohl sie drei Jahre jünger ist als ich,
vor mir.

Und
sie traute sich - ohne einen Moment zu zögern - in das Aquarium mit den bunten Bällen.

Ich stand aussen
die Nase an die Scheibe gedrückt
jedesmal.

Doch eines Tages beschloss ich
auch ins Aquarium hinein zu gehen
und
ich hatte meine Schuhe schon ausgezogen
die Hände schüchtern in die Hosentaschen gesteckt
da sagte mir die Frau von der Kasse,
dass ich leider schon zu alt wär.

Und seither steh ich jedesmal - und immernoch
wenn ich in der Ikea einkaufe
vor dieser Scheibe
ein zwei Minuten lang.

Noemi Lerch

Samstag, 19. November 2011

Textkiosk

Die Aufgabe an eine Studentin des Schweizerischen Literaturinstituts: Schreibe einen Text, in dem Luftballone und eine Gummibärchentorte vorkommen.
Das Ergebnis:

gustav sagt: wir könnten spinat essen,
das ist alles, danach ist es ruhig.
nur die luft ist sehr echt heute, sie riecht nach winter und nach luft. am rauen himmel sieht man nur himmel in diesem moment und im wald gibt es abdrücke von tieren im schnee.
gustav und paul sehen die ballone in den himmel steigen. sie sind grün und sind am himmel und der himmel ist grau. krähen krähen auf einem starren feld.
bäume gibt es keine, nur in das feld getragene braune äste und die schwarzen vögel am himmel und am boden.
paul nickt.
ja, spinat.
wir könnten ein fest feiern, sagt gustav
und paul fragt, warum.
wei wir uns lieben, sagt gustav
paul nickt.
und die welt, sagt er dann
und die welt, denkt paul.
und die welt, sagt gustav.
in diesem moment fällt ein toter vogel neben ihnen zu boden und paul weint, weil paul weint, weint auch gustav
der vogel ist nur tot. und gefroren.
wir könnten einen gummibärchenkuchen machen, sagt paul
und gustav nickt und wischt sich die letzte träne von der backe.
sie graben ein loch in die gefrorene erde, in dieses loch legen sie den vogel.
er scheint zufrieden zu sein, denkt gustav und muss wieder weinen.
die luft ist jetzt gelb und der kaffee in der thermoskanne ist grau geworden.
sie trinken ihn langsam, schluck um schluck.
die ballone sind verschwunden, sie liegen vielleicht 20 meter vom vogel entfernt auf einem feldweg.
paul sieht einen hasen über das tote feld hoppeln und muss an seinen grossvater denken, der immer wieder mit einem hasen verwechselt wurde.
darüber lacht paul und gustav hat sich auf den boden gesetzt.
langsam sinkt die sonne und unter den füssen bricht eis.
in einer halben dunkelheit gehen gustav und paus nachhause.
hinter ihrem fenster ist das licht warm.
gustav und paul essen spinat und gummibärchenkuchen.
es ist gut denken sie und dass manchmal ein vogel
vom himmel fällt.

Buchtipp 2

Wer das Gefühl hat, sich eingehend mit dem Thema auseinandersetzten zu müssen, ob Wörter wie "Fussgängerstreifen", "Führerausweis", "Pol" und "leserfreundlich" frauendiskriminierend sind, sollte dieses Buch lesen. Wer denkt, dass es wichtigeres auf der Welt gibt, übergeht es. Und wird vermutlich nicht viel verpasst haben.