Hej!
Die ersten Tage sind vorbei, ich fühle mich schon ganz zu Hause hier in Schweden. Abschied nehmen ist nie einfach, aber die vielen neuen Dinge lenken ab. Doch zuerst zur Anreise mit dem Nachtzug über Kopenhagen:
- Der Standard ist hoch: Sogar WC-Bürsten gibt es in den Zügen der Deutschen Bahn. (Das gab es noch nicht immer!)
- Schokolade tut immer gut.
- Nimm so viel mit wie du tragen kannst? Falsch. Nur so viel, dass du noch Treppen benutzen kannst...
- Es ist immer zu kalt oder zu warm in diesen Nachtzügen.
- Polizei, Zoll, Schaffner – eine Menge Leute wollen dich kontrollieren.
- Und noch einmal: Wie viele Menschen doch in ein Herz passen können...
Angekommen in Kopenhagen treffe ich gleich eine Horde Deutscher, die auch nach Lund müssen. Und schon bin ich mitten im sogenannten „Arrival Day“.
- Ich habe nicht am meisten Gepäck dabei. Andere können gar nicht mehr selbstständig laufen. Könnte ich auch nicht mit zwei super super super super size (will heissen: sehr grossen) Koffern.
- Massen an Austauschstundenten sind um mich herum (etwa 1500...).
- „Welcome to Lund“ ist der meistgehörte Satz an diesem Tag.
- Es ist EISKALT, wunderschön und ab und zu fallen ein paar Flocken vom Himmel.
- Man wird mit vielen Infos und noch mehr Papieren eingedeckt.
Nach dem ganzen Infozeug schaffe ich es irgendwie, meinen „landlord“ (Vermieter) dazu zu bringen, mich abzuholen. Er fährt mich nach Södra Sandby, einem winzigen Dörfchen etwa 10 km ausserhalb von Lund.
- Laut dem landlord sind es 10 Busminuten bis ins Stadtzentrum. Laut meiner Uhr 25.
- Das Haus ist gemütlich und erinnert sehr an die vier Töchter, die hier aufgewachsen sind. Insgesamt hat der landlord fünf Töchter, zwei davon waren auch schon da. Sie interessieren sich alle für Ökologie, Biologie, Geologie und so weiter. Eine von ihnen will Paläontologin werden, also Dinosaurierknochen untersuchen.
- Der landlord ist sowohl Arzt als auch Forst-Forscher, weiss also eine Menge. Er versucht ständig, mich (Vegetarierin) zum Fisch essen zu bewegen. Er redet viel und gerne.
- Auf einem 2-stündigen Spaziergang erzählt er viel über die Flora und Fauna in Skåne (so heisst diese Region von Schweden). Ich bedauere, dass ich früher nicht besser aufgepasst habe und somit nun die lateinischen Namen der Pflanzen nicht kenne.
- Mein Zimmer ist etwas kalt und hat noch leere weisse Wände, aber es ist trotzdem gemütlich. Es hat eine Dachschräge und ich kann meinen Nachbarn husten hören.
- Apropos Nachbarn: Ich habe zwei Mitbewohner. Gustav studiert irgend etwas mit Technik oder so, momentan fährt er Ski in Italien. Martin studiert Geschichte und Politologie (ihn höre ich husten, er wohnt gleich auf der anderen Seite der Wand). Er ist eine Orientierungsniete (wie ich), wie sich bei einer Stadterkundungstour herausstellt. Nur hat er Google Maps auf seinem Smartphone, während ich, ganz altmodisch, den Stadtplan hervor holen muss... Beide Mitbewohner sind Schweden, ich habe also die Hoffnung, ein bisschen Schwedisch von ihnen zu lernen...
- Das Badezimmerfenster kann nicht geöffnet werden (weil danach unverschliessbar). Hoffentlich schaffe ich es jeweils vor den Jungs dort hinein... Denn nach ihnen könnte es zu Vergasungserscheinungen kommen.
- Man kann die Sterne sehen... Und der Bus fährt samstags zwei Mal pro Stunde. Willkommen zurück auf dem Land!
- Wärmflaschen sind in Schweden aus der Mode. Nur 110-jährige alte Ladies benutzen sie noch. Mein Mitbewohner, Martin, kannte noch nicht einmal das schwedische Wort dafür... Der erste negative Punkt – was ist ein Bett ohne Wärmflasche?
- Der zweite negative Punkt: Schweden mögen’s weich. Ich werde für die nächsten sechs Monate also auf einer Badewannenmatratze schlafen.
Ich wohne in Södra Sandby aber studiere in Lund. Also ein paar Worte zur Stadt von Sony Ericsson und zum Erfinderort von Tetra Pak (ja, wirklich, das wurde in Lund erfunden! Heute befindet sich der Hauptsitz in der Schweiz, in Lausanne.):
- Lund besteht aus der Universität. Alles in Lund IST Universität.
- Als ich 30 Briefmarken kaufen will, starrt mich der Verkäufer nur geschockt an. „Dreissig??“ Ich verspreche ihm, zurück zu kommen und mehr zu kaufen, weil ich viele Briefe und Karten schreiben würde. Er fällt fast in Ohnmacht. Um mein Versprechen einzuhalten brauche ich aber Hilfe – schickt mir was und ich werde antworten!
- Die ersten Leute lerne ich in meiner „Mentoring Group“ kennen, einem Programm für Austauschstudenten. Ich treffe Menschen aus Kanada, Ostdeutschland (ja, sie sind überall), den USA, Polen, Litauen und Singapur. In Singapur ist Kaugummi illegal – schon gewusst? Zur Feier des Tages essen wir mexikanisch.
- Der Bus fährt auf einer Art Trottoir neben der Strasse. Links neben der Strasse.
- Ich bin nicht die einzige verlorene Studentin in Lunds Strassen.
- Ein Schwedischkurs in einem vollen Hörsaal ist Spass pur. Vor allem Kanadier, die probieren „ü“ zu sagen, sind amüsant. (Bis das Studium am 21. Januar anfängt, besuche ich einen Schwedischkurs.)
- Ebenjener Kanadier schüttete Joghurt in seinen Kaffee, im festen Glauben es sei Milch. War es nicht. Das merkte er auch. (Da bin ich geradezu gut weggekommen mit meiner salzigen Butter, die ich auf mein Nutellabrot gestrichen habe... Aber was will man machen, die Butter muss aufgegessen werden. Man gewöhnt sich mit der Zeit an den Geschmack (ähnlich wie die Salz-Schokolade von Lindt), und sonst verdickt man einfach die Nutella-Schicht.)
- Es gibt viele schöne, alte, imposante Gebäude in Lund.
- ES IST KALT!!!!!
- In Lund MUSS man ein Fahrrad besitzen. Das sagen alle. Aber ein altes, billiges, denn es wird eh geklaut. Das sagen auch alle. (Es gibt etwa 40'000 Studenten in Lund, insgesamt etwa 80'000 Einwohner. Und 250'000 Fahrräder...)
- Irgendwie gibt es doch Länderklischees, die sich bewahrheiten. Schweden sind schön, auch Polen und Finnen kann man an ihren Gesichtszügen erkennen, Amis / Kanadierinnen neigen zu ausgeprägtem Modesinn (im Allgemeinen auch „Tussis“ genannt), Asiaten sind höflich, schmatzen und schlurfen und und und.
- Das nette Ami-Girl (Boston) erzählt beim Mittagessen: „In Amerika schauen alle ständig auf ihr Smartphone, auch beim Essen. Das nervt so!“ Sagt’s und schaut auf ihr iPhone. Diese Geräte sind allgemein sehr beliebt bei den internationalen Studenten. ALLES läuft über Facebook.
- Es gibt über zehn „Nations“ in Lund. Das sind alles Studentenorganisationen, die ihre eigenen Clubs, Kaffees und so weiter haben. Sie organisieren tausend Anlässe, man könnte seine Wochen nur mit ihren Aktivitäten füllen. Alle Nations buhlen um die Neuankömmlinge, denn normalerweise wird man Mitglied einer Nation. Die Mitgliedschaft bringt einem viele Rabatte und andere Vorteile. Am Schluss ist es vollkommen egal, von welcher Nation man Mitglied wird - die Mitgliedschaft gilt auch für die Angebote der anderen Nations. Aber es scheint eine Art Studentensport zu sein, für seine Nation zu werben.
Fazit: Die Schweden sind sehr gastfreundlich und "welcoming". Es ist spannend, Menschen aus aller Welt (und somit allen Kulturen) zu treffen. Und: ES IST KALT HIER OBEN!
Das war's für's zweite Mal. Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen, sei es auf elektronischem oder nicht elektronischem Postweg.
Bästa hälsningar aus Schweden!
"Värmekudde" - Wärmekissen, ist gewöhnlicher als Wermflaschen, glaube ich..
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