Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Dienstag, 12. März 2013

Wieder Winter - Teil 10

Hej!

Nun bin ich also schon zwei Monate hier - oder auch erst. So viel ist passiert… Die letzte Woche zählt zu den vergleichsweise ruhigen, aber ich will trotzdem nicht mit der Tradition brechen und melde mich deshalb mehr oder weniger pünktlich mit mehr oder weniger spannenden Begebenheiten.
  • Ganz zuerst sollte das Mysterium des Cheese Doodle Days aufgeklärt werden. Laut des tollen Newsletters des International Desks (die sind für die International Students zuständig. Leider sind sie zu beschäftigt, wichtige Feiertage aufzulisten, und können deshalb keine Erste (oder Zweite) Hilfe leisten, wenn Studentinnen von ihren Landlords auf die Strasse gesetzt werden.) - ja, laut diesen Newsletters war eben am 5. März der Cheese Doodle Day. (Nächster wichtiger Tag: 25. März, Våffeldagen, Swedish Waffle Day.) An diesem Tag fröhnt man den - genau, Cheese Doodles. Hier ein Zitat, gefunden im weltweiten Web: "Cheese doodles are a snach food made with cornmeal that has been puffed, baked, and coated with cheddar cheese. Morrie Yohai invented the cheese doodle in the 1940s. After serving as a Marine in World War II, he returned to his home in the Bronx and took over the family business - a snach food company called Old London Foods. During the 1960s, Wise Foods, Inc. acquired the company and cheese doodles became part of the potato chip division. Today, cheese doodles are one of Wise's strongest brands. The company produces over 15 million pounds of cheese doodles each year. That's enough to fill 36 Olympic-sized swimming pools! To celebrate National Cheese Doodle Day, pick up a bag of cheese doodles to share with friends!" Für alle nicht englischsprachigen unter euch eine kurze Zusammenfassung: Cheese Doodles sind auch bekannt unter dem Namen "Flips". Sie kommen aus Amerika, man kann sie gut teilen und sie können 36 Olympia-Swimming-Pools pro Jahr füllen - fragt mich aber nicht, wie gross ein Olympia-Swimming-Pool ist oder wie gross 36 davon sind oder wie viele Flips dann da genau reinpassen. Ja, soviel zu den Cheese Doodles. Sie scheinen viele von euch beschäftigt zu haben, deshalb wollte ich näher darauf eingehen. Weitere Infos folgen natürlich jederzeit auf Anfrage. Ich persönlich hatte übrigens einen wunderbaren Cheese Doodle Day mit Schokoladenkuchen und allem Drum und Dran.
  • Der erste und beste Besuch ist nun wieder abgereist und ich geniesse die Einsamkeit meines Zimmers. Meines WARMEN Zimmers. Herrlich! Draussen ist nämlich wieder Winter, nach einer herrlich frühlingshaften Woche (die Menschen kamen aus den Häusern wie… wie sonnendurstige Lebewesen nach einem langen Winter. Wo die überall waren in den letzten Wochen - keine Ahnung. Und jetzt sind sie plötzlich wieder verschwunden…). Winter in Schweden heisst Schnee, Wind, Stürme, Orkane (JA!!), Kälte (oh ja!) und und und. Winter halt.
  • Der Winter kann mir aber nichts anhaben, denn es erreichte mich ein Päckchen: eine Schreibmaschine!! Sie wurde schon fleissig getestet und wurde als äusserst tauglich befunden. Der Briefemarathon kann also beginnen - der Stapel auf meinem Schreibtisch ist (noch) gross, doch sinkt von Tag zu Tag. Tausend Dank noch einmal an den grosszügigen Spender! Und auch an alle anderen Anbieter - behaltet eure guten Stücke, vielleicht geht meine irgendwann kaputt, dann besteht wieder Bedarf.
  • Apropos Päckchen: Die neue Abholstelle ist ganze zwei Minuten von meiner Haustür entfernt. Nichts also mit hinjoggen. Damit ich trotzdem fit bleibe, könntet ihr mir einfach zehnmal so viele Päckchen schicken. Das wäre aber teuer für euch, also haben wir eine Nachbarschaftsjogginggruppe gegründet, die mehr oder weniger konsequent alle zwei Tage joggen geht. Jaa, wirklich!
  • Ein weiterer Vorteil meiner jetzigen Wohnsituation: Ich kann in die Stadt LAUFEN! Je nach Ziel und Tempo dauert es 15-30 Minuten, und ich geniesse diese Freiheit sehr. Wie auch die Freiheit, dreckiges Geschirr einfach eine Nacht lang stehen zu lassen.
  • Noch ein Vorteil bei dieser… naja, bei diesem unerwünschten Abenteuer: Die Polizei schickt mir ständig schwedische Briefe. So habe ich die Möglichkeit, meine Sprachkenntnisse wirklich zu verbessern und gleich im echten Leben anzuwenden. Und dabei lerne ich nicht die doofen Vokabeln, die man sonst immer in den Sprachkursen lernt (diese unnützen Wörter, nach Themen geordnet, z.B. alle Lebensmittel oder alle Körperteile oder…), nein, ich lerne wichtige Wörter wie "Eigentumsrecht" oder "Anhörung" oder "Antragsteller".
  • Und noch etwas Tolles: Von meinem Schreibtisch aus sehe ich jeden Abend einen wunderschön kitschigen Sonnenuntergang. Besser als jeder Rosamunde Pilcher - oder Inga Lindström - Film.
Ja, mehr war eigentlich nicht los. Der Landlord hält mich auf Trab, momentan mit Geldforderungen. Es ist fast schon bewundernswert: Immer wenn ich denke, dass nichts schockierenderes mehr kommen kann, holt er eine neue Überraschung aus dem grossen Überraschungskorb. Ich hoffe jedoch stark (bitte hofft mit mir!!), dass dieser Korb jetzt langsam (oder besser schnell) leer ist. Bis aufs letzte Stäubchen. Ansonsten hacke ich fröhlich auf meiner Schreibmaschine (sie heisst Cella - vielleicht wird sie noch umgetauft) herum, übe Taizé-Lieder für den grossen Taizé-Tag nächste Woche (ich muss die deutschen Lieder anstimmen… *zitter*!!) und rede mich durch Schwedischprüfungen. Ja, heute war das "muntlig tentam" von meinem Schwedischkurs, in eineinhalb Wochen folgt dann der schriftliche Teil. Abgesehen davon, dass wir über eine blutrünstige Novelle von gewalttätigen Teenagern sprechen mussten und einer meiner Gesprächsparter die Geschichte sehr unterhaltsam fand ("it makes me feel good"), womit ich mich gar nicht anfreunden konnte - ja, abgesehen davon lief es gar nicht so schlecht. Aber wir werden sehen.

Lasst es euch gut gehen!
Hälsningar.

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