Ich bin nun seit vier Tagen wieder in der Schweiz. Physisch zumindest. Da ich psychisch noch nicht ganz angekommen bin, lasse ich die letzten zehn Tage Revue passieren und euch daran teilhaben - solltet ihr denn die Ausdauer haben, dem gesamten Schreibfluss zu folgen.
Nachtrag: Swedish National Day - 6.6.
Weil für diesen Feiertag nun schon Pfingstmontag gestrichen wurde, muss ich doch noch kurz nachträglich davon berichten. Seit 1983 gibt es den Schwedischen Nationalfeiertag. An diesem Tag wurde Gustav Vasa als König von Schweden gekrönt (1523) und die Verfassung angenommen (1809). Die Schweden interessieren sich aber nicht wirklich für den Feiertag, nur die königliche Familie nimmt an einer Zeremonie in Stockholm teil. Für Austauschstudenten ist es aber eine passende Gelegenheit, noch einmal Kanelbullar und all die anderen Köstlichkeiten aus Schweden zu geniessen.
Lund (10.6.)
Putzen, abschliessen, Schlüssel abgeben. Schon ein komisches Gefühl, die erste "eigene" Wohnung zu verlassen. Ein letztes Mal Fika, noch einmal durch die Stadt wandern (und dabei der eben angekommenen Reisebegleitung das wenige erzählen, das ich über sie weiss), ein letztes Eis. Dann geht's ab in den Zug nach Stockholm und von dort mit dem Nachtzug weiter nach Umeå.
Umeå (11.6.)
Um 06.45 Uhr kommen wir (wir = drei Personen) in Umeå an. Es ist taghell und wir werden erst einmal unsere tausend Kilo Gepäck los. Nach einem Kaffee sind wir dann auch fähig, uns ein bisschen zu bewegen. Der Tag wird nicht sehr spektakulär: Städtchen angucken, einkaufen, Fika machen, auf dem Steg in der Sonne liegen - und dann vier Stunden im Wartesaal am Bahnhof warten, weil das Ticket nicht für den Bus gilt und es draussen regnet. Zum Glück sitzen da auch zwei Jungs aus London mit Gitarre und Mini-Djembe. Musik verbindet und verkürzt die Zeit. Irgendwann kommt dann der Zug und bringt uns nach Luleå.
Luleå (11.6.-13.6.)
Ein kleinen Schreck (Nachts gegen 11 Uhr stellen wir vor / in unserem Hostel fest, dass wir kein Zimmer haben. Das Hostel ist personallos. Aber wie immer ordnet sich alles.) schlafen wir in der fensterlosen Unterkunft. Irgendwie gut, denn in Luleå wird es zu dieser Jahreszeit nie richtig dunkel - so schauen wir in der nächsten Nacht dem Sonnenuntergang und eine kurze Weile später dem Sonnenaufgang zu. Ein sehr merkwürdiges Gefühl.
Ansonsten ist Luleå nicht wahnsinnig spannend - nett, klein, am Wasser. Draussen ist es zu hell und drinnen zu dunkel, um ein Zeitgefühl zu haben - also lassen wir das bleiben und es uns rund um die Uhr gut gehen: essen, spazieren, schlafen. Und schon wieder kriechen wir mit unserem (wirklich schweren!!) Gepäck zum Bahnhof. Es geht nach Kiruna - dabei muss ich feststellen, dass der Polarkreis gar nicht rot eingezeichnet ist, wie ich das immer dachte. Man fährt mit dem Zug einfach darüber, ohne es zu merken.
Kiruna (13.6.-15.6.)
Kiruna ist die 70-grösste Stadt Schwedens (also winzig klein) und gleichzeitig auch die nördlichste, auf einer Höhe mit Mittelgrönland gelegen. Würde es den Golfstrom nicht geben, würde in Kiruna arktisches Klima herrschen. Ausserdem gibt es in Kiruna eine der grössten Eisenerzmienen der Welt, weshalb die gesamte Stadt in den nächsten Jahren auch um fünf Kilometer verschoben wird.
In Kiruna erleben wir das grosse Mitternachtssonnen-Spektakel mit. Gegen 23 Uhr machen wir uns daran, einen Hügel bei Kiruna zu erklimmen. Die Sonne leuchtet hell und orange und wir sind überhaupt nicht müde. Unter uns liegt eine weite Fläche mit Seen, Wäldern und "Nichts". Gegen 24 Uhr nähert sich die Sonne dem Horizont, also der Bergkette, die sich ganz hinten abzeichnet. Und dann entfernt sie sich wieder von ebenjener Linie. Einfach so. Sie steigt höher und höher während wir wieder tiefer und tiefer steigen. Gegen 2 Uhr haben wir unser Hostel wieder gefunden und legen uns ins Bett - draussen scheint die Morgensonne. Schon irgendwie eindrücklich und verrückt.
Am nächsten Tag erfreuen wir uns unserer Energie (die dem vielen Licht zu verdanken ist) und setzen uns in den Zug. In den Abisko Nationalpark soll es gehen. Da wir aber nur Turnschuhe dabei haben, es regnet und der Zug nur dreimal täglich da vorbei fährt, bleiben wir dann doch lieber sitzen und steigen erst an der Endstation aus - Narvik. Narvik liegt an der Küste von Norwegen an einem steilen Hang und sieht in Touristenaugen sehr gewöhnlich aus. Der Rückweg wird mit einem Bus bestritten - kurvige Passstrasen in rasantem Tempo. Die Fahrt lohnt sich aber allemal (auch mit dem Zug), man sieht Seen und Wälder und kommt über die Baumgrenze und überhaupt sieht es dort oben einfach anders aus. Lohnenswert!
Aber schon wieder suchen wir den Weg zum Bahnhof (zum Glück bergab…) und steigen in den Zug.
Zug (15.6.-16.6.)
30 Stunden Zugfahrt, das erlebt man schon nicht alle Tage. Mit Umstieg in Stockholm und Kopenhagen geht es nach Hamburg. Unsere Hauptbeschäftigung: essen und planen, wie, wann und wo wir wieder zu Verpflegung kommen. Ausserdem sind eine Fahrt mit der Fähre, ein defekter Zug und ein bisschen spontane Bahnsteigmusik inbegriffen. Aber 30 Stunden sind dann doch irgendwie genug.
Hamburg (16.6.-18.6.)
In Hamburg wird unser Dreiergrüppchen um eine Person ärmer. Wir beiden Verbliebenen geniessen die Sonne und die Stadt und besuchen abends die Oper, in der unser Gastgeber mitspielt. La Nozze di Figaro ist es, gut inszeniert und umgesetzt, ein wahrer Genuss. Aber schon geht es weiter nach Berlin
Berlin (18.6.-20.6.)
Am heissesten Tag des Jahres und gleichzeitig mit Obama treffen wir in der Hauptstadt Deutschlands ein. Eine wundervolle Stadt, wenn ihr mich fragt. Wir essen Eis und schlendern durch die Strassen - viel lässt sich nicht machen, alles ist abgesperrt, sogar die Spree ist von Tauchern besiedelt. Wir kümmern uns aber nicht gross um Obama sondern gehen zu einem Konzert von Ben Howard, einem australischen Künstler, der sehr gute Musik macht. Und schon wieder trennen sich die Wege und ich fahre durch das Hochwasserdeutschland in die Schweiz.
Schweiz
Nach ein paar schönen Tagen Zwischenstopp in Basel bin ich nun wieder im Toggenburg angekommen, also sozusagen beim Ursprung. Es regnet, ich gewöhne mich langsam an Sprache, Geld und Kultur und freue mich auf das bevorstehende Open-Air (vier Tage lang Konzert und zelten). Schon bald geht die Reise wieder los, nach Taizé und noch einmal nach Schweden soll es gehen. Aber das ist dann ein anderes Kapitel.
Fazit
71 Stunden Zugfahrt, 30kg Gepäck - es war lange und viel, aber toll.
So, das war's. Unten noch ein paar Fotos, geschossen von einer tollen Reisebegleitung (ich fotografiere noch immer analog - wer also noch alte Filme bei sich herumliegen hat und sie nicht mehr braucht - HIER!!). Sie zeigen zuerst den Blick aus der Haustür unserer Jugendherberge in Luleå und danach drei Mal die Mitternachtssonne in Kiruna. Das mittlere Bild ist 23.55 Uhr aufgenommen worden.
Gute Nacht und guten Sommer wünsche ich!
Bästa hälsningar.

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