Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Donnerstag, 14. August 2014

Spät und lang

Salut!

Der späten Stunde wegen ohne Einleitung direkt zu den letzen zwei Wochen:
  • Ich habe zum ersten Mal eine ganze Artischocke gegessen. Kannte ich sonst nur als Pizzabelag, jetzt auch aus dem Dampfkochtopf. Hervorragend!
  • Jeden Tag lerne ich viel. Französische Vokablen und kulturelle Gepflogenheiten, aber auch meine Geografiekenntnisse (vor allem im Bereich Afrika) verbessern sich stetig. So auch das Wissen über einzelne Länder. In Guinea gäbe es zum Beispiel keinerlei Probleme zwischen Muslimen und Christen. Sie würden auch munter untereinander heiraten. Irgendwie hoffnungsvoll, dieser Gedanke.
  • Ebenfalls lehrreich: Ein Mittagessen mit einer irakischen Familie aus Mossul. Wer nicht weiss, was da gerade so abgeht, der informiere sich jetzt.
  • Ansonsten war die Zeit gefüllt mit liebem Besuch:
    • Zwei Franzosen: Auflug nach St. Malo (süsses Küstenstädtchen mit schönem Strand, der Entdecker Kanadas kommt von da) und Mont St. Michel (Pilgerort, eine Kirche auf einem Felsen im Meer). Zusammenfassung: Meer, Küste, Natur, Wind, Geruch, Rauschen, Flut, Crêpe / Galettes. Sehr schön. Siehe Bilder unten.
    • Eine Taizé-Bekanntschaft aus New York: drei Tage Englisch reden.
    • Drei Schweizerlein: zwei Tage Schweizerdeutsch reden. Gut zu wissen, dass diese Sprachkenntnisse noch vorhanden sind. Aber mein Französischniveau war nach diesen Tagen wieder…naja, sehr tief unten. Dafür kenne ich jetzt Vitré, ein winziges Städtchen ganz in der Nähe, mit Schloss und vielen Fachwerkhäusern.
      Ich hoffe, der ein oder andere Besucher wird seinen Weg auch nach München finden. Dort habe ich nämlich inzwischen eine Wohnung gefunden (ja, wirklich!) und freue mich, Tür und Tor für Gäste zu öffnen.
Nach viereinhalb Wochen hier ist es mir nun doch ein Anliegen, ein bisschen genauer zu erklären, was ich eigentlich den ganzen Tag lang mache:

Der Secours Catholique ist ein Knotenpunkt im Netzwerk der Hilfsorganisationen. Sie bieten von allem ein bisschen an, verweisen aber vor allem an die jeweils zuständigen Stellen.
  • Accueil ("Empfang", jeden Morgen 9-11 Uhr): Es gibt Kaffe und ein kleines Frühstück (manchmal Toast, meist Zwieback mit Marmelade). Man kann duschen, telefonieren, Wäsche waschen. Ausserdem bieten wir ein Dach über dem Kopf, Gesellschaft, ein offenes Ohr. Viele freuen sich nur schon über ein freundliches "Bonjour", wenn ich mich sogar an den Namen erinnern kann, werde ich mit einem Lächeln belohnt. Manchmal spielen wir UNO, manchmal sitzt jeder alleine in seiner Ecke, manchmal diskutieren wir über Polygamie, Probleme in Europa oder die beste Joggingschuhmarke. Es kommen vor allem Migranten aus verschiedensten Ländern, aber auch manche "SDF" (sans domicile fixe - Obdachloser), die meist Franzosen sind.
  • Nachmittag (14-17 Uhr): Nachmittags gibt es einen spezifischeren Accueil. Einmal nur für die Obdachlosen aus Frankreich, einmal für Migranten, die Hilfe mit den Behörden benötigen etc. Dabei lerne ich viel über das Asylwesen Frankreichs und höre zahlreiche Geschichten - warum Menschen ihre Heimat verlassen haben, wie sie hierher gekommen sind, was sie vorher für ein Leben hatten, wie ihr Leben jetzt aussieht. Es liessen sich Bände damit füllen. Manchmal können wir ihnen helfen, oft müssen wir sie woanders hinschicken oder können nur Mut zusprechen. Das ist teilweise sehr deprimierend, lohnt sich aber, wenn man auch die Dankbarkeit der Menschen sieht, die sich oft auch einfach nur darüber freuen, dass ihnen jemand aufmerksam zuhört.
  • Bagageri: Manchmal helfe ich in der Bagageri aus, wo die Menschen ihr Gepäck aufbewahren können. Da kommt es dann beispielsweise zu einer Begegnung mit einem polnischen Matrosen, der in Norwegen gearbeitet hat und in der Bretagne Gold sucht. Seine Sporttasche war voll gestopft - mit einem Europa-Atlas, geologischen Karten und Goldwäscherschüsseln. Dabei ist er weniger vom Gold an sich motiviert sondern viel mehr am Glücksgefühl des Findens.
Neben praktischen Sachen wie Dossiers suchen, Blätter kopieren, Kaffee kochen, Tische putzen und Wäsche machen verbringe ich den Tag vor allem mit dem Pflegen sozialer Kontakte. Eine armenische Sängerin mit Rückenproblemen, ein französisches Genie mit Schizophrenie, ein Afrikaner ohne Papiere, ein Jugendlicher ohne Ausbildung, ein gestrandeter Deutscher, ein lebensfroher Russe… Liebenswerte und sehr menschliche Menschen in Fülle. Sie alle wollen wahr genommen, beachtet werden. Meine Aufgabe ist also, meine Aufmerksamkeit so gut wie möglich aufzuteilen und in diesen wenigen Stunden das zu geben, was möglich ist. Was ich dafür von ihnen bekomme, kann mir keine Schule oder Universität bieten: Lehrstunden in Französischer Sprache und Kultur, in Geografie, Ethnologie, Politik aller Länder dieser Welt, in Menschlichkeit, UNO-Schummel-Möglichkeiten und (Über-)Lebenskunst etc. Dagegen erscheinen mir zwei offene Ohren und Augen, ein bisschen Klavierunterricht (Flohwalzer…) und eine Kanne Kaffe geradezu läppisch.

Fazit: 

Ich fühle mich sehr wohl. Die Leute im Büro, die Freiwilligen und die Gäste sind alle sehr freundlich und geduldig. Wenn ich in eineinhalb Wochen im Zug Richtung Basel sitze, werde ich viele neue Dinge im Gepäck haben. Vor allem in meinem Herzen.

Random fact:
Die Hauptstädte der Demokratischen Republik Kongo (Kinshasa) und der Republik Kongo (Brazzaville) liegen (vermutlich) so nah beieinander wie sonst keine zwei Hauptstädte. Geschätzte Distanz: Vier Kilometer.

Und ganz zum Schluss noch ein Werbespot für ein unterstützenswertes Projekt von Freunden:
https://www.100-days.net/de/projekt/captain-plant-food-truck/
Wirklich eine gute Sache von guten Leuten für einen guten Zweck. Und lecker.

Das war's - Zeit für die Nachtruhe.
Bleibt behütet und bästa hälsningar.

Küste zwischen Mont St. Michel und St. Malo
Küste zwischen Mont St. Michel und St. Malo
St. Malo
St. Malo
Mont St. Michel

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen