Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Samstag, 15. April 2017

Aus dem Erwachsenenleben - Being an adult

— FREESTYLE ENGLISH VERSION BELOW —

Hej!

Und schon wieder sind viele Wochen vergangen, es ist April, Ostern steht vor der Tür (bzw. ist zur Zeit der Beendigung dieses Posts schon da), die Steuererklärung ist abgegeben (zum ersten Mal termingerecht - ich werde erwachsen!). Draussen zwitschern die Vögel, die Bäume schlagen wild aus, es duftet und klingt und blinkt und alles Leben kriecht aus seinen Löchern. Bevor die Mistel-Geschichte in die zweite Runde geht: Was hat sich in den letzten zwei Monaten getan?
  • Nun gehöre ich definitiv zur erwerbstätigen Bevölkerung. Pünktlich sitze ich jeden Morgen um 6.03 Uhr im Zug nach Biel,  abends komme ich gegen 18 Uhr wieder in Basel an. Dazwischen liegt ein Tag im Büro, vor dem Computer und in Sitzungen. Inhaltlich beschäftige ich mich mit allem, was mit dem Schweizer Arbeitsmarkt in der Internationalen Zusammenarbeit zusammenhängt. Es ist sehr spannend und ich lerne jeden Tag viel Neues. Gleichzeitig merke ich, wie viel Zeit und Gedanken meines Lebens nun in diese Arbeit fliessen. Und obwohl ich sie wirklich gerne mache und die Menschen mag und meine Aufgabe sinnvoll finde, frage ich mich, warum Menschen so viel arbeiten - im Sinn von erwerbstätig sein, also Geld verdienen. Bei einer 100%-Stelle mit pendeln bleibt kaum mehr Raum für anderes, und ich will mir gar nicht erst vorstellen, wie das mit einer Familie wäre. Mir ist klar, dass das der Alltag von vielen ist, und zahlreiche Menschen auch noch mehr, länger und weiter weg arbeiten. Aber das ist genau der Punkt - genau deshalb frage ich mich: Wer hat die fünf-Tage-Woche erfunden? Warum machen wir nicht alle ein bisschen langsamer und weniger, und nehmen uns Zeit für die vielen Sachen, für die nie Zeit zu sein scheint? Und warum wird immer noch nur Arbeit ernst genommen, für deren Verrichtung man Geld erhält?
  • Mein Arbeitsweg in Biel (Endstation, sehr praktisch, da man so im Zug unbesorgt ein Nickerchen halten kann) führt vom Bahnhof durch eine Tiefgarage, in der man mit peppiger Musik beschallt wird. So komme ich dann nach zwei Querstrassen ganz beschwingt im Büro an (nachdem ich fasziniert hinter einem Menschen mit Blindenhund nachgelaufen bin, jeden Morgen - wirklich eindrücklich und ein Inbegriff von Teamwork), organisiere mir zuerst einmal einen Tee (oder Kaffee, je nach Zustand) und schalte den Computer ein. Am Ende des Tages wird dieses Ritual einfach umgedreht: Die Kaffeetasse (im Laufe des Tages verwandelt sich die Teetasse des Morgens meist dann doch in eine Kaffeetasse) wandert in die Spülmaschine und ich durch die musikalische Tiefgarage zurück zum Bahnhof.
  • Wohnen darf ich mit sechs anderen Menschen in einem Haus im schönen Gundeli (so heisst das Quartier - es gibt auffallend viele Hanf-Läden dort...). Im riesigen Koch- / Ess- / Wohnbereich sitzen wir oft zusammen, Gäste sind immer willkommen. Überall spriessen Pflanzen, momentan vor allem die Aussaat für das Hochbeet im Garten, das die WG selbst gebaut hat - mit den gleichen Steinen, aus denen auch das Münster besteht! Noch gibt es in unserem Gärtlein ausschliesslich Bärlauch, aber bald wachsen dort auch andere essbare Delikatessen. Vielleicht dringt es schon ein wenig durch - ich wohne in einer Öko-WG. Es ist wahnsinnig entspannend für mich, von Menschen umgeben zu sein, die mir in diesem Bereich so ähnlich sind. Ich geniesse es sehr, von meinen MitbewohnerInnen inspiriert und motiviert zu werden und so harmonisch wohnen zu dürfen.
  • Die Zeit in Basel ging direkt los mit der Basler Fasnacht (immer wieder schön - wenn auch eine riesige Müllschlacht) mit Besuch aus Leipzig (ja!) - was für eine Freude das war. Auch aus Berlin und einigen Teilen der Schweiz waren schon Gäste zugegen - möge es so weitergehen, seid willkommen! Ich selbst war bereits in Lugano, Bern, Wengen und dem schönen Toggenburg unterwegs und geniesse es sehr, ein GA (Generalabo, wie eine Bahncard 100) zu besitzen - ein Stück Freiheit. Ich freue mich sehr darauf, in diesem Jahr noch mehr von der Schweiz zu entdecken. Zu viel mehr Reiserei wird es wegen mangelnder Ferientage wohl nicht reichen. Die Ostertage darf ich jedoch in Locarno verbringen - und wenn man den See, die Berge und die vielen blühenden Pflanzen hier so sieht, dann will man doch gar nirgendwo anders sein.
  • Neben Arbeit, Gästen und WG-Leben gibt es auch noch drei weitere Dinge in meinem Leben: Seit kurzem bin ich wieder Mitglied des Akkordeonorchesters. Am 23. September ist unser Jahreskonzert (KOMMT! Es wird sich lohnen…) und ich freue mich riesig darauf. Es werden übrigens auch immer wieder Sponsoren benötigt, wer sich da beteiligen möchte, darf sich gerne melden. Nummer zwei: Wie ihr vielleicht bereits wisst, wird das nächste Taizé-Jugendtreffen über Silvester in Basel stattfinden. Für mich ist das ein grosser Moment, da mir sowohl Taizé als auch Basel sehr viel bedeuten. Ich freue mich sehr, das Treffen in dieser Form miterleben und auch -gestalten zu können. Es wird mit Sicherheit viel Arbeit werden, aber die Motivation ist gross. Und: Ich spiele nun einmal pro Woche Unihockey, über Mittag, mit Leuten aus verschiedenen Betrieben in Biel. Es ist unglaublich anstrengend, der Muskelkater begleitet mich die ganze Woche über - und es macht richtig viel Spass.
So, an dieser Stelle soll für den Moment genug erzählt sein. Ich bin zufrieden und es geht mir gut, auch gesundheitlich. Obwohl ich Leipzig nach wie vor vermisse und nachhänge, bin ich wieder voll in Basel angekommen und fühle mich sehr wohl dort. Ich freue mich auf die kommenden 10,5 Monate in Biel und bin gespannt, was sie so mit sich bringen werden. Für jetzt nur noch dies:

Buchtipp: Mithu M. Sanyal - Vergewaltigung. Lasst euch nicht vom Titel abschrecken. Ja, es geht um Vergewaltigung - ein Thema, das jeden Menschen etwas angeht. Das Buch beschäftigt sich damit, wie über dieses Thema gesprochen wird und wie diese Sprache unser Denken und unsere Wahrnehmung beeinflusst. Gut recherchiert, unglaublich interessant und aktuell und, um es mit den Worten von Pieke Biermann vom Deutschlandradio Kultur zu sagen: „Mithu Sanyal schreibt so souverän beschwingt, dass das Lesen gleichzeitig Spaß und klug macht."

Random Fact: Vielleicht mag sich die ein oder andere Person an den letzten random fact erinnern, der die Fortpflanzung der Mistel behandelte. Natürlich bekam ich postwendend nach der Veröffentlichung des letzten Eintrags eine Mail des Experten, der den Vorgang präzisiert in Worte gefasst hat. Nun hier also seine Ausführungen, quasi als Gastkommentar (faszinierend, wie begeistert man über Schleim schreiben kann): "Zur Mistel muss ich aber doch noch eine kleine Anmerkung machen: Die Beere wird gefressen, und der unverdaute Samen kommt wieder ans Tageslicht. Wenn die ganze Beere wiederkäme, hätte ja der Vogel nichts davon. Das Tolle ist dabei, dass anscheinend der zähe Schleim, der den Samen umgibt, vom Magensaft nicht zersetzt wird, sondern die Anheftung des Samens durch Festkleben und nachfolgende Antrocknung leisten kann. Weil dieser Schleim so charakteristisch zäh, viskos, ist, hat Linné die Mistel Viscum genannt.“

Bleibt behütet und gesund,
gesegnete Ostertage,
bästa hälsningar.

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Hej!
 
Once again many weeks passed by, it’s April and almost Easter. I handed my tax return in (for the first time on schedule – I’m growing up!), outside birds are singing, trees and plants are blooming, the air smells and there is noise and all life seems to come out of wherever it has been hiding. So – what have I been up to in the past two months?
  • I definitely belong to the “working people” now. Every morning at 6.03am I sit in the train to Biel, in the evenings I return around 6pm. In between lies a day at the office, in front of the computer and in meetings. I’m working with everything that has anything to do with the Swiss labour market in international cooperation. The work itself is really interesting and I’m learning loads of stuff every day. At the same time I came to realise how much time and thoughts of my life I am spending on this work. And despite the fact that I truly like my work and my co-workers and I find my work meaningful, I ask myself why people are working that much – in the sense of earning money. Working full-time and commuting doesn’t leave much room for anything else, and I don’t want to imagine this situation with a family at home. I’m totally aware that this is the everyday life of many, and I also know that many people work even more, longer and further away than I do. But that’s exactly the point – that’s why I’m asking: Who invented the 5-day-week? Why don’t we all just do a little less and everything a little slower? Why don’t we take time to do all the things for which we don’t seem to find time at the moment? And why is only work taken seriously that leads to a salary?
  • My way to work in Biel (terminal stop, which is quite nice when you want to take a nap in the train without worrying) leads me from the train station through an underground parking in which you can always listen to some upbeat-pop-music. After observing a blind man with his dog (incredible, how they work together! I’m impressed every single day) I arrive at the office, look for some tea or coffee (depends on the amount of hours in bed the night before) and switch my computer on. At the end of the day this ritual takes place in reverse: coffee cup (during the day it usually turns from a tea into a coffee cup) into the dish washer, the musical underground parking, the train station, home.
  • I am very lucky to live with six other people in a nice yellow house in the beautiful “Gundeli” (that’s the name of this part of the city – you can find an enormous amount of hemp-shops there). Often we’re spending time together in the huge cooking / eating / living area. Guests are always welcome, everywhere you can find plants, right now mostly our future food. My flatmates build a raised-bed (the same stone was also used for the Basler Münster!). So far nothing but wild garlic is growing in our tiny garden, but soon we’ll have some eatable things growing there, hopefully. Maybe you can already feel it: I’m living in an eco-household now. It is incredibly relaxing to be surrounded by people who have similar values in that matter. I really enjoy to receive new inspiration and motivation from my flatmates – and to live that harmonically.
  • The time in Basel started with the Basler Fasnacht (carnival – every time I fall in love with it again, even though it’s producing a loooot of waste…) with guests from Leipzig (yes!!) – what a joy. Also visitors from Berlin and different parts of Switzerland were already here – don’t hesitate to continue like this, you’re welcome! I myself already managed to go to Lugano, Bern, Wengen and beautiful Toggenburg. I’m enjoying the freedom that my GA (it allows me to use all public transport in Switzerland) is providing and I’m looking forward to discovering even more of Switzerland this year. More travelling will be difficult this year (working people don’t get many holidays…), but small things happen: These wonderful Easter-days I’m spending in Locarno – and when looking at the beautiful lake, the mountains and the many blooming plants I don’t want to be anywhere else.
  • Besides work, guests and life in a shared flat (or house in that case) there are three other things in my life: Some weeks ago I became an active member of the accordion-orchestra again. It’s a lot of fun and I realise again and again how powerful music can be. Number two: As you might know the next big Taizé-meeting will take place in Basel, on New Year’s 2017/2018. For me this is a unique moment since both Taizé and Basel mean a lot to me. I am thrilled to be part of this and to help with the preparations. It will be a lot of work for sure, but the motivation is there. And: Once a week I’m playing floor-ball (like ice-hockey but much nicer and in a regular gym), with people from different companies in Biel. It’s incredibly exhausting, my whole body is hurting for several days after the game – but it’s also so much fun.
So, this is it for now. I’m happy and healthy. I still miss Leipzig and think of it a lot, but at the same time I fully arrived in Basel and I’m feeling “at home”. I’m looking forward to the next 10,5 months in Biel and I’m curious what will happen next. For now only this:
Unfortunately the book I recommend to my German readers is not yet available in English. Instead, please consider reading something, anything from Laurie Penny. She has some very important things to say! And: I’m not able to translate the random fact of this post. If you want to find out cool stuff anyway, google “mistletoe” and read about their propagation. I promise, it’s fascinating and I would almost bet with you that you didn’t know this before.
 
Stay safe and sound,
Happy Easter,
Bästa hälsningar.

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