Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Dienstag, 27. Dezember 2011

Der Unterschied der Präposition.

Ich sitze auf meinem Bett und mache mir Gedanken über die Bodenständigkeit. -
Mittlerweile liege ich. Es ist schon merkwürdig, so im Sitzen und Liegen über das Stehen nachzudenken. Aber im Stehen kann ich nicht gut schreiben. Also bleibe ich liegen.
Bodenständig. Was ist das? Wer ist das?
Ich stelle mir unter bodenständig eine Person vor, die irgendwie alles im Griff hat. Ein Realist. Einen Menschen der Taten und nicht der grossen Worte. Robust. Für alle Probleme eine Lösung parat. Logisches Denken. Handwerkliche Fähigkeiten. Ausgeglichen. So ist für mich eine bodenständige Person. Sie weiss immer, was zu tun ist.
Bodenständige Menschen stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Bodenständigkeit ist etwas Erstrebenswertes.
Dann gibt es da noch die, die abheben. Das sind dann eher die "Träumer". Die Optimisten zum Beispiel. Die, die einfach mal machen, die sich von ihren Ideen davon tragen lassen, und meist wieder irgendwo unsanft landen. Die, die Illusionen haben und sich einbilden, sie könnten dies oder seien das. (Was jedoch nicht mit "eingebildet sein" gleichzusetzen ist!) Wer einmal abgehoben hat, scheint von nichts und niemandem mehr erreicht werden zu können.
Bodenständige schauen den Fliegern oft verächtlich hinterher. Vor ihrem geistigen Auge sehen sie schon den Absturz. Aber ein bisschen Wehmut, Sehnsucht und Neid lässt sich auch erkennen, irgendwo ganz tief drin im Augapfel. Vielleicht sollten wir alle ein bisschen vorsichtiger mit unseren Absturzvorstellungen sein. Denn wie schnell ist es passiert, dass wir nicht mehr mit beiden Beinen auf, sondern im Boden stehen? Dass wir gefangen werden in unserem eigenen "Realismus", in unserem "lebensnahen praktischen Denken", in unserer "erwachsenen Sichtweise"? Einbetoniert. Lassen wir uns doch lieber wieder einmal davon tragen, wer weiss, vielleicht landen wir ja ausnahmsweise auf einer samtweichen Wolke und nicht auf dem harten Boden.


Freitag, 23. Dezember 2011

Vom Himmel hoch

Wenn es regnet, sind die Tropfen wie tausend Nadelstiche auf der Haut. Das Rauschen in den Ohren ist Wasser, könnte aber auch Wind sein. Oder umgekehrt. Wenn es regnet, spürt man mehr. Dann ist das Gras grüner und der Geist wacher und das Leben lebendiger. Wenn es regnet, bin ich zufrieden.
Und Weihnachten kann immer sein. Jeden Tag. Und jede Nacht.

How to use a bicycle

Wer Fahrrad fährt, sollte einiges beachten:

Merke 1: Nie bei Rot über die Ampel fahren, denn Rot ist Rot.
Merke 2: Wenn es regnet, solltest du eine Plastikhülle für den Fahrradsattel besitzen.
Merke 3: Dein Rücklicht sollte funktionieren.
Merke 4: Du solltest deinen Fahrradhelm nicht bei einer Freundin vergessen, die du lange nicht mehr siehst.
Merke 5: Vergiss niemals deine Handschuhe, wenn du danach noch schreiben können willst.
Merke 6: Lass dich nicht erwischen.

Über das Geliebt-Werden.

„Wie ermüdend, geliebt zu werden, wahrhaft geliebt zu werden! Wie ermüdend, das Objekt emotionaler Belastungen eines anderen zu sein! Sich, wenn man sich frei, immer frei hat sehen wollen, mit einem Mal die Last der Verantwortung aufzubürden, Gefühle zu erwidern und so anständig zu sein, sich nicht zu entziehen, damit nur ja keiner auf den Gedanken kommt, man sei ein Prinz in Sachen Emotion und weise zugleich das Höchste zurück, das eine menschliche Seele zu geben vermag. Wie ermüdend, unsere Existenz ganz und gar abhängig zu sehen von der Gefühlsbeziehung zu einem anderen Menschen! Wie ermüdend, gezwungenermaßen ebenfalls ein bisschen lieben zu müssen, wenn auch ohne die volle Erwiderung!“
aus "Das Buch der Unruhe" von Fernando Pessoa

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Notizen eines Unterrichts

"Er erschiesst sich selbst und dann die Frau."

"Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war." Heinrich von Kleist in Briefen

"Du hättest mir nicht misstrauen sollen."
Heinrich von Kleist in Die Verlobung in St. Domingo


Sokrates ist ein Erotiker. Und dann wieder Geliebter. Sagt Plato.
Der zerbrochene Krug von Kleist ist ein einziges perverses Sexstück. Sagt unser Literaturprofessor.
Fleisch bedeutet Männlichkeit. Sagt der Englischlehrer.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Buchtipp 2


Um zu verstehen, wie solche Menschen ticken. Wie sie fühlen, denken, warum sie handeln wie sie handeln. Und wer weiss, vielleicht auch um sich selbst endlich einmal verstanden zu fühlen? Auf jeden Fall lesenswert und treffend beschrieben.

Kranke Welpen


Auch beim zwanzigsten Mal wieder schön. Gänsehautfeeling.

Wie Von Sinnen

Was er las, verstand er meistens auch; und wenn er aus manchem den Sinn nicht herausfand, welchen der Autor hineingelegt hatte, so fand er einen andern Sinn heraus oder legte ihn hinein, der ihm ganz allein gehörte, und mit welchem der Autor sehr oft zufrieden sein konnte.
Wilhelm Raabe: Der Hungerpastor, 1863


So lasst uns also Sinne legen wo wir nur können; sie gehören uns allein, und der Autor muss nicht damit zufrieden sein.

Montag, 19. Dezember 2011

Ich und Ich.

Was wir so tun? Wir erschaffen dreibeinige, fleischfressende, weisse Zebras mit einem schwarzen Punkt. Wir beschreiben einen Apfel als apfelig und ein Einhorn als hufig. Obwohls ja gar keine Einhörner gibt. Wir verschenken Cookies - noch warm - an den Putzmann am Bahnhof (oder muss man den jetzt auch eidgenössisch diplomierten Raumpflegefachmann nennen?). Wir fragen uns, ob dieser oder jener Kreis der Rahmen der Welt sein könnte. Wir finden heraus, dass Pia pink liebt, rot rot und er schwindelig und das Leben ein Leiterlispiel ist.
Das tun wir. Manchmal, so zwischendurch.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Ein bisschen Bildkunst

Eine sehr sehr tolle Seite mit vielen "extraordinären" Dingen. Wirklich einen Besuch wert.




Samstag, 17. Dezember 2011

Vor 2500 Jahren.

Pythagoras war ein kluger Mann. Er sagte eine Menge Dinge. Gute und weniger gute. Zum Beispiel meinte er, dass Zahlen die Welt beherrschen. Und dass alles Zahl ist. Also beherrscht alles die Welt? Ausserdem sagt er noch, dass Zeit die Seele der Welt ist. Zeit ist also die Seele und Zahlen die Macht. Dann bringt er noch die Geometrie ins Spiel: Die ist ewiges Wissen. Und jeder von uns ist von Gott gemacht, damit wir Wissen erwerben können. Sagt Pythagoras. Wissen, Seele, Macht.

Freitag, 16. Dezember 2011

Die Nacht ist immer, auch am Tag.


So kurz vor dem vierten Advent darf man von der holy night singen, oder? Noch dazu, wenn man es so schön tut...

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Passé.

Ich vergesse dich
und du wirst zu einer
Erinnerung.
Zu einer von den Schönen.
Aber eben doch nur
eine Erinnerung.

Grenzübergreifend.

Briten und Inder und Töne und Text.

The Dharohar Project

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Das Gute

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.
Sie gehen leise,
sie müssen nicht schrein,
oft sind sie alt und hässlich und klein,
die Engel.
Rudolf Otto Wiemer



Dienstag, 13. Dezember 2011

Definitionssache

"Zwei Monate? Das ist nicht alt. Ab einem Jahr ist etwas alt."
Luis M.

Das heisst also, dass mein Opa sehr sehr sehr sehr alt ist, das harte Brot aber noch neu. Der unbeantwortete Brief ist jung, wohingegen das Haus alt ist - obwohl es noch nach Farbe riecht. Aha.
Und wieder einmal liegt es im Auge des Betrachters, wieder einmal ist es die Relation, die das Bild ausmacht.
Wie können wir behaupten, die gleiche Sprache zu sprechen - wo doch eigentlich nie sicher ist, dass wirklich das ankommt, was wir wollen? Wir haben eine Idee, ein Konzept. Das verpacken wir dann in Worte, die wir mit einer Tonlage, Gestik und Mimik ausstatten. Dieses Gesamtpaket flattert dann zu unserem Gegenüber, der das alles wieder auseinander nimmt und schliesslich auch ein Konzept malt. Dieses Konzept unterscheidet sich meist vom Grundkonzept. Mal werden andere Farben verwendet, mal andere Formen, andere Techniken, mal ist sogar das Motiv verändert. Ganz schlimm ist es, wenn jemand einen Wald bei Nacht mit Donner und Blitz losschickt und der andere eine Stadt am helllichten Tag malt, mit blauem Himmel und Sonnenschein.
Eigentlich ist alle Kommunikation ein bisschen wie stille Post.
Ich glaube, deshalb setzt es uns so ausser Gefecht, wenn wir jemanden finden, von dem wir uns verstanden fühlen. Weil wir wissen, dass wir in den wenigsten Fällen wirklich verstanden werden. Meist reicht es, einigermassen über das Gleiche zu reden. Aber wir - oder ich zumindest, ich merke oft, wie nicht ganz das ankommt, was ich losgeschickt habe oder losschicken wollte. Meist reicht es. Meist kommt es nicht so drauf an. Aber wenn dann jemand da ist, der einem das Gefühl gibt, dass das, was gemeint ist, auch verstanden wird (zwischen "das Gefühl geben, dass" und der Realität liegt ein grosser Unterschied...aber das tut hier nichts zur Sache), wenn so jemand da ist, dann ist es doch nur verständlich, dass man sich darin verliert, oder?

Montag, 12. Dezember 2011

Sonntag, 11. Dezember 2011

Kleine Fabel

"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." - "Du musst nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und frass sie.
Franz Kafka

Samstag, 10. Dezember 2011

Zukunftspläne

Ob ich einmal Kinder haben will?

Damit ich zusehen muss, wie sie immer mehr von ihrer kindlichen Unschuld verlieren und die grosse weite Welt entdecken? Damit ich zusehen muss, wie sie zum ersten Mal lügen, zum ersten Mal enttäuscht werden und enttäuschen? Damit ich zusehen muss, wie sie es so sehr probieren und doch nicht ganz schaffen; wie sie Ideale haben, die sie dann wieder über Bord werfen müssen; wie sie langsam anfangen zu verstehen, wie die Welt funktioniert? Damit ich zusehen muss, wie sie Schmerzen empfinden, unsägliche Schmerzen - ein aufgeschürftes Knie, ein Eis auf dem Boden, Liebeskummer, Sinnkrisen und Schlimmeres? Damit ich zusehen muss, wie sie genau die gleichen Fehler machen wie ich und wie tausende anderer Menschen zuvor? Damit ich zusehen muss, wie ich sie langsam aber sicher verliere, wie sie mich nicht mehr brauchen und sich ihre eigene Welt aufbauen, nachdem ich für so viele Jahre ihr Held war?
Damit ich zusehen muss und nichts dagegen tun kann, sie nicht beschützen, bewahren und festhalten kann?

Und du fragst mich, ob ich einmal Kinder haben will?