Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Mittwoch, 5. Oktober 2011

Liebesgedicht an - ja, an wen?

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füsse kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.
Rainer Maria Rilke

Angeblich war das ursprünglich ein Liebesgedicht an Rainers "Geliebte" Lou Andreas-Salomé. Diese schlug dann jedoch vor, das Gedicht in das "Stundenbuch" aufzunehmen und somit Gott zu widmen. Kein Buchstabe musste geändert werden. Wenn man aber ein Liebesgedicht an eine Frau genauso gut auch an Gott richten könnte, gibt es dann vielleicht doch nur eine Art der Liebe? Haben wieder einmal wir Menschen etwas geschaffen - in diesem Fall all die verschiedenen Arten der Liebe: Mutterliebe, Geschwisterliebe, freundschaftliche Liebe uvm. - um uns selbst bemogeln zu können, um uns selbst Grenzen zu setzten, um uns einzuschränken und um Dinge zu definieren? Oder ist das am Ende gar nicht so wichtig, solange man nur liebt?

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