Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Sonntag, 23. Oktober 2011

Frühschicht bei der SBB

Ein korrekt gekleideter Mann mit dem Logo der SBB sitzt auf einem Stuhl. Vor ihm ein Computer. Er nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse und wartet. Er tut nichts. Über ihm leuchtet ein grosses blaues i. i wie information. Wie ich bin für Sie da. ihre Ansprechsperson. Die Uhr zeigt zwei Minuten vor acht Uhr. Ich brauche dringend eine Auskunft, mein Zug fährt 08.03 Uhr, perfektes Timing also. Ich grüsse den Beamten mit dem SBB-Logo auf der Brust freundlich. Das Schild mit den Öffnungszeiten fällt mir ins Auge: offen ab 08.00 Uhr. Toll, denke ich, die Bahnangestellten sind wirklich pünktlich, und anscheinend mag dieser Herr seinen Job. Er informiert gerne. Sogar schon zwei Minuten früher als er müsste!
Denke ich. Einmal mehr denke ich falsch. "Mir händ im Fall nonig göffnet!" ist die patzige Antwort des SBB-Logo-Trägers auf mein "Guten Morgen". Aha. Das ist allerdings eine sehr klare Information. Mein Mund klappt auf. Es vergehen ein paar Sekunden. Dann klappt er wieder zu. Ich vernichte den Mann mit Krawatte, gradem Scheitel und Wollpulli, auf dem das Logo der SBB prangt, mit einem Blick. Die Uhr schlägt 8. Ich drehe mich um und gehe.
Offensichtlich haben wir unterschiedliche Auffassungen von der Definition und Handhabung der Begriffe "Kundenfreundlichkeit", "Kulanz", "Korrektheit". Als ich mich noch einmal umdrehe und zurück blicke, grinst mich das grosse blaue i  an. Ich ziehe eine Fratze. i wie ich bin bünzlig. Wie informationen - nicht bei mir.
Ich steige in den Zug und trauere um die gute alte Gelassenheit und Kompromissbereitschaft.

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