Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Mittwoch, 30. November 2011

Ein ganz normaler Tag

Der Wecker klingelt. Eine Hand kämpft sich aus den Untiefen der flauschigen Zweimeterdecke und haut unsanft auf das piepende Objekt. Acht Minuten himmlicher Ruhe folgen. Der Wecker klingelt. Gleichzeitig ertönt eine wunderschöne Melodie von der anderen Seite des Zimmers - das Handy.

Nach einem verschlafenen Frühstück (die Lektüre: Karl Marx, "Das Kapital") eine kurze schnelle Dusche - die Zeit rennt. Eine gehetzte Fahrt durch die Stadt, zwei rote und eine orangene Ampel und 14 Energieeinheiten. Durch das Hauptportal der Uni. Zeitungsverteilende Menschen davor.

Das Tutorat. Anwesend: Tutor, StudentIn 1-15.
T: Was sind die Konsequenzen von der Definition dieses allgemeinen Begriffs, also im Bezug auf den Autor gesehen?
Stille. 
T: Hat jemand eine Idee?
Stille. S 4 guckt genervt.
T: Habt ihr die Frage verstanden?
Stille. S 11 nickt. S 2 schüttelt den Kopf. S 15 ist eingenickt. S 7 verlässt den Raum. Toilette oder Zigarette, man weiss es nicht genau.
T: Soll ich die Frage umformulieren?
Stille.
T: Also, wenn man sich auf den Autor bezieht, welche...?
Stille. S 3 seufzt. S 1 schreibt eine SMS.
T: Meine Mutter hatte grüne Schuhe, deshalb habe ich studiert.
Stille.

Ein paar zwischenmenschliche Kontakte pflegen, weiter ins nächste Gebäude, ins nächste Tutorat (ist noch ein Beispiel fällig?). Wieder ein paar zwischenmenschliche Kontakte pflegen, Termine vereinbaren, nach Notizen fragen, Notizen zurückgeben, "Hast du auch noch nichts gelernt?", eine Mandarine essen, einen Stoffbeutel voller Werbegeschenke in die Hand gedrückt kriegen, das Fahrrad suchen.

Mittagessen mit alten Bekannten, eine Führung über den Weihnachtsmarkt, plaudern über alte Zeiten. Nostalgie.

Bei der Arbeit. "Wollen Sie vom Pesto probieren, oder lieber ein Stückchen Früchtebrot, ganz ohne Zucker; oder hier hätten wir noch Streuwürze, nur Gemüse und Steinsalz, jaja, ich sage Ihnen doch, kein Glutamat; und die Mandelstäbchen, ganz ohne Mehl; oder meine Lieblinge, die Orangenkekse..." Dazwischen die Melodien von Leise rieselt der Schnee (die Sonne scheint, blauer Himmel) und Pippi Langstrumpf. Was hat Pippi Langstrumpf mit Weihnachten zu tun? Klirr. Ein Stand ist zusammengebrochen. Nicht der mit den Pestos und dem Früchtebrot. Stücke schneiden, Finger schneiden. Streichen. Auffüllen. Von Gegenüber strömen Düfte herüber. Orange und Zitrone.

Mit dem Standbesitzer reden, dem nächsten zunicken, da ein Witz, dort ein "schönen Abend noch". Fahrrad suchen. Berg hochstrampeln. Sich merkwürdig auf dem Boden räkeln und dabei denken "Das ist Pilates, das hat einen Namen, ich mache Pilates, das tut mir gut, es macht Spass, juhu, Pilates...". Zwischenmenschliche Kontakte pflegen. Halle wechseln. Volleyball. Lauter nette Menschen. Vor allem einer. Anspiel, Abnahme, Angriff.

Fahrrad suchen. Durch die kalte Nacht nach Hause. Über die Brücke. Die Treppen hoch. Ein Päckchen. Ein Telefonat. Drei Mails. Eine CD, ein Tee, ein paar Seiten lesen.

Sich in die Zweimeterdecke einkuscheln und die Augen zufallen lassen. Sowas.

Dienstag, 29. November 2011

Umbruch

Umbruch.
Da bricht was. -
Auseinander
-
Gehen. Und kommen.
Geben. Und nehmen.
Verabschieden. Begrüssen.
Entfernen. Hinzufügen.
Abnehmen. Aufhängen.
Umgestalten.

Umbruch.

Goethe war gut.

Auch das ist Kunst,
ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen,
sich soviel Licht ins Herz zu tragen,
dass, wenn die Sonne längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.
Johann Wolfgang von Goethe

Montag, 28. November 2011

Welch Glück, geliebt zu werden.

Willkommen und Abschied
Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht.
Schon stund im Nebelkleid die Eiche
Wie ein getürmter Riese da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr.
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut,
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter,
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund und sah zur Erden
Und sah dir nach mit nassem Blick.
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Johann Wolfgang von Goethe

Mittwoch, 23. November 2011

Ich will auch so eine Zahnbürste haben...

You don't have to see the world to know that it keeps turning.

Teure Raritäten

"Diese Art ist selten, also wertvoll."

Aus dieser Aussage schliesse ich persönlich, dass etwas Seltenes automatisch wertvoll ist. Diese Annahme wiederum wirft drei Fragen auf: Ist etwas nur wertvoll, wenn es selten ist? Ist alles wertvoll, was selten ist? Und werde ich "wertvoller", wenn ich mich "selten mache"?

Dienstag, 22. November 2011

Irgendwo im WorldWideWeb...

...ist dieser Text von mir aufgetaucht. Ich hatte seine Existenz ganz vergessen. Irgendwie interessant. Vielleicht könnte man überall Texte verstecken und irgendwann würde man sie wiederfinden - wie alte Ostereier. Das wäre was.


Leere Lehren eines Kindes

In zwei Wochen habe ich Geburtstag. Ich freue mich wie eine Schneekönigin darauf, wie ein kleines Kind. Als wäre es nicht jedes Jahr das Gleiche. Zwar werde ich diesen wiederkehrenden Anlass erst zum 19. Mal erleben, aber trotzdem würde man meinen, ich hätte es mittlerweile satt. Diese Scheinheiligkeit, diese Schönrederei. Habe ich aber nicht. Ich freue mich. Ich freue mich schon im Voraus auf das Ereignis, bei dem man feiert, dass man ein weiteres Jahr auf dieser Erde überstanden hat. Das nennt man dann wohl „Vorfreude“. Ich denke, mir werden ziemlich viele Leute gratulieren. Das erwarte ich fast schon. Und natürlich habe ich die Hoffnung, dass der eine oder andere sogar ein schönes Geschenk für mich hat. Vorfreude, Erwartungen, Hoffnung. Die schlimmste Kombination, die man sich vorstellen kann. Die Mischung aus diesen drei Emotionen kann zwangsläufig nur ins Verderben führen.
Nichts kann den Illusionen der Vorfreude gerecht werden; Erwartungen werden immer enttäuscht (sofern man menschlich ist und dementsprechend automatisch zu hohe Erwartungen steckt); und Hoffnung, ja Hoffnung ist sowieso zwecklos. Die Hoffnung ist das schlimmste von allen. Sie ist eine einzige grosse Lüge, wie so vieles in unserer Welt. Es ist allein die Hoffnung, die uns weitermachen lässt. Wegen ihr kämpfen wir, ertragen und überwinden Unerträgliches, Unüberwindbares. Die Hoffnung ist der Wassertropfen, wenn wir am Verdursten sind. Sie ist unser Antrieb, sie schenkt und das Leben.
Doch nun noch einmal ganz langsam von vorn. Beginnen wir mit der Vorfreude. Dieses Gefühl kennt jeder. Man stellt sich etwas in der Zukunft vor und freut sich darauf. Ich stelle mir grade jetzt zum Beispiel mein Frühstück von morgen vor. Ich freue mich richtig. Spätestens wenn ich morgen total übermüdet aufwachen werde, ist die Vorfreude verflogen. Wie kann man sich bloss auf etwas freuen, dass in den meisten Fällen gar nie eintritt? Und selbst wenn ich Zeit fürs Frühstück haben würde und nicht zum Bus würde rennen müssen – es würde mir niemals so gut schmecken, wie ich es mir ausgemalt hatte. Wir beschönigen die Dinge in unserer Vorfreude automatisch. Wir träumen, bauen Illusionen auf, malen uns aus, wie etwas wohl sein wird. Und wir denken, dass dies dann der Wirklichkeit entsprechen wird. Womit wir schon bei den Erwartungen angekommen wären.
Erwartungen. Wenn mir jemand etwas verspricht, dann erwarte ich, dass diese Person alles daran setzen wird, um das Versprechen zu halten. Umgekehrt wäre dies nämlich der Fall. Ich verlasse mich blind auf die Worte eines anderen Menschen, ich vertraue ihm, und ich erwarte, dass mein Gegenüber dem gerecht wird. Aber wie oft in meinem jungen Leben wurde ich schon eines Besseren belehrt. Und wie oft habe ich diese guten Lehren beiseite geschoben und mich wieder neu auf ein Versprechen mit daran geknüpften Erwartungen eingelassen. Vertraut. Gehofft.
Das schönste und gefährlichste Gefühl: die Hoffnung. Sie kommt, ohne sich anzukündigen oder zu fragen, wieder und wieder. Ohne sie können wir nicht sein. Wo keine Hoffnung ist, ist kein Leben. Aber gleichzeitig kann man sich in der Hoffnung verlieren. Die Menschen klammern sich an sie, bauen alles auf ihr auf – und stürzen ins Bodenlose, wenn ihr Fundament zusammenbricht.
Vielleicht sollte ich weniger gutgläubig, weniger naiv, optimistisch oder blauäugig durch die Gegend laufen. Vielleicht sollte ich akzeptieren, dass die meisten Versprechen eben doch nur Versprecher sind. Vielleicht sollte ich hinnehmen, dass ent-täuschen bedeutet, dass man jemandem die Realität aufzeigt, ihm seine Täuschung nimmt, ihn klar sehen lässt. Vielleicht sollte ich aufhören, mich im Voraus zu freuen, Erwartungen zu haben, Hoffnung zu wagen. Denn je weniger hoch du steigst, desto weniger tief kannst du fallen.
Doch ich will Lehrerin werden. Noch dazu eine gute. Ich will nicht nur Wissen vermitteln, sondern Lebensqualität. Ich will anregen, nachdenklich stimmen, herausfordern. Um das zu erreichen, darf ich den Optimismus und den Glauben an das Gute nicht aufgeben. Natürlich kann das schief gehen. Ich klettere hoch – also kann ich auch tief fallen. Aber ich freue mich. Ich kann es kaum erwarten. Für die anspruchsvolle Aufgabe des Lehrens muss ich angefüllt sein mit Hoffnung. Ich muss daran glauben, dass es gelingen kann, dass man Erfolg haben und etwas bewirken kann, dass noch nicht alles verloren ist, dass man manchmal auch oben ankommt oder zumindest weich fällt. Denn sonst würden meine Lehren nur Leere verbreiten. Und das ist wohl das Traurigste, was einer Lehrperson widerfahren kann.
Vorfreude, Erwartungen, Hoffnung. Die schlimmste Kombination, die man sich vorstellen kann. Und doch sind diese drei Emotionen so wichtig. Sie helfen uns zu träumen, mit unseren Träumen davonzufliegen, weg von dieser komplizierten Welt. Vorfreude, Erwartungen, Hoffnung. Freiheit.

Montag, 21. November 2011

Von Elefanten, Schlangen und Bäumen.

A story of the different kinds of seeing.


It was six men of Indostan
To learning much inclined,
Who went to see the Elephant
(Though all of them were blind),
That each by observation
Might satisfy his mind.


The First approach'd the Elephant,
And happening to fall
Against his broad and sturdy side,
At once began to bawl:
"God bless me! but the Elephant
Is very like a wall!"


The Second, feeling of the tusk,
Cried, -"Ho! what have we here
So very round and smooth and sharp?
To me 'tis mighty clear
This wonder of an Elephant
Is very like a spear!"


The Third approached the animal,
And happening to take
The squirming trunk within his hands,
Thus boldly up and spake:
"I see," quoth he, "the Elephant
Is very like a snake!"


The Fourth reached out his eager hand,
And felt about the knee.
"What most this wondrous beast is like
Is mighty plain," quoth he,
"'Tis clear enough the Elephant
Is very like a tree!"


The Fifth, who chanced to touch the ear,
Said: "E'en the blindest man
Can tell what this resembles most;
Deny the fact who can,
This marvel of an Elephant
Is very like a fan!"


The Sixth no sooner had begun
About the beast to grope,
Then, seizing on the swinging tail
That fell within his scope,
"I see," quoth he, "the Elephant
Is very like a rope!"


And so these men of Indostan
Disputed loud and long,
Each in his own opinion
Exceeding stiff and strong,
Though each was partly in the right,
And all were in the wrong!


MORAL.
So oft in theologic wars,
The disputants, I ween,
Rail on in utter ignorance
Of what each other mean,
And prate about an Elephant
Not one of them has seen!
John Godfrey Saxe


Sonntag, 20. November 2011

Auf Basels Strassen

Ich (CN) wohne nun seit etwa acht Wochen in Basel. Letzte Woche durfte ich endlich die Verkehrspolizei dieser schönen Stadt kennen lernen. Zwei freundliche mittelalte Damen (PZF 1 & 2) winkten meinen Mitbewohner (MB) und mich an den Strassenrand, kaum dass wir unsere Wohnung verlassen hatten.

Polizeifrau 1: "Händ Sie das Liechtsignal döt nöd gseh?"
Mitbewohner nuschelt etwas.
PZF 1: "Es isch rot. Und rot isch rot."
PZF 2 nickt zustimmend.
MB schaut schuldbewusst zu Boden: "Ja..."
PZF 1: "Das macht denn 60 Franke."
MB hebt entsetzt den Kopf. Flehend: "Nei würkli jetzt?"
PZF 1 erbarmungslos: "Ja wüsset Sie, rot isch rot."
PZF 2 nickt zustimmend.
MB nuschelt, nun etwas gereizt.
PZF 1 bedeutet ihrer Kollegin, Opfer Nummer 2, also CN, ja nicht entkommen zu lassen.
PZF 2 eilt eifrig zu CN.
PZF 1 & 2 nehmen die Personaldaten auf.
PZF 1 freundlich, als würde sie nach der Cumulus-Karte fragen: "Zahlet Sie bar?"
MB: "Nei."
PZF 2 freundlich, als würde sie nach der Superpunkte-Karte fragen: "Zahlet Sie bar?"
CN deprimiert: "Nei." Dann, freundlich und interessiert: "Äxgüsi, ich hett do no e Frog. Chöntet Sie mer ächt de Sinn vo däm Liechtsignal für Velofahrer erkläre?"
PZF 2 schaut erschreckt und hilfesuchend zu PZF 1.
PZF 1 macht drohend einen Schritt auf CN zu.
PZF 1: "Loset Sie: Rot isch rot. Das isch eifach eso."
CN: "Jaja, das isch mer scho klar, aber -"
PZF 1 unterbricht: "Rot isch rot. Und das hett mer z'beachte."
PZF 2 nickt zustimmend.
CN: "Ja ich ha vestande dass rot rot isch. Aber mich wür de Sinn, aso de Zweck vo däre Ample interessiere. Die stoht jo nöd eifach so dötte, oder?"
PZF 1: "Ja...do hetts e Tramhaltestell. Und sowieso, rot isch rot."
CN, nun sehr viel klüger: "Aha..."

Der Tag nimmt seinen Lauf. Der Abend kommt. Die Nacht bricht herein. Der nächste Morgen ist da. CN steht auf. Frühstückt. Nimmt ihr Fahrrad. Überquert die Strasse. Und fährt los, der Sonne entgegen, das künstliche rote Licht ignorierend. Was ist schon rot. Ausser rot.


Anmerkung: Auch Gewinner sind nur Menschen. Und so wie rot rot ist, heisst Parkverbot Parkverbot. Die Basler nehmen's wörtlich. Auch für Catalin Dorian Florescu, den Gewinner des Schweizer Buchpreises 2011 ("Jakob beschliesst zu lieben", C.H.Beck Verlag), wird keine Ausnahme gemacht. So darf er feierlich einen Teil seines Preisgeldes (das 7,5-fache der Lichtsignalbusse) auf der Polizeistation abgeben. Der humorvolle Autor lässt es sich dabei nicht nehmen, dem Polizisten eines seiner Bücher mit der Widmung: "Für die Basler Polizei. Als Dank dafür, dass Sie so gut auf mein Auto aufgepasst haben!" zu überreichen. Sympathisch. Billiger wird's deshalb trotzdem nicht.


Heimweg

Sie rennt, den Blumenstrauss in der rechten, ein Buch in der linken Hand. Die Schminke ein bisschen verschmiert, das Kostüm sitzt nicht mehr ganz perfekt. Sie hat ein anstrengendes aber erfolgreiches Wochenende hinter sich. Das Auto ignoriert sie, der Fahrradfahrer bremst nicht. Sie drückt den Knopf - das Tram fährt ab. Ohne sie. Sie setzt sich auf einen kalten Steinblock. Erschöpft. Das nächste Tram fährt in zehn Minuten. Sie muss warten.
Auch Damen von der Messeleitung sind nur Menschen.

Textkiosk Tag 2

Die Aufgabe an eine Studentin des Schweizerischen Literaturinstituts: Schreibe einen Text, in dem dieses Becken mit den bunten Plastikkugeln drin vor kommt. Das im McDonalds und Ikea steht.
Das Ergebnis:

Meine Schwester war immer mutiger als ich.
Sie sprang zuerst in den eiskalten Bergbach
sie kletterte auf den höheren Baum
sie nahm den ersten Bissen vom geräucherten Bieberschwanz, sie erliebte sich, obwohl sie drei Jahre jünger ist als ich,
vor mir.

Und
sie traute sich - ohne einen Moment zu zögern - in das Aquarium mit den bunten Bällen.

Ich stand aussen
die Nase an die Scheibe gedrückt
jedesmal.

Doch eines Tages beschloss ich
auch ins Aquarium hinein zu gehen
und
ich hatte meine Schuhe schon ausgezogen
die Hände schüchtern in die Hosentaschen gesteckt
da sagte mir die Frau von der Kasse,
dass ich leider schon zu alt wär.

Und seither steh ich jedesmal - und immernoch
wenn ich in der Ikea einkaufe
vor dieser Scheibe
ein zwei Minuten lang.

Noemi Lerch

Samstag, 19. November 2011

Textkiosk

Die Aufgabe an eine Studentin des Schweizerischen Literaturinstituts: Schreibe einen Text, in dem Luftballone und eine Gummibärchentorte vorkommen.
Das Ergebnis:

gustav sagt: wir könnten spinat essen,
das ist alles, danach ist es ruhig.
nur die luft ist sehr echt heute, sie riecht nach winter und nach luft. am rauen himmel sieht man nur himmel in diesem moment und im wald gibt es abdrücke von tieren im schnee.
gustav und paul sehen die ballone in den himmel steigen. sie sind grün und sind am himmel und der himmel ist grau. krähen krähen auf einem starren feld.
bäume gibt es keine, nur in das feld getragene braune äste und die schwarzen vögel am himmel und am boden.
paul nickt.
ja, spinat.
wir könnten ein fest feiern, sagt gustav
und paul fragt, warum.
wei wir uns lieben, sagt gustav
paul nickt.
und die welt, sagt er dann
und die welt, denkt paul.
und die welt, sagt gustav.
in diesem moment fällt ein toter vogel neben ihnen zu boden und paul weint, weil paul weint, weint auch gustav
der vogel ist nur tot. und gefroren.
wir könnten einen gummibärchenkuchen machen, sagt paul
und gustav nickt und wischt sich die letzte träne von der backe.
sie graben ein loch in die gefrorene erde, in dieses loch legen sie den vogel.
er scheint zufrieden zu sein, denkt gustav und muss wieder weinen.
die luft ist jetzt gelb und der kaffee in der thermoskanne ist grau geworden.
sie trinken ihn langsam, schluck um schluck.
die ballone sind verschwunden, sie liegen vielleicht 20 meter vom vogel entfernt auf einem feldweg.
paul sieht einen hasen über das tote feld hoppeln und muss an seinen grossvater denken, der immer wieder mit einem hasen verwechselt wurde.
darüber lacht paul und gustav hat sich auf den boden gesetzt.
langsam sinkt die sonne und unter den füssen bricht eis.
in einer halben dunkelheit gehen gustav und paus nachhause.
hinter ihrem fenster ist das licht warm.
gustav und paul essen spinat und gummibärchenkuchen.
es ist gut denken sie und dass manchmal ein vogel
vom himmel fällt.

Buchtipp 2

Wer das Gefühl hat, sich eingehend mit dem Thema auseinandersetzten zu müssen, ob Wörter wie "Fussgängerstreifen", "Führerausweis", "Pol" und "leserfreundlich" frauendiskriminierend sind, sollte dieses Buch lesen. Wer denkt, dass es wichtigeres auf der Welt gibt, übergeht es. Und wird vermutlich nicht viel verpasst haben.

Buchtipp

Ein schönes Büchlein für Zwichendurch. Folgeband "Me sött nid..." existiert auch. Besonders gefällt mir:
Das Bild: Ein Kind bringt seiner Mutter Blumen. Daneben steht der Vater, ein Schild hängt um seinen Hals: "Ich bin auch Mutter." Me sött am Muttertag den Vater nicht vergessen.


Freitag, 18. November 2011

Lebensweisheiten

"Man muss das Glück herausfordern, um die Zukunft dahin zu bringen, wo sie noch nicht angekommen ist."
Inge Feltrinelli

"Ich kann so viel machen wie ich kann. Aber ich kann halt nicht so viel."                                                                 J.H.

"Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen."                                                       Sigfried Lenz

Donnerstag, 17. November 2011

Ein Meer aus Licht.

Immer wenn ich von Basel nach Zürich fahre, komme ich an diesem gigantischen Lampenmeer vorbei. Kurz vor dem Hauptbahnhof. Es ist meistens schon ganz dunkel, deshalb sieht man nur ganz ganz viele leuchtende Punkte. So quasi bis an den Horizont. Endlos. Als ich einmal genauer hingeschaut habe, was denn da konkret beleuchtet wird, musste ich festellen, dass auf dem riesigen Laternenfeld nur Gleise sind. Abgestellte Züge. Transportwagons. Sonst nichts. Leere. Nur ganz viel Licht.
Natürlich muss ich sofort an den Energieverbrauch denken, an die unnötige Verschwendung. Das ist ja fast noch schlimmer als die ganze dämliche Weihnachtsbeleuchtung. Aber an der erfreuen sich wenigstens noch ein paar Leute. Die Laternen hier - stehen einfach nur rum. Und brennen. Leuchten.
Ich stelle mir beim Blick auf dieses Lichtermeer dann gerne vor, dass das Kerzen sind. Ich sehe sie schon flackern. Und jeden Tag, also jeden Abend, werden sie für jemand anderen angezündet. Für jemanden, der es an diesem Tag, an diesem Abend, in dieser Nacht besonders nötig hat. Niemand geht vergessen. Es gibt genug Laternen, genug Kerzen, genug Licht und Wärme für alle.

Spezialitätenmarkt Zürich HB

Reizüberflutung. Die totale Reizüberflutung.
Die Luft ist aufgeladen.
So viel Licht. So viel Leben.
Worte. Gesten. Mimik. Menschen.
Farben. Gefühle. Töne.
Fühlen. Schmecken. Riechen. Hören. Sehen.
Ich schliesse die Augen,
stopfe Finger in die Ohren,
halte mir (mit meiner dritten Hand) die Nase zu,
beisse mir die Zunge ab
und hülle mich ein, verdecke meine Haut.
So viel Licht. So viel Leben.
Zu viel.

Mittwoch, 16. November 2011

Zwischen A und B

Ich rase mit meinem Fahrrad durch die Stadt.
Ich bin frei wie ein Vogel. Tramgleise, Kreuzungen und Fussgängerstreifen überquerend. Ich fahre über den Rhein, in einem mörderischen Tempo, und spüre die kalte Luft auf meiner Haut kaum. Vermutlich bin ich ganz rot im Gesicht. Ich lege mich voll in die Pedale, richte mich dann auf und lasse den Lenker los. Ganz langsam.
Ich rase durch die Stadt. Ich schliesse die Augen. Breite die Arme aus.
Und fange an
zu fliegen.

Dienstag, 15. November 2011

Unverbrauchte Musiker

Wenn man einem Menschen dabei zugucken kann, wie er das tut, was ihn glücklich macht. Wenn man die Energie spürt, die das Glück hervorbringt. Wenn man sieht, wie die glückerzeugende Aktion auch noch ganz viele andere Menschen glücklich macht. Wenn der ganze Raum positiv geladen und alles gut ist. Wenn man die Zeit vergisst, nur noch ist, nicht mehr denkt, nur noch aufsaugt. In vollen Zügen das Glück aufsaugt. Wenn nichts mehr wichtig ist, nichts, nur der Moment ist, die Bewegungen, die Hitze, das Lachen, die Töne, die Vibration des Basses. Glück. Wenn man vergisst, wer man ist, wo man ist, was man sein sollte oder will. Wenn man sich eins fühlt mit sich und der ganzen Welt und überhaupt.
Dann ist man an einem richtig guten Konzert.

Montag, 14. November 2011

Fast gestorben und mitten im Leben.

"Wenn du dein Leben beenden willst, dann beende es. Aber dafür musst du doch nicht sterben!"

"Was hast du davon, wenn du dich umbringst?"


und daraus:


If you can't change the world, change yourself.
If you can't change yourself, change the world.

I'm in love with the planet I'm standing on
I can't stop
I can't stop thinking of
All the people I've ever loved
All the people I have lost
All the people I'll never know
All the feelings I've never shown.
The world's too big. And life's too short.
To be alone... To be alone.