Der Wecker klingelt. Eine Hand kämpft sich aus den Untiefen der flauschigen Zweimeterdecke und haut unsanft auf das piepende Objekt. Acht Minuten himmlicher Ruhe folgen. Der Wecker klingelt. Gleichzeitig ertönt eine wunderschöne Melodie von der anderen Seite des Zimmers - das Handy.
Nach einem verschlafenen Frühstück (die Lektüre: Karl Marx, "Das Kapital") eine kurze schnelle Dusche - die Zeit rennt. Eine gehetzte Fahrt durch die Stadt, zwei rote und eine orangene Ampel und 14 Energieeinheiten. Durch das Hauptportal der Uni. Zeitungsverteilende Menschen davor.
Das Tutorat. Anwesend: Tutor, StudentIn 1-15.
T: Was sind die Konsequenzen von der Definition dieses allgemeinen Begriffs, also im Bezug auf den Autor gesehen?
Stille.
T: Hat jemand eine Idee?
Stille. S 4 guckt genervt.
T: Habt ihr die Frage verstanden?
Stille. S 11 nickt. S 2 schüttelt den Kopf. S 15 ist eingenickt. S 7 verlässt den Raum. Toilette oder Zigarette, man weiss es nicht genau.
T: Soll ich die Frage umformulieren?
Stille.
T: Also, wenn man sich auf den Autor bezieht, welche...?
Stille. S 3 seufzt. S 1 schreibt eine SMS.
T: Meine Mutter hatte grüne Schuhe, deshalb habe ich studiert.
Stille.
Ein paar zwischenmenschliche Kontakte pflegen, weiter ins nächste Gebäude, ins nächste Tutorat (ist noch ein Beispiel fällig?). Wieder ein paar zwischenmenschliche Kontakte pflegen, Termine vereinbaren, nach Notizen fragen, Notizen zurückgeben, "Hast du auch noch nichts gelernt?", eine Mandarine essen, einen Stoffbeutel voller Werbegeschenke in die Hand gedrückt kriegen, das Fahrrad suchen.
Mittagessen mit alten Bekannten, eine Führung über den Weihnachtsmarkt, plaudern über alte Zeiten. Nostalgie.
Bei der Arbeit. "Wollen Sie vom Pesto probieren, oder lieber ein Stückchen Früchtebrot, ganz ohne Zucker; oder hier hätten wir noch Streuwürze, nur Gemüse und Steinsalz, jaja, ich sage Ihnen doch, kein Glutamat; und die Mandelstäbchen, ganz ohne Mehl; oder meine Lieblinge, die Orangenkekse..." Dazwischen die Melodien von Leise rieselt der Schnee (die Sonne scheint, blauer Himmel) und Pippi Langstrumpf. Was hat Pippi Langstrumpf mit Weihnachten zu tun? Klirr. Ein Stand ist zusammengebrochen. Nicht der mit den Pestos und dem Früchtebrot. Stücke schneiden, Finger schneiden. Streichen. Auffüllen. Von Gegenüber strömen Düfte herüber. Orange und Zitrone.
Mit dem Standbesitzer reden, dem nächsten zunicken, da ein Witz, dort ein "schönen Abend noch". Fahrrad suchen. Berg hochstrampeln. Sich merkwürdig auf dem Boden räkeln und dabei denken "Das ist Pilates, das hat einen Namen, ich mache Pilates, das tut mir gut, es macht Spass, juhu, Pilates...". Zwischenmenschliche Kontakte pflegen. Halle wechseln. Volleyball. Lauter nette Menschen. Vor allem einer. Anspiel, Abnahme, Angriff.
Fahrrad suchen. Durch die kalte Nacht nach Hause. Über die Brücke. Die Treppen hoch. Ein Päckchen. Ein Telefonat. Drei Mails. Eine CD, ein Tee, ein paar Seiten lesen.
Sich in die Zweimeterdecke einkuscheln und die Augen zufallen lassen. Sowas.
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