Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Montag, 28. Januar 2013

Angekommen - Teil 4

Hej!

In der Hoffnung, mich einmal ein bisschen kürzer fassen zu können, schreibe ich euch schon wieder. Eigentlich liegt eine ganz normale Woche hinter mir - es sollte also nicht viel zu erzählen geben… Wir werden sehen:
  • Erwähnter Putzplan von letzter Woche sieht gut aus und ist durchdacht - leider halten sich aber nicht wirklich alle daran… Ist ja auch ganz schön schwierig, die Tätigkeit auszuführen, bei der in der entsprechenden Woche der entsprechende Name steht…
  • Es ist kalt und eisig. Ab und an umarme ich ungewollt spontan Ampelpfosten, Stangentanz sozusagen, um nicht hinzufallen. Aber he, auch Ampelpfosten brauchen Liebe!
  • Inzwischen hatten mein lieber Mitbewohner und auch ich unsere ersten unschönen Begegnungen mit dem landlord. Naja. So ist das eben, wenn man mit "Fremden" zusammenlebt. Wenigstens verstehen wir uns untereinander gut - da können wir uns jeden Abend in einem unserer Zimmer zum gemeinsamen Lästern treffen. Wie gut das tut!
  • Der zweite Malmöbesuch beschränkte sich auf zwei Museen (Museum of Modern Arts mit einer Ausstellung über Supersurrealismus (mit Pilzen und Dalí) und das Malmöhus, ein riiiiiiiiesiges Museum) und eine Falafelbude. In Museum Nummer zwei wandern wir durch eine (schockierende!!) Fotoausstellung über amerikanische Kinder / Jugendliche im Bezug zu Geld. Dann Frage ich den Mann an der Infotheke, was er uns für die letzten 15 Minuten empfiehlt. "Interessierst du dich für Kunst, Natur, Geschichte oder…?" (Das alles wird dort in Ausstellungen behandelt - wie gesagt, RIESIG!) Würde ich mich für etwas besonders interessieren, hätte ich ihn nicht um Rat gefragt, oder? Ich frage ihn nach seinem persönlichen Ratschlag für mich. Er mustert mich von oben bis unten. "Sieh dir doch mal die Fashion-Ausstellung an…" Warum auch immer. Ausserdem - oh Wunder - ist es wieder eisig kalt in Malmö. EISIG.
  • Bello bellt weiter, wird aber mit Isländisch Moos gefüttert (Danke an die Spender!). Die Nase konnte langsam gezähmt werden und läuft nur noch elf Mal täglich davon, nicht mehr 1440 Mal (so viele Minuten hat ein Tag…).
  • Heute waren unglaubliche ELF Briefe für mich im Briefkasten!! (Dass der landlord den seit mehreren Tagen nicht mehr geleert hat, schreibe ich an dieser Stelle nicht. Aber selbst wenn ich es schreiben würde - elf ist doch eine ganz beträchtliche Anzahl. DANKE TAUSEND, weiter so, und die Rücksendungen sind in Arbeit…)
  • Wo wir bei Briefen sind: Die Briefmarken waren plötzlich so teuer, weil die ersten dreissig (aus lauter Verwirrung über die grosse Anzahl) fürs Inland bestimmt waren… Was ich nach dem Verschicken von 25 Briefen / Karten herausgefunden habe… Wäre auch zu schön gewesen, wenn die liebe Post so preisgünstig gearbeitet hätte.
  • Die erste Prüfung (Schwedisch) wurde mit "PASS" (bestanden) bewertet. Jaa!
  • Teppich wurde noch nicht erstanden, also wird nach IKEA gepilgert. Auch ein Handtuch steht auf der Einkaufsliste - meine beiden Jungs schaffen es, beim Duschen das gesamte (winzige) Badezimmer zu fluten. Keine Ahnung wie. Ich schaffe es auf maximal fünf Tropfen, aber auch nur mit Müh, Not und langen, nassen Haaren.
  • "Meine beiden Jungs" - ja, ich habe tatsächlich zwei Mitbewohner. Den einen (Martin) kennt ihr schon, der andere ist auch aufgetaucht: Gustav. Er ist schwedisch und schön, ausserdem nie da. Ich habe ihn bisher einmal von vorn und einmal von hinten gesehen. Er hat für das ganze Semester vorgekocht (glaube ich) und 100'000 Tupperwaredosen gefüllt. Dass ich seiner Schönheit nicht frönen kann, wäre mir ja noch egal. Aber blöder ist es, wenn man neben jemandem an der Bushaltestelle steht und nicht weiss, ob das jetzt der Mensch ist, der ein paar Meter neben mir schläft, mein Badezimmer teilt, aus den gleichen Tassen trinkt wie ich…
  • Ich backe. Jaa! Wie gesagt, viiiiel freie Zeit, wenig Selbstdisziplin. Ich habe schon einen Zopf produziert (und gegessen)(der Ofen ist so winzig, dass der Zopf knapp reingepasst hat - Millimeterarbeit!), Brötchen gebacken, einen (angeblich suuuuperleichten) Schokokuchen versucht zu backen. Erstens kann man in Schweden zwischen gefühlten 100 Milchsorten wählen: Mellanmjölk, Lättmjölk, Filmjölk och så vidare (etc.). Zweitens ist das wieder einmal so eine Sache mit der Salzbutter… Da denkt man doch nicht dran… Also ich jedenfalls nicht. Beim Probieren des Kuchens werde ich wieder daran erinnert. Drittens: Versuche, ohne grossen Aufwand (ich bin faul!) und ohne physikalisches Wissen von Volumen etc. aus einer 2kg-Mehltüte 250g zu entnehmen. Versuche danach selbiges mit einer 2kg-Zuckertüte. Jaaa, Spass!
  • Der Schokoladenkuchen wird am Rand schwarz (hinten links), in der Mitte besteht er aus…naja, Teig. Aber man sollte immer das Positive sehen: So habe ich Schokokuchen INKL. Schokosauce. Sachen wie Salmonellen etc. blende ich aus. Teig ist immer lecker.
  • Inzwischen besitze ich ein eigenes Litermass und einen Teigschaber - zwei MUST-HAVE Küchenutensilien (für die Älteren: must-have = unabkömmlich).
  • Überall hier hängen Handschuhe herum. Der landlord benutzt sie zum Müll raustragen, Wäsche aufhängen, Tab in die Spülmaschine legen, abwaschen, Gemüse schneiden, putzen, Schnee schaufeln (oke, da würde ich auch Handschuhe tragen)… Die einzigen Handschuhe, die er noch nie getragen hat, habe ich zerstört: die Backhandschuhe. Wie gesagt, der Zopf war gross, der Ofen wiiiinzig klein… ein hübsches Brandloch erinnert jetzt an mich und meine Künste. Vielleicht hat IKEA ja auch solche Handschuhe im Angebot.
  • Im Bus geht das Licht aus, wenn weniger als fünf Passagiere darin reisen. Ökologisches Schweden! Oh, und Lund ist "Faire Trade Stadt"! Wie etwa 800 andere Städte auf dieser Welt. Der Brauch kommt aus England. Und man findet wirklich viele Fairtrade-Geschäfte und -Produkte hier!
  • Ich besuche eine Taizé-Andacht im Haus eines Dominikaner-Ordens und kann danach mit einer (sehr lustigen) Nonne nach Hause fahren (etwa zehn Laufminuten von hier leben sieben Nonnen in einem Klösterchen). Sie fährt gegen eine Hausmauer, aber ich fühle mich jederzeit sicher und behütet - mit einer Nonne kann einem nichts passieren, oder?
  • Mein Schwedisch übe ich untere anderem auch im Café Multilingual. Einmal pro Woche versammeln sich junge Leute um Tische mit Flaggen darauf. Man spricht die jeweils zugehörige Sprache zur Flagge. Zum Aufwärmen setze ich mich an den deutschen Tisch und siehe da - ich bin umringt von Schweden! Da sind die also! Ich dachte schon, in Lund gibt es nur Austauschstudenten… Noch dazu treffe ich eine Namensvetterin, wenn auch mit c geschrieben.
  • Kitschig schöne Sonnenauf- / -untergänge gehören hier zum Alltag. (Ja, ich mag Kitsch, wenn er Realität wird.)
  • Manche (Deutsche!) verwechseln Schweizerdeutsch mit Schwedisch. Praktisch, so kann ich so tun, als könnte ich fliessend Schwedisch sprechen.
  • Ein weiterer "Markt" fand statt. Alle Uni- und Nicht-Uni-Organisationen hatten einen Stand und verteilten Flyer. Meine Ausbeute: Viiiiiele Kugelschreiber, viiiiiele Kekse, viiiiiiel Altpapier und viiiiiiele Kondome. Die scheinen sein beliebtes Werbemittel der Studentenorganisationen zu sein. Durch die viiiiielen Menschen wurde der Raum knapp und warm - zum ersten Mal hier war mir durch und durch HEISS. Ich hatte dieses Gefühl schon fast vergessen.
  • Von einer (gratis!) Führung durch die Domkirche kann ich euch vor allem eins berichten: Ein Besuch dort lohnt sich! Die riesige astronomische Uhr ist beeindruckend, ausserdem steht die grösste Orgel Skandinaviens in diesem Dom (jeden Samstag gibt's ein Gratiskonzert!).
  • Viel Schnee in einer Stadt + viel Salz = IIIIIHH!
  • In meinen Kursen (ja, nebenbei studiere ich noch) sitzen Menschen aus aller Welt. Es ist sehr spannend, über die Sozialpolitik oder das Schulsystem in Singapur, den USA, Grossbritannien, Frankreich, Holland, Deutschland, China und der Schweiz zu reden. Und es ist auch sehr - ähm - horizonterweiternd. Bereichernd. Lehrreich. Ihr wisst schon. GUT.
  • Insgesamt fühle ich mich sehr wohl hier. Es hat sich mehr oder weniger alles geregelt, der Anfangsstress ist vorbei, der Alltag (was auch immer das ist) kann so langsam Einzug halten. Ich bin angekommen.
Naja, soviel zu kurz. Ein venezianischer Kuss klebt jetzt an meiner Zimmerwand - die weissen Wände haben mich ganz verrückt gemacht. Schreibt weiterhin Briefe, Mails, Karten… Die Karten gesellen sich zum Kuss.

Bästa hälsningar aus Eisland (die haben Schweden heimlich annektiert…)

Montag, 21. Januar 2013

Mittendrin - Teil 3

Hej!
Wieder einmal ist es Montagabend und ich widme mich der letzten Woche. Es kommt mir vor, als wäre ich schon Monate hier.
  • Inzwischen weiss ich, dass die Nations nur um mich buhlen, weil sie Geld für jedes Mitglied kriegen. Die wollten also gar nicht mich. Einmal mehr lande ich auf dem Boden der Tatsachen…
  • Es ist kalt hier.
  • Und es schneit ab und zu. So viel Schnee sei ungewöhnlich für die Gegend hier, erklären mir ein paar Schweden. So feiern sie denn auch ausgelassen mit belgischem Bier, mexikanischen Hüten und deutschen Liedern (Da hat das rote Pferd…; Und ich flieg, flieg, flieg…) mittags vor dem Hauptgebäude.
  • Es ist irgendwie merkwürdig, Schwedisch auf Englisch zu lernen. Aber es macht riesigen Spass.
  • Ja, das liebe Schwedisch. Ein offensichtlich einsamer (oder einfach sehr gesprächiger) Mann an der Bushaltestelle fing ein Gespräch mit mir an. Leider wurde es mehr ein Monolog, so hatte ich keine Chance ihm zu sagen, dass ich kein Wort von seinem skånska-Schwedisch (der Dialekt hier heisst so) verstehe. Geschlagene zehn Minuten konnte ich das Gespräch mit "Ja, Nei?, Aha!, Mh" etc. aufrecht erhalten! Ja, darauf bin ich stolz. Jetzt glauben alle, ich wäre Schwedin.
  • Es ist spannend, mit einem Wissenschaftler zusammen zu wohnen - aber auch anstrengend. So gibt es immer wieder Diskussionen über die Forschung, ihre Methoden und ob Geisteswissenschaften sich Wissenschaften nennen dürfen. Auch scheint es unmöglich, ihm begreiflich zu machen, dass für mich ein Zimmer mit 16,8 Grad im Winter zu kalt ist. Er meint immer, ich solle mehr anziehen. Dass ich bereits alles trage, was ich besitze (ausser Handschuhe und Mütze, aber meiner Meinung nach ist das unhöflich im Haus), überhört er einfach.
  • Mit selbigem Wissenschaftler diskutiere ich nun sämtliche Themen durch. Heute waren die Islamisten, Terroristen und Ghandi dran. Sollte man die andere Wange hinhalten oder eiskalt zuschlagen? Es prallen Welten aufeinander, ich werde naiv genannt und schlage mit dem Wort "erwachsen" zurück.
  • Ab und zu reden wir auch über alltägliche Dinge, und das meist in Schwedisch. Anstrengend aber mit grossem Lernerfolg. Allerdings ist es schwierig, ein Gespräch mit ihm zu beenden. Läuft man weg, fängt er einfach an zu schreien...
  • Ich befinde mich im Winter-Wonderland: Alles ist eingefroren und sieht wunderschön aus. Also die Natur. Eingefrorene Menschen sieht man auch, aber die würde ich nicht mit "wunderschön" umschreiben.
  • Übrigens: Menschen mit einer langen Nase sollten nicht nach Lund kommen. Die würde ihnen nämlich abfallen. Blau-violett erfroren. Ganz sicher.
  • Malmö ist noch kälter als Lund. Logisch, es liegt am Meer, da gibt es mehr Wind. Ich finde es trotzdem doof. Vor allem, weil die "konsthall" umgebaut wird und deshalb geschlossen hatte, in der Kirche, in der wir uns aufwärmen wollten, eine Diplomfeier statt fand und das Museum, als wir es endlich gefunden hatten, nur noch eine halbe Stunde geöffnet hatte. Es blieb uns also gar nichts anderes übrig, als unserer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Fika. Fika (Fi-ka --> Ka-fi --> Kaffee…) ist ein schwedischer Ausdruck für rumsitzen, trinken, essen, plaudern. Merkt euch also: Versucht nicht im Winter, in Schweden eine Stadt erkunden zu wollen.
  • Resultat von der kalten Stadttour und einer aussergewöhnlich kalten Nacht in meinem heimeligen Zimmer: Ich höre meinen Nachbarn nicht mehr husten, sondern habe mit ihm um den Status des Bellos gekämpft. Einfach weggehustet hab ich ihn. Aber mit viel Tee und dem Frühling, der bald kommen wird, wird sich das wieder legen. Jawohl.
  • Apropos Frühling: Für die Schwedinnen scheinen nur -8°C schon Frühling zu sein. Die tragen teilweise (ein grosser Teil!) nur Leggins oder Strumpfhosen. Das trage ich auch - aber mit einer Hose darüber! Einer langen Hose! Hier zieht man dazu - wärmstenfalls - noch ein Röckchen drüber.
  • Die Hosenbeine der (schwedischen) Männer sind übrigens enger als meine Pulloverärmel.
  • Inzwischen besitze ich drei groooosse Kerzen. Leider bin ich Nichtraucher. Da mein täglicher Bedarf an Diskussionen mehr als gedeckt ist, stelle ich mir die Flammen halt nur vor. Einkaufsliste für morgen: Streichhölzer. (Ja, das Leben kann ganz schön schwierig sein!)
  • Die erste Post ist angekommen - juhuu! Und DANKE an alle Sender!
  • 20 neue Briefmarken (und dann noch welche zum ablecken, bäh) kosteten weit mehr als die 30 das letzte Mal. Hää?
  • Ein Teesieb habe ich inzwischen auch. Für 10 Mal teurer als ich es hätte haben können, aber naja - man muss sich halt erst zurecht finden in einem anderen Land.
  • Die meisten Leute hier studieren etwas Technisches oder Wirtschaft oder so. Es ist spannend, einmal nicht nur von Geisteswissenschaftlern umgeben zu sein.
  • Weil ich so weit ausserhalb lebe, kann man hier super spazieren gehen (ja, ich bin tatsächlich schon in dem Alter, in dem man gerne und freiwillig spazieren geht). Also mache ich mich auf, nachmittags halb 3. Nach einer halben Stunde beginnen die Schatten länger zu werden, also beschliesse ich umzudrehen. Ahnungslos werde ich mit voller Wucht getroffen: Der Wind (es ist flach und eher baumlos hier) schlägt seine Klauen in jede Zelle meines Körpers. Ereignet sich so ein Angriff, heisst es nur noch: Renn so schnell du kannst! Da ich neu hier bin, kenne ich diese Regel noch nicht. Sie ergibt sich aber von selbst, wenn man die ein oder andere Frostbeule an seinem Körper entdeckt.
  • So langsam verstehe ich, warum hier alle so viel Kaffee trinken.
  • Ich weiss ja, dass ich zufrieden sein soll und kann mit dem, was ich kriege und habe und so. Und das bin ich auch. (Meistens…ich glaube, Zufriedenheit ist eine Lebensaufgabe. Und mein Leben ist noch nicht soo lang. Aber eben, meistens bin ich's.) Aber trotzdem kann es deprimierend sein, die Unterschiede zu sehen. Nicht unbedingt für mich deprimierend, auch für andere : Finnen werden fürs Studieren bezahlt, während tausende junge Menschen in anderen Ländern keine Bildung erhalten. So als Beispiel. Und und und.
  • Finnland ist sowieso ein sehr sympathisches Land: Die haben da keinen Smalltalk, bedanken sich nicht die ganze Zeit und sind pünktlich… Und sie sprechen das französische Würstchen (saucisse) Sauzisse aus. Wohlgemerkt: ALLE Finnen sind IMMER so.
  • Die Funktion "Bluetooth" wurde in Lund erfunden. Jaa!
  • Das Soziologische Institut liegt an der "Paradiesstrasse". Wenn das kein gutes Omen ist.
  • Die erste Prüfung (Schwedisch) ist vorbei. Sie fand in einer Sportarena statt. Wie aufregend.
  • Wir haben jetzt einen Putzplan! Vermutlich gar nicht so schlecht für mich in einem Männerhaushalt.
  • Der Tagesrhythmus hier ist gar nicht so schlecht: Die Sonne taucht den neuen Tag auf dem Weg zur Uni (etwa 9 Uhr) in ihr goldenes Licht, beim Nachmittagsspaziergang geht sie unter. Praktisch - sonst habe ich dann immer noch geschlafen / Abendbrot gegessen und den Sonnenauf / - unter - gang verpasst.
  • Meine Kartensammlung erweitert sich: Ich bin nun Mitglied der Universitätsbibliothek und der öffentlichen Bibliothek.
  • Unser Soziologiedozent, sehr jung, sieht es als selbstverständlich an, dass wir alle glauben, dass alle Menschen gleich geboren wurden. Ich weiss nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll.
  • Selbiger meint auch: "I don't make more money than I need." Ebenfalls ein interessanter Satz, der mich beschäftigt. Was brauche ich denn? Wie viel Geld brauche ich denn? Darf ich jetzt keinen Nebenjob annehmen, um mir eine Reise nach Afrika zu finanzieren, nur weil ich sie nicht brauche? Oder brauche ich Dinge wie Reisen?
  • Planst du einen Auslandsaufenthalt, nicht vergessen: Gewürze, Tee, Streichhölzer, Kerzen und eine Decke einpacken. Und Tupperware. Ja! Mir hat das leider niemand gesagt, weshalb ich ersteres gekauft und letzteres (noch?) nicht gekauft habe. Das studentische "Ich koche einmal in der Woche gaaaaanz viel und friere es dann ein" funktioniert also nicht.
Ja, das war es wieder einmal. Heute hat das Semester angefangen - 20 Wochen Studium warten auf mich. Und eine schwere Aufgabe: Selbstdisziplin lernen. Ich habe nämlich oft frei, zahlreiche leere Blätter um meinen Kopf darauf zu entleeren und noch zahlreichere beschriebene Blätter um meinen Kopf damit zu füllen. Und viele Mitstudenten voller Pläne (Filmabende; Trips nach Malmö, Kopenhagen, Stockholm, Berlin, Oslo…; Spieleabende und und und). Wir werden sehen.

Herzlichen Dank für all die lieben Rückmeldungen - ich freue mich sehr darüber.
Bästa hälsningar aus Södra Sandby

Montag, 14. Januar 2013

Da - Teil 2

Hej!
Die ersten Tage sind vorbei, ich fühle mich schon ganz zu Hause hier in Schweden. Abschied nehmen ist nie einfach, aber die vielen neuen Dinge lenken ab. Doch zuerst zur Anreise mit dem Nachtzug über Kopenhagen:
  • Der Standard ist hoch: Sogar WC-Bürsten gibt es in den Zügen der Deutschen Bahn. (Das gab es noch nicht immer!)
  • Schokolade tut immer gut.
  • Nimm so viel mit wie du tragen kannst? Falsch. Nur so viel, dass du noch Treppen benutzen kannst...
  • Es ist immer zu kalt oder zu warm in diesen Nachtzügen.
  • Polizei, Zoll, Schaffner – eine Menge Leute wollen dich kontrollieren.
  • Und noch einmal: Wie viele Menschen doch in ein Herz passen können...
Angekommen in Kopenhagen treffe ich gleich eine Horde Deutscher, die auch nach Lund müssen. Und schon bin ich mitten im sogenannten „Arrival Day“.
  • Ich habe nicht am meisten Gepäck dabei. Andere können gar nicht mehr selbstständig laufen. Könnte ich auch nicht mit zwei super super super super size (will heissen: sehr grossen) Koffern.
  • Massen an Austauschstundenten sind um mich herum (etwa 1500...).
  • „Welcome to Lund“ ist der meistgehörte Satz an diesem Tag.
  • Es ist EISKALT, wunderschön und ab und zu fallen ein paar Flocken vom Himmel.
  • Man wird mit vielen Infos und noch mehr Papieren eingedeckt.
Nach dem ganzen Infozeug schaffe ich es irgendwie, meinen „landlord“ (Vermieter) dazu zu bringen, mich abzuholen. Er fährt mich nach Södra Sandby, einem winzigen Dörfchen etwa 10 km ausserhalb von Lund.
  • Laut dem landlord sind es 10 Busminuten bis ins Stadtzentrum. Laut meiner Uhr 25.
  • Das Haus ist gemütlich und erinnert sehr an die vier Töchter, die hier aufgewachsen sind. Insgesamt hat der landlord fünf Töchter, zwei davon waren auch schon da. Sie interessieren sich alle für Ökologie, Biologie, Geologie und so weiter. Eine von ihnen will Paläontologin werden, also Dinosaurierknochen untersuchen.
  • Der landlord ist sowohl Arzt als auch Forst-Forscher, weiss also eine Menge. Er versucht ständig, mich (Vegetarierin) zum Fisch essen zu bewegen. Er redet viel und gerne.
  • Auf einem 2-stündigen Spaziergang erzählt er viel über die Flora und Fauna in Skåne (so heisst diese Region von Schweden). Ich bedauere, dass ich früher nicht besser aufgepasst habe und somit nun die lateinischen Namen der Pflanzen nicht kenne.
  • Mein Zimmer ist etwas kalt und hat noch leere weisse Wände, aber es ist trotzdem gemütlich. Es hat eine Dachschräge und ich kann meinen Nachbarn husten hören.
  • Apropos Nachbarn: Ich habe zwei Mitbewohner. Gustav studiert irgend etwas mit Technik oder so, momentan fährt er Ski in Italien. Martin studiert Geschichte und Politologie (ihn höre ich husten, er wohnt gleich auf der anderen Seite der Wand). Er ist eine Orientierungsniete (wie ich), wie sich bei einer Stadterkundungstour herausstellt. Nur hat er Google Maps auf seinem Smartphone, während ich, ganz altmodisch, den Stadtplan hervor holen muss... Beide Mitbewohner sind Schweden, ich habe also die Hoffnung, ein bisschen Schwedisch von ihnen zu lernen...
  • Das Badezimmerfenster kann nicht geöffnet werden (weil danach unverschliessbar). Hoffentlich schaffe ich es jeweils vor den Jungs dort hinein... Denn nach ihnen könnte es zu Vergasungserscheinungen kommen.
  • Man kann die Sterne sehen... Und der Bus fährt samstags zwei Mal pro Stunde. Willkommen zurück auf dem Land!
  • Wärmflaschen sind in Schweden aus der Mode. Nur 110-jährige alte Ladies benutzen sie noch. Mein Mitbewohner, Martin, kannte noch nicht einmal das schwedische Wort dafür... Der erste negative Punkt – was ist ein Bett ohne Wärmflasche?
  • Der zweite negative Punkt: Schweden mögen’s weich. Ich werde für die nächsten sechs Monate also auf einer Badewannenmatratze schlafen.
Ich wohne in Södra Sandby aber studiere in Lund. Also ein paar Worte zur Stadt von Sony Ericsson und zum Erfinderort von Tetra Pak (ja, wirklich, das wurde in Lund erfunden! Heute befindet sich der Hauptsitz in der Schweiz, in Lausanne.):
  • Lund besteht aus der Universität. Alles in Lund IST Universität.
  • Als ich 30 Briefmarken kaufen will, starrt mich der Verkäufer nur geschockt an. „Dreissig??“ Ich verspreche ihm, zurück zu kommen und mehr zu kaufen, weil ich viele Briefe und Karten schreiben würde. Er fällt fast in Ohnmacht. Um mein Versprechen einzuhalten brauche ich aber Hilfe – schickt mir was und ich werde antworten!
  • Die ersten Leute lerne ich in meiner „Mentoring Group“ kennen, einem Programm für Austauschstudenten. Ich treffe Menschen aus Kanada, Ostdeutschland (ja, sie sind überall), den USA, Polen, Litauen und Singapur. In Singapur ist Kaugummi illegal – schon gewusst? Zur Feier des Tages essen wir mexikanisch.
  • Der Bus fährt auf einer Art Trottoir neben der Strasse. Links neben der Strasse.
  • Ich bin nicht die einzige verlorene Studentin in Lunds Strassen.
  • Ein Schwedischkurs in einem vollen Hörsaal ist Spass pur. Vor allem Kanadier, die probieren „ü“ zu sagen, sind amüsant. (Bis das Studium am 21. Januar anfängt, besuche ich einen Schwedischkurs.)
  • Ebenjener Kanadier schüttete Joghurt in seinen Kaffee, im festen Glauben es sei Milch. War es nicht. Das merkte er auch. (Da bin ich geradezu gut weggekommen mit meiner salzigen Butter, die ich auf mein Nutellabrot gestrichen habe... Aber was will man machen, die Butter muss aufgegessen werden. Man gewöhnt sich mit der Zeit an den Geschmack (ähnlich wie die Salz-Schokolade von Lindt), und sonst verdickt man einfach die Nutella-Schicht.)
  • Es gibt viele schöne, alte, imposante Gebäude in Lund.
  • ES IST KALT!!!!!
  • In Lund MUSS man ein Fahrrad besitzen. Das sagen alle. Aber ein altes, billiges, denn es wird eh geklaut. Das sagen auch alle. (Es gibt etwa 40'000 Studenten in Lund, insgesamt etwa 80'000 Einwohner. Und 250'000 Fahrräder...)
  • Irgendwie gibt es doch Länderklischees, die sich bewahrheiten. Schweden sind schön, auch Polen und Finnen kann man an ihren Gesichtszügen erkennen, Amis / Kanadierinnen neigen zu ausgeprägtem Modesinn (im Allgemeinen auch „Tussis“ genannt), Asiaten sind höflich, schmatzen und schlurfen und und und.
  • Das nette Ami-Girl (Boston) erzählt beim Mittagessen: „In Amerika schauen alle ständig auf ihr Smartphone, auch beim Essen. Das nervt so!“ Sagt’s und schaut auf ihr iPhone. Diese Geräte sind allgemein sehr beliebt bei den internationalen Studenten. ALLES läuft über Facebook.
  • Es gibt über zehn „Nations“ in Lund. Das sind alles Studentenorganisationen, die ihre eigenen Clubs, Kaffees und so weiter haben. Sie organisieren tausend Anlässe, man könnte seine Wochen nur mit ihren Aktivitäten füllen. Alle Nations buhlen um die Neuankömmlinge, denn normalerweise wird man Mitglied einer Nation. Die Mitgliedschaft bringt einem viele Rabatte und andere Vorteile. Am Schluss ist es vollkommen egal, von welcher Nation man Mitglied wird - die Mitgliedschaft gilt auch für die Angebote der anderen Nations. Aber es scheint eine Art Studentensport zu sein, für seine Nation zu werben.
Fazit: Die Schweden sind sehr gastfreundlich und "welcoming". Es ist spannend, Menschen aus aller Welt (und somit allen Kulturen) zu treffen. Und: ES IST KALT HIER OBEN!

Das war's für's zweite Mal. Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen, sei es auf elektronischem oder nicht elektronischem Postweg.

Bästa hälsningar aus Schweden!

Dienstag, 8. Januar 2013

Davor - Teil 1


Hej!

Wie vermutlich die meisten bereits wissen, werde ich die nächsten Monate in Südschweden verbringen, genauer gesagt in Lund. Lund liegt in Skåne, 45 Zugminuten von Kopenhagen entfernt und hat gut 80'000 Einwohner. Etwa die Hälfte davon gehören zur gleichen Sparte wie ich, sind also fleissige Universitätsbesucher. Wohnen werde ich ein bisschen ausserhalb der Kleinstadt bei einem (hoffentlich) netten Mann, dessen (vegetarische) Töchter ebenfalls zwecks Universitätsbesuch in alle Welt ausgeflogen sind. Er hat ein Klavier, trinkt viel Tee und betreibt Forstforschung. Es dürfte also eine interessante Zeit werden... Auch diesmal werde ich es mir nicht nehmen lassen, mehr oder weniger oft von den kleinen und grossen Abenteuern zu berichten, die meinen Lebensweg kreuzen werden.

Den Anfang machen dieses Mal ausnahmsweise nicht die bekannten Stichworte. Es ist zwei Abende vor der Abfahrt und ich slitze (halb sitzen, halb liegen) auf meiner Matratze, die eigentlich der WG gehört. Um mich herum liegen ein fast ganz gepackter Rucksack, eine fast leere Kiste, verschiedene Abfallhaufen und noch andere uninteressante Dinge. Bei einem so unabgerundetem Bild kann man einfach keine Satzbruchstücke verfassen. Deshalb eben ein Fliesstext.

Es ist schon sehr merkwürdig, sein fast ganzes Hab und Gut, auch wenn es mehr oder weniger problemlos in ein 10qm2 – Zimmer passt, in Kisten zu packen und fremden Männern mitzugeben. Die hieven meine Fotoalben, Bücher, Lieblingstrainerhosen, meine selbst geblasene Vase und meine alten Tagebücher einfach auf ihre Schultern und stapeln sie in einer Lagerhalle zu einem hohen Turm. Möge er sicher und stabil für die nächsten acht Monate dort stehen.

Auch merkwürdig ist, wie viele Menschen Platz in einem einzigen Herzen haben. Und wie schwer einem der Abschied fällt, obwohl man manche sowieso nicht häufiger als selten sieht. Oder dass in meinem Reich nun ein anderer Mensch wohnen und es mit neuen Geschichten und Erinnerungen füllen wird.

Was ganz und gar nicht merkwürdig sondern sonnenklar und absolut mühsam ist, ist der begrenzte Platz eines Rucksacks. Und die begrenzte Anzahl Hände eines Menschen. Wer von Januar bis Juni für das Studentenleben im fernen Norden gerüstet sein will, der braucht Muskeln, das ist mir jetzt klar. Anders kann die ganze Bagage ja nicht transportiert werden. Am schwierigsten ist die Wahl der Halswärmer. Grundsätzlich befolge ich strikt diese Regel: Nimm nur so viele Schals mit, wie du Wochen in die Ferien fährst. Für drei Wochen Sommerurlaub darf ich also drei Halstücher und zwei Schals einpacken (weil die Halstücher doch so dünn sind...). Wie sieht das aber aus, wenn man mehr als zwanzig Wochen wegfährt? Ich müsste immer noch die Hälfte meiner Sammlung zurück lassen, doch ich könnte weder Hosen noch Schuhe oder meine Wollsocken mitnehmen – was ungünstig wäre, denn gegen Eisklotzfüsse helfen auch zwanzig Schals (Schale? Schäler?) nicht viel. Fazit: Ich habe eine grausame Selektierung hinter mich bringen müssen...

Nun ist der Kampf mit den Reisverschlüssen bald beendet und die Reise geht los. Mit vielen guten Wünschen, einem schwedischen Vokabular-Büchlein und einer Notration Schweizer Schokolade bin ich bestens gerüstet für das Abenteuer „Erasmus in Lund“.

Natürlich freue ich mich immer auf Rückmeldungen von euch. Falls euch das Post-Fieber überkommt – nur nach der Adresse fragen!

Jetzt wünsche ich euch von Herzen eine gute Woche, einen guten Monat, ein gutes Jahr. Ich melde mich vermutlich wieder, wenn es Meldenswertes gibt. Sonst auch, so wie ich mich kenne.


Bästa hälsningar, zum vorerst letzten Mal aus Kleinbasel!

Samstag, 27. Oktober 2012

Schutz vor der Nacktheit

Ich bin das Wichtigste überhaupt. Ich bedecke, und sorge somit dafür, dass niemand von der Nacktheit pikiert wegschauen muss. Ich bedecke, wie der Schnee die Berge. Puder. Manche drücken mich nach unten, vermischen mich. Dann bin ich nicht mehr der Schnee auf dem Gipfel, dann bin ich die Wiese beim Abstieg, die schönsten Bergblumen, die Pause nach der grössten Anstrengung. Andere tragen mich Stück für Stück ab, wie ein Bagger. Sie tragen mich vom Gipfel in die warme Höhle. Bin ich nicht da, fehlt etwas. Nacktheit ist die Folge. Trocken, eintönig, langweilig.
Ich bin das Schokoladenpulver auf dem Cappuccino - Schäumchen. Ich bin das Wichtigste überhaupt.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Der Sinn dahinter

Ich glaube, der liebe Gott, die Natur oder wer / was auch immer hat die Halsbeuge nur dazu erfunden, damit ein Mensch ein Leben lang suchen kann, welcher Kopf wohl dort hinein passt. Das mag erstaunlich sein, denken doch viele, Gott, die Natur oder wer / was auch immer hätte die Halsbeuge, den Hals und den Nacken nur dazu erfunden, die Menschen zu quälen. Mit Nackenstarre oder -weh, einem Kratzen oder Frosch im Hals, oder um einen schweren Kopf darauf zu setzen, unter dem der schmale Hals zusammenzubrechen droht. Nun, ich darf verkünden: Ich glaube, die Halsbeuge wurde für den Kopf eines anderen Menschen gemacht. Natürlich passen mehrere Leute in eine Halsbeuge. Nicht auf einmal, aber nacheinander. Manche passen gar nicht, drücken, andere fühlen sich gut an. Aber eine Person passt noch besser als alle anderen, der Kopf einer Person schmiegt sich perfekt an die Linien der Halsbeuge. Und ich glaube, der liebe Gott, die Natur oder wer / was auch immer hat die Halsbeuge erfunden, um uns das Leben einfacher zu machen. Mit der Halsbeuge können wir ganz einfach testen, ob ein Mensch zu uns passt. Passt es, passt es. Drückt es, passt es nicht. So ist das.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Die nächste Reise

Und wieder einmal packe ich meine Koffer und Taschen. Verstaue alles in Kisten und Tüten. Wie immer landen alle Bücher in einer Kiste, bis ich merke, dass ich sie dann nicht mehr tragen kann. Also wieder auspacken, Karton mit Kleidern auffüllen, Bücher verteilen. In die Tassen werden Socken gestopft, in die Schuhe auch, zwischen die vielen Schals kommen die feinen Kerzenhalter und andere zerbrechliche Dinge. Säuberlich wird alles beschriftet ("Bücher, Kleider, Schuhe" oder "CD's, Bücher, Kleider" oder "Badezimmer, Küche, Bücher") und gestapelt, bis ich umgeben bin von ganzen Karton-Türmen. Meine Holz-Kisten staple ich ineinander, ich fühle mich wie in einem lebensgrossen Tetris-Spiel. Nägel werden aus der Wand gezogen, Bilder abgehenkt, Klebestreifen abgekratzt. Und immer wieder stellt sich die eine Frage: "Behalten oder wegwerfen?" Auch andere Gedanken kehren beständig und zuverlässig zurück, wie bestellt: "Hier werde ich nie wieder duschen. Oder kochen. Joghurt essen. In den Türrahmen laufen, weil ich morgens noch nichts sehe. Frieren, weil die Heizung ausgefallen ist. Ich werde mich nie wieder über dieses WC beugen, weil es verstopft ist. Nie wieder diesen Boden staubsaugen, die Fenster putzen, die Haustür abschliessen." Stück für Stück trage ich meinen Besitz aus meinem Zuhause, aus meinem Zimmer raus. Es wird immer leerer. Ich auch. Ganz zum Schluss kratze ich die Aufkleber von der Tür. Sie hinterlassen dunkle Stellen, reissen den Lack mit sich. Pinsel, Farbtopf - einmal drüber gestrichen, schon ist nichts mehr zu sehen. Bald wird die Tür getrocknet sein, bereit, für die nächsten Aufkleber. Das Zimmer, bereit, für den nächsten Bewohner. Bereit, wieder ein Zuhause zu sein. Meines ist es nicht mehr.

Donnerstag, 19. Juli 2012

Der Plan

Ich möchte Liebe machen mit dir. Ich möchte alle Räume füllen, bis in die Ecken und unter die Decken. Ich möchte Liebe machen mit dir, überall und immerzu, ich möchte die ganze Welt in einen dicken Mantel aus lauter Liebe stecken. Wir werden umhüllt sein von einer Schicht der puren Liebe. Ich möchte Liebe machen mit dir, weil ich denke, dass wir das gut können. Wenn du da bist, fällt es mir nicht schwer, Liebe zu machen. Ich möchte Liebe machen mit dir, Tag und Nacht, jede Minute und Sekunde des Daseins, auch an den Schalttagen und während der Schaltsekunden. Ich möchte Liebe machen mit dir, ganz viel, und sie mit allen Menschen und Tieren und anderen Lebenwesen und Nicht-Lebewesen des Universums teilen. Ich möchte Liebe machen mit dir und die anderen damit anstecken, damit sie auch Liebe machen. Und wenn die ganze Welt Liebe macht, werden wir uns im Kreis drehen und glücklich sein. (Vorher auch schon.)


Montag, 9. Juli 2012

Kleintiere

Heute hat mir ein Junge erklärt, wie ich Milben erkenne. Ich teile dieses Geheimnis nun mit euch.
Man muss ganz leicht auf das schnell kriechende, orange Tierchen drauf drücken (pf) und den Finger langsam verschieben. War es eine Milbe, entsteht eine rote Spur auf der Unterlage. Unser Demonstrationsobjekt war keine Milbe. Zwar auch klein und orange hatte es einen Panzer. In solchen Fällen muss man fester drauf drücken (pffftsch).
Sagte der Junge.
Ja, so ist das.

Samstag, 7. Juli 2012

Strassenszene

Gestern ist mir ein Bild begegnet, das mich tief berührt hat.
Ein Tandem fuhr an mir vorbei. Darauf sassen ein alter Mann (vorne) und eine alte Frau (hinten). Sie strampelten sehr langsam und im absoluten Gleichschlag (oder -tritt). Beide waren leicht vorn über gebeugt. Der Mann lenkte, die Frau streckte schon Kilometer vor der Kreuzung ihren linken Arm auf die Seite, das Blinklicht sozusagen. Ein perfektes Team. Wie lang sie wohl dafür geübt haben?

Freitag, 6. Juli 2012

Und noch einmal

Wie viele zweite Chancen gibt es?

Freitag, 22. Juni 2012

Der Wirtschaftsstudent II - Oder Der Ökonom

Der Beweis, dass Wirtschaft nicht gleich Dummheit bedeutet.

Fragen an dich

Denkst du wirklich, du kannst mich halten?
Ich meine - bist du überhaupt stark genug? Du kannst Bäume ausreissen und Pferde stehlen, Gewichte stemmen und Berge versetzen. Aber bist du auch stark genug, um mich zu halten?
Und bist du überhaupt gross genug, um mich zu halten? Du bist ein Riese, überragst mich. Bei dir fängt es früher an zu regnen und musst du dich bis zum Boden bücken, ist das eine Weltreise. Aber hast du auch die Grösse, mich zu halten?
Und hast du auch den Mut, mich zu berühren? Du fürchtest dich vor keiner Kreatur auf diesem Erdball, auch Wind, Wasser, Feuer, Erde können dir nichts anhaben. Aber bist du auch mutig genug, um mich zu halten?
Und wirst du auch die Ausdauer haben, mich nicht fallen zu lassen? Dein Durchhaltevermögen kennt keine Grenzen, du fängst als Erster an und hörst als Letzter auf. Aber wird das auch reichen, um mich für immer festzuhalten?

Donnerstag, 21. Juni 2012

Oben im Kreis

Vor einiger Zeit erzählte mir eine Frau etwas von einem Kreislauf. Alles sei ein Kreislauf. Und alle Stadien dieses Kreislaufs seien wichtig. Diese Frau beschrieb den Kreislauf folgendermassen:
Öpis mue cho, wachse, denn treits Blüete und Frücht, und denn vegohts wieder. So gohts immer wiiter. Cho, wachse, blüeh - vegoh. Cho, wachse, blüeh - vegoh. Cho, wachse, blüeh - vegoh.
Um diesen Vorgang zu unterstreichen hob sie jeweils ihre Arme in einem grossen Kreis über ihren Kopf. Sie fingen unten an und waren beim "blüeh" ganz oben. Dann machte die Frau eine eindrucksvolle Pause, die Spannung stieg - und wurde durch ein kurzes "vegoh" und das Herunterfallen der Arme gelöst.
An und für sich ein abgerundetes Bild, ein überlegtes Bild, ein Bild, über das sich jemand Gedanken gemacht hat. Aber - ja, schon wieder ein aber, und nein, ich werde nicht müde, solche abers immer und überall einzubringen, wo es mir nötig erscheint - aber: Wieso ist die Blüte der Höhepunkt? Wieso sind die Früchte im Kreislauf ganz oben? Wieso wird da eine bedeutungsvolle Pause gemacht, wo doch eigentlich alles gleichwertig ist? Wieso habe ich den Eindruck, dass die Frau in dem überlegten Bild extra die Blüten und Früchte ganz nach oben gesetzt hat, wieso glaube ich nicht, dass es ein Zufall ist, weil irgendwas halt oben sein muss? Und wieso habe ich nicht den Eindruck, das Bild entsteht aus der Bewegung, die auch die Pflanzen haben - sie wachsen in die Höhe und fallen dann wieder zusammen, nach unten? Wieso bloss habe ich einmal mehr den Eindruck, dass da etwas nicht wertbares gewertet wird, dass Blüten und Früchte tragen über das cho, wachse und vegoh gestellt wird, dass wieder einmal ein guter Ansatz da ist, aber nicht ganz durchdacht und ins Handeln einbezogen wurde?
Ist denn nicht alles gleich wichtig? Ist denn das vegoh nicht unerlässlich für die Blüten? Und das cho, ohne das cho würde es doch auch kein wachse geben! Bedingt nicht eins das andere? Ist es nicht ein Kreislauf auf ein und derselben Ebene? Ist ein Kreislauf nicht immer auf ein und derselben Ebene? Hm.
Vielleicht liegt es auch an mir. Wie komme ich darauf, dass diese Frau die Blüten über den Rest stellt? Nur weil sie dann ihre Arme am höchsten Punkt hat? Weshalb sollte sie mit dem höchsten geografischen Punkt auch die höchste Priorität darstellen wollen? Wie komme ich darauf, dass das wichtig, ein Kriterium für sie ist? Gehe ich etwa durch die Welt und nehme alles, was oben ist, wichtiger als die Dinge unten? Naja, beim Eis ist das ja wirklich so. Die Kugel oben ist das Wichtige, nicht das Cornet. Aber bei Rüebli zum Beispiel, da würde man schön dumm aussehen, wenn man sich nur auf den oberen Teil beschränken würde. Aber so ganz ehrlich: Wann hast du dich zum letzten Mal ausgiebig um deine Füsse gekümmert? Um den "untersten" Teil deines körperlichen Kreislaufs?
Ich persönlich kann räumliches Denken nicht von hierarchischem Denken trennen. Und ich wage zu behaupten, dass ich damit nicht alleine bin. Also wäre es wichtig, darauf Acht zu geben und vielleicht ein Bild zu erdenken, das nicht zu diesen missverständlichen Aussagen führt.

Alles ist wichtig. Blüeh, vegoh, cho, wachse.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Aufruf

Leute, passt mit eurer Sprache auf. Habt ihr jemals genau hingehört, was ihr so sagt und was ihr so gesagt kriegt? Wir nehmen immer an, wir verstünden schon, was der andere sagen wolle. Ich verstehe dich. Ich weiss, was du meinst. Klar. Aber habt ihr einmal wirklich genau hingehört?
Einige werden sicherlich wieder die Wichtigkeit dieser Fragen bezweifeln. Ich finde sie wichtig. (Abgesehen davon darf man auch unwichtige Fragen behandeln - falls es sowas überhaupt gibt.) Ich finde sie wichtig, weil wir ständig, immer und überall zugetextet werden. Da denke ich schon, dass es sich lohnt einmal anzuschauen, um was es da überhaupt geht.
Zum Beispiel sagte vor einer Weile jemand:
"Die Katastrophe hat gezeigt, dass nichts mehr selbstverständlich ist."
Wenn ich so einen Satz höre, dann frage ich mich sofort, was das mehr da soll. Nichts ist mehr selbstverständlich. Was war denn jemals selbstverständlich? Nichts ist selbstverständlich. Also ist dieser Satz gewissermassen eine Lüge, oder jedenfalls einfach...unsauber formuliert. Unsaubere Formulierungen führen zu mehr Missverständnissen. Unsaubere Formulierungen führen dazu, dass die Menschen sagen "Jaja, ich versteh schon", aber in Wahrheit verstehen sie nichts. Nichts.
Deshalb sage ich: Leute, passt mit der Sache auf, die in eurem Alltag vermutlich den höchsten Stellenwert überhaupt hat. Es ist die Mühe wert.

Dienstag, 19. Juni 2012

Ballett, Julia und der Prinz

Romeo liebt Julia. Und Julia liebt Romeo. Aber...wer liebt eigentlich mehr?
Liebt Romeo Julia mehr, weil er ohne sie nicht mehr leben will und sich umbringt, um mit ihr im Tod vereint zu sein? Oder liebt Julia Romeo mehr, weil sie bereit ist, das Gift zu schlucken, von dem sie nicht sicher sein kann, wie es wirkt? Wollten sie denn wirklich einander oder wollten sie nur die Unmöglichkeit des einander Habens überwinden?
Ob diese Frage wichtig ist? Keine Ahnung. Aber ich habe sie mir gestellt.
Also ist sie vermutlich wichtig.
Der Kleine Prinz zum Beispiel - von dem ich gerne jedes einzelne Wort zitieren würde, weil er so gescheite Sachen sagt - der Kleine Prinz jedenfalls findet es auch wichtig zu fragen, weshalb Blumen Dornen haben und das Schaf sie trotzdem frisst. Weshalb hat eine Blume Dornen, die gar nichts nützen? Oder nützen sie doch etwas, obwohl die Blume schlussendlich vom Schaf gefressen wird? Liegt der Nutzen womöglich ganz woanders als im nicht gefressen werden?
Vielleicht liegt die Wichtigkeit der Frage, ob Romeo Julia oder Julia Romeo mehr liebt gar nicht darin, sie mit "Romeo liebt Julia mehr" oder "Julia liebt Romeo mehr" zu beantworten.
Vielleicht liegt der Nutzen dieser Frage ganz woanders. Oder sie ist nutzlos. So nutzlos wie nichts leistende Menschen.
Mich jedenfalls interessiert es, ob Romeo Julia mehr liebt als Julia Romeo. Einfach so. Ohne Hintergedanken. Auch wenn das Ganze am Ende hinfällig ist, denn tot sind sie beide, ohne wirklichen "Nutzen". Ausser...vielleicht liegt der "Nutzen" gar nicht darin, dass sie sich am Ende kriegen (oder eben nicht). Vielleicht...
Ich weiss nicht, ob das wichtig ist. Aber es interessiert mich. Ich stelle solche Fragen. Also sind sie vermutlich wichtig.
Wissen tu ich nur eins: Die moderne Julia hat kurze Haare, ein Sixpack und trägt ein Männerhemd.

Montag, 18. Juni 2012

Taxi fahren Not helfen

"Und 200 Franken, das wären schon grad ein bisschen viel für dich...?!?"

Ich kann die Frau, die mir diese Frage stellt, nur kariert angucken. Es geht um eine Taxifahrt. Eine Taxifahrt, die bequem ist. Die einen schneller an den gewünschten Ort bringt. Bequem und schnell. Für nur 200 Franken.
Die Vorstellung, dass 200 Franken für irgendjemanden nicht viel sein könnten, ist mir zuwider.
Wie viele Menschen könnten leben von 200 Franken, könnten eine Ausbildung anfangen, wären nicht mehr blind, könnten sich einen Traum erfüllen mit 200 Franken. 200 Franken, das sind 25 Tage Nothilfe. 25 Tage, rausgeworfen an einem Abend, für eine halbe Stunde.
Wie viel Gutes könnten 200 Franken tun.

Wie kann man also nicht finden, dass 200 Franken viel sind?

Sonntag, 17. Juni 2012

Der Wirtschaftsstudent

Ein Mensch der nichts leistet - was will man mit dem schon anfangen? Was ist der schon wert?
Ein Mensch der handelt, ist der denn nichts? Wertlos? Und wie siehts aus mit jemandem, der einfach ist? Was heisst denn schon "leisten"? Was ist denn schon "Leistung"?
Ein Mensch der nicht der Norm entspricht, wird der einfach so gestrichen aus der Kartei? Untauglich?
Ein Mensch
der nichts leistet
ist wertlos.
Sagt mir der "Mensch" gegenüber ins Gesicht.
Er hätte mich genauso gut
anspucken können.
FUCK YOU.

Freitag, 8. Juni 2012

Plitsch platsch oder Alles Gute kommt von oben

Meine Vermutung ist ja, dass der liebe Gott den Regen erfunden hat, um uns an die Sintflut zu erinnern. Er will damit sagen: "He Leute, euer Lebensstil passt mir mal wieder so gar nicht, vielleicht solltet ihr was ändern." Damit spielt er zum Beispiel auf Menschen an, die Werbungen wie diese hier kreieren: "Deine Wunschfigur mit schriftlicher Abnehm-Urkunde." Und noch auf viele andere. Jedenfalls schickt er den Regen, das stelle ich mir jedenfalls so vor, um uns rein zu waschen. Um uns zu sagen: "Ok, du hast wieder ganz schön viel Mist angesammelt, du kriegst jetzt, hier, heute noch eine Chance. Du kannst noch mal anfangen, du bist jetzt sauber und fit für einen neuen Alltag."
Aber wir Menschen wollen das irgendwie nicht so recht hören. Deshalb kam (vermutlich) im Jahr 802 der Abt Alcuin von Tours auf die grandiose Idee, einem Bischof ein "Schutzdach" zu schicken. Seitdem verstehen es die Menschen konsequent, den Regen aus ihrem Leben auszublenden. Sie ziehen Capes an, spannen Schirme auf, gehen nicht mehr aus dem Haus. Denn sobald sie nur schon einen einzelnen Tropfen auf ihrer Haut spüren würden, könnten sie ja eventuell zur Einsicht gelangen. Wie tragisch das doch wäre. Also piksen wir uns lieber gegenseitig mit den tollen Schirmen und schauen zu, wie die Tropfen der Erkenntnis in den Tramschienen verkommen und in den Gulli fliessen.

Wenn es jetzt aber in die Küche regnet - dann, so denke ich, ist das ein eindeutiges Zeichen, dass wirklich etwas geändert werden sollte. So aufdringlich ist Gott nur selten, und das zu ignorieren könnte nicht absehbare, unerwünschte Folgen haben.

Sonntag, 3. Juni 2012

Papierverschwendung

Wie kann man ganz oben, zuoberst auf einer Seite schreiben: "Wenn man mit den oben genannten Kriterien..."? Das geht doch einfach nicht! Oben, über diesem Satz, ist der Rand meiner Kaffeetasse, die leider nur noch Kaffeesatz als Inhalt hat. Aber besser eine Kaffeetasse mit Kaffeesatz als ein Buch mit Mist. Kaffeesatz gehört nämlich in eine Kaffeetasse, im Gegensatz zu Mist, der auf einen Haufen gehört. In einem Buch sollte Schönheit und Intelligenz, Wissen und Werte, Sinn und Erkenntnis stecken. Und dazu gehört, dass man nicht zuoberst auf einer Seite "Wenn man mit den oben genannten Kriterien..." schreibt.