In der Hoffnung, mich einmal ein bisschen kürzer fassen zu können, schreibe ich euch schon wieder. Eigentlich liegt eine ganz normale Woche hinter mir - es sollte also nicht viel zu erzählen geben… Wir werden sehen:
- Erwähnter Putzplan von letzter Woche sieht gut aus und ist durchdacht - leider halten sich aber nicht wirklich alle daran… Ist ja auch ganz schön schwierig, die Tätigkeit auszuführen, bei der in der entsprechenden Woche der entsprechende Name steht…
- Es ist kalt und eisig. Ab und an umarme ich ungewollt spontan Ampelpfosten, Stangentanz sozusagen, um nicht hinzufallen. Aber he, auch Ampelpfosten brauchen Liebe!
- Inzwischen hatten mein lieber Mitbewohner und auch ich unsere ersten unschönen Begegnungen mit dem landlord. Naja. So ist das eben, wenn man mit "Fremden" zusammenlebt. Wenigstens verstehen wir uns untereinander gut - da können wir uns jeden Abend in einem unserer Zimmer zum gemeinsamen Lästern treffen. Wie gut das tut!
- Der zweite Malmöbesuch beschränkte sich auf zwei Museen (Museum of Modern Arts mit einer Ausstellung über Supersurrealismus (mit Pilzen und Dalí) und das Malmöhus, ein riiiiiiiiesiges Museum) und eine Falafelbude. In Museum Nummer zwei wandern wir durch eine (schockierende!!) Fotoausstellung über amerikanische Kinder / Jugendliche im Bezug zu Geld. Dann Frage ich den Mann an der Infotheke, was er uns für die letzten 15 Minuten empfiehlt. "Interessierst du dich für Kunst, Natur, Geschichte oder…?" (Das alles wird dort in Ausstellungen behandelt - wie gesagt, RIESIG!) Würde ich mich für etwas besonders interessieren, hätte ich ihn nicht um Rat gefragt, oder? Ich frage ihn nach seinem persönlichen Ratschlag für mich. Er mustert mich von oben bis unten. "Sieh dir doch mal die Fashion-Ausstellung an…" Warum auch immer. Ausserdem - oh Wunder - ist es wieder eisig kalt in Malmö. EISIG.
- Bello bellt weiter, wird aber mit Isländisch Moos gefüttert (Danke an die Spender!). Die Nase konnte langsam gezähmt werden und läuft nur noch elf Mal täglich davon, nicht mehr 1440 Mal (so viele Minuten hat ein Tag…).
- Heute waren unglaubliche ELF Briefe für mich im Briefkasten!! (Dass der landlord den seit mehreren Tagen nicht mehr geleert hat, schreibe ich an dieser Stelle nicht. Aber selbst wenn ich es schreiben würde - elf ist doch eine ganz beträchtliche Anzahl. DANKE TAUSEND, weiter so, und die Rücksendungen sind in Arbeit…)
- Wo wir bei Briefen sind: Die Briefmarken waren plötzlich so teuer, weil die ersten dreissig (aus lauter Verwirrung über die grosse Anzahl) fürs Inland bestimmt waren… Was ich nach dem Verschicken von 25 Briefen / Karten herausgefunden habe… Wäre auch zu schön gewesen, wenn die liebe Post so preisgünstig gearbeitet hätte.
- Die erste Prüfung (Schwedisch) wurde mit "PASS" (bestanden) bewertet. Jaa!
- Teppich wurde noch nicht erstanden, also wird nach IKEA gepilgert. Auch ein Handtuch steht auf der Einkaufsliste - meine beiden Jungs schaffen es, beim Duschen das gesamte (winzige) Badezimmer zu fluten. Keine Ahnung wie. Ich schaffe es auf maximal fünf Tropfen, aber auch nur mit Müh, Not und langen, nassen Haaren.
- "Meine beiden Jungs" - ja, ich habe tatsächlich zwei Mitbewohner. Den einen (Martin) kennt ihr schon, der andere ist auch aufgetaucht: Gustav. Er ist schwedisch und schön, ausserdem nie da. Ich habe ihn bisher einmal von vorn und einmal von hinten gesehen. Er hat für das ganze Semester vorgekocht (glaube ich) und 100'000 Tupperwaredosen gefüllt. Dass ich seiner Schönheit nicht frönen kann, wäre mir ja noch egal. Aber blöder ist es, wenn man neben jemandem an der Bushaltestelle steht und nicht weiss, ob das jetzt der Mensch ist, der ein paar Meter neben mir schläft, mein Badezimmer teilt, aus den gleichen Tassen trinkt wie ich…
- Ich backe. Jaa! Wie gesagt, viiiiel freie Zeit, wenig Selbstdisziplin. Ich habe schon einen Zopf produziert (und gegessen)(der Ofen ist so winzig, dass der Zopf knapp reingepasst hat - Millimeterarbeit!), Brötchen gebacken, einen (angeblich suuuuperleichten) Schokokuchen versucht zu backen. Erstens kann man in Schweden zwischen gefühlten 100 Milchsorten wählen: Mellanmjölk, Lättmjölk, Filmjölk och så vidare (etc.). Zweitens ist das wieder einmal so eine Sache mit der Salzbutter… Da denkt man doch nicht dran… Also ich jedenfalls nicht. Beim Probieren des Kuchens werde ich wieder daran erinnert. Drittens: Versuche, ohne grossen Aufwand (ich bin faul!) und ohne physikalisches Wissen von Volumen etc. aus einer 2kg-Mehltüte 250g zu entnehmen. Versuche danach selbiges mit einer 2kg-Zuckertüte. Jaaa, Spass!
- Der Schokoladenkuchen wird am Rand schwarz (hinten links), in der Mitte besteht er aus…naja, Teig. Aber man sollte immer das Positive sehen: So habe ich Schokokuchen INKL. Schokosauce. Sachen wie Salmonellen etc. blende ich aus. Teig ist immer lecker.
- Inzwischen besitze ich ein eigenes Litermass und einen Teigschaber - zwei MUST-HAVE Küchenutensilien (für die Älteren: must-have = unabkömmlich).
- Überall hier hängen Handschuhe herum. Der landlord benutzt sie zum Müll raustragen, Wäsche aufhängen, Tab in die Spülmaschine legen, abwaschen, Gemüse schneiden, putzen, Schnee schaufeln (oke, da würde ich auch Handschuhe tragen)… Die einzigen Handschuhe, die er noch nie getragen hat, habe ich zerstört: die Backhandschuhe. Wie gesagt, der Zopf war gross, der Ofen wiiiinzig klein… ein hübsches Brandloch erinnert jetzt an mich und meine Künste. Vielleicht hat IKEA ja auch solche Handschuhe im Angebot.
- Im Bus geht das Licht aus, wenn weniger als fünf Passagiere darin reisen. Ökologisches Schweden! Oh, und Lund ist "Faire Trade Stadt"! Wie etwa 800 andere Städte auf dieser Welt. Der Brauch kommt aus England. Und man findet wirklich viele Fairtrade-Geschäfte und -Produkte hier!
- Ich besuche eine Taizé-Andacht im Haus eines Dominikaner-Ordens und kann danach mit einer (sehr lustigen) Nonne nach Hause fahren (etwa zehn Laufminuten von hier leben sieben Nonnen in einem Klösterchen). Sie fährt gegen eine Hausmauer, aber ich fühle mich jederzeit sicher und behütet - mit einer Nonne kann einem nichts passieren, oder?
- Mein Schwedisch übe ich untere anderem auch im Café Multilingual. Einmal pro Woche versammeln sich junge Leute um Tische mit Flaggen darauf. Man spricht die jeweils zugehörige Sprache zur Flagge. Zum Aufwärmen setze ich mich an den deutschen Tisch und siehe da - ich bin umringt von Schweden! Da sind die also! Ich dachte schon, in Lund gibt es nur Austauschstudenten… Noch dazu treffe ich eine Namensvetterin, wenn auch mit c geschrieben.
- Kitschig schöne Sonnenauf- / -untergänge gehören hier zum Alltag. (Ja, ich mag Kitsch, wenn er Realität wird.)
- Manche (Deutsche!) verwechseln Schweizerdeutsch mit Schwedisch. Praktisch, so kann ich so tun, als könnte ich fliessend Schwedisch sprechen.
- Ein weiterer "Markt" fand statt. Alle Uni- und Nicht-Uni-Organisationen hatten einen Stand und verteilten Flyer. Meine Ausbeute: Viiiiiele Kugelschreiber, viiiiiele Kekse, viiiiiiel Altpapier und viiiiiiele Kondome. Die scheinen sein beliebtes Werbemittel der Studentenorganisationen zu sein. Durch die viiiiielen Menschen wurde der Raum knapp und warm - zum ersten Mal hier war mir durch und durch HEISS. Ich hatte dieses Gefühl schon fast vergessen.
- Von einer (gratis!) Führung durch die Domkirche kann ich euch vor allem eins berichten: Ein Besuch dort lohnt sich! Die riesige astronomische Uhr ist beeindruckend, ausserdem steht die grösste Orgel Skandinaviens in diesem Dom (jeden Samstag gibt's ein Gratiskonzert!).
- Viel Schnee in einer Stadt + viel Salz = IIIIIHH!
- In meinen Kursen (ja, nebenbei studiere ich noch) sitzen Menschen aus aller Welt. Es ist sehr spannend, über die Sozialpolitik oder das Schulsystem in Singapur, den USA, Grossbritannien, Frankreich, Holland, Deutschland, China und der Schweiz zu reden. Und es ist auch sehr - ähm - horizonterweiternd. Bereichernd. Lehrreich. Ihr wisst schon. GUT.
- Insgesamt fühle ich mich sehr wohl hier. Es hat sich mehr oder weniger alles geregelt, der Anfangsstress ist vorbei, der Alltag (was auch immer das ist) kann so langsam Einzug halten. Ich bin angekommen.
Naja, soviel zu kurz. Ein venezianischer Kuss klebt jetzt an meiner Zimmerwand - die weissen Wände haben mich ganz verrückt gemacht. Schreibt weiterhin Briefe, Mails, Karten… Die Karten gesellen sich zum Kuss.
Bästa hälsningar aus Eisland (die haben Schweden heimlich annektiert…)
