Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Samstag, 20. August 2011

Geradeaus, immer der Kurve nach

Mein liebstes geometrischess "Element" ist die Strecke. Nein, keine Gerade, und auch keine Linie. Geraden sind unendlich - also unfassbar, unbegreiflich; Grösseres als die Endlichkeit kann das Hirn nämlich nicht fassen (wenn überhaupt das). Auch nicht die Linie - sie schwebt so undefiniert im Raum, und Unklarheiten sind nie gut. Aber die Strecke, die ist einfach perfekt. Sie hat einen klaren Anfangs- und Schlusspunkt, sie ist grade, man sieht also von A nach B und von B nach A. Die Länge ist genau definiert, die Breite oder Dicke spielt keine Rolle. Einfach, ganz simpel, von A nach B.
Wo wir schon beim Superlativ sind: Am wenigsten mag ich den Kreis. Er ist der Inbegriff der Undefinition. Eine Kugel hat wenigstens ein Volumen. Aber ein Kreis hat nur eine Linie, die so zerbrechlich, so verformbar aussieht, dass ich nicht glaube, dass die Fläche, der Radius, der Durchmesser immer gleich bleiben.
Kreise sind gemein. Sie ändern ihren Mittelpunkt, drehen sich, drehen sich plötzlich um etwas anderes, nicht mehr um das Zirkeleinstichsloch (was sowieso hässliche Punkte auf der Unterlage hinterlässt). Kreise sind manchmal oval, eierförmig. Sie sind immer zu gross oder zu klein. Und vor allem: Folgst du der Kreislinie, kommst du nirgendwo hin. Du gehst immer und immer wieder dieselbe Strecke, fängst von vorne an, erreichst das Ende und doch nicht das Ziel. Und am Schluss ist dir schwindlig und es dreht sich alles.
Da bleib ich doch lieber bei meiner langweiligen Strecke. Punkt A zu Punkt B. Klar, einfach, definiert.

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