Wieder einmal ist es Montagabend und ich widme mich der letzten Woche. Es kommt mir vor, als wäre ich schon Monate hier.
- Inzwischen weiss ich, dass die Nations nur um mich buhlen, weil sie Geld für jedes Mitglied kriegen. Die wollten also gar nicht mich. Einmal mehr lande ich auf dem Boden der Tatsachen…
- Es ist kalt hier.
- Und es schneit ab und zu. So viel Schnee sei ungewöhnlich für die Gegend hier, erklären mir ein paar Schweden. So feiern sie denn auch ausgelassen mit belgischem Bier, mexikanischen Hüten und deutschen Liedern (Da hat das rote Pferd…; Und ich flieg, flieg, flieg…) mittags vor dem Hauptgebäude.
- Es ist irgendwie merkwürdig, Schwedisch auf Englisch zu lernen. Aber es macht riesigen Spass.
- Ja, das liebe Schwedisch. Ein offensichtlich einsamer (oder einfach sehr gesprächiger) Mann an der Bushaltestelle fing ein Gespräch mit mir an. Leider wurde es mehr ein Monolog, so hatte ich keine Chance ihm zu sagen, dass ich kein Wort von seinem skånska-Schwedisch (der Dialekt hier heisst so) verstehe. Geschlagene zehn Minuten konnte ich das Gespräch mit "Ja, Nei?, Aha!, Mh" etc. aufrecht erhalten! Ja, darauf bin ich stolz. Jetzt glauben alle, ich wäre Schwedin.
- Es ist spannend, mit einem Wissenschaftler zusammen zu wohnen - aber auch anstrengend. So gibt es immer wieder Diskussionen über die Forschung, ihre Methoden und ob Geisteswissenschaften sich Wissenschaften nennen dürfen. Auch scheint es unmöglich, ihm begreiflich zu machen, dass für mich ein Zimmer mit 16,8 Grad im Winter zu kalt ist. Er meint immer, ich solle mehr anziehen. Dass ich bereits alles trage, was ich besitze (ausser Handschuhe und Mütze, aber meiner Meinung nach ist das unhöflich im Haus), überhört er einfach.
- Mit selbigem Wissenschaftler diskutiere ich nun sämtliche Themen durch. Heute waren die Islamisten, Terroristen und Ghandi dran. Sollte man die andere Wange hinhalten oder eiskalt zuschlagen? Es prallen Welten aufeinander, ich werde naiv genannt und schlage mit dem Wort "erwachsen" zurück.
- Ab und zu reden wir auch über alltägliche Dinge, und das meist in Schwedisch. Anstrengend aber mit grossem Lernerfolg. Allerdings ist es schwierig, ein Gespräch mit ihm zu beenden. Läuft man weg, fängt er einfach an zu schreien...
- Ich befinde mich im Winter-Wonderland: Alles ist eingefroren und sieht wunderschön aus. Also die Natur. Eingefrorene Menschen sieht man auch, aber die würde ich nicht mit "wunderschön" umschreiben.
- Übrigens: Menschen mit einer langen Nase sollten nicht nach Lund kommen. Die würde ihnen nämlich abfallen. Blau-violett erfroren. Ganz sicher.
- Malmö ist noch kälter als Lund. Logisch, es liegt am Meer, da gibt es mehr Wind. Ich finde es trotzdem doof. Vor allem, weil die "konsthall" umgebaut wird und deshalb geschlossen hatte, in der Kirche, in der wir uns aufwärmen wollten, eine Diplomfeier statt fand und das Museum, als wir es endlich gefunden hatten, nur noch eine halbe Stunde geöffnet hatte. Es blieb uns also gar nichts anderes übrig, als unserer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Fika. Fika (Fi-ka --> Ka-fi --> Kaffee…) ist ein schwedischer Ausdruck für rumsitzen, trinken, essen, plaudern. Merkt euch also: Versucht nicht im Winter, in Schweden eine Stadt erkunden zu wollen.
- Resultat von der kalten Stadttour und einer aussergewöhnlich kalten Nacht in meinem heimeligen Zimmer: Ich höre meinen Nachbarn nicht mehr husten, sondern habe mit ihm um den Status des Bellos gekämpft. Einfach weggehustet hab ich ihn. Aber mit viel Tee und dem Frühling, der bald kommen wird, wird sich das wieder legen. Jawohl.
- Apropos Frühling: Für die Schwedinnen scheinen nur -8°C schon Frühling zu sein. Die tragen teilweise (ein grosser Teil!) nur Leggins oder Strumpfhosen. Das trage ich auch - aber mit einer Hose darüber! Einer langen Hose! Hier zieht man dazu - wärmstenfalls - noch ein Röckchen drüber.
- Die Hosenbeine der (schwedischen) Männer sind übrigens enger als meine Pulloverärmel.
- Inzwischen besitze ich drei groooosse Kerzen. Leider bin ich Nichtraucher. Da mein täglicher Bedarf an Diskussionen mehr als gedeckt ist, stelle ich mir die Flammen halt nur vor. Einkaufsliste für morgen: Streichhölzer. (Ja, das Leben kann ganz schön schwierig sein!)
- Die erste Post ist angekommen - juhuu! Und DANKE an alle Sender!
- 20 neue Briefmarken (und dann noch welche zum ablecken, bäh) kosteten weit mehr als die 30 das letzte Mal. Hää?
- Ein Teesieb habe ich inzwischen auch. Für 10 Mal teurer als ich es hätte haben können, aber naja - man muss sich halt erst zurecht finden in einem anderen Land.
- Die meisten Leute hier studieren etwas Technisches oder Wirtschaft oder so. Es ist spannend, einmal nicht nur von Geisteswissenschaftlern umgeben zu sein.
- Weil ich so weit ausserhalb lebe, kann man hier super spazieren gehen (ja, ich bin tatsächlich schon in dem Alter, in dem man gerne und freiwillig spazieren geht). Also mache ich mich auf, nachmittags halb 3. Nach einer halben Stunde beginnen die Schatten länger zu werden, also beschliesse ich umzudrehen. Ahnungslos werde ich mit voller Wucht getroffen: Der Wind (es ist flach und eher baumlos hier) schlägt seine Klauen in jede Zelle meines Körpers. Ereignet sich so ein Angriff, heisst es nur noch: Renn so schnell du kannst! Da ich neu hier bin, kenne ich diese Regel noch nicht. Sie ergibt sich aber von selbst, wenn man die ein oder andere Frostbeule an seinem Körper entdeckt.
- So langsam verstehe ich, warum hier alle so viel Kaffee trinken.
- Ich weiss ja, dass ich zufrieden sein soll und kann mit dem, was ich kriege und habe und so. Und das bin ich auch. (Meistens…ich glaube, Zufriedenheit ist eine Lebensaufgabe. Und mein Leben ist noch nicht soo lang. Aber eben, meistens bin ich's.) Aber trotzdem kann es deprimierend sein, die Unterschiede zu sehen. Nicht unbedingt für mich deprimierend, auch für andere : Finnen werden fürs Studieren bezahlt, während tausende junge Menschen in anderen Ländern keine Bildung erhalten. So als Beispiel. Und und und.
- Finnland ist sowieso ein sehr sympathisches Land: Die haben da keinen Smalltalk, bedanken sich nicht die ganze Zeit und sind pünktlich… Und sie sprechen das französische Würstchen (saucisse) Sauzisse aus. Wohlgemerkt: ALLE Finnen sind IMMER so.
- Die Funktion "Bluetooth" wurde in Lund erfunden. Jaa!
- Das Soziologische Institut liegt an der "Paradiesstrasse". Wenn das kein gutes Omen ist.
- Die erste Prüfung (Schwedisch) ist vorbei. Sie fand in einer Sportarena statt. Wie aufregend.
- Wir haben jetzt einen Putzplan! Vermutlich gar nicht so schlecht für mich in einem Männerhaushalt.
- Der Tagesrhythmus hier ist gar nicht so schlecht: Die Sonne taucht den neuen Tag auf dem Weg zur Uni (etwa 9 Uhr) in ihr goldenes Licht, beim Nachmittagsspaziergang geht sie unter. Praktisch - sonst habe ich dann immer noch geschlafen / Abendbrot gegessen und den Sonnenauf / - unter - gang verpasst.
- Meine Kartensammlung erweitert sich: Ich bin nun Mitglied der Universitätsbibliothek und der öffentlichen Bibliothek.
- Unser Soziologiedozent, sehr jung, sieht es als selbstverständlich an, dass wir alle glauben, dass alle Menschen gleich geboren wurden. Ich weiss nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll.
- Selbiger meint auch: "I don't make more money than I need." Ebenfalls ein interessanter Satz, der mich beschäftigt. Was brauche ich denn? Wie viel Geld brauche ich denn? Darf ich jetzt keinen Nebenjob annehmen, um mir eine Reise nach Afrika zu finanzieren, nur weil ich sie nicht brauche? Oder brauche ich Dinge wie Reisen?
- Planst du einen Auslandsaufenthalt, nicht vergessen: Gewürze, Tee, Streichhölzer, Kerzen und eine Decke einpacken. Und Tupperware. Ja! Mir hat das leider niemand gesagt, weshalb ich ersteres gekauft und letzteres (noch?) nicht gekauft habe. Das studentische "Ich koche einmal in der Woche gaaaaanz viel und friere es dann ein" funktioniert also nicht.
Ja, das war es wieder einmal. Heute hat das Semester angefangen - 20 Wochen Studium warten auf mich. Und eine schwere Aufgabe: Selbstdisziplin lernen. Ich habe nämlich oft frei, zahlreiche leere Blätter um meinen Kopf darauf zu entleeren und noch zahlreichere beschriebene Blätter um meinen Kopf damit zu füllen. Und viele Mitstudenten voller Pläne (Filmabende; Trips nach Malmö, Kopenhagen, Stockholm, Berlin, Oslo…; Spieleabende und und und). Wir werden sehen.
Herzlichen Dank für all die lieben Rückmeldungen - ich freue mich sehr darüber.
Bästa hälsningar aus Södra Sandby










