Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Montag, 21. Januar 2013

Mittendrin - Teil 3

Hej!
Wieder einmal ist es Montagabend und ich widme mich der letzten Woche. Es kommt mir vor, als wäre ich schon Monate hier.
  • Inzwischen weiss ich, dass die Nations nur um mich buhlen, weil sie Geld für jedes Mitglied kriegen. Die wollten also gar nicht mich. Einmal mehr lande ich auf dem Boden der Tatsachen…
  • Es ist kalt hier.
  • Und es schneit ab und zu. So viel Schnee sei ungewöhnlich für die Gegend hier, erklären mir ein paar Schweden. So feiern sie denn auch ausgelassen mit belgischem Bier, mexikanischen Hüten und deutschen Liedern (Da hat das rote Pferd…; Und ich flieg, flieg, flieg…) mittags vor dem Hauptgebäude.
  • Es ist irgendwie merkwürdig, Schwedisch auf Englisch zu lernen. Aber es macht riesigen Spass.
  • Ja, das liebe Schwedisch. Ein offensichtlich einsamer (oder einfach sehr gesprächiger) Mann an der Bushaltestelle fing ein Gespräch mit mir an. Leider wurde es mehr ein Monolog, so hatte ich keine Chance ihm zu sagen, dass ich kein Wort von seinem skånska-Schwedisch (der Dialekt hier heisst so) verstehe. Geschlagene zehn Minuten konnte ich das Gespräch mit "Ja, Nei?, Aha!, Mh" etc. aufrecht erhalten! Ja, darauf bin ich stolz. Jetzt glauben alle, ich wäre Schwedin.
  • Es ist spannend, mit einem Wissenschaftler zusammen zu wohnen - aber auch anstrengend. So gibt es immer wieder Diskussionen über die Forschung, ihre Methoden und ob Geisteswissenschaften sich Wissenschaften nennen dürfen. Auch scheint es unmöglich, ihm begreiflich zu machen, dass für mich ein Zimmer mit 16,8 Grad im Winter zu kalt ist. Er meint immer, ich solle mehr anziehen. Dass ich bereits alles trage, was ich besitze (ausser Handschuhe und Mütze, aber meiner Meinung nach ist das unhöflich im Haus), überhört er einfach.
  • Mit selbigem Wissenschaftler diskutiere ich nun sämtliche Themen durch. Heute waren die Islamisten, Terroristen und Ghandi dran. Sollte man die andere Wange hinhalten oder eiskalt zuschlagen? Es prallen Welten aufeinander, ich werde naiv genannt und schlage mit dem Wort "erwachsen" zurück.
  • Ab und zu reden wir auch über alltägliche Dinge, und das meist in Schwedisch. Anstrengend aber mit grossem Lernerfolg. Allerdings ist es schwierig, ein Gespräch mit ihm zu beenden. Läuft man weg, fängt er einfach an zu schreien...
  • Ich befinde mich im Winter-Wonderland: Alles ist eingefroren und sieht wunderschön aus. Also die Natur. Eingefrorene Menschen sieht man auch, aber die würde ich nicht mit "wunderschön" umschreiben.
  • Übrigens: Menschen mit einer langen Nase sollten nicht nach Lund kommen. Die würde ihnen nämlich abfallen. Blau-violett erfroren. Ganz sicher.
  • Malmö ist noch kälter als Lund. Logisch, es liegt am Meer, da gibt es mehr Wind. Ich finde es trotzdem doof. Vor allem, weil die "konsthall" umgebaut wird und deshalb geschlossen hatte, in der Kirche, in der wir uns aufwärmen wollten, eine Diplomfeier statt fand und das Museum, als wir es endlich gefunden hatten, nur noch eine halbe Stunde geöffnet hatte. Es blieb uns also gar nichts anderes übrig, als unserer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Fika. Fika (Fi-ka --> Ka-fi --> Kaffee…) ist ein schwedischer Ausdruck für rumsitzen, trinken, essen, plaudern. Merkt euch also: Versucht nicht im Winter, in Schweden eine Stadt erkunden zu wollen.
  • Resultat von der kalten Stadttour und einer aussergewöhnlich kalten Nacht in meinem heimeligen Zimmer: Ich höre meinen Nachbarn nicht mehr husten, sondern habe mit ihm um den Status des Bellos gekämpft. Einfach weggehustet hab ich ihn. Aber mit viel Tee und dem Frühling, der bald kommen wird, wird sich das wieder legen. Jawohl.
  • Apropos Frühling: Für die Schwedinnen scheinen nur -8°C schon Frühling zu sein. Die tragen teilweise (ein grosser Teil!) nur Leggins oder Strumpfhosen. Das trage ich auch - aber mit einer Hose darüber! Einer langen Hose! Hier zieht man dazu - wärmstenfalls - noch ein Röckchen drüber.
  • Die Hosenbeine der (schwedischen) Männer sind übrigens enger als meine Pulloverärmel.
  • Inzwischen besitze ich drei groooosse Kerzen. Leider bin ich Nichtraucher. Da mein täglicher Bedarf an Diskussionen mehr als gedeckt ist, stelle ich mir die Flammen halt nur vor. Einkaufsliste für morgen: Streichhölzer. (Ja, das Leben kann ganz schön schwierig sein!)
  • Die erste Post ist angekommen - juhuu! Und DANKE an alle Sender!
  • 20 neue Briefmarken (und dann noch welche zum ablecken, bäh) kosteten weit mehr als die 30 das letzte Mal. Hää?
  • Ein Teesieb habe ich inzwischen auch. Für 10 Mal teurer als ich es hätte haben können, aber naja - man muss sich halt erst zurecht finden in einem anderen Land.
  • Die meisten Leute hier studieren etwas Technisches oder Wirtschaft oder so. Es ist spannend, einmal nicht nur von Geisteswissenschaftlern umgeben zu sein.
  • Weil ich so weit ausserhalb lebe, kann man hier super spazieren gehen (ja, ich bin tatsächlich schon in dem Alter, in dem man gerne und freiwillig spazieren geht). Also mache ich mich auf, nachmittags halb 3. Nach einer halben Stunde beginnen die Schatten länger zu werden, also beschliesse ich umzudrehen. Ahnungslos werde ich mit voller Wucht getroffen: Der Wind (es ist flach und eher baumlos hier) schlägt seine Klauen in jede Zelle meines Körpers. Ereignet sich so ein Angriff, heisst es nur noch: Renn so schnell du kannst! Da ich neu hier bin, kenne ich diese Regel noch nicht. Sie ergibt sich aber von selbst, wenn man die ein oder andere Frostbeule an seinem Körper entdeckt.
  • So langsam verstehe ich, warum hier alle so viel Kaffee trinken.
  • Ich weiss ja, dass ich zufrieden sein soll und kann mit dem, was ich kriege und habe und so. Und das bin ich auch. (Meistens…ich glaube, Zufriedenheit ist eine Lebensaufgabe. Und mein Leben ist noch nicht soo lang. Aber eben, meistens bin ich's.) Aber trotzdem kann es deprimierend sein, die Unterschiede zu sehen. Nicht unbedingt für mich deprimierend, auch für andere : Finnen werden fürs Studieren bezahlt, während tausende junge Menschen in anderen Ländern keine Bildung erhalten. So als Beispiel. Und und und.
  • Finnland ist sowieso ein sehr sympathisches Land: Die haben da keinen Smalltalk, bedanken sich nicht die ganze Zeit und sind pünktlich… Und sie sprechen das französische Würstchen (saucisse) Sauzisse aus. Wohlgemerkt: ALLE Finnen sind IMMER so.
  • Die Funktion "Bluetooth" wurde in Lund erfunden. Jaa!
  • Das Soziologische Institut liegt an der "Paradiesstrasse". Wenn das kein gutes Omen ist.
  • Die erste Prüfung (Schwedisch) ist vorbei. Sie fand in einer Sportarena statt. Wie aufregend.
  • Wir haben jetzt einen Putzplan! Vermutlich gar nicht so schlecht für mich in einem Männerhaushalt.
  • Der Tagesrhythmus hier ist gar nicht so schlecht: Die Sonne taucht den neuen Tag auf dem Weg zur Uni (etwa 9 Uhr) in ihr goldenes Licht, beim Nachmittagsspaziergang geht sie unter. Praktisch - sonst habe ich dann immer noch geschlafen / Abendbrot gegessen und den Sonnenauf / - unter - gang verpasst.
  • Meine Kartensammlung erweitert sich: Ich bin nun Mitglied der Universitätsbibliothek und der öffentlichen Bibliothek.
  • Unser Soziologiedozent, sehr jung, sieht es als selbstverständlich an, dass wir alle glauben, dass alle Menschen gleich geboren wurden. Ich weiss nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll.
  • Selbiger meint auch: "I don't make more money than I need." Ebenfalls ein interessanter Satz, der mich beschäftigt. Was brauche ich denn? Wie viel Geld brauche ich denn? Darf ich jetzt keinen Nebenjob annehmen, um mir eine Reise nach Afrika zu finanzieren, nur weil ich sie nicht brauche? Oder brauche ich Dinge wie Reisen?
  • Planst du einen Auslandsaufenthalt, nicht vergessen: Gewürze, Tee, Streichhölzer, Kerzen und eine Decke einpacken. Und Tupperware. Ja! Mir hat das leider niemand gesagt, weshalb ich ersteres gekauft und letzteres (noch?) nicht gekauft habe. Das studentische "Ich koche einmal in der Woche gaaaaanz viel und friere es dann ein" funktioniert also nicht.
Ja, das war es wieder einmal. Heute hat das Semester angefangen - 20 Wochen Studium warten auf mich. Und eine schwere Aufgabe: Selbstdisziplin lernen. Ich habe nämlich oft frei, zahlreiche leere Blätter um meinen Kopf darauf zu entleeren und noch zahlreichere beschriebene Blätter um meinen Kopf damit zu füllen. Und viele Mitstudenten voller Pläne (Filmabende; Trips nach Malmö, Kopenhagen, Stockholm, Berlin, Oslo…; Spieleabende und und und). Wir werden sehen.

Herzlichen Dank für all die lieben Rückmeldungen - ich freue mich sehr darüber.
Bästa hälsningar aus Södra Sandby

Montag, 14. Januar 2013

Da - Teil 2

Hej!
Die ersten Tage sind vorbei, ich fühle mich schon ganz zu Hause hier in Schweden. Abschied nehmen ist nie einfach, aber die vielen neuen Dinge lenken ab. Doch zuerst zur Anreise mit dem Nachtzug über Kopenhagen:
  • Der Standard ist hoch: Sogar WC-Bürsten gibt es in den Zügen der Deutschen Bahn. (Das gab es noch nicht immer!)
  • Schokolade tut immer gut.
  • Nimm so viel mit wie du tragen kannst? Falsch. Nur so viel, dass du noch Treppen benutzen kannst...
  • Es ist immer zu kalt oder zu warm in diesen Nachtzügen.
  • Polizei, Zoll, Schaffner – eine Menge Leute wollen dich kontrollieren.
  • Und noch einmal: Wie viele Menschen doch in ein Herz passen können...
Angekommen in Kopenhagen treffe ich gleich eine Horde Deutscher, die auch nach Lund müssen. Und schon bin ich mitten im sogenannten „Arrival Day“.
  • Ich habe nicht am meisten Gepäck dabei. Andere können gar nicht mehr selbstständig laufen. Könnte ich auch nicht mit zwei super super super super size (will heissen: sehr grossen) Koffern.
  • Massen an Austauschstundenten sind um mich herum (etwa 1500...).
  • „Welcome to Lund“ ist der meistgehörte Satz an diesem Tag.
  • Es ist EISKALT, wunderschön und ab und zu fallen ein paar Flocken vom Himmel.
  • Man wird mit vielen Infos und noch mehr Papieren eingedeckt.
Nach dem ganzen Infozeug schaffe ich es irgendwie, meinen „landlord“ (Vermieter) dazu zu bringen, mich abzuholen. Er fährt mich nach Södra Sandby, einem winzigen Dörfchen etwa 10 km ausserhalb von Lund.
  • Laut dem landlord sind es 10 Busminuten bis ins Stadtzentrum. Laut meiner Uhr 25.
  • Das Haus ist gemütlich und erinnert sehr an die vier Töchter, die hier aufgewachsen sind. Insgesamt hat der landlord fünf Töchter, zwei davon waren auch schon da. Sie interessieren sich alle für Ökologie, Biologie, Geologie und so weiter. Eine von ihnen will Paläontologin werden, also Dinosaurierknochen untersuchen.
  • Der landlord ist sowohl Arzt als auch Forst-Forscher, weiss also eine Menge. Er versucht ständig, mich (Vegetarierin) zum Fisch essen zu bewegen. Er redet viel und gerne.
  • Auf einem 2-stündigen Spaziergang erzählt er viel über die Flora und Fauna in Skåne (so heisst diese Region von Schweden). Ich bedauere, dass ich früher nicht besser aufgepasst habe und somit nun die lateinischen Namen der Pflanzen nicht kenne.
  • Mein Zimmer ist etwas kalt und hat noch leere weisse Wände, aber es ist trotzdem gemütlich. Es hat eine Dachschräge und ich kann meinen Nachbarn husten hören.
  • Apropos Nachbarn: Ich habe zwei Mitbewohner. Gustav studiert irgend etwas mit Technik oder so, momentan fährt er Ski in Italien. Martin studiert Geschichte und Politologie (ihn höre ich husten, er wohnt gleich auf der anderen Seite der Wand). Er ist eine Orientierungsniete (wie ich), wie sich bei einer Stadterkundungstour herausstellt. Nur hat er Google Maps auf seinem Smartphone, während ich, ganz altmodisch, den Stadtplan hervor holen muss... Beide Mitbewohner sind Schweden, ich habe also die Hoffnung, ein bisschen Schwedisch von ihnen zu lernen...
  • Das Badezimmerfenster kann nicht geöffnet werden (weil danach unverschliessbar). Hoffentlich schaffe ich es jeweils vor den Jungs dort hinein... Denn nach ihnen könnte es zu Vergasungserscheinungen kommen.
  • Man kann die Sterne sehen... Und der Bus fährt samstags zwei Mal pro Stunde. Willkommen zurück auf dem Land!
  • Wärmflaschen sind in Schweden aus der Mode. Nur 110-jährige alte Ladies benutzen sie noch. Mein Mitbewohner, Martin, kannte noch nicht einmal das schwedische Wort dafür... Der erste negative Punkt – was ist ein Bett ohne Wärmflasche?
  • Der zweite negative Punkt: Schweden mögen’s weich. Ich werde für die nächsten sechs Monate also auf einer Badewannenmatratze schlafen.
Ich wohne in Södra Sandby aber studiere in Lund. Also ein paar Worte zur Stadt von Sony Ericsson und zum Erfinderort von Tetra Pak (ja, wirklich, das wurde in Lund erfunden! Heute befindet sich der Hauptsitz in der Schweiz, in Lausanne.):
  • Lund besteht aus der Universität. Alles in Lund IST Universität.
  • Als ich 30 Briefmarken kaufen will, starrt mich der Verkäufer nur geschockt an. „Dreissig??“ Ich verspreche ihm, zurück zu kommen und mehr zu kaufen, weil ich viele Briefe und Karten schreiben würde. Er fällt fast in Ohnmacht. Um mein Versprechen einzuhalten brauche ich aber Hilfe – schickt mir was und ich werde antworten!
  • Die ersten Leute lerne ich in meiner „Mentoring Group“ kennen, einem Programm für Austauschstudenten. Ich treffe Menschen aus Kanada, Ostdeutschland (ja, sie sind überall), den USA, Polen, Litauen und Singapur. In Singapur ist Kaugummi illegal – schon gewusst? Zur Feier des Tages essen wir mexikanisch.
  • Der Bus fährt auf einer Art Trottoir neben der Strasse. Links neben der Strasse.
  • Ich bin nicht die einzige verlorene Studentin in Lunds Strassen.
  • Ein Schwedischkurs in einem vollen Hörsaal ist Spass pur. Vor allem Kanadier, die probieren „ü“ zu sagen, sind amüsant. (Bis das Studium am 21. Januar anfängt, besuche ich einen Schwedischkurs.)
  • Ebenjener Kanadier schüttete Joghurt in seinen Kaffee, im festen Glauben es sei Milch. War es nicht. Das merkte er auch. (Da bin ich geradezu gut weggekommen mit meiner salzigen Butter, die ich auf mein Nutellabrot gestrichen habe... Aber was will man machen, die Butter muss aufgegessen werden. Man gewöhnt sich mit der Zeit an den Geschmack (ähnlich wie die Salz-Schokolade von Lindt), und sonst verdickt man einfach die Nutella-Schicht.)
  • Es gibt viele schöne, alte, imposante Gebäude in Lund.
  • ES IST KALT!!!!!
  • In Lund MUSS man ein Fahrrad besitzen. Das sagen alle. Aber ein altes, billiges, denn es wird eh geklaut. Das sagen auch alle. (Es gibt etwa 40'000 Studenten in Lund, insgesamt etwa 80'000 Einwohner. Und 250'000 Fahrräder...)
  • Irgendwie gibt es doch Länderklischees, die sich bewahrheiten. Schweden sind schön, auch Polen und Finnen kann man an ihren Gesichtszügen erkennen, Amis / Kanadierinnen neigen zu ausgeprägtem Modesinn (im Allgemeinen auch „Tussis“ genannt), Asiaten sind höflich, schmatzen und schlurfen und und und.
  • Das nette Ami-Girl (Boston) erzählt beim Mittagessen: „In Amerika schauen alle ständig auf ihr Smartphone, auch beim Essen. Das nervt so!“ Sagt’s und schaut auf ihr iPhone. Diese Geräte sind allgemein sehr beliebt bei den internationalen Studenten. ALLES läuft über Facebook.
  • Es gibt über zehn „Nations“ in Lund. Das sind alles Studentenorganisationen, die ihre eigenen Clubs, Kaffees und so weiter haben. Sie organisieren tausend Anlässe, man könnte seine Wochen nur mit ihren Aktivitäten füllen. Alle Nations buhlen um die Neuankömmlinge, denn normalerweise wird man Mitglied einer Nation. Die Mitgliedschaft bringt einem viele Rabatte und andere Vorteile. Am Schluss ist es vollkommen egal, von welcher Nation man Mitglied wird - die Mitgliedschaft gilt auch für die Angebote der anderen Nations. Aber es scheint eine Art Studentensport zu sein, für seine Nation zu werben.
Fazit: Die Schweden sind sehr gastfreundlich und "welcoming". Es ist spannend, Menschen aus aller Welt (und somit allen Kulturen) zu treffen. Und: ES IST KALT HIER OBEN!

Das war's für's zweite Mal. Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen, sei es auf elektronischem oder nicht elektronischem Postweg.

Bästa hälsningar aus Schweden!

Dienstag, 8. Januar 2013

Davor - Teil 1


Hej!

Wie vermutlich die meisten bereits wissen, werde ich die nächsten Monate in Südschweden verbringen, genauer gesagt in Lund. Lund liegt in Skåne, 45 Zugminuten von Kopenhagen entfernt und hat gut 80'000 Einwohner. Etwa die Hälfte davon gehören zur gleichen Sparte wie ich, sind also fleissige Universitätsbesucher. Wohnen werde ich ein bisschen ausserhalb der Kleinstadt bei einem (hoffentlich) netten Mann, dessen (vegetarische) Töchter ebenfalls zwecks Universitätsbesuch in alle Welt ausgeflogen sind. Er hat ein Klavier, trinkt viel Tee und betreibt Forstforschung. Es dürfte also eine interessante Zeit werden... Auch diesmal werde ich es mir nicht nehmen lassen, mehr oder weniger oft von den kleinen und grossen Abenteuern zu berichten, die meinen Lebensweg kreuzen werden.

Den Anfang machen dieses Mal ausnahmsweise nicht die bekannten Stichworte. Es ist zwei Abende vor der Abfahrt und ich slitze (halb sitzen, halb liegen) auf meiner Matratze, die eigentlich der WG gehört. Um mich herum liegen ein fast ganz gepackter Rucksack, eine fast leere Kiste, verschiedene Abfallhaufen und noch andere uninteressante Dinge. Bei einem so unabgerundetem Bild kann man einfach keine Satzbruchstücke verfassen. Deshalb eben ein Fliesstext.

Es ist schon sehr merkwürdig, sein fast ganzes Hab und Gut, auch wenn es mehr oder weniger problemlos in ein 10qm2 – Zimmer passt, in Kisten zu packen und fremden Männern mitzugeben. Die hieven meine Fotoalben, Bücher, Lieblingstrainerhosen, meine selbst geblasene Vase und meine alten Tagebücher einfach auf ihre Schultern und stapeln sie in einer Lagerhalle zu einem hohen Turm. Möge er sicher und stabil für die nächsten acht Monate dort stehen.

Auch merkwürdig ist, wie viele Menschen Platz in einem einzigen Herzen haben. Und wie schwer einem der Abschied fällt, obwohl man manche sowieso nicht häufiger als selten sieht. Oder dass in meinem Reich nun ein anderer Mensch wohnen und es mit neuen Geschichten und Erinnerungen füllen wird.

Was ganz und gar nicht merkwürdig sondern sonnenklar und absolut mühsam ist, ist der begrenzte Platz eines Rucksacks. Und die begrenzte Anzahl Hände eines Menschen. Wer von Januar bis Juni für das Studentenleben im fernen Norden gerüstet sein will, der braucht Muskeln, das ist mir jetzt klar. Anders kann die ganze Bagage ja nicht transportiert werden. Am schwierigsten ist die Wahl der Halswärmer. Grundsätzlich befolge ich strikt diese Regel: Nimm nur so viele Schals mit, wie du Wochen in die Ferien fährst. Für drei Wochen Sommerurlaub darf ich also drei Halstücher und zwei Schals einpacken (weil die Halstücher doch so dünn sind...). Wie sieht das aber aus, wenn man mehr als zwanzig Wochen wegfährt? Ich müsste immer noch die Hälfte meiner Sammlung zurück lassen, doch ich könnte weder Hosen noch Schuhe oder meine Wollsocken mitnehmen – was ungünstig wäre, denn gegen Eisklotzfüsse helfen auch zwanzig Schals (Schale? Schäler?) nicht viel. Fazit: Ich habe eine grausame Selektierung hinter mich bringen müssen...

Nun ist der Kampf mit den Reisverschlüssen bald beendet und die Reise geht los. Mit vielen guten Wünschen, einem schwedischen Vokabular-Büchlein und einer Notration Schweizer Schokolade bin ich bestens gerüstet für das Abenteuer „Erasmus in Lund“.

Natürlich freue ich mich immer auf Rückmeldungen von euch. Falls euch das Post-Fieber überkommt – nur nach der Adresse fragen!

Jetzt wünsche ich euch von Herzen eine gute Woche, einen guten Monat, ein gutes Jahr. Ich melde mich vermutlich wieder, wenn es Meldenswertes gibt. Sonst auch, so wie ich mich kenne.


Bästa hälsningar, zum vorerst letzten Mal aus Kleinbasel!

Samstag, 27. Oktober 2012

Schutz vor der Nacktheit

Ich bin das Wichtigste überhaupt. Ich bedecke, und sorge somit dafür, dass niemand von der Nacktheit pikiert wegschauen muss. Ich bedecke, wie der Schnee die Berge. Puder. Manche drücken mich nach unten, vermischen mich. Dann bin ich nicht mehr der Schnee auf dem Gipfel, dann bin ich die Wiese beim Abstieg, die schönsten Bergblumen, die Pause nach der grössten Anstrengung. Andere tragen mich Stück für Stück ab, wie ein Bagger. Sie tragen mich vom Gipfel in die warme Höhle. Bin ich nicht da, fehlt etwas. Nacktheit ist die Folge. Trocken, eintönig, langweilig.
Ich bin das Schokoladenpulver auf dem Cappuccino - Schäumchen. Ich bin das Wichtigste überhaupt.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Der Sinn dahinter

Ich glaube, der liebe Gott, die Natur oder wer / was auch immer hat die Halsbeuge nur dazu erfunden, damit ein Mensch ein Leben lang suchen kann, welcher Kopf wohl dort hinein passt. Das mag erstaunlich sein, denken doch viele, Gott, die Natur oder wer / was auch immer hätte die Halsbeuge, den Hals und den Nacken nur dazu erfunden, die Menschen zu quälen. Mit Nackenstarre oder -weh, einem Kratzen oder Frosch im Hals, oder um einen schweren Kopf darauf zu setzen, unter dem der schmale Hals zusammenzubrechen droht. Nun, ich darf verkünden: Ich glaube, die Halsbeuge wurde für den Kopf eines anderen Menschen gemacht. Natürlich passen mehrere Leute in eine Halsbeuge. Nicht auf einmal, aber nacheinander. Manche passen gar nicht, drücken, andere fühlen sich gut an. Aber eine Person passt noch besser als alle anderen, der Kopf einer Person schmiegt sich perfekt an die Linien der Halsbeuge. Und ich glaube, der liebe Gott, die Natur oder wer / was auch immer hat die Halsbeuge erfunden, um uns das Leben einfacher zu machen. Mit der Halsbeuge können wir ganz einfach testen, ob ein Mensch zu uns passt. Passt es, passt es. Drückt es, passt es nicht. So ist das.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Die nächste Reise

Und wieder einmal packe ich meine Koffer und Taschen. Verstaue alles in Kisten und Tüten. Wie immer landen alle Bücher in einer Kiste, bis ich merke, dass ich sie dann nicht mehr tragen kann. Also wieder auspacken, Karton mit Kleidern auffüllen, Bücher verteilen. In die Tassen werden Socken gestopft, in die Schuhe auch, zwischen die vielen Schals kommen die feinen Kerzenhalter und andere zerbrechliche Dinge. Säuberlich wird alles beschriftet ("Bücher, Kleider, Schuhe" oder "CD's, Bücher, Kleider" oder "Badezimmer, Küche, Bücher") und gestapelt, bis ich umgeben bin von ganzen Karton-Türmen. Meine Holz-Kisten staple ich ineinander, ich fühle mich wie in einem lebensgrossen Tetris-Spiel. Nägel werden aus der Wand gezogen, Bilder abgehenkt, Klebestreifen abgekratzt. Und immer wieder stellt sich die eine Frage: "Behalten oder wegwerfen?" Auch andere Gedanken kehren beständig und zuverlässig zurück, wie bestellt: "Hier werde ich nie wieder duschen. Oder kochen. Joghurt essen. In den Türrahmen laufen, weil ich morgens noch nichts sehe. Frieren, weil die Heizung ausgefallen ist. Ich werde mich nie wieder über dieses WC beugen, weil es verstopft ist. Nie wieder diesen Boden staubsaugen, die Fenster putzen, die Haustür abschliessen." Stück für Stück trage ich meinen Besitz aus meinem Zuhause, aus meinem Zimmer raus. Es wird immer leerer. Ich auch. Ganz zum Schluss kratze ich die Aufkleber von der Tür. Sie hinterlassen dunkle Stellen, reissen den Lack mit sich. Pinsel, Farbtopf - einmal drüber gestrichen, schon ist nichts mehr zu sehen. Bald wird die Tür getrocknet sein, bereit, für die nächsten Aufkleber. Das Zimmer, bereit, für den nächsten Bewohner. Bereit, wieder ein Zuhause zu sein. Meines ist es nicht mehr.

Donnerstag, 19. Juli 2012

Der Plan

Ich möchte Liebe machen mit dir. Ich möchte alle Räume füllen, bis in die Ecken und unter die Decken. Ich möchte Liebe machen mit dir, überall und immerzu, ich möchte die ganze Welt in einen dicken Mantel aus lauter Liebe stecken. Wir werden umhüllt sein von einer Schicht der puren Liebe. Ich möchte Liebe machen mit dir, weil ich denke, dass wir das gut können. Wenn du da bist, fällt es mir nicht schwer, Liebe zu machen. Ich möchte Liebe machen mit dir, Tag und Nacht, jede Minute und Sekunde des Daseins, auch an den Schalttagen und während der Schaltsekunden. Ich möchte Liebe machen mit dir, ganz viel, und sie mit allen Menschen und Tieren und anderen Lebenwesen und Nicht-Lebewesen des Universums teilen. Ich möchte Liebe machen mit dir und die anderen damit anstecken, damit sie auch Liebe machen. Und wenn die ganze Welt Liebe macht, werden wir uns im Kreis drehen und glücklich sein. (Vorher auch schon.)


Montag, 9. Juli 2012

Kleintiere

Heute hat mir ein Junge erklärt, wie ich Milben erkenne. Ich teile dieses Geheimnis nun mit euch.
Man muss ganz leicht auf das schnell kriechende, orange Tierchen drauf drücken (pf) und den Finger langsam verschieben. War es eine Milbe, entsteht eine rote Spur auf der Unterlage. Unser Demonstrationsobjekt war keine Milbe. Zwar auch klein und orange hatte es einen Panzer. In solchen Fällen muss man fester drauf drücken (pffftsch).
Sagte der Junge.
Ja, so ist das.

Samstag, 7. Juli 2012

Strassenszene

Gestern ist mir ein Bild begegnet, das mich tief berührt hat.
Ein Tandem fuhr an mir vorbei. Darauf sassen ein alter Mann (vorne) und eine alte Frau (hinten). Sie strampelten sehr langsam und im absoluten Gleichschlag (oder -tritt). Beide waren leicht vorn über gebeugt. Der Mann lenkte, die Frau streckte schon Kilometer vor der Kreuzung ihren linken Arm auf die Seite, das Blinklicht sozusagen. Ein perfektes Team. Wie lang sie wohl dafür geübt haben?

Freitag, 6. Juli 2012

Und noch einmal

Wie viele zweite Chancen gibt es?

Freitag, 22. Juni 2012

Der Wirtschaftsstudent II - Oder Der Ökonom

Der Beweis, dass Wirtschaft nicht gleich Dummheit bedeutet.

Fragen an dich

Denkst du wirklich, du kannst mich halten?
Ich meine - bist du überhaupt stark genug? Du kannst Bäume ausreissen und Pferde stehlen, Gewichte stemmen und Berge versetzen. Aber bist du auch stark genug, um mich zu halten?
Und bist du überhaupt gross genug, um mich zu halten? Du bist ein Riese, überragst mich. Bei dir fängt es früher an zu regnen und musst du dich bis zum Boden bücken, ist das eine Weltreise. Aber hast du auch die Grösse, mich zu halten?
Und hast du auch den Mut, mich zu berühren? Du fürchtest dich vor keiner Kreatur auf diesem Erdball, auch Wind, Wasser, Feuer, Erde können dir nichts anhaben. Aber bist du auch mutig genug, um mich zu halten?
Und wirst du auch die Ausdauer haben, mich nicht fallen zu lassen? Dein Durchhaltevermögen kennt keine Grenzen, du fängst als Erster an und hörst als Letzter auf. Aber wird das auch reichen, um mich für immer festzuhalten?

Donnerstag, 21. Juni 2012

Oben im Kreis

Vor einiger Zeit erzählte mir eine Frau etwas von einem Kreislauf. Alles sei ein Kreislauf. Und alle Stadien dieses Kreislaufs seien wichtig. Diese Frau beschrieb den Kreislauf folgendermassen:
Öpis mue cho, wachse, denn treits Blüete und Frücht, und denn vegohts wieder. So gohts immer wiiter. Cho, wachse, blüeh - vegoh. Cho, wachse, blüeh - vegoh. Cho, wachse, blüeh - vegoh.
Um diesen Vorgang zu unterstreichen hob sie jeweils ihre Arme in einem grossen Kreis über ihren Kopf. Sie fingen unten an und waren beim "blüeh" ganz oben. Dann machte die Frau eine eindrucksvolle Pause, die Spannung stieg - und wurde durch ein kurzes "vegoh" und das Herunterfallen der Arme gelöst.
An und für sich ein abgerundetes Bild, ein überlegtes Bild, ein Bild, über das sich jemand Gedanken gemacht hat. Aber - ja, schon wieder ein aber, und nein, ich werde nicht müde, solche abers immer und überall einzubringen, wo es mir nötig erscheint - aber: Wieso ist die Blüte der Höhepunkt? Wieso sind die Früchte im Kreislauf ganz oben? Wieso wird da eine bedeutungsvolle Pause gemacht, wo doch eigentlich alles gleichwertig ist? Wieso habe ich den Eindruck, dass die Frau in dem überlegten Bild extra die Blüten und Früchte ganz nach oben gesetzt hat, wieso glaube ich nicht, dass es ein Zufall ist, weil irgendwas halt oben sein muss? Und wieso habe ich nicht den Eindruck, das Bild entsteht aus der Bewegung, die auch die Pflanzen haben - sie wachsen in die Höhe und fallen dann wieder zusammen, nach unten? Wieso bloss habe ich einmal mehr den Eindruck, dass da etwas nicht wertbares gewertet wird, dass Blüten und Früchte tragen über das cho, wachse und vegoh gestellt wird, dass wieder einmal ein guter Ansatz da ist, aber nicht ganz durchdacht und ins Handeln einbezogen wurde?
Ist denn nicht alles gleich wichtig? Ist denn das vegoh nicht unerlässlich für die Blüten? Und das cho, ohne das cho würde es doch auch kein wachse geben! Bedingt nicht eins das andere? Ist es nicht ein Kreislauf auf ein und derselben Ebene? Ist ein Kreislauf nicht immer auf ein und derselben Ebene? Hm.
Vielleicht liegt es auch an mir. Wie komme ich darauf, dass diese Frau die Blüten über den Rest stellt? Nur weil sie dann ihre Arme am höchsten Punkt hat? Weshalb sollte sie mit dem höchsten geografischen Punkt auch die höchste Priorität darstellen wollen? Wie komme ich darauf, dass das wichtig, ein Kriterium für sie ist? Gehe ich etwa durch die Welt und nehme alles, was oben ist, wichtiger als die Dinge unten? Naja, beim Eis ist das ja wirklich so. Die Kugel oben ist das Wichtige, nicht das Cornet. Aber bei Rüebli zum Beispiel, da würde man schön dumm aussehen, wenn man sich nur auf den oberen Teil beschränken würde. Aber so ganz ehrlich: Wann hast du dich zum letzten Mal ausgiebig um deine Füsse gekümmert? Um den "untersten" Teil deines körperlichen Kreislaufs?
Ich persönlich kann räumliches Denken nicht von hierarchischem Denken trennen. Und ich wage zu behaupten, dass ich damit nicht alleine bin. Also wäre es wichtig, darauf Acht zu geben und vielleicht ein Bild zu erdenken, das nicht zu diesen missverständlichen Aussagen führt.

Alles ist wichtig. Blüeh, vegoh, cho, wachse.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Aufruf

Leute, passt mit eurer Sprache auf. Habt ihr jemals genau hingehört, was ihr so sagt und was ihr so gesagt kriegt? Wir nehmen immer an, wir verstünden schon, was der andere sagen wolle. Ich verstehe dich. Ich weiss, was du meinst. Klar. Aber habt ihr einmal wirklich genau hingehört?
Einige werden sicherlich wieder die Wichtigkeit dieser Fragen bezweifeln. Ich finde sie wichtig. (Abgesehen davon darf man auch unwichtige Fragen behandeln - falls es sowas überhaupt gibt.) Ich finde sie wichtig, weil wir ständig, immer und überall zugetextet werden. Da denke ich schon, dass es sich lohnt einmal anzuschauen, um was es da überhaupt geht.
Zum Beispiel sagte vor einer Weile jemand:
"Die Katastrophe hat gezeigt, dass nichts mehr selbstverständlich ist."
Wenn ich so einen Satz höre, dann frage ich mich sofort, was das mehr da soll. Nichts ist mehr selbstverständlich. Was war denn jemals selbstverständlich? Nichts ist selbstverständlich. Also ist dieser Satz gewissermassen eine Lüge, oder jedenfalls einfach...unsauber formuliert. Unsaubere Formulierungen führen zu mehr Missverständnissen. Unsaubere Formulierungen führen dazu, dass die Menschen sagen "Jaja, ich versteh schon", aber in Wahrheit verstehen sie nichts. Nichts.
Deshalb sage ich: Leute, passt mit der Sache auf, die in eurem Alltag vermutlich den höchsten Stellenwert überhaupt hat. Es ist die Mühe wert.

Dienstag, 19. Juni 2012

Ballett, Julia und der Prinz

Romeo liebt Julia. Und Julia liebt Romeo. Aber...wer liebt eigentlich mehr?
Liebt Romeo Julia mehr, weil er ohne sie nicht mehr leben will und sich umbringt, um mit ihr im Tod vereint zu sein? Oder liebt Julia Romeo mehr, weil sie bereit ist, das Gift zu schlucken, von dem sie nicht sicher sein kann, wie es wirkt? Wollten sie denn wirklich einander oder wollten sie nur die Unmöglichkeit des einander Habens überwinden?
Ob diese Frage wichtig ist? Keine Ahnung. Aber ich habe sie mir gestellt.
Also ist sie vermutlich wichtig.
Der Kleine Prinz zum Beispiel - von dem ich gerne jedes einzelne Wort zitieren würde, weil er so gescheite Sachen sagt - der Kleine Prinz jedenfalls findet es auch wichtig zu fragen, weshalb Blumen Dornen haben und das Schaf sie trotzdem frisst. Weshalb hat eine Blume Dornen, die gar nichts nützen? Oder nützen sie doch etwas, obwohl die Blume schlussendlich vom Schaf gefressen wird? Liegt der Nutzen womöglich ganz woanders als im nicht gefressen werden?
Vielleicht liegt die Wichtigkeit der Frage, ob Romeo Julia oder Julia Romeo mehr liebt gar nicht darin, sie mit "Romeo liebt Julia mehr" oder "Julia liebt Romeo mehr" zu beantworten.
Vielleicht liegt der Nutzen dieser Frage ganz woanders. Oder sie ist nutzlos. So nutzlos wie nichts leistende Menschen.
Mich jedenfalls interessiert es, ob Romeo Julia mehr liebt als Julia Romeo. Einfach so. Ohne Hintergedanken. Auch wenn das Ganze am Ende hinfällig ist, denn tot sind sie beide, ohne wirklichen "Nutzen". Ausser...vielleicht liegt der "Nutzen" gar nicht darin, dass sie sich am Ende kriegen (oder eben nicht). Vielleicht...
Ich weiss nicht, ob das wichtig ist. Aber es interessiert mich. Ich stelle solche Fragen. Also sind sie vermutlich wichtig.
Wissen tu ich nur eins: Die moderne Julia hat kurze Haare, ein Sixpack und trägt ein Männerhemd.

Montag, 18. Juni 2012

Taxi fahren Not helfen

"Und 200 Franken, das wären schon grad ein bisschen viel für dich...?!?"

Ich kann die Frau, die mir diese Frage stellt, nur kariert angucken. Es geht um eine Taxifahrt. Eine Taxifahrt, die bequem ist. Die einen schneller an den gewünschten Ort bringt. Bequem und schnell. Für nur 200 Franken.
Die Vorstellung, dass 200 Franken für irgendjemanden nicht viel sein könnten, ist mir zuwider.
Wie viele Menschen könnten leben von 200 Franken, könnten eine Ausbildung anfangen, wären nicht mehr blind, könnten sich einen Traum erfüllen mit 200 Franken. 200 Franken, das sind 25 Tage Nothilfe. 25 Tage, rausgeworfen an einem Abend, für eine halbe Stunde.
Wie viel Gutes könnten 200 Franken tun.

Wie kann man also nicht finden, dass 200 Franken viel sind?

Sonntag, 17. Juni 2012

Der Wirtschaftsstudent

Ein Mensch der nichts leistet - was will man mit dem schon anfangen? Was ist der schon wert?
Ein Mensch der handelt, ist der denn nichts? Wertlos? Und wie siehts aus mit jemandem, der einfach ist? Was heisst denn schon "leisten"? Was ist denn schon "Leistung"?
Ein Mensch der nicht der Norm entspricht, wird der einfach so gestrichen aus der Kartei? Untauglich?
Ein Mensch
der nichts leistet
ist wertlos.
Sagt mir der "Mensch" gegenüber ins Gesicht.
Er hätte mich genauso gut
anspucken können.
FUCK YOU.

Freitag, 8. Juni 2012

Plitsch platsch oder Alles Gute kommt von oben

Meine Vermutung ist ja, dass der liebe Gott den Regen erfunden hat, um uns an die Sintflut zu erinnern. Er will damit sagen: "He Leute, euer Lebensstil passt mir mal wieder so gar nicht, vielleicht solltet ihr was ändern." Damit spielt er zum Beispiel auf Menschen an, die Werbungen wie diese hier kreieren: "Deine Wunschfigur mit schriftlicher Abnehm-Urkunde." Und noch auf viele andere. Jedenfalls schickt er den Regen, das stelle ich mir jedenfalls so vor, um uns rein zu waschen. Um uns zu sagen: "Ok, du hast wieder ganz schön viel Mist angesammelt, du kriegst jetzt, hier, heute noch eine Chance. Du kannst noch mal anfangen, du bist jetzt sauber und fit für einen neuen Alltag."
Aber wir Menschen wollen das irgendwie nicht so recht hören. Deshalb kam (vermutlich) im Jahr 802 der Abt Alcuin von Tours auf die grandiose Idee, einem Bischof ein "Schutzdach" zu schicken. Seitdem verstehen es die Menschen konsequent, den Regen aus ihrem Leben auszublenden. Sie ziehen Capes an, spannen Schirme auf, gehen nicht mehr aus dem Haus. Denn sobald sie nur schon einen einzelnen Tropfen auf ihrer Haut spüren würden, könnten sie ja eventuell zur Einsicht gelangen. Wie tragisch das doch wäre. Also piksen wir uns lieber gegenseitig mit den tollen Schirmen und schauen zu, wie die Tropfen der Erkenntnis in den Tramschienen verkommen und in den Gulli fliessen.

Wenn es jetzt aber in die Küche regnet - dann, so denke ich, ist das ein eindeutiges Zeichen, dass wirklich etwas geändert werden sollte. So aufdringlich ist Gott nur selten, und das zu ignorieren könnte nicht absehbare, unerwünschte Folgen haben.

Sonntag, 3. Juni 2012

Papierverschwendung

Wie kann man ganz oben, zuoberst auf einer Seite schreiben: "Wenn man mit den oben genannten Kriterien..."? Das geht doch einfach nicht! Oben, über diesem Satz, ist der Rand meiner Kaffeetasse, die leider nur noch Kaffeesatz als Inhalt hat. Aber besser eine Kaffeetasse mit Kaffeesatz als ein Buch mit Mist. Kaffeesatz gehört nämlich in eine Kaffeetasse, im Gegensatz zu Mist, der auf einen Haufen gehört. In einem Buch sollte Schönheit und Intelligenz, Wissen und Werte, Sinn und Erkenntnis stecken. Und dazu gehört, dass man nicht zuoberst auf einer Seite "Wenn man mit den oben genannten Kriterien..." schreibt.

Samstag, 26. Mai 2012

Geständnis

In die dunkle Nacht
hinauslaufen
um an eine helle Häuserwand
den Satz zu sprühen:
Ich liebe dich!

Schreien ist ja
nach zweiundzwanzig Uhr
leider untersagt

Andrea Schwarz


Freitag, 18. Mai 2012

Zusammenfassung einer Predigt

"Jesus ist in Wahrheit gar nicht in den Himmel "aufgefahren", wie das alle immer erzählen an Auffahrt. Er hängt fest, in der Cloud! Deshalb zeigen die Bilder an Auffahrt auch immer eine Wolke. Dort hängt er jedenfalls, ist quasi abgelegt in unserer Dropbox. Und genau wie all die Ferienfotos und sonstigen Unterlagen aus der Dropbox haben wir auch Jesus immer bei uns. In der Cloud. Wir haben jederzeit Zugriff auf ihn. So ist das mit Auffahrt und der Dropbox."

Sonntag, 13. Mai 2012

Führungsposition

Um was geht es hier eigentlich? Um Macht? Oder Geld? Vermutlich beides. Und all das wirklich nur wegen Macht und Geld? Wie traurig. Man jagt quasi dem Unglück hinterher. Wie traurig, sein ganzes Leben dafür zu opfern. Wenn man Glück hat, ist das Unglück schneller. Wenn nicht, dann kann man es einholen und wird Staatsoberhaupt oder Bankchef.

Standort

Ich mag diese Stadt ja schon. Die Wolken über ihr, die Sonnenstrahlen, die sich in den Fenstern und im Fluss brechen, das Plätschern, die Gebäude. Ich mag sie wirklich. Sie ist schön, eine schöne Stadt. Aber die Menschen darin, und das was die Menschen aus der Stadt gemacht haben - naja. Die Läden, die Werbungen, der Verkehr. Und wie sie rumlaufen - die Kleidung, die Laune, ohne jegliche Wertschätzung. Ich mag diese Stadt ja schon. Aber ohne Menschen wäre sie manchmal schöner.

Dienstag, 24. April 2012

Überraschungsgeschenk

Lily liebt Helmut. Und Helmut liebt Lily. Lily ist ein Krokodil. Und Helmut ist ein Frosch. Mit einem Cape. Das kann durchaus ein Problem sein. Nicht das Cape, die Verschiedenheit. Ist es aber nicht, denn Lily liebt Helmut wirklich und Helmut liebt Lily wirklich. Am Anfang waren sie kurz getrennt. Lily wusste nicht, ob sie Helmut jemals wiedersehen würde. Und sie wusste nicht, ob sie ihn wiedersehen wollte. Deshalb tröstete sie sich mit einem hässlichen Matrosen. Aber dann kamen zwei Fremde und brachten sie zu Helmut. Sobald sie Helmut sah, war der Matrose vergessen und die Liebe tief und innig.
Die beiden sehen sich leider nicht regelmässig. Aber Lily fühlt sich sehr wohl, dort, wo sie jetzt ist. Sie denkt viel an Helmut und kuschelt sich unter ihre warme Decke. Und sie freut sich auf ein Wiedersehen. Und sie dankt den Fremden von ganzem Herzen (auch Stoffkrokodile haben Herzen, ganze Herzen), dass sie da waren und da sind und dem Schicksal geholfen haben.

Mittwoch, 11. April 2012

Dozent vs. Student

"Zu einfache Texte sind nicht repräsentativ."
K.W. - Dozentin in Gesellschaftswissenschaften

WTF?? Soll das Uni sein? Sieht so differenziertes Denken aus? Kritisches Hinterfragen? Soll das wirklich Uni sein?? Nur weil jemand fähig ist, etwas einfach auszudrücken, kann es nicht wahr sein. Kann es nicht gut recherchiert und hinterfragt und argumentiert sein. Texte mit Inhalt müssen per se schwierig und schwer bis gar nicht verständlich sein. Wo kämen wir denn hin, wenn man die Welt in einfachen Texten erklären würde. Wo kämen wir denn hin, wenn man nicht Haare raufend über den Fremdwörtern und Schachtelsätzen verzweifeln würde, bis tief in die Nacht hinein. Das ginge ja gar nicht. Also sind einfache Texte einfach nicht repräsentativ. Logisch. So logisch.

Montag, 9. April 2012

Wie leicht Dinge doch zerbrechen können.

Montag, 2. April 2012

Gegensätze ziehen sich an

Die Liebe ist schon merkwürdig.
Sie füllt unsere Köpfe aus
und leert sie komplett.
Sie macht uns hungrig
und permanent satt.
Sie stellt uns vor Entscheidungen
und zeigt das Wesentliche glasklar.
Sie verändert uns
und nie sind wir natürlicher.
Sie bereitet uns den grössten Schmerz
und die tiefste Freude.
Die Liebe ist schon merkwürdig.
Sie kommt und sie geht
und sie ist immer da.

Sonntag, 1. April 2012

Denkanstösse

"Für mich sieht die Welt wie ein Foto aus." V.M.

"Busse sind wie Bananen - sie kommen immer in Bündeln." (Das Wort Busse ist auch mit dem Wort Männer ersetzbar.)

"Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge. Aber sie (die meisten Essayisten) machen es umgekehrt." Schopenhauer (in Tucholsky "Die Essayisten" 1931)

"Die brutale Gesellschaft belastet die Lehrer." BAZ am 24. März 2012, Helmut Hubacher

"Was nicht zu Papier zu bringen ist, steht für uns im Verdacht, dass es nicht ist." Vilém Flusser

"Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus dem Leben zu machen." Georg Bernard Shaw

Dienstag, 27. März 2012

168 Zentimeter

Irgendwie hatte ich immer gedacht, ich wachse noch. Ich hatte immer gedacht, ich werde auch einmal so gross wie die Erwachsenen. Aber wenn ich jetzt so um mich blicke, sehe ich da niemanden, der gross ist. Ich sehe Frauen, die Absätze tragen. Männer, die mich um einen oder zwei Köpfe überragen. Aber jemanden von Grösse? Hm. Ich hatte immer gedacht, ich werde auch einmal so gross wie die Erwachsenen. Aber wenn ich jetzt so um mich blicke, sind da alle gleich gross. Wenn ich jetzt so um mich blicke, bin ich gleich klein wie alle anderen. Ich werde also vermutlich nicht mehr weiter wachsen. Kleidertechnisch gesehen ein Vorteil, ganz klar. Aber irgendwie hatte ich immer gedacht, als ich noch klein war, dass ich auch einmal so gross werde wie die Erwachsenen.

Sonntag, 25. März 2012

Reiseziel

Mein Platz an der Sonne. Ich habe einen Platz an der Sonne. Ja, auch ich habe einen Platz an der Sonne. Mein Platz an der Sonne liegt manchmal im Schatten, unter dem Blätterdach. Oder auf der Dachterasse. Mein Platz an der Sonne kann mein Bett sein, oder ein Küchenstuhl. Ein Sitz im Zug. Im Hörsaal. In strömendem Regen. Er kann in der Schlange an der Supermarktkasse sein, oder inmitten einer Menschenmenge an einem Konzert. Es spielt keine Rolle. Es gibt ihn, meinen Platz an der Sonne, und ich kann dort bleiben so lange ich will. Ohne Sonnenbrandgefahr! Manchmal finde ich ihn gerade nicht. Aber er taucht immer wieder irgendwo auf. Mein Platz an der Sonne. Es gibt ihn.

Mittwoch, 21. März 2012

Deutschstudenten erobern die Küche oder Katastrophale Reime

zwei kleine deutschstudenten hatten nicht gern bier,
kekse backen pizza essen, da warens plötzlich vier.

vier kleine deutschstudenten luden ein ganz nach belieben
den und die und die und den, da warens plötzlich sieben.

sieben kleine deutschstudenten, eins davon verhex-t (-liebt)
seifenblasen, träumliwelt, da warens nur noch sechs.

sechs kleine deutschstudenten, eins mit dicken lymph'
krank war es und lag im bett, da warens nur noch fünf.

fünf kleine deutschstudenten, eins ein herdentier
musste sich mit andern treff'n, da warens nur noch vier.

Montag, 19. März 2012

Von Grottenolmen

"Im Sommer durfte ich in einer Höhle in Istrien Bekanntschaft mit einem Grottenolm machen. Dieser blinde Lurch lebt dort bei etwa 10 Grad im Wasser. Er kennt weder Sonne noch Veilchenduft, keine Pizzas oder Börsenkurse und nicht mal Rundbriefe. Seit dieser Begegnung frage ich mich oft, ob wir Menschen wirklich so genau wissen, was es in unserer Welt gibt und was nicht, oder ob wir nur oberirdische Grottenolme sind."
Ausschnitt aus einem (nicht meinem) Rundbrief

Samstag, 17. März 2012

Das Broccolibaumhaus

Eines meiner Lieblingsgemüse.


Und eines meiner Lieblingslieder:

Freitag, 16. März 2012

Klassentreffen

Wenn man merkt, dass man plötzlich nicht mehr in diese Welt gehört. In eine Welt, deren Teil man früher war. Wenn man merkt, dass sich der Schwerpunkt verschoben hat. Dass man nicht mehr über das Gleiche redet. Wenn man merkt, dass man sich entfernt hat, viel weiter als Erde und Mond voneinander entfernt sind. Wenn man merkt, dass man unterschiedliche Leben hat, dass andere Sachen wichtig sind, andere Dinge erfreuen und den Schlaf rauben. Dann hat wohl jemand die Tapete gewechselt. Und man kann noch so sehr versuchen, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen - man wird es nicht schaffen, man wird versagen, man wird nicht wieder Teil dieser Welt. Nie wieder. Jede Welt hat ihre Zeit.

Donnerstag, 15. März 2012

Eine andere Welt, gleich hinterm Haus

Wer auf einer Zugfahrt ein Ticket für die Uhren- und Schmuckmesse Basel geschenkt kriegt, darf dieses Geschenk nicht einfach so missachten. Also begab ich mich an die BaselWorld 2012, voller Interesse und Neugier, gespannt auf diese andere Welt. Meine Eindrücke:

- Alle Kleidung ist schwarz. Ausser die weissen Hemden der Herren. Und ausser mein violetter Pullover.
- Die Menschen scheinen ganz steif zu sein, ausserdem kann ich kaum jemanden finden, der so aussieht, als würde er (oder sie) sich amüsieren.
- Echte Fische in der Hauswand und Hufeisen im Schaufenster, dazu ein paar Billiardkugeln. Uhren zu vermarkten ist nicht einfach.
- Man sieht Asiaten und hört französisch.
- "Ich habe immer noch die Uhr von meinem Exfreund."
- Es gibt Frauen, die tragen halbe Bäume um den Hals.
- Es gibt Ringe mit Fell rundrum.
- Es gibt Schaufenster, in denen rechts und links ein Glas Wasser steht. Falls die Uhren, Ketten und Ringe durstig werden. Glaubs.
- Ich habe nun die biggest peacock-colored Tahitian cultured pearl ever found gesehen, mit einer size von 18,3 mm. Ja!
- Ganz ganz viele Leute werden einfach nur fürs Rumstehen bezahlt.
- Früher gab es Ritterkämpfe, heute entscheidet der teuerste Ring darüber, wer die schönste Frau ist.
- An Messen dürfen die Männer hemmungslos gucken. Und zwar angucken, die Hostessen, von oben bis unten. Und zurück.
- Glitzer, Reichtum, Eleganz. Und mittendrin Prix Garantie Kleenex, gut & günstig Kaffeesahne und ein ganz gewöhnlicher Müllsack mittem im Gang. Ein bisschen Alltag, wie erfrischend.
- Manche Aussteller lassen nur geladene Gäste in ihre Häuschen, um die Uhren anzuschauen. Die "normalen" Besucher müssen draussen bleiben und sich mit Katalogen zufrieden geben.

Fazit: Nie wieder ohne sehr sehr guten Grund.

Schlangenwörter

Demokratisierungsprozesse ist ein langes Wort. Dachte ich. Bis ich Uhrenfabrikbesitzervereinigungsvorsitzendentisch las.

Dienstag, 13. März 2012

Sonntag, 11. März 2012

Nach dem Tag

Ich vermisse sie. Zu lächeln. Zu fragen und zu antworten. Haare aus dem Gesicht zu streichen. Einladen und einladen zu lassen. Die Gedanken schweifen zu lassen, die Fantasie aufzuwecken, das Unmögliche auszuprobieren. Ich vermisse sie schon jetzt, die Freiheit.

Montag, 5. März 2012

Unbekannt

"Vielleicht hat diesen Satz noch nie jemand gesagt."

Sonntag, 4. März 2012

Der Vielfrass

Und sofort sind sie wieder da, die Zweifel. Nach einem Tag, einer Woche, einem Monat. Sofort sind sie wieder da, fressen sich tief ein, brennen, wie Säure sich durchfrisst und brennt. Sie werden gefüttert von Gedanken und der Fantasie, die Zweifel. Sie lachen hämisch und fühlen sich so vertraut an. Ich kenne sie gut. Aber man sollte Vertrautheit nicht mit "zu Hause" oder "wohl sein" verwechseln. Vertrautheit. Vertrauen. Das einzige, was wirklich über die Zweifel siegen kann. Vertrauen. Aber solange das noch nicht da oder noch zu schwach ist, ist Bestätigung nötig. Bestätigung, Versicherung, eine ständige Wiederholung des schon Gesagten und Gezeigten und ach so Klaren. Nur Geduld. Vertrauen braucht Zeit und Zweifel haben einen langen Atem, sind hartnäckig, ausdauernd. Aber die Mühe wird sich lohnen. Ganz, ganz sicher! Nur Geduld.

Dienstag, 28. Februar 2012

Die drey scheenschte Dääg

Nach endlosen Wochen der Vorbereitung ist sie endlich da. Alles kommt herbei geströmt, aus allen Ecken und Enden kommen sie, die Menschen. So viele Menschen. Überall. Sie laufen und pfeiffen und trommeln und blasen. Oder sie laufen einfach. Sie tragen alle das gleiche Kostüm und wollen doch irgendwie individuell sein. Ein Extra haben, das sie von den anderen unterscheidet, in der grossen Masse. Die grosse Masse. Sie schiebt durch die Strassen und Gassen, irgendwo hin, irgendwo rein. Man trinkt, isst, Mehlsuppe natürlich, hat Glitzerstaub in den Haaren, auch Räppli genannt. Dann gibts noch eine Blume in die Hand. So schön. Eine bunte Stadt die tanzt und pfeifft. Eine Schicht bunter Punkte bedeckt den Boden, den grauen Teer, als würde sich diese Schicht über den grauen Winter legen. Auf dem Heimweg kommen einem die Putzmaschinen entgegen. Sie machen das Grau wieder sichtbar. Aber bald werden die nächsten Punkte den Boden bedecken. Das Ende ist nämlich nicht nah. Zuerst muss noch gefeiert werden. Gefeiert, getanzt, gelebt. Und wenn man da so mittendrin ist, könnte man glatt die Welt vergessen, und für einen Moment, also für drei Tage, für die drey scheenschte Dääg, einfach sein, und tanzen, und pfeiffen, und sich schieben lassen, und sein Herz im Rhythmus der Trommeln schlagen lassen. Und allen Menschen geht es gut.

Sonntag, 26. Februar 2012

Unbegrenzte Möglichkeiten

"Alle sagten: "Das geht nicht." Da kam einer, der wusste das nicht, und hat es gemacht."
Unbekannt

Am zweiten Unitag

Nein, ich fühle mich nicht überfordert. Ich wollte schon immer Robinson Crusoe sein.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Wenn die Worte fehlen - bleibt da die Musik.

You can feel like a part of something
if you're part of the scene
You can make your life look pretty
out a little ice and gin
Wash off the make-up and prepare the aspirin
Well you can get out of this party dress
but you can't get out of this skin.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Abflug

Wenn ich etwas machen könnte, das eigentlich unmöglich ist, würde ich den Wolkenstrand erfinden. Man kann sich auf dem flauschigen Nichts räkeln oder darüber schlendern, es durch die Zehen rieseln lassen oder eine Abkühlung im blauen Himmel nehmen. Über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos und das Wetter immer schön. Man kann in der Wolle versinken oder sich ganz davon tragen lassen. Man kann sich darin einwickeln bis nur noch die Nasenspitze rausguckt. Und man bräuchte niemals einen Sonnenschirm.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Wenns *plingg* macht

Und plötzlich verschiebt sich der Schwerpunkt.
Das Zentrum, das von Bedeutung, der Mittelpunkt, Fokus.
Plötzlich kreist alles um etwas Anderes.
Plötzlich ist da eine Sicherheit, Gewissheit, Bestätigung.
Und plötzlich ist einfach alles gut.

Montag, 13. Februar 2012

Basler Poesie

S git Blüemli am Wäg,
Unschynber, chly,
Men achtet se chuum
Und goht dra verby.

Und so gits au Möntsche
Wo me verchennt,
Me lauft dra verby
So chalt und so frönd.

Doch nehmsch echly Zyt
Und bliibsch echly stoh,
Wurdsch stuune und loose
Und alles verstoh.

Helene Bossert


Tagesplan

Manchmal sollte man zum Mittagessen nach Paris fahren,
oder sich selber eine Blume kaufen,
oder eine Tafel Schokolade ganz alleine essen,
oder einen Tag im Bett bleiben.
Manchmal sollte man den Regenschirm zu Hause lassen,
oder einen Roman statt einer Fachzeitschrift lesen,
oder auf der Strasse Schlittschuh laufen,
oder hemmungslos herumhüpfen und das tanzen nennen.
Manchmal sollte man nicht das tun, was man eben so tut.

Samstag, 11. Februar 2012

Zukunftsplan

When I die one day
I don't want an ocean of roses
nor a vase full of tulips.
I'm not thrilled by a bouquet of lilies
nor by an arrangement of gerbera.
I can't stand orchids
nor the smell of petunias.

When I die one day
I wish you would sow
a billion daisies on my grave.
And maybe
one single sunflower.



Freitag, 10. Februar 2012

abschied

sie halten sich im arm
und schauen aneinander
vorbei.
und
sie fühlt ein ziehen
und er vielleicht auch.
er fragt
es ist zeit.
sie fragt
es ist zeit.
liebt er sie?
liebt sie ihn?
wer sind die sies
und der er
die alle ein bisschen lieben.
er hält sie im arm
und schaut an ihr vorbei
bis sie geht.

Donnerstag, 9. Februar 2012

wiedersehen

er hält sie im arm
und schaut sie an
und sie fühlt sich gut dabei.
und er fühlt sich auch gut.
und er sagt
du bist schön
ich hatte ganz vergessen
wie schön du bist.
und sie sagt
dass sie ihn vermisst hätte.
sie fühlt sich wohl
wie zu hause.
liebst du sie?
ja, schon.
liebst du ihn?
wahrscheinlich.
sie halten sich im arm
und lieben
und sind beste freunde.

Montag, 6. Februar 2012

Das Geheimnis der Sterne

Als die Weisen aus dem Morgenland Bethlehem wieder verliessen, blickten sie von einer Anhöhe nochmals auf die Stadt zurück. Da sahen sie ein wunderbares Schauspiel: Der Stern, der sie zur Krippe geführt hatte, zersprang in tausend und abertausend kleine Sterne, die sich über die ganze Erde verteilten.
Die Weisen wussten nicht, was das zu bedeuten hatte.
Auf ihrem Weg kamen sie an eine Kreuzung. Sie fragten einen Fremden nach dem rechten Weg. Der gab ihnen freundlich eine hilfreiche Auskunft. Da sahen sie über seinem Kopf ein Sternchen leuchten. Und als sie am Abend in der Herberge waren und von dem Herbergswirt liebevoll bedient wurden, da leuchtete auch über dessen Kopf ein Sternchen.
Jetzt begriffen die Weisen das Schauspiel, das sie über Bethlehem gesehen hatten: Überall dort, wo ein Wort der Liebe gesagt, wo eine Tat der Liebe getan wird, da leuchtet der Stern von Bethlehem, ein kleiner Stern der Liebe.
Unbekannt


So lasst uns viele Worte der Liebe sagen und viele Taten der Liebe tun, damit wir und alles um uns herum leuchten unter dem Himmelszelt.

Freitag, 20. Januar 2012

Der Countdown läuft.

Eigentlich soll ich ja einen Artikel über den Maya-Kalender schreiben. Beziehungsweise über das Ende des Maya-Kalenders und über das daraus resultierende Ende der Welt. Beim Recherchieren bin ich auf diese Webseite gestossen: www.21dezember2012.org. Nach zwei Minuten auf der Seite rast mein Herz, ich bin schweissgebadet - bildlich, nicht buchstäblich. Über zwanzig Vorhersagen und Szenarien werden aufgelistet, wie und warum die Welt im Dezember 2012 enden wird. "Der Bibel Code", "Prophezeihungen des Nostradamus", "Viren und Bakterien" und sogar "Die Finanzkrise" stehen da. Spätestens beim Artikel über Polsprünge und Sonnenstürme und bei den Aussagen der Hopi Indianer fange ich an, tatsächlich an den Untergang zu glauben. Währenddem läuft auf der linken Seite der Countdown. 336 Tage 00:31:58 bis zum 21. Dezember 2012 / 00:00. 336 Tage 00:31:57. 56. 55. 54. Wertvolle Sekunden. 48. Und ich. 45. Sitze nur rum. 39. Und gucke zu. 32. Wie die Zeit durch meine Finger rinnt. 20.
Schade, dass ich im Dezember wieder in Europa sein werde. Dort wird die Welt nämlich sieben Stunden vor Amerika untergehen. Ich denke, ich werde ein youtube-Video machen, damit sich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten vorbereiten kann. Auf den Untergang. Und in den verbleibenden 336 Tagen 00:27:06 werde ich ganz viele Sachen tun. Ich werde wieder stricken lernen und ganz viel lesen, ich werde gute Musik hören und am Rhein sitzen und Menschen sagen dass ich sie gerne habe und Gleitschirm fliegen und Schokolade essen und endlich wieder einmal zum Frisör gehen. Ich werde leben. Und wenn am 21. Dezember 2012 um 00:00 die Welt untergeht, werde ich nichts bereuen. Und wenn die Welt am 22. Dezember 2012 noch immer existiert, werde ich auch nichts bereuen.
Was tust du in den nächsten 336 Tagen?

Dienstag, 3. Januar 2012

Grenzenlos - voll und ganz

Es gibt Tage
Stunden, Minuten
Wochen, Sekunden
da darf man einfach mal nur glücklich sein.
Auch wenn es vielen Menschen schlecht geht,
auch wenn die Sonne irgendwann versinkt,
auch wenn alles vergänglich ist und
wir für nichts eine Garantie haben.
Auch wenn es so viele Gründe gäbe,
es nicht zu sein.
Es gibt Tage
Stunden, Minuten
Wochen, Sekunden
da darf man einfach mal nur glücklich sein.
Man duscht mit Glück, lässt es durch die Finger rinnen, man tanzt darin und wirft es hoch wie Konfetti. Man teilt und verschenkt und isst und saugt es auf. Mit jeder Pore, mit allen Sinnen; Glück, nichts anderes als Glück.
Das ist weder ignorant noch egozentrisch, das ist pure Lebensfreude und Dankbarkeit. Auf dass es ein Jahr mit vielen glücklichen Tagen, Stunden und Minuten, Wochen und Sekunden werde.

Montag, 2. Januar 2012

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
nach Frühstück und nach Leben.
Joachim Ringelnatz