Und schon ist ein ganzer Abschnitt vorüber und ein neuer hat angefangen. Gestern ist meine tolle Reisebegleitung wieder in die Schweiz zurück gekehrt und es ist Zeit, zusammenzufassen. Wir waren in einer Jugendherberge mitten in der Altstadt Stockholms stehen geblieben.
- Wer sein Gepäck in einen schon vollen Gepäckraum tut, darf nicht erwarten, dass nach ihm niemand mehr sein Gepäck in die vier Wände reinquetscht. Rucksack graben macht Spass!
- Kanelbulle sind einfach LECKER. Das leckerste Gebäck ohne Schokolade, würde ich ganz frech behaupten.
- Manche Dinge ändern sich nie: Rolands Augen sind immer noch die liebsten weit und breit; ich mag herzliche Begrüssungen und das Gefühl, willkommen zu sein; an jedem bekannten Ort erwartet einen viel gleiches aber auch viel neues; Rechtschreibung (Gross- und Klein) war noch nie mein Ding; Messer gehören nicht in meine Hand; Kinder sind herzig (ja, herzig, nicht süss.); zu zweit machts mehr Spass; Mittagsschläfchen und PowerNaps tun gut. Immer.
- Morgens aufstehen liegt mir nicht. Abends ins Bett fallen schon eher.
- Ramshyttan: Beeren (mit Brennnesseln dazwischen - juhuu), Wald, Natur, Seen, Himmel, Pferde, 2 Polen (sehr nette), rote Häuser, tolle Menschen (alles Individuen...logisch), Sonne und Regen, baden, jäten, Gewächshaus, Kartoffeln ausgraben, Lauch eingraben, unbekannte Pflanzen ernten (essen kann man fast alles - boil it, frie it, cook it, do what you want!), Heu, Feuer, Katzen...
- Das Haus am See. Ein Haus mit direktem Seezugang, sprich eigenem Steg und sogar Ruderböötli, mit Terasse (für lunch oder dinner), mit Sauna (für kühle Abende - in Kombination mit dem privaten Badeplatz) und und und. Das Ganze eingeschlossen von Bäumen, sodass man das Gefühl hat, der einzige Mensch auf der ganzen Welt zu sein. HERRLICH! Und abends schwimmen die Bieber vorbei. Tagsüber auch Schlangen... Seeschlangen... uuuh.
- Schlangen lassen sich auch in Holzstapeln finden. Zum Glück habe ich erst nachher herausgefunden, dass die ganz schwarzen gefährlich sind... Dafür hopsen überall Frösche und Fröschchen herum (viele nicht grösser als zwei Zentimeter), ausserdem sieht man hin und wieder einen Hasen, ein Reh oder was halt sonst noch so kreucht und fleucht.
- Man gab mir Schultern, um Baumstämme zu tragen. Doch manche Baumstämme sind selbst für mein breites Kreuz zu schwer. Dafür gibt es Orion, einen wunderschönen Friesen-Wallach. Der kann nämlich Baumstämme ziehen, wie vor hundert Jahren. Das braucht viel Geduld, macht aber Spass (Mensch und Tier) und schont den Rücken. Danke, 1PS!
- Schlitten mit Kufen sind nicht dazu bestimmt, über Kieselsteine gezogen zu werden.
- Es gibt gute und weniger gute Fahrräder. Die ohne Bremsen, Licht und Gangschaltung (in einem doch einigermassen hügeligen Gebiet) dafür mit Platten gehören, glaube ich, zu letzteren.
- Ich muss mich immer erst eine Weile an das Chaos und die unstrukturierte Arbeitsweise gewöhnen. Mittlerweile klappt das ganz gut, ich übernehme einiges sogar schon selbst. Bleibt nur zu hoffen, dass ich das spätestens mit der Grenzüberschreitung in die Schweiz wieder ablege.
- Der Himmel hier ist immer schön. Rund um die Uhr. Um 11 ist es immer noch hell, und um 4 sieht man schon die ersten Morgenstrahlen. Bis vor 1 Monat war es hier durchgehend hell - das muss ich wohl nächstes oder übernächstes oder überübernächstes Jahr angucken kommen.
- Ich hab mich verliebt. In Legolas. Ein junger, wilder, schwarzer Friesen-Hengst, der den Unterschied zwischen einer Stute und einem Wallach nicht kennt. Und der einfach einen herzzerreissenden Hengste-Blick drauf hat.
- Ich liebe die Diskussionen hier: Sollte eine Frau eine Lady sein? Was macht eine Lady zu einer Lady? Heisst das, sie darf die Türen nicht mehr selbst aufmachen, sondern muss auf ihren Gentleman warten? Sollten wir uns nicht mehr fortpflanzen, um die Weltpopulation zu reduzieren? Was passiert in Afrika? (Roland ist aus Südafrika und hat sich durch seine Arbeit im Bereich Journalismus ganz dem Thema Apartheid verschrieben. Sehr spannend, Zeitzeugenberichte.) Wieso sollte man Vegetarier (oder eben nicht) sein?
Aber bei all den Gesprächen merke ich immer wieder, wie wenig ich weiss, wie viel es zu tun gibt, wie wenig man ändern kann, wie gross die Welt ist, wie schrecklich Menschen sein können (oh ja), und so weiter. Und am Schluss schliesst man doch immer wieder die Augen und wendet sich voller Hingabe seiner eigenen kleinen Welt mit ihren Problemen zu.
- In Schweden gibt es keine Brockenhäuser oder Flohmärkte. Es gibt Auktionen. Morgens kann man die Ware betrachten (ein ganzer Haushalt in diesem Fall, also alles, ALLES), ab 11 Uhr gings dann los. Wer am meisten bietet kriegt das Möbelstück, das Geschirr, Werkzeug, Vehikel, Buch oder in unserem Fall auch den Karton mit den bereits geschriebenen Weihnachtskarten aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert. Roland ist ein begeisterter Sammler und Käufer. Wir waren mit einem leeren Anhänger gekommen. Und verliessen den Schlammplatz (es regnete den ganzen Tag, und zwar schwedischer Regen, es GOSS also) mit einem vollen Anhänger. Tische, Stühle und ein Haufen Schrott. Und ein Webstuhl, der sich als Tretorgel entpuppte, die Roland für 7.50 Franken extra für mich erstanden hatte (weil ich doch ein Klavier so schmerzlich vermisse). Das Ding steht nun in der Küche (und füllt sie halb aus) und klingt grauenhaft. Schlimmer noch als die Katze Frieda, die uns morgens pünktlich um halb 6 wecken kommt, um ihr Frühstück zu kriegen. Übrigens: Regen ist nass und Autos bleiben im Schlamm stecken.
- "Gleich" kann auch in fünf Stunden heissen.
- Zopf schmeckt auch mit Dürüm-Mehl.
- Wenn man müde ist werden aus einem 5-Minuten-Päuschen schnell mal Halbe-Stunden-Pausen. Wir sind ständig müde.
- Wenn kein Mixer da ist, kippt man den Rahm halt flüssig über den Kuchen. Unbedingt ausprobieren, ist sogar lecker!
- In Schwedens Bussen kann man immer noch nicht bar bezahlen. Angeblich haben einige Banken das Bargeld sogar schon ganz abgeschafft. Meine Reisebegleitung durfte also ihren Charme spielen lassen - weil ich intelligenterweise meine Kreditkarte (die ich nun tatsächlich besitze!!) vergessen hatte. Dafür fand ich eine echte POLAROID-KAMERA!! Mit einem Film drin!! Juhe!
- Manche Menschen sind einem sympathisch. Andere sind unsympathisch. Und dann gibt es da noch die dritte Sorte, die, bei denen man sich nicht recht entscheiden kann.
- Sprachduelle auf Englisch mit einem sehr angetrunkenem Pharma-Boss sind irgendwie aufregend.
Hier oben wird mir einmal mehr bewusst, dass es so viele unterschiedliche Lebensweisen gibt. Wenn Roland von Südafrika erzählt; wenn ich die Polen sehe, die hier leben und arbeiten, was kaum mehr voneinander zu unterscheiden ist; Studenten, Geschäftsleute, Aussteiger, Reisende, Leute, die seit 50 Jahren in ein und dem selben Haus wohnen - woher soll man wissen, welches die Richtige ist? Die einen sorgen sich um das Wetter, ob die Ernte gut wird oder ob die Pflanzen wohl erfrieren werden. Die anderen kümmern sich um Börsenkurse und kennen nichts Wichtigeres als ihren Computer. Mir gefällt das Leben hier oben sehr gut, aber ich bezweifle, dass ich dauerhaft so sein könnte. So neben der "Welt". Vielleicht macht es mich einfach glücklich, zu wissen, dass es solche Orte gibt.
So viel Text. Zu viel Text.