Eigentlich fängt der Tag ganz gut an. Es ist genau 5.00 Uhr und du stehst im Bett. Dein Wecker klingelt und fliegt schon fast in die Luft. Aber du stehst, schläfst also nicht wieder ein. Nach einem kurzen Frühstück verlässt du also ausnahmsweise überpünktlich das Haus. Der Nieselregen stört dich nicht. Dann fährst du mit deinem Fahrrad über die Bordsteinkante auf die Strasse - und ab da geht dein Morgen beständig bergab.
Der Reifen ist geplatzt. Du musst dein Fahrrad zurück bringen. So früh am Morgen fährt natürlich nur alle 15 Minuten ein Tram, vom letzten siehst du nur noch die Rücklichter. Die Zeit drängt. Du läufst also los, joggst besser gesagt. Der Nieselregen stört dich jetzt. Die kalte Luft in deinen Lungen und deine muskelkaterschweren Beine auch. Durchgeschwitzt und aus der Puste kommst du am Bahnhof an. Zu spät, natürlich. Es folgt die Einweisung, du sollst Flyer zu einer politischen Abstimmung mittels Basler Läckerli an den Pendler bringen. Zwei Stunden lang, natürlich draussen, vor dem windgeschützten Bahnhofsgebäude.
Mittlerweile ist es 6 Uhr, die ersten Pendler betreten die Spielfläche. Sie sind noch mehr oder weniger im Halbschlaf, deshalb nehmen sie kommentarlos das dargebotene Läckerli-Flyer-Set entgegen. Deine Mitverteiler ignorieren dich, von Teamwork, taktisch intelligenter Aufstellung und sowas hat noch nie jemand etwas gehört. Nach einer Weile merkst du, dass dir die Läckerli das Blut im Arm abklemmen. Der Flyersack nimmt mit jeder Minute um 50 Gramm zu. Die Kälte und Nässe schleicht sich durch deine (verschwitzten) Kleider.
Nun kommen die gereizten Pendler - die, die schon wach sind, die aber eigentlich gerne noch im Bett liegen würden. Du sagst im Sekundentakt mit deiner freundlichsten und schrecklich künstlichen, aufgesetzten Stimme: "Läckerli?" Die jungen Männer mit den Kopfhörern ignorieren dich eiskalt, ab und zu rennt einer in dich rein und trägt so zur Dekoration des Bodens bei. Rosa Flyer überall. Kinder schrecken ängstlich vor dir zurück, als wärst du Dracula. Manche Leute erbarmen sich gnädig, nehmen dir ein Läckerli ab und werfen dir nur einen abschätzigen Blick à la "Jetzt darfst du dich aber bei mir bedanken..." oder "Du weisst aber schon, dass du die falsche Sprache sprichst?" zu. Ältere Personen nehmen so viel sie kriegen können, beäugen aber alles äusserst misstrauisch. Es könnte ja ein Trick, eine Falle handeln. Du könntest ihnen ja Böses wollen.
Immer wenn du fast alles verteilt hast, werden deine Säckchen wieder aufgefüllt. Du fühlst dich wie Sisyphus. Die Zeit steht still. Der Wind nicht. Deine Nase auch nicht. Die läuft.
Und plötzlich bist du bereit, alles für ein "Guten Morgen", ein "Danke" oder auch nur ein Lächeln zu geben.
Wenig später läufst auch du, mit deiner Nase, und zwar nach Hause. Durch den Regen. Ein funktionstüchtiges Fahrrad kannst du nämlich nicht mehr dein Eigen nennen, ein Trambillett konntest du noch nie zu deinen Besitztümern zählen. Also läufst du. Denkst an Murphy. An Murphys Gesetze. Und bittest Gott, ein bisschen Gnade walten zu lassen.
He! E hätti gärn sones Läckerli-Teil gha, aber NEI, wenn E dore chome, besch nömm döt. Murphy haut. S einzige wo di hätti chönne ufmontere esch leider ned a der verbi cho. *arrogant die Brust rausstreck und was besseres von sich denk, als wirklich wahr ist*
AntwortenLöschenAber hey - lass den Kopf nicht hängen - morgen ist auch noch ein Tag.
Fuchur macht das Leben schöner. Und Fuchur hat das Brust rausstrecken gar nicht nötig. Fuchur IST nämlich WAHRhaftig (ACHTUNG, Wortspiel...) besser als gut. Ja, die Läckerli...wer weiss, morgen ist auch noch ein Tag.
AntwortenLöschen