Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Sonntag, 30. November 2014

Die Rassistin

Du, Mensch.
Heute habe ich dich wieder einmal getroffen. Du bist schon öfter aufgetaucht, und es geht mir jedes Mal sehr ähnlich mit dir. Anfangs ist da Neugier. Dann kommt langsam die Skepsis, das Ernüchtern, schliesslich das Bedürfnis aufzuklären, zu informieren, aufzuzeigen, herauszufordern, in Frage zu stellen. Und dann, nach einem kurzen Traurigkeitsmoment, kommt ziemlich sehr schnell die Wut. Die blanke, nackte, kalte Wut. Beziehungsweise heisse Wut. Sie kocht in mir hoch und schlägt dir in Wellen entgegen. Manchmal mehr, manchmal weniger gefiltert. Bringen tut das nichts. Zurück bleiben schlechte Gefühle, ein rasendes Herz, rote, verquollene Augen und der bohrende Stachel der absoluten Hilflosigkeit.
Ich wäre gerne eine, die Menschen wie dich belächelt und gleich wieder vergisst. Oder die dich bemitleidet wegen deiner Unwissenheit, deines unnötigen Grolls, deines engen Horizontes. Bin ich aber nicht. Ich bin eine, die dich schweigend anschreit. Anbrüllt. Dir rechts und links eine runter haut, ohne dich zu berühren. Ich bin eine, die unendlich lang über eine Begegnung wie diese weinen kann. Trauern. Heulen, brüllen, schluchzen, dass Rotz und Wasser nur so fliessen. Eine, die vor Wut alles kurz und klein schlagen könnte, bei der die Adern beim blossen Gedanken an Menschen wie dich hervor treten und der Kopf rot anläuft.
(Andererseits würde ich es mir vermutlich übel nehmen, wenn ich nicht so reagieren würde. Menschen wie du – ihr seid Gift für die Menschlichkeit. Diesen Schmerz darf man ruhig in die Welt hinaus jaulen.)
Leider bin ich nicht eine von denen, die dich bemitleiden und für dich beten. Ich bete einzig und allein darum, keinen Leuten mehr wie dir begegnen zu müssen. Das ist vollkommen intolerant und keine Lösung. Aber auch Toleranz hat ihre Grenzen. Und diesen Preis bezahle ich gerne.

Samstag, 25. Oktober 2014

Servus aus München

Hallo ihr Lieben

Da bin ich wieder und melde mich aus München. Viel ist passiert seit dem letzten Mail vor zwei Monaten und da dachte ich, es wäre Zeit für ein kleines Update. Zumal das "letzte Mail" der Rundmails nie das wirklich letzte bleibt. Hier ist es also, das Update. Chronologisch.
  • Die grosse Bitte, die ich im letzten Mail äusserte - ein Computer für Gérard - hat sich erfüllt. DANKE hier noch einmal an den grosszügigen Spender. Ich bin absolut beeindruckt und die Freudensprünge, die ich noch immer mache, wenn ich daran denke, gehen immer noch in gefährlich hohe Höhen (Sauerstoff ist knapp da oben…). Danke. Gérard ist überglücklich mit dem Computer, er konnte sich nach einigen Schwierigkeiten (ich will wirklich nicht mit ihm tauschen) auch definitiv in der Uni einschreiben und sein Studium beginnen. Zudem lernte er durch die Computersache meinen Gastvater in Rennes kennen - die beiden verstehen sich super, treffen sich regelmässig und organisieren Projekte zusammen. Dann schreiben sie mir beide unabhängig, wie toll der andere doch ist und was sie so alles erlebt haben. Eine wahre Erfolgsgeschichte also, die mein Herz erwärmt, durch und durch.
  • Auch sonst hat mich Frankreich nachhaltig geprägt und ich denke täglich an die Menschen dort. Wer also einmal die Chance hat, in so einer Organisation zu arbeiten - tut es.
  • Die Reise nach Brüssel war ebenfalls ein Erlebnis. Wieder durfte ich tolle neue Menschen treffen, Dinge über die EU lernen, leckeres Bier trinken - einfach eine wundervolle Woche erleben. Mit zuwenig Schlaf, aber vielen guten Momenten.
  • Auch meine zweite Bitte aus dem letzten Mail wurde erhört. So fand sich denn eine ganze Truppe hilfsbereiter Super-Menschen, die mir bei der Verschiebung meines ganzen Krempels in den Freistaat Bayern halfen. Hier noch einmal DANKE für die sichere Fahrt, die lustigen Stunden, die Geduld mit meinem genervten und müden Ich, die Kreativität bei der Wandbemalung (siehe Bild…) und und und. Die Wohnung ist mehr oder weniger fertig eingerichtet (jetzt sogar mit Esstischplatte, direkt importiert aus Salzburg (schöne Stadt!)), ich fühle mich wohl und geniesse es, mein ganz eigenes Reich zu haben. Ausser beim Putzen. Da wäre ich nicht traurig, Unterstützung zu haben. Aber naja.
  • Was noch fehlt in der Wohnung: Viiiele schwarz-weiss-Karten. Denn gegenüber der bemalten Wand befindet sich eine beklebte Wand - beklebt mit einer riesigen Palmen-Fototapete. Diese Palmen sind ja schön und nett - bzw. nein, das sind sie eben nicht. Deshalb soll ihr hässliches blau-grün von einer schwarz-weiss-Welle verschlungen werden. Meine Adresse gibt's auf Nachfrage, ich freue mich und antworte auch - manchmal zeitnah, manchmal erst ein bisschen später.
  • Dann war ja noch das Jahreskonzert mit dem Orchester. Es hat riesig Spass gemacht, viele Leute waren da (hat mich gefreut!!) und einen schöneren Abschluss für dieses tolle Jahr kann ich mir kaum vorstellen.
  • Nach dem Orchester kam der Halbmarathon - 21 Kilometer quer durch Basel, quasi ein Abschiedslauf. Auch der war spassiger als gedacht. Natürlich gab es den ein oder anderen Kilometer, an den ich mich lieber nicht erinnere. Aber ich bin ins Ziel gekommen, und das ist doch ganz schön. Es wird nicht mein letzter Halbmarathon gewesen sein.
Jetzt bin ich also in München, die Uni hat auch hier begonnen und ich wage es, ein erstes Fazit zu ziehen:
  • Die Stadt ist wundervoll und es gibt viiiiel zu entdecken.
  • Meine Arbeit (vegane Sachen auf dem Viktualienmarkt verkaufen) macht richtig Spass. Sie fordert - neue Produkte, anderes Kassensystem, vielfältige Kundschaft mit unterschiedlichen Ansprüchen, ein neues Team… - aber ich freue mich immer darauf und sie bietet eine gute Abwechslung zum sitzenden Uni-Dasein.
  • Ich habe einen Hauskreis gefunden, mit sehr lieben Leuten. (Hauskreis: Wir treffen uns regelmässig, essen zusammen Abendbrot, singen Taizé-Lieder, lesen einen (Bibel-)Text und reden darüber - und über sonstige Dinge im Zusammenhang mit unserem Glauben und Gott und dem Leben.)
  • Die Uni macht ebenfalls Spass (jaja, mein Leben ist ganz spassig im Moment!). Das liegt vor allem an den Dozenten, die sehr motiviert sind (sehr ungewohnt, irgendwie…). Und an den Fächern, in denen wir spannende Sachen lernen. Und an den netten MitstudentInnen aus aller Welt: Russland, Ukraine, Indonesien, Österreich, Deutschland natürlich, Italien, China… Aber die Uni fordert auch, was gut ist, aber zeitraubend. Der Studiengang heisst Interkulturelle Kommunikation und Moderation, wir lernen Sachen im Bereich Sprachen, Unternehmenskommunikation, Marketing, Wirtschaft allgemein, Kommunikationstechniken und so weiter.
  • Daneben beschäftige ich mich momentan vor allem mit der Bachelor-Prüfungsvorbereitung für Dezember (BALD!!), was mich mit ein wenig Sorge erfüllt.
  • Es ist merkwürdig, wieder in Deutschland zu sein. Einerseits ein Land, dass ich gut kenne - immerhin habe ich einen Teil meines Lebens hier verbracht. Aber doch sind mir viele Dinge fremd und ich entdecke, dass ich doch sehr schweizerisch bin. Natürlich lassen sich Ostdeutschland und München - Freistaat Bayern - nicht vergleichen.  Ich bin also gewissermassen wieder im Ausland - weder in der ersten, noch in der zweiten Heimat. Vielleicht wird das hier ja die dritte bzw. vierte (Schweden…) Heimat…?
So, genug von mir. Zum Schluss möchte ich mich von ganzem Herzen bedanken. Dieser Sommer war wieder sehr bewegt und voll und abwechslungsreich. Vieles wäre nicht möglich gewesen ohne euch. Deshalb: Danke für die Gastfreundschaft - in Edinburgh, in Rennes, in Basel (!!), im Toggenburg, überall, wo ich sein durfte. Danke für die Geduld, für die Grosszügig- und Freigiebigkeit bei sämtlichen Dingen (Farbe, Velos, und und und), für die Spontaneität, Verlässlichkeit, danke für Verständnis, aufbauende Worte und feste Umarmungen, fürs Kisten tragen und Pinsel schwingen, für noch so viel Sachen mehr. Danke!

Und der obligate random fact: In zahlreichen Ländern ist Englisch eine offizielle Amtssprache. Die Vereinigten Staaten von Amerika gehören nicht dazu.


Lasst es euch gut gehen und ich freue mich, von euch zu hören und euch zu sehen! In diesem Sinne - Servus aus München!



Mittwoch, 27. August 2014

Nach hinten und nach vorn - ein Resüme

Salut oder bald auch Servus

BITTE lest vor allem das fette rote BITTE am Ende des Mails, alles andere ist unwichtiger.
  • La vie en France ist zu Ende, die Zeit des Pendelns hat begonnen. In den nächsten Wochen wird der einzige Fixpunkt der Zug (hier stellvertretend für alle öffentlichen Verkehrsmittel aufgeführt) sein, der mich zwischen Basel, der Ostschweiz, Brüssel und München hin und her transportiert. Doch vor einem Blick auf die Zukunft hier noch ein Blick in die Vergangenheit:
  • Der beste Zugang zu älteren, arbeitslosen Männern, die meist auf der Strasse leben? Zigaretten, Bier oder - ein Spiel. Es lohnt sich, jassen zu lernen. Das kennt und liebt man nämlich auch in Frankreich. Mein Teampartner und ich haben zwar haushoch verloren, aber das ist Nebensache.
  • Nicht nur jassen, auch feiern kann ich jetzt auf französisch: Um den Freiwilligen für ihre Arbeit zu danken und auch einmal ausserhalb der "Arbeit" etwas zusammen zu unternehmen, habe ich sie zu einem gemütlichen Abendessen eingeladen. Zehn kamen, elf assen, elf tranken, elf spielten Spiele und diskutierten über Gott, den Glauben, ob Jesus perfekt war, die Welt, Zukunftspläne, Wertvorstellungen und Dinge, die sie bereuen. Bemerkenswert dabei ist, dass sich nicht alle untereinander kannten. Trotzdem und trotz der Verschiedenheit der Menschen (Franzosen, Afrikaner, Arbeitslose, Universitätsprofessoren etc.) einen ganzen Abend lang miteinander tiefe Gespräche führen zu können - das ist einfach toll.
  • Mit viel Gepäck bin ich gekommen, mit noch viel mehr wieder gegangen. Unter anderem dabei:
    • Bretonnische Galettes. Für daheim gebliebene Schleckermäuler.
    • Sandalen. Von meiner lieb gewonnenen algerischen Freundin.
    • Eine Taizé-Schüssel. Von meinem amerikanischen Zwilling.
    • Eine bretonnische Tasse. Von dem liebenswerten Ehepaar, das mich zum Bahnhof gebracht hat.
    • Viele Erinnerungen, die hoffentlich nie vergessen gehen.
    • Viele Kontakte, die hoffentlich eine ganze Weile halten.
    • Viele Wörter, die ich hoffentlich oft anwenden kann.
    • Viel Wissen über alles mögliche, beispielsweise Afrika, die verschiedenen Länder und Kulturen dort.
    • Bücher. Der kleine Prinz in Original, ein Buch über den tollen Markt in Rennes etc.
    • Das vielleicht wichtigste Gepäckstück: Die Gewissheit, etwas verändern zu können. Die Gewissheit, einen Unterschied zu machen. Die Gewissheit, nicht der ganzen Welt helfen zu können oder zu müssen, aber diesen paar Menschen ein paar schöne Augenblicke beschert zu haben.
Nun bin ich in München, habe meine zukünftige Wohnung gesehen (toll - klein aber fein!) und den Vertrag unterschrieben (juhu!). Bald geht es nach Brüssel (Studienreise mit der yes, young european swiss, um die EU besser kennen zu lernen), danach bin ich eine Weile in der Schweiz. Ab dem 1. Oktober studiere (Interkulturelle Kommunikation und Moderation) und wohne ich dann im Freistaat Bayern; Post (brauche viiiiel neue Wanddeko! Z.B. schwarz-weiss Bilder mit Musik- / Film- / anderen Tipps hinten drauf?!) und Besuch sind immer sehr willkommen, Adresse einfach erfragen.

Die Zeit der Rundmails endet also einmal mehr - schön war's. Ich möchte aber nicht ohne eine letzte Einladung, eine letzte Bitte, eine allerletzte Bitte und einen letzten random fact aufhören:

Einladung: Am 27. September um 20 Uhr findet in Therwil bei Basel unser Akkordeonorchester-Jahreskonzert statt. Komme wer kann - alle anderen auch. Es lohnt sich! (siehe Flyer unten)

BITTE: Eine der vielen Bekanntschaften und Freundschaften aus Rennes ist G. G. kommt aus Kamerun und hat International Affairs (oder sowas - mit international und Rechtswesen und so) studiert. Er ist im Moment ohne Papiere, also offiziell illegal in Frankreich. Seine Situation ist, wie die von vielen, ziemlich kompliziert. Er möchte gerne weiter studieren und darf das in Frankreich auch, in etwa einer Woche beginnt sein Semester. Der Mensch ist blitzgescheit, hat unglaublich viel Potenzial und wir haben viele Stunden Kaffee trinkend und diskutierend verbracht, was immer sehr bereichernd für mich war. G. schreibt gern, hat einen unstillbaren Wissensdurst und ist zielstrebig. Mit kleineren Schreibarbeiten (z.B. Texte für Webseiten von Musikern) verdient er sich ein bisschen Geld. Nun ist das Problem, dass er keinen Computer hat. Für diese Arbeiten, auch für Recherchen, natürlich für die Uni und um allgemein einfach zu schreiben wäre das aber sehr gut beziehungsweise notwendig. Momentan macht er alles über den Computer seines Cousins, bei dem er im Moment auch wohnt. Das ist aber sehr schwierig und auf Dauer nicht wirklich eine Lösung, gerade für das Studium. Lange Rede, kurzer Sinn: Falls jemand einen Computer (Laptop, da die Wohnsituation nicht stabil ist und das Ding deshalb transportabel sein sollte) hat, den er nicht mehr braucht - da würde sich ein sehr toller Mensch sehr drüber freuen. Es würde ihm seine Ausbildung möglich machen, was wiederum ein weiterer Schritt in Richtung geregeltes Leben darstellt. Es muss nicht das neueste Modell von morgen sein, aber natürlich wäre es auch nicht schlecht, wenn es kein Kasten von vorgestern wäre - wer schon einmal eine Arbeit für die Uni auf solch einem Gerät geschrieben hat, weiss, dass das Nerven ohne Ende kostet. Wer sowas hat oder jemanden kennt oder was weiss oder… - bitte melden.

Bitte II: Jetzt habe ich eine Wohnung - aber leider noch kein Umzugsequipment. Gesucht werden deshalb starke Menschen, die Lust auf einen Ausflug nach München haben; ein grosses Auto (so ein Kleinlaster / -bus, das grösste Auto, das man mit normalem Ausweis fahren darf) und ein Fahrer (jdm. der gut und gerne grosse, schwere Autos fährt) für eben dieses Auto. Umzugstermin ist irgendwann im September, flexibel, vorzugsweise nicht am Wochenende. Über Gegenleistungen kann verhandelt werden.

Random fact:
In München gibt es mehr Yoga-Studios als Kindertagesstätten. Was das zu bedeuten hat und warum das so ist, darf sich jeder selbst überlegen.

Und noch ein Filmtipp:
Monsieur Claude und seine Töchter. Eine französische Komödie über kulturübergreifende Ehen. Selten so gelacht. Wirklich.

Bästa hälsningar, danke für eure Ausdauer und lasst es euch gut gehen!


Donnerstag, 14. August 2014

Spät und lang

Salut!

Der späten Stunde wegen ohne Einleitung direkt zu den letzen zwei Wochen:
  • Ich habe zum ersten Mal eine ganze Artischocke gegessen. Kannte ich sonst nur als Pizzabelag, jetzt auch aus dem Dampfkochtopf. Hervorragend!
  • Jeden Tag lerne ich viel. Französische Vokablen und kulturelle Gepflogenheiten, aber auch meine Geografiekenntnisse (vor allem im Bereich Afrika) verbessern sich stetig. So auch das Wissen über einzelne Länder. In Guinea gäbe es zum Beispiel keinerlei Probleme zwischen Muslimen und Christen. Sie würden auch munter untereinander heiraten. Irgendwie hoffnungsvoll, dieser Gedanke.
  • Ebenfalls lehrreich: Ein Mittagessen mit einer irakischen Familie aus Mossul. Wer nicht weiss, was da gerade so abgeht, der informiere sich jetzt.
  • Ansonsten war die Zeit gefüllt mit liebem Besuch:
    • Zwei Franzosen: Auflug nach St. Malo (süsses Küstenstädtchen mit schönem Strand, der Entdecker Kanadas kommt von da) und Mont St. Michel (Pilgerort, eine Kirche auf einem Felsen im Meer). Zusammenfassung: Meer, Küste, Natur, Wind, Geruch, Rauschen, Flut, Crêpe / Galettes. Sehr schön. Siehe Bilder unten.
    • Eine Taizé-Bekanntschaft aus New York: drei Tage Englisch reden.
    • Drei Schweizerlein: zwei Tage Schweizerdeutsch reden. Gut zu wissen, dass diese Sprachkenntnisse noch vorhanden sind. Aber mein Französischniveau war nach diesen Tagen wieder…naja, sehr tief unten. Dafür kenne ich jetzt Vitré, ein winziges Städtchen ganz in der Nähe, mit Schloss und vielen Fachwerkhäusern.
      Ich hoffe, der ein oder andere Besucher wird seinen Weg auch nach München finden. Dort habe ich nämlich inzwischen eine Wohnung gefunden (ja, wirklich!) und freue mich, Tür und Tor für Gäste zu öffnen.
Nach viereinhalb Wochen hier ist es mir nun doch ein Anliegen, ein bisschen genauer zu erklären, was ich eigentlich den ganzen Tag lang mache:

Der Secours Catholique ist ein Knotenpunkt im Netzwerk der Hilfsorganisationen. Sie bieten von allem ein bisschen an, verweisen aber vor allem an die jeweils zuständigen Stellen.
  • Accueil ("Empfang", jeden Morgen 9-11 Uhr): Es gibt Kaffe und ein kleines Frühstück (manchmal Toast, meist Zwieback mit Marmelade). Man kann duschen, telefonieren, Wäsche waschen. Ausserdem bieten wir ein Dach über dem Kopf, Gesellschaft, ein offenes Ohr. Viele freuen sich nur schon über ein freundliches "Bonjour", wenn ich mich sogar an den Namen erinnern kann, werde ich mit einem Lächeln belohnt. Manchmal spielen wir UNO, manchmal sitzt jeder alleine in seiner Ecke, manchmal diskutieren wir über Polygamie, Probleme in Europa oder die beste Joggingschuhmarke. Es kommen vor allem Migranten aus verschiedensten Ländern, aber auch manche "SDF" (sans domicile fixe - Obdachloser), die meist Franzosen sind.
  • Nachmittag (14-17 Uhr): Nachmittags gibt es einen spezifischeren Accueil. Einmal nur für die Obdachlosen aus Frankreich, einmal für Migranten, die Hilfe mit den Behörden benötigen etc. Dabei lerne ich viel über das Asylwesen Frankreichs und höre zahlreiche Geschichten - warum Menschen ihre Heimat verlassen haben, wie sie hierher gekommen sind, was sie vorher für ein Leben hatten, wie ihr Leben jetzt aussieht. Es liessen sich Bände damit füllen. Manchmal können wir ihnen helfen, oft müssen wir sie woanders hinschicken oder können nur Mut zusprechen. Das ist teilweise sehr deprimierend, lohnt sich aber, wenn man auch die Dankbarkeit der Menschen sieht, die sich oft auch einfach nur darüber freuen, dass ihnen jemand aufmerksam zuhört.
  • Bagageri: Manchmal helfe ich in der Bagageri aus, wo die Menschen ihr Gepäck aufbewahren können. Da kommt es dann beispielsweise zu einer Begegnung mit einem polnischen Matrosen, der in Norwegen gearbeitet hat und in der Bretagne Gold sucht. Seine Sporttasche war voll gestopft - mit einem Europa-Atlas, geologischen Karten und Goldwäscherschüsseln. Dabei ist er weniger vom Gold an sich motiviert sondern viel mehr am Glücksgefühl des Findens.
Neben praktischen Sachen wie Dossiers suchen, Blätter kopieren, Kaffee kochen, Tische putzen und Wäsche machen verbringe ich den Tag vor allem mit dem Pflegen sozialer Kontakte. Eine armenische Sängerin mit Rückenproblemen, ein französisches Genie mit Schizophrenie, ein Afrikaner ohne Papiere, ein Jugendlicher ohne Ausbildung, ein gestrandeter Deutscher, ein lebensfroher Russe… Liebenswerte und sehr menschliche Menschen in Fülle. Sie alle wollen wahr genommen, beachtet werden. Meine Aufgabe ist also, meine Aufmerksamkeit so gut wie möglich aufzuteilen und in diesen wenigen Stunden das zu geben, was möglich ist. Was ich dafür von ihnen bekomme, kann mir keine Schule oder Universität bieten: Lehrstunden in Französischer Sprache und Kultur, in Geografie, Ethnologie, Politik aller Länder dieser Welt, in Menschlichkeit, UNO-Schummel-Möglichkeiten und (Über-)Lebenskunst etc. Dagegen erscheinen mir zwei offene Ohren und Augen, ein bisschen Klavierunterricht (Flohwalzer…) und eine Kanne Kaffe geradezu läppisch.

Fazit: 

Ich fühle mich sehr wohl. Die Leute im Büro, die Freiwilligen und die Gäste sind alle sehr freundlich und geduldig. Wenn ich in eineinhalb Wochen im Zug Richtung Basel sitze, werde ich viele neue Dinge im Gepäck haben. Vor allem in meinem Herzen.

Random fact:
Die Hauptstädte der Demokratischen Republik Kongo (Kinshasa) und der Republik Kongo (Brazzaville) liegen (vermutlich) so nah beieinander wie sonst keine zwei Hauptstädte. Geschätzte Distanz: Vier Kilometer.

Und ganz zum Schluss noch ein Werbespot für ein unterstützenswertes Projekt von Freunden:
https://www.100-days.net/de/projekt/captain-plant-food-truck/
Wirklich eine gute Sache von guten Leuten für einen guten Zweck. Und lecker.

Das war's - Zeit für die Nachtruhe.
Bleibt behütet und bästa hälsningar.

Küste zwischen Mont St. Michel und St. Malo
Küste zwischen Mont St. Michel und St. Malo
St. Malo
St. Malo
Mont St. Michel

Mittwoch, 30. Juli 2014

Rennes = Immer noch das Paradies

Salut!

Schon wieder sind zwei Wochen vorbei, die Zeit vergeht wie im Flug und ich bin froh, meinen Sommer mit Sonne, Wind und Regen verbringen zu dürfen (grösstenteils Ersteres) und nicht wie viele nur mit Letzterem… Die bekannte stichwörtliche (ja, das Wort existiert) Zusammenfassung - aber Achtung, es wird lang:
  • Die Ameisen. Ein paar Nächte hatte ich dieses tolle Gefühl, dass es überall krabbelt und kribbelt. Man hörte sie nämlich knirschen, die Viecher. Ohren, Zehen und alles andere sind aber noch dran. Mein Arzt des Vertrauens war das Internet, die Apotheke ein Supermarkt und die Medizin - frische Pfefferminzblätter. Angeblich mögen es die lieben Tierchen gar nicht, wenn Minze oder Basilikum sehr duftet. Zwei Nächte wurden es immer weniger, dann waren sie ganz weg. Ich bewohne mein wunderbares Dachzimmer also wieder alleine - und bin fast schon ein bisschen traurig… So langsam konnte ich alle Namen der Insektelchen… Frieda und Lisa und Irma und Roger und Paul und…
  • Ich habe schon seit einiger Zeit ein eigenes Velo und fahre auch fleissig damit herum. Der Kanal, der sich durch Rennes zieht, führt von Meer zu Meer. Wer die Strecke Basel-Mainz am Rhein entlang kennt, kann sich in etwa vorstellen, wie es hier aussieht. Herrlich!
  • Herrlich, wenn wir schon dabei sind, ist auch der grosse Stadtpark hier. Thabor heisst er (nur schon der Name…) und bietet alles, was das Herz begehrt. Einen botanischen Garten en miniature, Bäume, Gewässer aller Art, eine Orangerie mit Kunstaustellungen, Wiesen, Blumen, verschlungene Wege und breite Alleen… Ein toller Ort, an dem man immer Zeit verbringen kann. Manchmal werden auch Konzerte oder andere kulturelle Veranstaltungen angeboten, wie zum Beispiel ein Abend mit typisch bretagnischen (hm… halt typisch aus der Bretagne) Tänzen, natürlich mit passender Musik. Mein Highlight: Ein Akkordeonspieler mit roten Haaren und unglaublich schnellen Fingern. Solch schöne Töne - da geht einem das ganze Herz auf.
  • Nach dem Tanzen (und Hören) will der Körper gestärkt sein. In der Bretagne macht man das mit Galettes, Crêpes und Cidre. Delicieux! Oh, und viiiiiel Käse isst man hier. Ständig. Mein erstes Essen, zu dem ich hier eingeladen wurde, war aber - man glaubt es kaum - Schokoladenfondü.
  • Ansonsten ist die Bretagne wie ein eigenes Land. Und legt auch Wert darauf, anders zu sein, besonders, noch besonderer als alle anderen. Wie das Elsass. Und die Normandie. Und wie sie alle heissen. Zum Beispiel gibt es hier ein Spiel, das nach dem gleichen Prinzip wie Boule oder Bodja funktioniert, nur mit "Plättchen" (relativ schwer, rund aber flach, bei Wikipedia nennt man das "Wurfscheiben"). Heissen tut das Ganze dann "Jeu de palets bretons" (Spiel der bretagnischen Wurfscheiben sozusagen). Man hat ein Brett, stellt sich ein paar Meter davor auf, wirft eine kleine Wurfscheibe darauf (hofft, dass man trifft und so) und wirft dann die grösseren Wurfscheiben so, dass sie sich möglichst nah (oder auf) bei der kleinen Wurfscheibe positionieren. Gut ist, wer die Holzplatte trifft und die Wurfscheibe auch darauf liegen bleibt. Wer dann auch noch nah ist, zählt zu den Profis (wie die "gens de la rue", die "Menschen der Strasse" (Obdachlose), die seit vielen vielen Jahren jeden Montag beim secours catholique (wo ich arbeite) üben.
  • Meine Arbeit ist ansonsten einerseits nicht viel anders als das letzte Mal beschrieben und andererseits auch viel zu komplex, um das hier auszuführen. Wen's interessiert, der sollte da mündlich nachfragen. Es macht mir auf jeden Fall grosse Freude, ich lerne viel in allen denkbaren (wirklich!) Bereichen und bin unglaublich dankbar, diese Erfahrung machen zu dürfen.
  • Was aber doch noch erwähnt sein muss - und ich gebe mir grosse Mühe, das nicht rassistisch oder in einer anderen Weise angreifend zu formulieren: Es gibt hier viele schwarze Menschen (dunkelhäutig, stark pigmentiert - was auch immer). Und man bzw. ich musste mich doch irgendwie erst daran gewöhnen. Nicht, dass ich noch nie solche Menschen gesehen habe - aber in der Schweiz weiss man in der Regel "Aha, jemand aus dem Ausland". Hier ist dem nicht so - es gibt viele Franzosen, die dunkelhäutig sind. Manchmal vergesse ich das. Warum das wichtig ist? Ist es nicht. Auf den ersten Blick. Aber vielleicht ja doch, irgendwie…?
Sonstige Erlebnisse:
  • Biber als Begleitung beim Joggen am Kanal.
  • Eine Kuchenbackaktion zur Rettung grässlicher Dosenmandarinen. Niemand wollte die Mandarinen, vom Kuchen hab ich nur noch die Krümel gesehen.
  • Fleissiges Training für den Halbmarathon - inzwischen auch mit angemessenem Schuhwerk. Ob der Preis dafür auch angemessen war, darüber lässt sich streiten. Aber was macht man nicht alles für die Gesundheit…
  • Teilnahme an einer "manifestation" (Demo, Umzug) für Palästina bzw. in Gedenken an die Ereignisse in Gaza. Beeindruckend, dass in dieser kleinen Stadt (etwa 200'000 Einwohner) doch etwa 400 Menschen zusammenkommen und für den Frieden marschieren. Und das immer wieder, heute findet schon die dritte "manifestation" zu diesem Thema statt!
  • Rendez-vous au parlament: Ein kulturelles Angebot der Stadt Rennes. Abends wird auf das Parlamentsgebäude in der Stadt eine Lichtshow projeziert, die die Geschichte von Rennes erzählt. Oder so. Hab nicht alles verstanden, was da erzählt wurde, aber die Lichteffekte und Videokunst waren doch sehr eindrücklich.
  • Ein Marktbesuch (jeden Samstag): gross, bunt, laut, überall Früchte und Gemüse und Fisch und Fleisch und Käse und Brot (herrliches Brot! Da sag einer Franzosen ässen nur Baguette - Schmarrn ist das, tolles Brot haben sie!), ein Saxophon und viele junge Leute, die dazu Lindy Hop tanzen (wer nicht weiss, was das ist, der youtube diesen Begriff jetzt. Youtuben = modern für "auf der Internetseite www.youtube.com eingeben und ein Video davon anschauen")), fröhliches Geschwatz, so richtig…Markt halt.
Tipps der Wochen:
  • Film "Jimmys Hall": starke Frauenrollen, toller Dialekt (natürlich im Original angucken!) und eindrückliche Geschichte
  • Vokalensemble Orpehus. Eine ukrainische achtköpfige Männergruppe, die wunderschön singt. Beim Konzert hier in Rennes fand ich heraus, dass sie vorher in der Schweiz waren - natürlich in meinem "Heimatdörfchen". Zufälle gibt's. Sie sangen orthodoxe Kirchenlieder, traditionell ukrainische Stücke und auch Klassiker wie Yesterday von den Beatles oder "In the jungle". In Glitzerwesten. Wenn irgendwelche Männer Glitzerwesten tragen können, dann diese. Und diese Stimmen - sehr eindrücklich. Sehr empfehlenswert. Sollten sie in eurer Nähe sein - geht hin.
  • DAS WICHTIGSTE ÜBERHAUPT: Unser Konzert am 27. September, Flyer siehe unten, WEHE DEIN Gesicht ist da nicht zu finden…!!
Random facts (ging ja letztes Mal vergessen, deshalb hier zwei):
  • Rennes ist, so sagt man, die kleinste Stadt (Frankreichs…Europas…der Welt…) mit einer Metro. Noch dazu vollautomatisch, da hockt also kein Metrofahrer vorne drin. Ganz schön gespenstisch, wie das Ding so durch die Röhren wuscht.
  • Der Elephant ist das einzige Tier mit vier Knien.
Das war's - ich freu mich, von euch zu hören, und melde mich sonst einfach, wenn's wieder passt. Lasst es euch gut gehen!

Bästa hälsningar (man darf ja die erworbenen Kompetenzen nicht einfach so schleifen lassen…)
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Mittwoch, 16. Juli 2014

Rennes = Paradies

Viele liebe Saluts

Nach dem ersten Arbeitstag und 48 Stunden in Rennes folgt schon der erste Bericht. Warum? Weil hoffentlich bald nur noch français aus meinem Mund quillt und ich euch davon verschonen möchte.

Taizé
  • Eine Woche Taizé bereichert in vielerlei Hinsicht. Neue Freundschaften, interkulturelle und -religiöse Gespräche, gelebte Solidarität und Toleranz… Ein Höhepunkt war ein Gespräch mit dem ehemaligen Erzbischof von Algier, der Hauptstadt von Algerien. Er erzählte von der Zusammenarbeit der Moslems und Christen, die dort schon seit vielen Jahren gut funktioniert. Beeindruckend! 
  • Ein weiteres Highlight: Ein von uns (ein paar Jugendliche) durften innerhalb der Woche einen Workshop zum Thema "Neue Solidarität" vorbereiten. Er wurde ein voller Erfolg und für meinen Teil zum Thema vegetarische / vegane Ernährung habe ich zahlreiche Rückmeldungen und Komplimente bekommen. Meine Worte hätten sehr zum Nachdenken angeregt, meinten viele. Und das ist genau das, was ich mit Gesprächen über diese Themen bezwecken möchte: keineswegs verurteilen oder provozieren oder beleidigen, sondern schlicht und einfach zum Nachdenken bringen. Nur damit ihr das auch alle noch einmal wisst und schwarz auf weiss seht…
  • Und ein drittes erfreuliches Erlebnis: Ich durfte bei einem sehr netten Ehepaar nach Paris mitfahren, ihre Töchter kennen lernen, trotz Grossvater im Krankenhaus bei ihnen übernachten und von ihnen zum Zug gebracht werden. Manche Sachen funktionieren einfach mit ein wenig Gottvertrauen.
  • Per Zufall verbrachte ich ausgerechnet den "14 juillet" in Paris, den französischen Nationalfeiertag. Wir verfolgten die mehrstündige Parade im Fernsehen, die Flugzeuge konnten wir aus dem Fenster sogar live sehen. Die Franzosen mögen ihr Militär schon sehr. Oder die Journalisten / Programmverantwortlichen wählen die Berichterstatter und interviewten Menschen sehr gezielt aus. Oder beides. Ich habe mir jedenfalls Mühe gegeben, nicht allzu schnippische Kommentare zu diesem ganzen Tamtam zu machen. Was angesichts meiner doch begrenzten Französischkenntnisse auch nicht wirklich schwierig war.
Rennes
  • Wohnen: nettes, älteres Ehepaar; wunderschönes Haus mit vielen afrikanischen Dekorationen; Dachzimmer mit Dachfenster (hoffentlich regnet es bald…eines der schönsten Geräusche!) und eigener AmeisenKOLONIE (!!!) direkt über dem Bett (irgendwelche Tipps oder Ratschläge? Einfach sein lassen? Sie befinden sich zwischen Decke und Wand (Dachschräge), sind morgens verschwunden und kommen im Verlauf des Tages wieder raus. Sie haben Flügel, einige jedenfalls, bleiben aber grösstenteils an mehr oder weniger dem gleichen Ort. Noch. Aber heute sind es schon massiv mehr als gestern… Esswaren habe ich keine in meinem Zimmer.); umgeben von grünen Bäumen und netten Nachbarn mit Katzen, die ich während der Ferien füttern darf / muss / kann / soll. Fazit: perfekt (trotz der Ameisen. Perfekte Perfektion gibt es nämlich nicht - es muss immer irgendein Problemchen geben, dass man lösen kann. Und Ameisen - das hatte ich noch nie.).
  • Freizeit: Rennes ist wunderschön, sehr grün, von einem Kanal (ergo Wasser) durchzogen, an dem man wunderbar joggen / spazieren kann. Die Distanzen sind laufbar, vielleicht lässt sich irgendwann irgendwie irgendwo ein fahrendes Vehikel (Velo oder Fahrrad) auftreiben.
  • Arbeiten: Der Arbeitsweg beträgt drei Minuten - ein grosses Plus. Der Arbeitsort nennt sich "secours catholique", eine Unterorganisation der Caritas France. Nach dem ersten Arbeitstag lässt sich sagen:
    • Den ganzen Tag Französisch und nur Französisch sprechen und hören ist anstrengend.
    • Mein Namensgedächtnis wird mit den Jahren nicht besser.
    • Auch das französische Asyl-System ist kompliziert und bürokratisch.
    • Ich mag Menschen.
Ein bisschen ausführlicher: Morgens betreue ich jeweils den "acceuil". Während zwei Stunden können Immigranten, Obdachlose, wer auch immer vorbei kommen und ein kleines Frühstück essen, Kaffee trinken, miteinander plaudern, duschen, Wäsche waschen. Ausserdem gibt es eine "bagagerie", wo sie Gepäck lassen können, das sie nicht immer herumtragen wollen. Nachmittags werden oftmals Beratungen für die Leute angeboten: Briefe übersetzen, Anträge stellen, Unterkünfte finden, Informationen geben. Getragen wird das alles von unzähligen Freiwilligen, die unglaublich freundlich, engagiert und kompetent erscheinen.

Soviel nach dem ersten Tag. Es wird sich zeigen, wie es weiter geht. Die "conclusion" bis jetzt: Es wartet ein grossartiger Sommer.

Seid herzlich gegrüsst.

Mittwoch, 2. Juli 2014

Wieder einmal unterwegs

Hallo meine Lieben!

Kurz war die Ruhe, jetzt geht es wieder los: Die Kisten sind gepackt, die Möbel auseinander gebaut, das Zimmer in der besten WG der Welt ist leer, (fast) alles steht irgendwo in einer Lagerhalle. Nur ein grosser blauer Rucksack (und ein grosser roter Koffer, aber das klingt nicht ganz so poetisch, also bleiben wir beim Rucksack) wird mich in den nächten drei Monaten begleiten. In dieser Zeit geht es nach Taizé (6.-13. Juli), nach Rennes (14. Juli - 23. August) für ein Praktikum bei der Caritas, nach Brüssel (31. August - 7. September) als Mitorganisatorin einer Bildungsreise mit der yes - ja und dann ist es irgendwann Zeit für München.

Genau, München im "Freistaat Bayern". Dort werde ich ab Oktober einen Master in "Interkultureller Kommunikation und Moderation" machen - vorausgesetzt, ich finde ein Plätzchen für mein Bett. München sei ein schrecklicher Ort, um eine Wohnung zu suchen, heisst es. Das ist gelogen. Es ist noch viel schlimmer. Aber mit Glück, Vertrauen und ein bisschen Hilfe von oben wird sich schon ein Türchen auftun, so war es bis jetzt schliesslich immer. Falls aber jemand von euch gerade zufälligerweise jemanden kennt, der jemanden kennt, der mit jemandem verwandt ist, der… und so weiter - meine Mailadresse darf man gerne weiterleiten…
Natürlich stehen (sobald vorhanden) Tür, Tor und Briefkasten meines neuen Heims offen und warten auf Bevölkerung / Befüllung, sprich Besuch und Post. (Bis dahin: Adresse erfragen.) Auch über allgemeine Tipps zum Leben in München freue ich mich.

Nicht nur ein Schlafplatz, auch ein Akkordeon wird gesucht. Die letzten Monate im Akkordeonorchester Binningen-Bottmingen haben mir so viel Freude gemacht, dass ich das weiter verfolgen möchte. Gesucht wird ein ordentliches Gebraucht-Modell, Tasten, chromatisch (mehr Details auf Nachfrage).

Wo wir schon beim Akkordeon sind: Am 27. September 2014 findet in Therwil bei Basel das Jahreskonzert des Akkordeonorchesters Binningen-Bottmingen statt. Ich werde da natürlich noch kräftig mitspielen, weshalb ihr alle herzlichst eingeladen seid. Es würde mich sehr freuen, dort ein paar bekannte Gesichter zu erblicken!

Nach dem Konzert ist ein Halbmarathon durch die Strassen Basels geplant, irgendwie auch ein Abschiedslauf. Die drei Jahre Studium in dieser wunderschönen Stadt haben mich sehr bereichert und viele Dinge und Menschen lasse ich mit zwei weinenden Augen zurück. Es war schön, es war wirklich wirklich schön und ich werde wohl in vielen Jahren auch eine von denen sein, die ein ganz kleines bisschen wehmütig von den guten alten Studienzeiten erzählt. Aber es ist auch Zeit für etwas Neues, und München scheint da eine ganz gute Option zu sein.

So, zum Abschluss noch ein random fact der letzten Woche: In Edinburgh kann man frittiertes Mars essen. Wirklich. Und es ist lecker.

Lasst es euch gut gehen und auf bald!

Dienstag, 18. Februar 2014

Take Sides.

Neutrality helps the oppressor,
never the victim.
Silence encourages the tormentor,
never the tromented.
- Elie Wiesel


Donnerstag, 29. August 2013

Danach - Teil 23

Hej

Schon wieder befinde ich mich auf dem Weg von Schweden in die Schweiz. Schon wieder habe ich viele spannende Sachen hier erlebt und es gibt das eine oder andere zu berichten. Also kommt schon wieder ein Mail. Weil es das letzte ist, dürfen alte Traditionen gebrochen werden - deshalb ist heute Mittwoch. Nun aber zu den wichtigen Dingen.
  • Nach ein paar Tagen im Toggenburg ging es im Juli für eine Woche nach Taizé. Es war wieder eine wunderbare Erfahrung, meine Akkus sind nun aufgeladen und ich habe wieder viel gelernt. Obwohl ich die ganze Zeit in Stille verbracht habe, habe ich ein paar Schweden kennen gelernt. Ein richtiges Heimatgefühl war das.
  • Wenig später wurde der Rucksack wieder gepackt: Mit meinen Eltern ging es per Auto quer (also längs) durch Deutschland, mit der Fähre nach Schweden (ich durfte das Auto auf die und von der Fähre fahren - und es ist noch ganz!!) und dann mit Zwischenstationen (die erste natürlich Lund) nach Stockholm. In Lund war es sehr schön, all die bekannten Plätze noch einmal im schönsten Sommerwetter zu sehen, Eis zu essen und einfach in Erinnerungen zu schwelgen. In Stockholm stiess dann der "erste beste Besuch" zu uns und weiter ging es nach Ramshyttan.
  • Ramshyttan ist die Farm, auf der wir nun einen wunderbaren Monat mit wwoofing (voluntary working on organic farms) verbracht haben. Auch beim dritten Mal fasziniert die Natur dort, die Menschen, die Tiere, einfach alles. Ich habe wieder viel gelernt: Rasenmäher fahren, trimmen (ein Trimmer ist ein Fadenmäher - keine Ahnung, was der korrekte Ausdruck dafür ist - siehe Bild), Hügelkultur anlegen (ein Teil von Permakultur: man baut einen riesigen Hügel aus Baumstämmen, Reisig, Mist, Grasziegel etc. und baut dann Gemüse und ähnliches darauf an - siehe Bild), Holz am effektivsten stapeln, Konfi (Marmelade für die Deutschen) kochen…
  • Auch viele Tiere haben wir angetroffen: Ringelnattern, eine Kreuzotter, Hasen (tote und lebendige), Spechte, zwei Rehe im Vorgarten, Opa Langbeine (viiiiiiiiiiiiele!! Sie werden auch Zimmermänner oder Weberknechte genannt. Und es ist eins der wenigen Tiere, in denen ich keinen Funken Schönheit entdecken kann. Wir werden wohl niemals Freunde werden.), Wurmgetier (viiiiel Wurmgetier, gefunden beim Mist für den Hügel holen), Vögel mussten befreit werden, Fledermäuse ebenso, Schmetterlinge auch… Und dann waren da natürlich noch die Pferde. Fünf Friesen (grosse schwarze Pferde mit langen, schönen Mähnen) und zwei Isländer (kleine, flinke und sehr trittsichere Pferdchen). Auch da war alles dabei: Reiten ohne Sattel, Schritt, Trab, Galopp, herunterfallen, ausmisten, Wundversorgung, füttern, Wassertrog reinigen, Reitwege ent-urwalden...
  • Das grösste Highlight in diesem Monat hatte allerdings nichts mit Landwirtschaft zu tun. Wie ihr euch vielleicht erinnern könnt, gab es in ferner Vergangenheit (sprich Februar) Probleme mit meinem Landlord (Vermieter). Er warf mich raus, leider aber nicht mit all meinen Sachen und vor allem ohne mir mein Geld zurück zu zahlen. Nach einem Behördenmarathon wurde eine Anwältin für mich gefunden. Der Gerichtstermin sollte morgen sein, ist nun aber nicht mehr nötig: Der gute Lord zahlt von alleine, fast den ganzen Betrag. Ich muss also nicht vors Gericht. Am schönsten ist aber, dass sich der ganze Aufwand und die viele Energie, die ich in diese Sache gesteckt habe, gelohnt haben. Alles in allem eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte, aber die auch nicht unbedingt wiederholenswert ist.
Noch ein paar Fakten fürs Allgemeinwissen:
  • Warum alle Schweden rote Häuser haben: Die rote Farbe wird aus einem Nebenprodukt des Erzabbaus hergestellt. Sie lässt das Holz atmen, schützt es aber gleichzeitig. Wer sein Holzhaus alle 10-20 Jahre mit dieser Farbe streicht, wird sehr lange darin wohnen können.
  • Was Fika ist: Fika kann vieles beinhalten. Grundsätzlich ist es ein Wort für gemütliches Zusammensitzen. Das kann ein Snack in der 10-Uhr-Pause, Kaffee trinken am Nachmittag, ein Feierabendbier, ein Schlummertrunk vor dem Schlafengehen oder anderes sein. Man kann dabei etwas essen oder auch nur etwas trinken. Hauptsache gemütlich und in Gesellschaft. Fika machen ist sehr wichtig in Schweden, beispielsweise auch bei der Arbeit. Wer dort nicht mindestens einmal am Tag Fika mit seinen Kollegen macht, kann schon als "zu arbeitsam" gelten. Ich werde auf jeden Fall probieren, die Fika-Kultur in die Schweiz zu importieren….
Tschüss sagen ist immer schwer, vor allem an so einem schönen Ort (Ramshyttan) und von einem so lieb gewonnenen Land. Aber ich freue mich auf die Zukunft: Zuerst geht es mit Zwischenhalten in Lund und Deutschland in die Schweiz zurück. Dort wartet die beste WG überhaupt (vier Frauen, wenn das mal gut geht… Immerhin haben wir zwei Badezimmer.). Nach ein paar Tagen Paris (ich war noch nie da, dabei ist es nur drei Stunden Zugfahrt von Basel entfernt!) fängt dann die Uni wieder an - auch darauf kann man sich zeitweise freuen. Und irgendwann kommt bestimmt wieder einmal der Tag, an dem ich mit meinem Rucksack in den Zug Richtung Schweden steige. Schwedisch kann ich jetzt ja.

Übrigens: Der Mietvertrag ist nun unterschrieben und der Briefkasten hat bereits ein Namensschild. Briefe, Karten, Päckchen und Besuch sind herzlich willkommen! Die Adresse kann bei mir erfragt werden.

Bästa hälsningar (= liebe Grüsse)

P.S.: Noch ein paar Bilder, gemacht natürlich vom "ersten besten Besuch".

Sonnenuntergang.
Trimmen.
Reiten auf Bresi ohne Gebiss und ohne Steigbügel aber mit viiiiel Spass.
Warum es mir da so gefällt.
Unser Hügel. Noch nicht ganz fertig. 
Ohne Worte.
Bildhübscher Friese Arion.

Montag, 24. Juni 2013

Reisespecial - Kein Teil

Hej!

Ich bin nun seit vier Tagen wieder in der Schweiz. Physisch zumindest. Da ich psychisch noch nicht ganz angekommen bin, lasse ich die letzten zehn Tage Revue passieren und euch daran teilhaben - solltet ihr denn die Ausdauer haben, dem gesamten Schreibfluss zu folgen.

Nachtrag: Swedish National Day - 6.6.
Weil für diesen Feiertag nun schon Pfingstmontag gestrichen wurde, muss ich doch noch kurz nachträglich davon berichten. Seit 1983 gibt es den Schwedischen Nationalfeiertag. An diesem Tag wurde Gustav Vasa als König von Schweden gekrönt (1523) und die Verfassung angenommen (1809). Die Schweden interessieren sich aber nicht wirklich für den Feiertag, nur die königliche Familie nimmt an einer Zeremonie in Stockholm teil. Für Austauschstudenten ist es aber eine passende Gelegenheit, noch einmal Kanelbullar und all die anderen Köstlichkeiten aus Schweden zu geniessen.

Lund (10.6.)
Putzen, abschliessen, Schlüssel abgeben. Schon ein komisches Gefühl, die erste "eigene" Wohnung zu verlassen. Ein letztes Mal Fika, noch einmal durch die Stadt wandern (und dabei der eben angekommenen Reisebegleitung das wenige erzählen, das ich über sie weiss), ein letztes Eis. Dann geht's ab in den Zug nach Stockholm und von dort mit dem Nachtzug weiter nach Umeå.

Umeå (11.6.)
Um 06.45 Uhr kommen wir (wir = drei Personen) in Umeå an. Es ist taghell und wir werden erst einmal unsere tausend Kilo Gepäck los. Nach einem Kaffee sind wir dann auch fähig, uns ein bisschen zu bewegen. Der Tag wird nicht sehr spektakulär: Städtchen angucken, einkaufen, Fika machen, auf dem Steg in der Sonne liegen - und dann vier Stunden im Wartesaal am Bahnhof warten, weil das Ticket nicht für den Bus gilt und es draussen regnet. Zum Glück sitzen da auch zwei Jungs aus London mit Gitarre und Mini-Djembe. Musik verbindet und verkürzt die Zeit. Irgendwann kommt dann der Zug und bringt uns nach Luleå.

Luleå (11.6.-13.6.)
Ein kleinen Schreck (Nachts gegen 11 Uhr stellen wir vor / in unserem Hostel fest, dass wir kein Zimmer haben. Das Hostel ist personallos. Aber wie immer ordnet sich alles.) schlafen wir in der fensterlosen Unterkunft. Irgendwie gut, denn in Luleå wird es zu dieser Jahreszeit nie richtig dunkel - so schauen wir in der nächsten Nacht dem Sonnenuntergang und eine kurze Weile später dem Sonnenaufgang zu. Ein sehr merkwürdiges Gefühl.
Ansonsten ist Luleå nicht wahnsinnig spannend - nett, klein, am Wasser. Draussen ist es zu hell und drinnen zu dunkel, um ein Zeitgefühl zu haben - also lassen wir das bleiben und es uns rund um die Uhr gut gehen: essen, spazieren, schlafen. Und schon wieder kriechen wir mit unserem (wirklich schweren!!) Gepäck zum Bahnhof. Es geht nach Kiruna - dabei muss ich feststellen, dass der Polarkreis gar nicht rot eingezeichnet ist, wie ich das immer dachte. Man fährt mit dem Zug einfach darüber, ohne es zu merken.

Kiruna (13.6.-15.6.)
Kiruna ist die 70-grösste Stadt Schwedens (also winzig klein) und gleichzeitig auch die nördlichste, auf einer Höhe mit Mittelgrönland gelegen. Würde es den Golfstrom nicht geben, würde in Kiruna arktisches Klima herrschen. Ausserdem gibt es in Kiruna eine der grössten Eisenerzmienen der Welt, weshalb die gesamte Stadt in den nächsten Jahren auch um fünf Kilometer verschoben wird.
In Kiruna erleben wir das grosse Mitternachtssonnen-Spektakel mit. Gegen 23 Uhr machen wir uns daran, einen Hügel bei Kiruna zu erklimmen. Die Sonne leuchtet hell und orange und wir sind überhaupt nicht müde. Unter uns liegt eine weite Fläche mit Seen, Wäldern und "Nichts". Gegen 24 Uhr nähert sich die Sonne dem Horizont, also der Bergkette, die sich ganz hinten abzeichnet. Und dann entfernt sie sich wieder von ebenjener Linie. Einfach so. Sie steigt höher und höher während wir wieder tiefer und tiefer steigen. Gegen 2 Uhr haben wir unser Hostel wieder gefunden und legen uns ins Bett - draussen scheint die Morgensonne. Schon irgendwie eindrücklich und verrückt.
Am nächsten Tag erfreuen wir uns unserer Energie (die dem vielen Licht zu verdanken ist) und setzen uns in den Zug. In den Abisko Nationalpark soll es gehen. Da wir aber nur Turnschuhe dabei haben, es regnet und der Zug nur dreimal täglich da vorbei fährt, bleiben wir dann doch lieber sitzen und steigen erst an der Endstation aus - Narvik. Narvik liegt an der Küste von Norwegen an einem steilen Hang und sieht in Touristenaugen sehr gewöhnlich aus. Der Rückweg wird mit einem Bus bestritten - kurvige Passstrasen in rasantem Tempo. Die Fahrt lohnt sich aber allemal (auch mit dem Zug), man sieht Seen und Wälder und kommt über die Baumgrenze und überhaupt sieht es dort oben einfach anders aus. Lohnenswert!
Aber schon wieder suchen wir den Weg zum Bahnhof (zum Glück bergab…) und steigen in den Zug.

Zug (15.6.-16.6.)
30 Stunden Zugfahrt, das erlebt man schon nicht alle Tage. Mit Umstieg in Stockholm und Kopenhagen geht es nach Hamburg. Unsere Hauptbeschäftigung: essen und planen, wie, wann und wo wir wieder zu Verpflegung kommen. Ausserdem sind eine Fahrt mit der Fähre, ein defekter Zug und ein bisschen spontane Bahnsteigmusik inbegriffen. Aber 30 Stunden sind dann doch irgendwie genug.

Hamburg (16.6.-18.6.)
In Hamburg wird unser Dreiergrüppchen um eine Person ärmer. Wir beiden Verbliebenen geniessen die Sonne und die Stadt und besuchen abends die Oper, in der unser Gastgeber mitspielt. La Nozze di Figaro ist es, gut inszeniert und umgesetzt, ein wahrer Genuss. Aber schon geht es weiter nach Berlin

Berlin (18.6.-20.6.)
Am heissesten Tag des Jahres und gleichzeitig mit Obama treffen wir in der Hauptstadt Deutschlands ein. Eine wundervolle Stadt, wenn ihr mich fragt. Wir essen Eis und schlendern durch die Strassen - viel lässt sich nicht machen, alles ist abgesperrt, sogar die Spree ist von Tauchern besiedelt. Wir kümmern uns aber nicht gross um Obama sondern gehen zu einem Konzert von Ben Howard, einem australischen Künstler, der sehr gute Musik macht. Und schon wieder trennen sich die Wege und ich fahre durch das Hochwasserdeutschland in die Schweiz.

Schweiz
Nach ein paar schönen Tagen Zwischenstopp in Basel bin ich nun wieder im Toggenburg angekommen, also sozusagen beim Ursprung. Es regnet, ich gewöhne mich langsam an Sprache, Geld und Kultur und freue mich auf das bevorstehende Open-Air (vier Tage lang Konzert und zelten). Schon bald geht die Reise wieder los, nach Taizé und noch einmal nach Schweden soll es gehen. Aber das ist dann ein anderes Kapitel.

Fazit
71 Stunden Zugfahrt, 30kg Gepäck - es war lange und viel, aber toll.

So, das war's. Unten noch ein paar Fotos, geschossen von einer tollen Reisebegleitung (ich fotografiere noch immer analog - wer also noch alte Filme bei sich herumliegen hat und sie nicht mehr braucht - HIER!!). Sie zeigen zuerst den Blick aus der Haustür unserer Jugendherberge in Luleå und danach drei Mal die Mitternachtssonne in Kiruna. Das mittlere Bild ist 23.55 Uhr aufgenommen worden.
Gute Nacht und guten Sommer wünsche ich!

Bästa hälsningar.





Montag, 10. Juni 2013

Ganz kurz davor & fast schon mittendrin - Teil 22

Hej

Ausnahmsweise mal Montagfrüh anstatt Montagnacht. Nichts bleibt gleich, noch nicht einmal die Rundmailzeiten. Aber die letzte Nacht im eigenen Appartment darf nicht verschlafen werden, und nach putzen und packen bleibt halt nur noch das Mailen übrig. Quatsch. Aber morgen um diese Zeit werde ich in einem Nachtzug in den Norden sitzen bzw. liegen, deshalb halt schon jetzt eine Nachricht an die Welt, also euch.
  • Die letzte Woche war voll und schön. Ein letzter Fussballmatch mit anschliessendem Pizzaessen, Diskussionen über das Abendmahl und den Glauben, Fahrrad fahren über Pflastersteine, Fika…
  • Am Mittwoch begann das Abschied nehmen. Von Menschen, Orten, meinem (also Karins - DANKE!!) schönen grün gelb-gepunkteten Fahrrad, Ritualen - halt von einem intensiven halben Jahr. Das gehört halt dazu. Klar. Schön ist es trotzdem nicht.
  • Von Freitag bis Samstag durfte ich dann eine wunderbare Zeit mit meiner "Kerngruppe" (sechs Finnen, eine Dänin, eine Deutsche) in einem netten Häuschen auf dem Land verbringen. Hauptbeschäftigung war essen. Oder Essen vorbereiten. Oder nach dem Essen aufräumen. Aber wir haben auch viel geredet und gelacht, sind spazieren gegangen und haben Holzklötze auf andere Holzklötze geworfen (auch "Kubb" genannt, ein sehr lustiges Spiel!). Der ein oder andere Sonnenbrand war auch mit von der Partie, wie könnte es anders sein bei dem herrlichen Hochsommerwetter.
  • Auch die internationale Gemeinde der Domkirche wurde ein letztes Mal besucht - ein Abschied mehr. Aber es ist irgendwie auch schön zu sehen, dass es so viele tolle Menschen gibt.
  • Nun steht nur noch das finale Putzen und Packen an (es wird eng mit dem Rucksack…), dann geht es los. Schon komisch, wie die Zeit vergeht - gerade erst habe ich mein Zimmer in Basel in Kisten verpackt.
  • Weitergehen tut es morgen (also heute) mit einer Reise in den Norden, mit dem momentanen Besuch und einem weiteren Besuch (langsam wirds kompliziert mit den ganzen Besüchern…). Umeå, Luleå und Kiruna sind geplant, alles andere wird sich ergeben.
Ob es auch mit Rundmails weitergeht, wage ich zu bezweifeln. Das Erasmus-Abenteuer endet hier und somit auch meine wöchentlichen Redeschwäller (ja, ich bin Expertin für Pluräler). Ich habe mich übrigens sehr über die vielen lieben Mails gefreut. Antworten sind nach und nach in Arbeit, gelesen wird immer. Ja, jedenfalls wird vielleicht der Primzahl zuliebe in naher oder ferner Zukunft noch ein ganz letzter Teil angehängt, aber für den Moment soll das hier genügen. Danke für die Leseausdauer!

Bästa hälsningar.

P.S.: Die Schwedischprüfung ist BESTANDEN - das muss hier schon auch noch erwähnt werden, ein ganz kleines Bisschen stolz bin ich da nämlich schon drauf.

Dienstag, 4. Juni 2013

Noch kürzer davor - Teil 21

Hej

Kurz wird das Mail vermutlich nicht, aber es ist kürzer vor der Abreise als das letzte, deshalb der Betreff. Weil ja aber in der Kürze die Würze liegt, belasse ich es bei dieser knappen Einleitung und gehe wie immer zu den Stichpunkten über.
  • Als erstes eine Erklärung: Meine ganzen Besuche sind absichtlich namenslos. Da ich sie aber irgendwie unterscheiden muss, sind sie nun also der erste beste, zweite beste, dritte beste etc. Besuch. Das ist keine Wertung (erst-bester, zweit-bester etc.) sondern einfach ein Unterscheidungsmittel, das, meiner Meinung nach, besser als Besuch Nr. 1, Besuch Nr. 2 usw. ist. Leider hat das alles zu Verwirrungen geführt, die ich hier hoffentlich auflösen konnte. Wer spezifische Fragen zu den Besuchern hat, darf mich gerne kontaktieren.
  • Genau, Besuch. Nachdem der eine ging, kam am zwei Tage später gleich der nächste. Seit gestern sind wir nun sogar zu dritt, was manchmal ein wenig eng wird auf meinen gut 20 Quadratmetern. Aber Stimmung und Wetter sind gut und so ganz ohne Univerpflichtungen lässt es sich gut Touristenführer spielen.
  • Uni. Die Uni ist seit Mittwoch sozusagen abgeschlossen - mit der Einsendung meines Essays über die Armut. Ich "gammle" also nur noch hier rum und schlage Zeit tot, unter anderem mit Fika machen (!!!), Freunde treffen, Ausflüge machen, im Stadtpark auf der Wiese liegen, Harry Potter 6 lesen, in die Kirche gehen, Fussball spielen (wir sind schon richtig gut!!), ein bisschen tanzen und Reste verkochen / -backen. Ja, es ist in der Tat ein Traum und ich geniesse es sehr, frei von jeglichen Pflichten zu sein. Keine Arbeit, keine Uni, kein Garnix.
  • Eine kurze Rückblende aber noch zu vor Mittwoch: Zwei Tage hockte ich in meinem Zimmerchen, las, schrieb und wurde von meiner allerbesten Lieblingsnachbarin zum Essen eingeladen. Das Tolle: Ich durfte einfach kommen, essen, und wieder gehen, weil ich ja arbeiten musste. Wirklich guter Service. (Lecker war's übrigens auch.)
  • Der Mittwochabend wurde dann mit einem Grillfest zelebriert. Von Schokobananen und gefüllten Pilzen über in Elektrozäune springende (bekannte) Schweden und ein heillos überfülltes Auto eines (unbekannten) Schweden war alles dabei. Ein gelungener Abend also.
  • Ich durfte diese Woche einen Einblick in die Gemeinschaft der "dumpster diver" bekommen. Das sind die Leute, die in den Mülltonnen der Supermärkte rumwühlen und einwandfreie Ware mit nach Hause nehmen, die nicht mehr verkauft werden kann. Fazit: richtige Ausrüstung ist wichtig (Schuhe, die dreckig werden dürfen; Stirnlampe; Plastikbeutel und Rucksack; evtl. Handschuhe), der richtige Zeitpunkt ist ebenfalls wichtig, und bevor man dumpster diven geht, sollte man nicht einkaufen. Unser Kühlschrank war ÜBERVOLL.
  • Heute verbrachten wir den ganzen Tag auf dem Kullaberg. Das sind Felsen, Klippen, Wald und Wiesen in einem Naturschutzgebiet hier in Südschweden. Der Tag war lang und anstrengend, es wurde straff gewandert, bergauf und bergab, aber jeder Schritt hat sich gelohnt. Die Aussicht war bezaubernd, das Meer unglaublich blau, die Vögel sangen, es gab blühenden Waldmeister und Bärlauch… Ein Traum! Fotos (gemacht von der Lieblingsnachbarin) sind unten.
  • Bei all dem warmen Wetter, der vielen Sonne und dem leckeren Eis liessen sich die starken Regenfälle in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und in Tschechien leider nicht ignorieren. Ich wünsche allen, die davon betroffen sind, viel Kraft und gute Schwimmhäute! Und wenn's gar nicht mehr geht: In Schweden ist es noch trocken.
Seid nun, fast schon zum letzten Mal, herzlich gegrüsst, oder auf auf Schwedisch:
Bästa hälsningar.





Dienstag, 28. Mai 2013

Kurz (davor) - Teil 20

Hej

Ja, es ist Dienstag. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel, oder? Ausserdem war es gestern viel zu warm und sonnig, um auch nur eine Minute am Computer zu verbringen. Nun also der Ersatz:
  • Weil die Fika-Kultur in der Schweiz nicht ganz so ausgeprägt ist wie in Schweden, muss vorgeholt werden. Es gibt also jeden Tag mindestens einmal Fika. Tendenz steigend.
  • An der mündlichen Prüfung durften wir über Herausforderungen philosophieren, an der schriftlichen über das Fleischangebot in Schulmensen. Ansonsten trägt Harry Potter 5 zur stetigen Verbesserung meiner Sprachkenntnisse bei.
  • Potluck-Dinner (jeder bringt etwas aus seinem Land mit), Fussballspiele (Letztes Mal waren unsere Gegner drei WINZIGE Jungs aus Island und Schweden. Die waren so klein, dass ich Angst hatte, sie zu zertreten. Ausserdem waren sie schnell und niemals müde.), Gottesdienste und so weiter halten mich auf Trab.
  • Ein Highlight der Woche war der vierte beste Besuch (NICHT der viertbeste - der vierte BESTE) aus der Schweiz. Kurz aber fein wars, mit einer Lund-Tour, viiiiiiiel Fika, einer richtigen Wanderung durch Malmö, noch mehr Fika und vielen guten Gesprächen. Danke!
Mehr gibt es auch gar nicht zu erzählen. Es ist immer noch mehr oder weniger warm und sonnig, ich werde immer nostalgischer und versuche in Gedanken schon, den Koffer möglichst gut zu packen, nach und nach verabschieden sich die neu gewonnenen Freunde und man tauscht Einladungen (nach Vietnam zum Beispiel) und Mailadressen aus. Abgabetermine für Essays werden da schon einmal bis zur letzten Sekunde ignoriert bzw. durch Rundmail schreiben aufgeschoben. Da morgen aber eben dieser Abgabetermin ist und meine Ausführungen über den Begriff "Armut" noch nicht sehr ausgereift sind, schliesse ich hier.

Bästa hälsningar und warme Sommergrüsse.

Montag, 20. Mai 2013

Europa in Schweden - Teil 19

Hej

Die Zeit vergeht - im grossen Sinne, die Zeit hier in Lund ist fast vorbei; und im kleineren Sinne, meine Prüfungen rücken jeden Tag näher und die Lernzeit schwindet nur so dahin. Nach einer Woche wohlverdienter (für euch und für mich) Mail-Ferien melde ich mich nun wieder - leider ist Pfingstmonatg in Schweden kein Feiertag (er wurde gestrichen, als man anfing, den 6. Juni (Nationalfeiertag) zu feiern).
  • Am 11. Mai war Schwedischer Schokoladenballtag (aufgepasst, nicht Schokoladenb-Alltag sondern Schokoladen-Ball-Tag). Dabei handelt es sich um eine der vielen Köstlichkeiten deren man beim Fika frönt. Der Schokoladenball besteht aus Haferflocken, Kakao und Butter. Aussen kleben ein paar Kokosraspeln oder Streuzucker oder Nussstückchen oder sowas. Empfehlenswert!! (Aber ersetzt locker eine Mahlzeit.)
  • Ein anderer wichtiger Tag bzw. Anlass war natürlich der Eurovision Song Contest (ESC), der in der letzten Woche in Malmö stattgefunden hat. Wer nicht weiss, was das ist, darf jetzt so ziemlich ganz nach unten scrollen. Den ESC in unmittelbarer Nähe zu haben bedeutet Folgendes: viele Touristen aus aller Welt (oder ganz Europa), Flaggen, Wo-ist-der-grösste-Bildschirm-Hysterie, Musik aus allen Ecken… Dank meiner journalistischen Tätigkeiten bei dem besten Jugendonlinemagazin überhaupt (www.tink.ch) durfte ich die Schweizer Delegation treffen. Der Artikel wird in Bälde auf ebenjener Internetseite erscheinen. Momentan macht der Server leider Ferien. Jedenfalls plauderten wir gemütlich - Takasa (sechs Mitglieder der Heilsarmee) ist wirklich eine lustige Truppe. In Malmö war die Stimmung richtig gut, der Boden, Laternenpfähle und Wände mit Schmetterlingen beklebt. Das offizielle Logo des ESC dieses Jahr.
  • Das Finale wurde dann aber doch lieber in einem gemütlichen Wohnzimmer mit europäischen Leuten als in einem überfüllten Pressecenter verfolgt. Wie vermutlich immer gab es katastrophale Beiträge und noch Schlimmeres, aber auch das ein oder andere akzeptable Stück. Obwohl ich ja wirklich nicht verstehe, warum die alle englische Pop- oder Rocksongs oder Balladen singen. Das Tolle ist doch die europäische VIELFALT, die UNTERSCHIEDLICHEN Sprachen, die Musik eines jeden Landes. Jedenfalls gewann nach über drei Stunden endlich Nachbarland Dänemark - auch nächstes Jahr wird der ESC also in einem nordischen Land stattfinden. Vielleicht besser so - die meisten anderen könnten sich das finanziell eh nicht leisten.
  • Da Lund ja nicht Malmö ist hatte Lund den ESC nicht zu Gast. Da Lund aber gerne feiert, setzte sich die Stadt einfach das Motto "We party too" - Wir feiern auch. Es gab alles, wirklich alles. Schlagerfeste, Essens-Messen, Frisuren-Shows...
  • Alles in allem war es eine spannende Erfahrung, aber ich bin auch froh, dass der Trubel jetzt vorbei ist und wir uns wieder dem alltäglichen Leben widmen können.
  • Alltägliches Leben. Das beinhaltet zweistündige Polizeiverhöre und Treffen mit Anwälten. Richtig, der Landlord-Fall geht ans Gericht. Es bleibt spannend.
  • Alltägliches Leben beinhaltet auch die Taizé-Gottesdienste mit anschliessenden Diskussionen, Fussballspiele, Fika, Spaziergänge, Nachbarschaftsbesuche… Leider aber auch die ersten Abschiede (ja, das Wort gibt es im Plural). Die Zeit hier in Lund geht definitiv zu Ende. Das merkt man auch an den vielen Verkaufsanzeigen - alle wollen ihre Fahrräder, Matrazen, Möbel etc. loswerden, bevor sie in ihre Heimat zurückkehren.
  • Vorlesungen habe ich seit Donnerstag keine mehr, jetzt heisst es Aufsatz schreiben und lernen, am Mittwoch und Samstag habe ich nämlich Prüfungen, an denen sie meine Schwedischkenntnisse überprüfen wollen… Ihr dürft mir ruhig die Daumen drücken, gebrauchen kann ich das gut.
Und nun die wichtigste Meldung des Abends:
POST würde ich in der nächsten Woche (also in dieser) abschicken. Heute war eine Karte mit dem Poststempel vom 18. März im Briefkasten. Ab dem 10. Juni bzw. dem 7. habe ich keine Adresse mehr (endlich Zeit, meinen Brieferückstand aufzuholen…).

So, das war alles für heute. Herzlichste Sommergrüsse (Hier ist wirklich Sommer. Die durchnittliche Schwedin läuft mit so kurzen Röcken / Höschen herum wie die wagemutigsten Schweizerinnen am heissesten aller Sommertage. Es ist auch wirklich warm. 25°C.)

Hälsningar

P.S.: Wer ein bisschen Englisch kann: Alle Klischees der Schweden in sechs Minuten.
http://www.youtube.com/watch?v=29tZAqJKtxs&feature=youtu.be