Der 201. Eintrag - und ein ganz "normales" Erlebnis:
Ich fahre Bus. Wieder einmal. Der Bus ist überfüllt. Wie so oft. In meinen Ohren stecken Kopfhörer, ich bin tief versunken in die Welt von Coldplay, Yannick Noah, Stress und Stornoway. Ich habe mir ein Plätzchen ganz vorne ergattert, stehe dort beim Buschauffer, an der vordersten Tür. An Haltestelle Nummer fünf steigt ein Jugendlicher ein, ich schätze ihn ein bisschen jünger als mich selber. Er scheint eine leichte Behinderung zu haben. Der Junge setzt sich auf einen der zwei freien Plätze ganz vorne, dort, wo ich stehe. Er drückt auf seinem Handy herum. Plötzlich mischen sich zum zarten Gesang von Avril Lavigne raue HipHop-Töne. Sie kommen aus dem Handy in der Hand des Jungen. Ich beobachte die anderen Passagiere. Inzwischen sind wir zwischen Haltestelle sechs und sieben. Die Leute schauen auf, suchen die Lärmquelle, finden sie, gucken genervt, seufzen, drehen den Kopf weg. Wir sind an Haltestelle Nummer sieben. Der Buschauffer blickt über die Schulter. Der Junge sagt: "Was?" Der Buschauffer dreht sein Radio lauter. Und fährt weiter. Ich kann die Abneigung förmlich spüren. Das "Mitleid". Mindestens 47 der 52 Menschen im Bus fühlen sich gestört. Oder 47,5. Ich bin der halbe Mensch. Mich stört es nämlich nur ein bisschen. Aber ich kann ja meine Musik auch lauter drehen, dann höre ich seine nicht mehr. Aber so ein ganz klein wenig stört es mich schon noch. Wir haben inzwischen Haltestelle Nummer neun passiert. An Haltestelle Nummer zehn steigt der Junge aus. Es folgen ihm böse Blicke. Und Blicke der Überlegenheit. Wir sind besser als du. Du kennst kein Benehmen. Aber niemand hat etwas gesagt. Niemand hat sich getraut, ihn zu bitten, die Musik auszumachen. Vielleicht hätte er es gemacht. Niemand. Ich auch nicht. Ein junger Mann, eineinhalb Meter von mir entfernt, leicht behindert. Ich habe mich nicht getraut.
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