Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur. ... Oscar Wilde



Sonntag, 11. Dezember 2011

Kleine Fabel

"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." - "Du musst nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und frass sie.
Franz Kafka

Samstag, 10. Dezember 2011

Zukunftspläne

Ob ich einmal Kinder haben will?

Damit ich zusehen muss, wie sie immer mehr von ihrer kindlichen Unschuld verlieren und die grosse weite Welt entdecken? Damit ich zusehen muss, wie sie zum ersten Mal lügen, zum ersten Mal enttäuscht werden und enttäuschen? Damit ich zusehen muss, wie sie es so sehr probieren und doch nicht ganz schaffen; wie sie Ideale haben, die sie dann wieder über Bord werfen müssen; wie sie langsam anfangen zu verstehen, wie die Welt funktioniert? Damit ich zusehen muss, wie sie Schmerzen empfinden, unsägliche Schmerzen - ein aufgeschürftes Knie, ein Eis auf dem Boden, Liebeskummer, Sinnkrisen und Schlimmeres? Damit ich zusehen muss, wie sie genau die gleichen Fehler machen wie ich und wie tausende anderer Menschen zuvor? Damit ich zusehen muss, wie ich sie langsam aber sicher verliere, wie sie mich nicht mehr brauchen und sich ihre eigene Welt aufbauen, nachdem ich für so viele Jahre ihr Held war?
Damit ich zusehen muss und nichts dagegen tun kann, sie nicht beschützen, bewahren und festhalten kann?

Und du fragst mich, ob ich einmal Kinder haben will?

Soundtrack einer Woche


Who know what could happen? It's always a brandnew day.

Kraterlandschaft?

Ich liebe sie. Sie sind Furchen in der glatten Landschaft. Es geht tief nach unten und steil nach oben. Sie erzählen Geschichten. Sie liegen manchmal parallel, manchmal laufen sie zusammen oder durchkreuzen einander. Ganz selten werden sie mit Salzwasser gefüllt. Sie machen lebendig. Mit jeder Bewegung verändern sie sich. Werden zerknauscht und wieder auseinander gezogen. Ich liebe sie. Sie sind Schönheit.
Lachfalten.

Freitag, 9. Dezember 2011

Zitat

"Wer sich mit Wein betrinkt, wird wieder nüchtern. Wer sich mit Reichtum betrinkt, niemals."

Also lasset uns trinken den Wein (in Massen).

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Ein ganz normaler Kinobesuch.

Der Hinweg geht noch. Alles ganz normal. Stadt. Menschen. Donnerstagabend.
Wir gehen in eins der vier Kinos, die gleich nebeneinander stehen. Eine Fehlkonstruktion. Aber wir kriegen Studentenrabatt. Dafür musste ich also neue Passfotos machen gehen.
Die Werbung fängt an. Es geht um iPads und iPods und iPhones. Aha. I don't like.
Filmvorschauen.
"Das macht Sie glücklich", sagt der Sprecher. Oder Erzähler? Der Werbemann halt. Woher will der wissen, was mich glücklich macht? "Das begeistert Sie." Woher will der wissen, was mich begeistert? "Das brauchen Sie." Woher will der wissen, was ich brauche??
Ich spüre Brechreiz in mir aufsteigen.
Der Film ist unspektakulär. Wenn man von der Reizüberflutung, die mit den ständigen Bildern vom Times Square übermittelt wird, einmal absieht. Es geht irgendwie um eine Kugel aus Glühbirnen, die aufsteigt und dann wieder nach unten fährt. Das finden die Leute toll. Und es geht um Menschen, die nicht da sind, wo sie sein sollten und wo sie sein wollen. Um Menschen, die unterwegs dahin sind. Die ganze Welt rennt. Und alle küssen Polizisten.
Dann kommt der Heimweg. Noch viel mehr Leute. Donnerstagabend. Aber keine Trams. Ein Institut für Gemmologie. Was ist Gemmologie? Ein Hundeadventskalender gleich neben Prinzessin Lillife. Als würde ein Hund Wert darauf legen, sich langsam auf die Geburt Christi vorzubereiten. Der wird nur fett mit all den Leckerli. Aber manche Leute kaufen auch überteuerte Bio-Apfelchips um sie dann ihren Hausschwein zu verfüttern. Das nennt man doch mal Gleichstellung. Oder eben auch nicht. Tier über Mensch. Obdachlose verhungern.
Die Männerkollektion von H&M hat diesen Winter schöne Pullis. Norwegermuster, warm, flauschig.
Ich muss an den Teddy denken, den ich vor zwei Monaten in einer Migros (oder Manor?) in Lugano habe zurücklassen müssen. Ich bereue es. Ich vermisse den Teddy.
Die Brücke. Das Wasser kräuselt sich. Der Mond spiegelt sich darin. Und die Wolken aus den Türmen der Pharmaindustrie.
Der "kleine" Teil der Stadt. Der lebendigste. Der vielfältigste. Pizzakurier "Pizza-Blitz" auf einem klapprigen Mofa. Wäre ich cool, würde ich Vespa schreiben.
Bin ich nicht. Also laufe ich die drei Stockwerke nach oben.
Und trinke Orangensaft aus der Packung.
Und frage mich, weshalb sich Fehler ständig wiederholen.
"Hey Pippi Langstrumpf" schreit es in meinem Kopf.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Schöne Musik aus einem berührenden Film.


I had a life
I had a reason to go on
I had a view
I had a window I could open up any time
Don't steel this foolish dreams from me
I will guarantee
Someday it will all just be okay

I'm a freshman and I'm not allowed to think.

"Im Grundstudium sollt ihr nicht selber denken. Ihr lest einfach die Theorien und arbeitet mit den Begriffen. Aber eigene Gedanken? Nein."

Diese Aussage stammt wieder einmal von meinem Soziologie-Tutor. Sie...naja...wühlt mich gewissermassen auf. Da werden uns in der Kantonsschule mühsam Ansätze des kritischen und selbstständigen Denkens vermittelt, nur damit ebenjene im Studium wieder abgewürgt werden können? Und wenn wir dann irgendwann einmal reif sind und genug "grundstudiert" haben, dann dürfen wir wieder selber denken - was wir bis dahin vermutlich nicht mehr können und erst wieder neu erlernen müssen?
So viel junge Kreativität, Innovation, Motivation, so viel Optimismus und Idealismus - wie kann die Welt es verantworten, so viel Potenzial abzutöten, zu Gunsten alter Theorien?
(Um das klar zu stellen: Damit meine ich nicht, dass Geschichte nicht wichtig ist, dass wir aus Vergangenem nicht lernen können. Auch bieten Theorien gute Grundlagen - ein komplettes System, das jemand schon einmal durchgedacht hat, und das nun erweitert, verändert, ergänzt werden kann. Aber wenn das das Alleinige und Einzige bleibt, wenn der Rest keinen Platz hat und nicht erlaubt ist - dann habe ich ein Problem damit.)

Montag, 5. Dezember 2011

Ein bisschen Mode

Absolut beeindruckend und inspirierend. Und da sag einer, 30 Schals wären zu viel oder langweilig oder überflüssig:

Sonntag, 4. Dezember 2011

Weisheit einer Frau im Zug.

"Zum Glück kann man das Wetter nicht beeinflussen - jeder hätte einen anderen Wunsch, und wenn alle halbe Stunde das Wetter wechseln würde, wäre das das totale Chaos."

Sonnenstrahlen im Winter


Why do you bite the hand that feeds you?

Die halbe Stunde zwischen Haustür und Bahnhof.

Mit öV unterwegs zu sein ist doch immer wieder ein Abenteuer. Diesmal durfte ich Bekanntschaft mit einem motivierenden Busfahrer, einer gemütlichen Tramfahrerin und einem besonderen Schaffner machen.
Überpünktlich hatte ich das Haus verlassen und stand nun an der Bushaltestelle. Die Uhr tickte. Ich beschloss, zwei Haltestellen weiter zu laufen, dort fahren mehrere Busse. Aufgrund der Zeit schlug ich ein mittleres Joggingtempo an. Wenigstens kam so mein Kreislauf in Schwung. Fast an der Haltestelle sah ich schon den Bus da stehen. Perfektes Timing. Dachte sie - und der Bus fuhr ab.
Ich glaube, der Busfahrer hat bei meinem Anblick sogar ein bisschen gegrinst. So etwas lasse ich mir natürlich nicht gefallen. Also auf zum Endspurt, neben dem Bus her, bis zur nächsten Haltestelle. Und da sag, einer Frauen könnten nicht schnell rennen.
Leider fuhr der Bus nicht bis zum Bahnhof, meinem Ziel, weshalb ich noch auf ein Tram umsteigen musste. Mit drei Minuten Verspätung bog es langsam um die Ecke. Falls ein Tram entspannt sein kann - dieses war es. Ich kann es gar nicht beschreiben, es war einfach - entspannt. Wir alle stiegen also ein. Und warteten. Die Türen schlossen sich. Wir warteten. Die Tramfahrerin putzte sich die Brille (klare Sicht ist im Verkehr von Vorteil). Wir warteten. Es passierte uns ein anderes Tram, die Fahrerin entledigte sich ihren Pullovers, streckte sich, gähnte herzhaft - wir warteten - und drückte dann endlich den Losfahrknopf. Wir tuckerten gemütlich über den Bahnhof-Boulevard. Wir bogen ab. Wir hielten an. Und warteten. Die Ampel wurde grün. (Natürlich wurde sie nicht wirklich grün, Tramampeln sind so traurig farblos und bestehen nur aus Strichen, aber bildlich gesehen wurde sie grün.) Wir fuhren los. Und hielten an. Und warteten. Langsam öffneten sich die Türen.
Nach einem Spurt in die Bahnhofshalle, einem Blick auf die Schlangen vor den Billettautomaten und Schaltern, auf die Anzeigetafel und die Uhr folgte ein elegantes "Ich-kann-zwei-Stufen-auf-einmal-nehmen-ohne-hinzufallen"-Treppenhochspringen. Oben kroch ich zu Gleis 8, rollte nach unten und sprintete (ja, gleich nochmal) zum äusserst sympathisch aussehenden Zugbegleiter. Ich erzählte ihm von meinem Billettmangel, woraufhin er mir freundlich anbot, mir im Zug eines auszustellen. Für die Betreuung müsse er jedoch 10 Franken verrechnen.
Da ich nichts besseres zu tun hatte (Kleists Krug wartete sehnsüchtig auf mich...), liess ich mich auf ein Gespräch mit dem des Deutschen nicht fähigen Schaffner ein. Nach einer Weile fand ich heraus, dass die 10 Franken "Betreuungspauschale" eigentlich eine Busse waren. Dafür durfte ich danach in der 1. Klasse reisen. Was für eine verrückte Welt.
Man halte also fest: Ein Busfahrer spornt zu Höchstleistungen an. Eine Tramfahrerin lehrt Geduld. Und ich werde gebüsst, bevor ich den Zug überhaupt betreten oder auch nur berührt habe. Wenn das keine erfüllte halbe Stunde war. Und dieser ganze Spass kostete nur 10 Franken! Die öV werden zwar immer teurer, aber so billige Unterhaltung kriegt man sonst nirgends.

Freitag, 2. Dezember 2011

Schöne Worte

Cordis speculator. Der ins Herz schaut.

Schon gewusst?

In Indien gibt es eine Sprache, die 2006 nur noch von 250 Personen gesprochen wurde. Sie heisst Jarawa und gehört zu den Andamanesischen Sprachen. Dieses Sprachsystem kennt den Materialismus noch nicht: Es gibt kein Zahlensystem. Im Andamanesischen gibt es nur zwei Zahlwörter, und zwar eins und mehr-als-eins. Die Khoisan-Sprachen sind da fast noch sparsamer: Bei denen gibt es nur eins, zwei und manchmal auch drei, aber selten mehr. Eine Welt ganz ohne Billionen-Grössenwahnsinn.
Aus Crystal 1998; Kapitel 16

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Mittwoch, 30. November 2011

Ein ganz normaler Tag

Der Wecker klingelt. Eine Hand kämpft sich aus den Untiefen der flauschigen Zweimeterdecke und haut unsanft auf das piepende Objekt. Acht Minuten himmlicher Ruhe folgen. Der Wecker klingelt. Gleichzeitig ertönt eine wunderschöne Melodie von der anderen Seite des Zimmers - das Handy.

Nach einem verschlafenen Frühstück (die Lektüre: Karl Marx, "Das Kapital") eine kurze schnelle Dusche - die Zeit rennt. Eine gehetzte Fahrt durch die Stadt, zwei rote und eine orangene Ampel und 14 Energieeinheiten. Durch das Hauptportal der Uni. Zeitungsverteilende Menschen davor.

Das Tutorat. Anwesend: Tutor, StudentIn 1-15.
T: Was sind die Konsequenzen von der Definition dieses allgemeinen Begriffs, also im Bezug auf den Autor gesehen?
Stille. 
T: Hat jemand eine Idee?
Stille. S 4 guckt genervt.
T: Habt ihr die Frage verstanden?
Stille. S 11 nickt. S 2 schüttelt den Kopf. S 15 ist eingenickt. S 7 verlässt den Raum. Toilette oder Zigarette, man weiss es nicht genau.
T: Soll ich die Frage umformulieren?
Stille.
T: Also, wenn man sich auf den Autor bezieht, welche...?
Stille. S 3 seufzt. S 1 schreibt eine SMS.
T: Meine Mutter hatte grüne Schuhe, deshalb habe ich studiert.
Stille.

Ein paar zwischenmenschliche Kontakte pflegen, weiter ins nächste Gebäude, ins nächste Tutorat (ist noch ein Beispiel fällig?). Wieder ein paar zwischenmenschliche Kontakte pflegen, Termine vereinbaren, nach Notizen fragen, Notizen zurückgeben, "Hast du auch noch nichts gelernt?", eine Mandarine essen, einen Stoffbeutel voller Werbegeschenke in die Hand gedrückt kriegen, das Fahrrad suchen.

Mittagessen mit alten Bekannten, eine Führung über den Weihnachtsmarkt, plaudern über alte Zeiten. Nostalgie.

Bei der Arbeit. "Wollen Sie vom Pesto probieren, oder lieber ein Stückchen Früchtebrot, ganz ohne Zucker; oder hier hätten wir noch Streuwürze, nur Gemüse und Steinsalz, jaja, ich sage Ihnen doch, kein Glutamat; und die Mandelstäbchen, ganz ohne Mehl; oder meine Lieblinge, die Orangenkekse..." Dazwischen die Melodien von Leise rieselt der Schnee (die Sonne scheint, blauer Himmel) und Pippi Langstrumpf. Was hat Pippi Langstrumpf mit Weihnachten zu tun? Klirr. Ein Stand ist zusammengebrochen. Nicht der mit den Pestos und dem Früchtebrot. Stücke schneiden, Finger schneiden. Streichen. Auffüllen. Von Gegenüber strömen Düfte herüber. Orange und Zitrone.

Mit dem Standbesitzer reden, dem nächsten zunicken, da ein Witz, dort ein "schönen Abend noch". Fahrrad suchen. Berg hochstrampeln. Sich merkwürdig auf dem Boden räkeln und dabei denken "Das ist Pilates, das hat einen Namen, ich mache Pilates, das tut mir gut, es macht Spass, juhu, Pilates...". Zwischenmenschliche Kontakte pflegen. Halle wechseln. Volleyball. Lauter nette Menschen. Vor allem einer. Anspiel, Abnahme, Angriff.

Fahrrad suchen. Durch die kalte Nacht nach Hause. Über die Brücke. Die Treppen hoch. Ein Päckchen. Ein Telefonat. Drei Mails. Eine CD, ein Tee, ein paar Seiten lesen.

Sich in die Zweimeterdecke einkuscheln und die Augen zufallen lassen. Sowas.

Dienstag, 29. November 2011

Umbruch

Umbruch.
Da bricht was. -
Auseinander
-
Gehen. Und kommen.
Geben. Und nehmen.
Verabschieden. Begrüssen.
Entfernen. Hinzufügen.
Abnehmen. Aufhängen.
Umgestalten.

Umbruch.

Goethe war gut.

Auch das ist Kunst,
ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen,
sich soviel Licht ins Herz zu tragen,
dass, wenn die Sonne längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.
Johann Wolfgang von Goethe

Montag, 28. November 2011

Welch Glück, geliebt zu werden.

Willkommen und Abschied
Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht.
Schon stund im Nebelkleid die Eiche
Wie ein getürmter Riese da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr.
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut,
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter,
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund und sah zur Erden
Und sah dir nach mit nassem Blick.
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Johann Wolfgang von Goethe

Mittwoch, 23. November 2011

Ich will auch so eine Zahnbürste haben...

You don't have to see the world to know that it keeps turning.

Teure Raritäten

"Diese Art ist selten, also wertvoll."

Aus dieser Aussage schliesse ich persönlich, dass etwas Seltenes automatisch wertvoll ist. Diese Annahme wiederum wirft drei Fragen auf: Ist etwas nur wertvoll, wenn es selten ist? Ist alles wertvoll, was selten ist? Und werde ich "wertvoller", wenn ich mich "selten mache"?

Dienstag, 22. November 2011

Irgendwo im WorldWideWeb...

...ist dieser Text von mir aufgetaucht. Ich hatte seine Existenz ganz vergessen. Irgendwie interessant. Vielleicht könnte man überall Texte verstecken und irgendwann würde man sie wiederfinden - wie alte Ostereier. Das wäre was.


Leere Lehren eines Kindes

In zwei Wochen habe ich Geburtstag. Ich freue mich wie eine Schneekönigin darauf, wie ein kleines Kind. Als wäre es nicht jedes Jahr das Gleiche. Zwar werde ich diesen wiederkehrenden Anlass erst zum 19. Mal erleben, aber trotzdem würde man meinen, ich hätte es mittlerweile satt. Diese Scheinheiligkeit, diese Schönrederei. Habe ich aber nicht. Ich freue mich. Ich freue mich schon im Voraus auf das Ereignis, bei dem man feiert, dass man ein weiteres Jahr auf dieser Erde überstanden hat. Das nennt man dann wohl „Vorfreude“. Ich denke, mir werden ziemlich viele Leute gratulieren. Das erwarte ich fast schon. Und natürlich habe ich die Hoffnung, dass der eine oder andere sogar ein schönes Geschenk für mich hat. Vorfreude, Erwartungen, Hoffnung. Die schlimmste Kombination, die man sich vorstellen kann. Die Mischung aus diesen drei Emotionen kann zwangsläufig nur ins Verderben führen.
Nichts kann den Illusionen der Vorfreude gerecht werden; Erwartungen werden immer enttäuscht (sofern man menschlich ist und dementsprechend automatisch zu hohe Erwartungen steckt); und Hoffnung, ja Hoffnung ist sowieso zwecklos. Die Hoffnung ist das schlimmste von allen. Sie ist eine einzige grosse Lüge, wie so vieles in unserer Welt. Es ist allein die Hoffnung, die uns weitermachen lässt. Wegen ihr kämpfen wir, ertragen und überwinden Unerträgliches, Unüberwindbares. Die Hoffnung ist der Wassertropfen, wenn wir am Verdursten sind. Sie ist unser Antrieb, sie schenkt und das Leben.
Doch nun noch einmal ganz langsam von vorn. Beginnen wir mit der Vorfreude. Dieses Gefühl kennt jeder. Man stellt sich etwas in der Zukunft vor und freut sich darauf. Ich stelle mir grade jetzt zum Beispiel mein Frühstück von morgen vor. Ich freue mich richtig. Spätestens wenn ich morgen total übermüdet aufwachen werde, ist die Vorfreude verflogen. Wie kann man sich bloss auf etwas freuen, dass in den meisten Fällen gar nie eintritt? Und selbst wenn ich Zeit fürs Frühstück haben würde und nicht zum Bus würde rennen müssen – es würde mir niemals so gut schmecken, wie ich es mir ausgemalt hatte. Wir beschönigen die Dinge in unserer Vorfreude automatisch. Wir träumen, bauen Illusionen auf, malen uns aus, wie etwas wohl sein wird. Und wir denken, dass dies dann der Wirklichkeit entsprechen wird. Womit wir schon bei den Erwartungen angekommen wären.
Erwartungen. Wenn mir jemand etwas verspricht, dann erwarte ich, dass diese Person alles daran setzen wird, um das Versprechen zu halten. Umgekehrt wäre dies nämlich der Fall. Ich verlasse mich blind auf die Worte eines anderen Menschen, ich vertraue ihm, und ich erwarte, dass mein Gegenüber dem gerecht wird. Aber wie oft in meinem jungen Leben wurde ich schon eines Besseren belehrt. Und wie oft habe ich diese guten Lehren beiseite geschoben und mich wieder neu auf ein Versprechen mit daran geknüpften Erwartungen eingelassen. Vertraut. Gehofft.
Das schönste und gefährlichste Gefühl: die Hoffnung. Sie kommt, ohne sich anzukündigen oder zu fragen, wieder und wieder. Ohne sie können wir nicht sein. Wo keine Hoffnung ist, ist kein Leben. Aber gleichzeitig kann man sich in der Hoffnung verlieren. Die Menschen klammern sich an sie, bauen alles auf ihr auf – und stürzen ins Bodenlose, wenn ihr Fundament zusammenbricht.
Vielleicht sollte ich weniger gutgläubig, weniger naiv, optimistisch oder blauäugig durch die Gegend laufen. Vielleicht sollte ich akzeptieren, dass die meisten Versprechen eben doch nur Versprecher sind. Vielleicht sollte ich hinnehmen, dass ent-täuschen bedeutet, dass man jemandem die Realität aufzeigt, ihm seine Täuschung nimmt, ihn klar sehen lässt. Vielleicht sollte ich aufhören, mich im Voraus zu freuen, Erwartungen zu haben, Hoffnung zu wagen. Denn je weniger hoch du steigst, desto weniger tief kannst du fallen.
Doch ich will Lehrerin werden. Noch dazu eine gute. Ich will nicht nur Wissen vermitteln, sondern Lebensqualität. Ich will anregen, nachdenklich stimmen, herausfordern. Um das zu erreichen, darf ich den Optimismus und den Glauben an das Gute nicht aufgeben. Natürlich kann das schief gehen. Ich klettere hoch – also kann ich auch tief fallen. Aber ich freue mich. Ich kann es kaum erwarten. Für die anspruchsvolle Aufgabe des Lehrens muss ich angefüllt sein mit Hoffnung. Ich muss daran glauben, dass es gelingen kann, dass man Erfolg haben und etwas bewirken kann, dass noch nicht alles verloren ist, dass man manchmal auch oben ankommt oder zumindest weich fällt. Denn sonst würden meine Lehren nur Leere verbreiten. Und das ist wohl das Traurigste, was einer Lehrperson widerfahren kann.
Vorfreude, Erwartungen, Hoffnung. Die schlimmste Kombination, die man sich vorstellen kann. Und doch sind diese drei Emotionen so wichtig. Sie helfen uns zu träumen, mit unseren Träumen davonzufliegen, weg von dieser komplizierten Welt. Vorfreude, Erwartungen, Hoffnung. Freiheit.

Montag, 21. November 2011

Von Elefanten, Schlangen und Bäumen.

A story of the different kinds of seeing.


It was six men of Indostan
To learning much inclined,
Who went to see the Elephant
(Though all of them were blind),
That each by observation
Might satisfy his mind.


The First approach'd the Elephant,
And happening to fall
Against his broad and sturdy side,
At once began to bawl:
"God bless me! but the Elephant
Is very like a wall!"


The Second, feeling of the tusk,
Cried, -"Ho! what have we here
So very round and smooth and sharp?
To me 'tis mighty clear
This wonder of an Elephant
Is very like a spear!"


The Third approached the animal,
And happening to take
The squirming trunk within his hands,
Thus boldly up and spake:
"I see," quoth he, "the Elephant
Is very like a snake!"


The Fourth reached out his eager hand,
And felt about the knee.
"What most this wondrous beast is like
Is mighty plain," quoth he,
"'Tis clear enough the Elephant
Is very like a tree!"


The Fifth, who chanced to touch the ear,
Said: "E'en the blindest man
Can tell what this resembles most;
Deny the fact who can,
This marvel of an Elephant
Is very like a fan!"


The Sixth no sooner had begun
About the beast to grope,
Then, seizing on the swinging tail
That fell within his scope,
"I see," quoth he, "the Elephant
Is very like a rope!"


And so these men of Indostan
Disputed loud and long,
Each in his own opinion
Exceeding stiff and strong,
Though each was partly in the right,
And all were in the wrong!


MORAL.
So oft in theologic wars,
The disputants, I ween,
Rail on in utter ignorance
Of what each other mean,
And prate about an Elephant
Not one of them has seen!
John Godfrey Saxe


Sonntag, 20. November 2011

Auf Basels Strassen

Ich (CN) wohne nun seit etwa acht Wochen in Basel. Letzte Woche durfte ich endlich die Verkehrspolizei dieser schönen Stadt kennen lernen. Zwei freundliche mittelalte Damen (PZF 1 & 2) winkten meinen Mitbewohner (MB) und mich an den Strassenrand, kaum dass wir unsere Wohnung verlassen hatten.

Polizeifrau 1: "Händ Sie das Liechtsignal döt nöd gseh?"
Mitbewohner nuschelt etwas.
PZF 1: "Es isch rot. Und rot isch rot."
PZF 2 nickt zustimmend.
MB schaut schuldbewusst zu Boden: "Ja..."
PZF 1: "Das macht denn 60 Franke."
MB hebt entsetzt den Kopf. Flehend: "Nei würkli jetzt?"
PZF 1 erbarmungslos: "Ja wüsset Sie, rot isch rot."
PZF 2 nickt zustimmend.
MB nuschelt, nun etwas gereizt.
PZF 1 bedeutet ihrer Kollegin, Opfer Nummer 2, also CN, ja nicht entkommen zu lassen.
PZF 2 eilt eifrig zu CN.
PZF 1 & 2 nehmen die Personaldaten auf.
PZF 1 freundlich, als würde sie nach der Cumulus-Karte fragen: "Zahlet Sie bar?"
MB: "Nei."
PZF 2 freundlich, als würde sie nach der Superpunkte-Karte fragen: "Zahlet Sie bar?"
CN deprimiert: "Nei." Dann, freundlich und interessiert: "Äxgüsi, ich hett do no e Frog. Chöntet Sie mer ächt de Sinn vo däm Liechtsignal für Velofahrer erkläre?"
PZF 2 schaut erschreckt und hilfesuchend zu PZF 1.
PZF 1 macht drohend einen Schritt auf CN zu.
PZF 1: "Loset Sie: Rot isch rot. Das isch eifach eso."
CN: "Jaja, das isch mer scho klar, aber -"
PZF 1 unterbricht: "Rot isch rot. Und das hett mer z'beachte."
PZF 2 nickt zustimmend.
CN: "Ja ich ha vestande dass rot rot isch. Aber mich wür de Sinn, aso de Zweck vo däre Ample interessiere. Die stoht jo nöd eifach so dötte, oder?"
PZF 1: "Ja...do hetts e Tramhaltestell. Und sowieso, rot isch rot."
CN, nun sehr viel klüger: "Aha..."

Der Tag nimmt seinen Lauf. Der Abend kommt. Die Nacht bricht herein. Der nächste Morgen ist da. CN steht auf. Frühstückt. Nimmt ihr Fahrrad. Überquert die Strasse. Und fährt los, der Sonne entgegen, das künstliche rote Licht ignorierend. Was ist schon rot. Ausser rot.


Anmerkung: Auch Gewinner sind nur Menschen. Und so wie rot rot ist, heisst Parkverbot Parkverbot. Die Basler nehmen's wörtlich. Auch für Catalin Dorian Florescu, den Gewinner des Schweizer Buchpreises 2011 ("Jakob beschliesst zu lieben", C.H.Beck Verlag), wird keine Ausnahme gemacht. So darf er feierlich einen Teil seines Preisgeldes (das 7,5-fache der Lichtsignalbusse) auf der Polizeistation abgeben. Der humorvolle Autor lässt es sich dabei nicht nehmen, dem Polizisten eines seiner Bücher mit der Widmung: "Für die Basler Polizei. Als Dank dafür, dass Sie so gut auf mein Auto aufgepasst haben!" zu überreichen. Sympathisch. Billiger wird's deshalb trotzdem nicht.


Heimweg

Sie rennt, den Blumenstrauss in der rechten, ein Buch in der linken Hand. Die Schminke ein bisschen verschmiert, das Kostüm sitzt nicht mehr ganz perfekt. Sie hat ein anstrengendes aber erfolgreiches Wochenende hinter sich. Das Auto ignoriert sie, der Fahrradfahrer bremst nicht. Sie drückt den Knopf - das Tram fährt ab. Ohne sie. Sie setzt sich auf einen kalten Steinblock. Erschöpft. Das nächste Tram fährt in zehn Minuten. Sie muss warten.
Auch Damen von der Messeleitung sind nur Menschen.

Textkiosk Tag 2

Die Aufgabe an eine Studentin des Schweizerischen Literaturinstituts: Schreibe einen Text, in dem dieses Becken mit den bunten Plastikkugeln drin vor kommt. Das im McDonalds und Ikea steht.
Das Ergebnis:

Meine Schwester war immer mutiger als ich.
Sie sprang zuerst in den eiskalten Bergbach
sie kletterte auf den höheren Baum
sie nahm den ersten Bissen vom geräucherten Bieberschwanz, sie erliebte sich, obwohl sie drei Jahre jünger ist als ich,
vor mir.

Und
sie traute sich - ohne einen Moment zu zögern - in das Aquarium mit den bunten Bällen.

Ich stand aussen
die Nase an die Scheibe gedrückt
jedesmal.

Doch eines Tages beschloss ich
auch ins Aquarium hinein zu gehen
und
ich hatte meine Schuhe schon ausgezogen
die Hände schüchtern in die Hosentaschen gesteckt
da sagte mir die Frau von der Kasse,
dass ich leider schon zu alt wär.

Und seither steh ich jedesmal - und immernoch
wenn ich in der Ikea einkaufe
vor dieser Scheibe
ein zwei Minuten lang.

Noemi Lerch

Samstag, 19. November 2011

Textkiosk

Die Aufgabe an eine Studentin des Schweizerischen Literaturinstituts: Schreibe einen Text, in dem Luftballone und eine Gummibärchentorte vorkommen.
Das Ergebnis:

gustav sagt: wir könnten spinat essen,
das ist alles, danach ist es ruhig.
nur die luft ist sehr echt heute, sie riecht nach winter und nach luft. am rauen himmel sieht man nur himmel in diesem moment und im wald gibt es abdrücke von tieren im schnee.
gustav und paul sehen die ballone in den himmel steigen. sie sind grün und sind am himmel und der himmel ist grau. krähen krähen auf einem starren feld.
bäume gibt es keine, nur in das feld getragene braune äste und die schwarzen vögel am himmel und am boden.
paul nickt.
ja, spinat.
wir könnten ein fest feiern, sagt gustav
und paul fragt, warum.
wei wir uns lieben, sagt gustav
paul nickt.
und die welt, sagt er dann
und die welt, denkt paul.
und die welt, sagt gustav.
in diesem moment fällt ein toter vogel neben ihnen zu boden und paul weint, weil paul weint, weint auch gustav
der vogel ist nur tot. und gefroren.
wir könnten einen gummibärchenkuchen machen, sagt paul
und gustav nickt und wischt sich die letzte träne von der backe.
sie graben ein loch in die gefrorene erde, in dieses loch legen sie den vogel.
er scheint zufrieden zu sein, denkt gustav und muss wieder weinen.
die luft ist jetzt gelb und der kaffee in der thermoskanne ist grau geworden.
sie trinken ihn langsam, schluck um schluck.
die ballone sind verschwunden, sie liegen vielleicht 20 meter vom vogel entfernt auf einem feldweg.
paul sieht einen hasen über das tote feld hoppeln und muss an seinen grossvater denken, der immer wieder mit einem hasen verwechselt wurde.
darüber lacht paul und gustav hat sich auf den boden gesetzt.
langsam sinkt die sonne und unter den füssen bricht eis.
in einer halben dunkelheit gehen gustav und paus nachhause.
hinter ihrem fenster ist das licht warm.
gustav und paul essen spinat und gummibärchenkuchen.
es ist gut denken sie und dass manchmal ein vogel
vom himmel fällt.

Buchtipp 2

Wer das Gefühl hat, sich eingehend mit dem Thema auseinandersetzten zu müssen, ob Wörter wie "Fussgängerstreifen", "Führerausweis", "Pol" und "leserfreundlich" frauendiskriminierend sind, sollte dieses Buch lesen. Wer denkt, dass es wichtigeres auf der Welt gibt, übergeht es. Und wird vermutlich nicht viel verpasst haben.

Buchtipp

Ein schönes Büchlein für Zwichendurch. Folgeband "Me sött nid..." existiert auch. Besonders gefällt mir:
Das Bild: Ein Kind bringt seiner Mutter Blumen. Daneben steht der Vater, ein Schild hängt um seinen Hals: "Ich bin auch Mutter." Me sött am Muttertag den Vater nicht vergessen.


Freitag, 18. November 2011

Lebensweisheiten

"Man muss das Glück herausfordern, um die Zukunft dahin zu bringen, wo sie noch nicht angekommen ist."
Inge Feltrinelli

"Ich kann so viel machen wie ich kann. Aber ich kann halt nicht so viel."                                                                 J.H.

"Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen."                                                       Sigfried Lenz

Donnerstag, 17. November 2011

Ein Meer aus Licht.

Immer wenn ich von Basel nach Zürich fahre, komme ich an diesem gigantischen Lampenmeer vorbei. Kurz vor dem Hauptbahnhof. Es ist meistens schon ganz dunkel, deshalb sieht man nur ganz ganz viele leuchtende Punkte. So quasi bis an den Horizont. Endlos. Als ich einmal genauer hingeschaut habe, was denn da konkret beleuchtet wird, musste ich festellen, dass auf dem riesigen Laternenfeld nur Gleise sind. Abgestellte Züge. Transportwagons. Sonst nichts. Leere. Nur ganz viel Licht.
Natürlich muss ich sofort an den Energieverbrauch denken, an die unnötige Verschwendung. Das ist ja fast noch schlimmer als die ganze dämliche Weihnachtsbeleuchtung. Aber an der erfreuen sich wenigstens noch ein paar Leute. Die Laternen hier - stehen einfach nur rum. Und brennen. Leuchten.
Ich stelle mir beim Blick auf dieses Lichtermeer dann gerne vor, dass das Kerzen sind. Ich sehe sie schon flackern. Und jeden Tag, also jeden Abend, werden sie für jemand anderen angezündet. Für jemanden, der es an diesem Tag, an diesem Abend, in dieser Nacht besonders nötig hat. Niemand geht vergessen. Es gibt genug Laternen, genug Kerzen, genug Licht und Wärme für alle.

Spezialitätenmarkt Zürich HB

Reizüberflutung. Die totale Reizüberflutung.
Die Luft ist aufgeladen.
So viel Licht. So viel Leben.
Worte. Gesten. Mimik. Menschen.
Farben. Gefühle. Töne.
Fühlen. Schmecken. Riechen. Hören. Sehen.
Ich schliesse die Augen,
stopfe Finger in die Ohren,
halte mir (mit meiner dritten Hand) die Nase zu,
beisse mir die Zunge ab
und hülle mich ein, verdecke meine Haut.
So viel Licht. So viel Leben.
Zu viel.

Mittwoch, 16. November 2011

Zwischen A und B

Ich rase mit meinem Fahrrad durch die Stadt.
Ich bin frei wie ein Vogel. Tramgleise, Kreuzungen und Fussgängerstreifen überquerend. Ich fahre über den Rhein, in einem mörderischen Tempo, und spüre die kalte Luft auf meiner Haut kaum. Vermutlich bin ich ganz rot im Gesicht. Ich lege mich voll in die Pedale, richte mich dann auf und lasse den Lenker los. Ganz langsam.
Ich rase durch die Stadt. Ich schliesse die Augen. Breite die Arme aus.
Und fange an
zu fliegen.

Dienstag, 15. November 2011

Unverbrauchte Musiker

Wenn man einem Menschen dabei zugucken kann, wie er das tut, was ihn glücklich macht. Wenn man die Energie spürt, die das Glück hervorbringt. Wenn man sieht, wie die glückerzeugende Aktion auch noch ganz viele andere Menschen glücklich macht. Wenn der ganze Raum positiv geladen und alles gut ist. Wenn man die Zeit vergisst, nur noch ist, nicht mehr denkt, nur noch aufsaugt. In vollen Zügen das Glück aufsaugt. Wenn nichts mehr wichtig ist, nichts, nur der Moment ist, die Bewegungen, die Hitze, das Lachen, die Töne, die Vibration des Basses. Glück. Wenn man vergisst, wer man ist, wo man ist, was man sein sollte oder will. Wenn man sich eins fühlt mit sich und der ganzen Welt und überhaupt.
Dann ist man an einem richtig guten Konzert.

Montag, 14. November 2011

Fast gestorben und mitten im Leben.

"Wenn du dein Leben beenden willst, dann beende es. Aber dafür musst du doch nicht sterben!"

"Was hast du davon, wenn du dich umbringst?"


und daraus:


If you can't change the world, change yourself.
If you can't change yourself, change the world.

I'm in love with the planet I'm standing on
I can't stop
I can't stop thinking of
All the people I've ever loved
All the people I have lost
All the people I'll never know
All the feelings I've never shown.
The world's too big. And life's too short.
To be alone... To be alone.

Samstag, 12. November 2011

Grosse, kalte, böse Welt

Ich will raus. Ich will weg von hier. Wieso geht man nicht einfach, wenn man keine Lust mehr hat? Weil dann vermutlich bald niemand mehr da wäre. Oder doch? Vielleicht bin auch nur ich demotiviert. Also ja, demotiviert.
Ich habe genug. Genug von unehrlichen Menschen. Von verletzten Menschen, von überforderten, ausgelaugten, desillusionierten Menschen. Überall sind nur Schlachtfelder, Kampfplätze, Verwüstung. Wieso tun wir uns das gegenseitig an? Und wieso spüren das manche nicht? Wieso gelingt es uns so selten, andere so zu behandeln, wie wir selber auch gerne behandelt werden wollen?
Ich bin müde. Ich habe keine Lust mehr. Auf Erwartungshaltungen, auf Pflichtgefühle, Prinzipien, Grundsätze, auf Smalltalk, Verprechungen und oberflächliche Zeitverschwendungen. Was soll ich damit? Ich will keine Bruchstücke. Ich will das Ganze. Aber wo man nur hinsieht ist alles zerbrochen. Kaputt.
Ich verstehe nicht. Nichts. Ein Wahnsinn jagt den anderen. Alle wissen es, alle reden darüber, aber ändern tut das nichts. Irgendwie akzeptiert man den Zustand eben doch. Ist halt so. Aber das Ich und das Drumherum passen einfach nicht zusammen. Wenn ich das Drumherum nicht ändern kann, muss ich eben das Ich ändern. Und wenn sich das nicht ändern lässt? Na dann - muss ein komplett neues Drumherum geformt, entworfen, erschaffen werden. Ein lebensfreundlicheres als dieses hier.

Haltet die Welt an, ich will aussteigen.

Dienstag, 8. November 2011

nach einer weile - ist es zeit.

zum letzten mal
diese haltestelle, dieser weg, mit den bildern und bäumen.
das gartentor quitscht, nicht zum letzten mal,
aber zum letzten mal für _.
die treppe, die klingel, das knarzen.
der raum hinten rechts.
getafelte holzwände, dunkel.
der bach rauscht.
leer, nur noch ein bett, ein tisch, zwei schränke.
die gardinen werden abgenommen.
die gleichen, die vor zehn jahren mühsam aufgehängt wurden.
letzte klebestreifenreste werden entfernt.
nägel, schrauben, haken.
reiszwecken.
schnüre.
ein einsamer leuchtstern, funkelnd, verlassen an der decke.
der letzte kranich plumpst zu boden.
ein kranich, oregami.
er steht für glück und langlebigkeit.
er liegt am boden, dort wo er hingeplumpst ist.
der boden. der fleckige fuselteppich.
den blick gehoben, das fenster.
fensterbilder abkratzen. die sollten verboten werden.
die aussicht ist ganz anders,
wenn man nicht durch ein einhornmandala guckt.
der bach rauscht.
zum ersten mal geschlossene fensterläden.
zum putzen.
undefinierbares klebriges irgendetwas an den rändern.
keiner weiss was, keiner weiss wofür.
(man könnte hier ja ein stückchen davon reinkleben, aber wir befinden uns im virtuellen zeitalter, da ist fühlen nicht mehr so wichtig...)
pferdekutschenglocken. glöckchen.
alpaufzüge. kein alltag mehr. eine touristenattraktion.
der balkon. die aussicht.
kein schnee schippen. keine sonne. kein freiraum.
der bach rauscht.
viel aufgewirbelter staub.
mehr aufgewirbelte erinnerungen.
gefühle.
aber der bach rauscht. beständig.
er wird es auch ohne _ tun.
er bleibt. beständig.

Montag, 7. November 2011

Läckerli?

Eigentlich fängt der Tag ganz gut an. Es ist genau 5.00 Uhr und du stehst im Bett. Dein Wecker klingelt und fliegt schon fast in die Luft. Aber du stehst, schläfst also nicht wieder ein. Nach einem kurzen Frühstück verlässt du also ausnahmsweise überpünktlich das Haus. Der Nieselregen stört dich nicht. Dann fährst du mit deinem Fahrrad über die Bordsteinkante auf die Strasse - und ab da geht dein Morgen beständig bergab.
Der Reifen ist geplatzt. Du musst dein Fahrrad zurück bringen. So früh am Morgen fährt natürlich nur alle 15 Minuten ein Tram, vom letzten siehst du nur noch die Rücklichter. Die Zeit drängt. Du läufst also los, joggst besser gesagt. Der Nieselregen stört dich jetzt. Die kalte Luft in deinen Lungen und deine muskelkaterschweren Beine auch. Durchgeschwitzt und aus der Puste kommst du am Bahnhof an. Zu spät, natürlich. Es folgt die Einweisung, du sollst Flyer zu einer politischen Abstimmung mittels Basler Läckerli an den Pendler bringen. Zwei Stunden lang, natürlich draussen, vor dem windgeschützten Bahnhofsgebäude.
Mittlerweile ist es 6 Uhr, die ersten Pendler betreten die Spielfläche. Sie sind noch mehr oder weniger im Halbschlaf, deshalb nehmen sie kommentarlos das dargebotene Läckerli-Flyer-Set entgegen. Deine Mitverteiler ignorieren dich, von Teamwork, taktisch intelligenter Aufstellung und sowas hat noch nie jemand etwas gehört. Nach einer Weile merkst du, dass dir die Läckerli das Blut im Arm abklemmen. Der Flyersack nimmt mit jeder Minute um 50 Gramm zu. Die Kälte und Nässe schleicht sich durch deine (verschwitzten) Kleider.
Nun kommen die gereizten Pendler - die, die schon wach sind, die aber eigentlich gerne noch im Bett liegen würden. Du sagst im Sekundentakt mit deiner freundlichsten und schrecklich künstlichen, aufgesetzten Stimme: "Läckerli?" Die jungen Männer mit den Kopfhörern ignorieren dich eiskalt, ab und zu rennt einer in dich rein und trägt so zur Dekoration des Bodens bei. Rosa Flyer überall. Kinder schrecken ängstlich vor dir zurück, als wärst du Dracula. Manche Leute erbarmen sich gnädig, nehmen dir ein Läckerli ab und werfen dir nur einen abschätzigen Blick à la "Jetzt darfst du dich aber bei mir bedanken..." oder "Du weisst aber schon, dass du die falsche Sprache sprichst?" zu. Ältere Personen nehmen so viel sie kriegen können, beäugen aber alles äusserst misstrauisch. Es könnte ja ein Trick, eine Falle handeln. Du könntest ihnen ja Böses wollen.
Immer wenn du fast alles verteilt hast, werden deine Säckchen wieder aufgefüllt. Du fühlst dich wie Sisyphus. Die Zeit steht still. Der Wind nicht. Deine Nase auch nicht. Die läuft.
Und plötzlich bist du bereit, alles für ein "Guten Morgen", ein "Danke" oder auch nur ein Lächeln zu geben.
Wenig später läufst auch du, mit deiner Nase, und zwar nach Hause. Durch den Regen. Ein funktionstüchtiges Fahrrad kannst du nämlich nicht mehr dein Eigen nennen, ein Trambillett konntest du noch nie zu deinen Besitztümern zählen. Also läufst du. Denkst an Murphy. An Murphys Gesetze. Und bittest Gott, ein bisschen Gnade walten zu lassen.

Sonntag, 6. November 2011

In der Dunkelheit...

...geht manchen hie' und da ein Licht auf. Anderen nicht.

Zusammenhangslos

In einem soziologischen Text schreibt der Jamaikaner Stuart Hall:

"Der Versuch, den Anderen auf die andere Seite des Universums zu verbannen, ist immer auch mit den Beziehungen der Liebe und des Begehrens vermengt."

Es geht um Identitäten, Rassismus, Ideen, Prozesse. Was hat das mit Liebe, Begehren und der anderen Seite des Universums zu tun?

Donnerstag, 3. November 2011

Von Lebenseinstellungen, Bildern und Worten.

Geplante Bildunterschrift: "Manchmal sagen Bilder mehr als Worte."
Blöd nur, dass das hier ein Bild von Worten ist. Oder Wörter in einem Bild. Was auch immer. Ich mag die Aussage.

Copyright by K.R.

Mittwoch, 2. November 2011

Oh du schöner Herbst

Wolkenverhangen
grauer Morgen.
Wassertropfen an der Scheibe
auf meiner Haut.
Blitz, Donner, Anderes.
Kalter Nebel.
Neblige Kälte.
Traumhaft?

Öffne die Augen
werde erschlagen
von der Buntheit
des Laubs
an den Bäumen
vor dem Fenster.
Höre schon
das Rascheln
und Knacken.
Jetzt
hängen sie noch an den Bäumen
und brechen die Sonnenstrahlen.
Rot, orange und gelb
vor blau
und weiss und gelb.
Goldig.

Dienstag, 1. November 2011

Aus dem klaffenden Schnitt strömte das Blut.

Manche Leute verletzen sich nie.
Andere haben eine gute Wundheilung, es entstehen keine Narben, die Wunden gehen vergessen.
Wieder andere werden wochen-, monate-, gar jahrelang an den Schmerz erinnert. Durch einen feinen Strich auf der Haut oder eine weisse, glatte Fläche. Irgendwann ist der Strich vollends in die restliche Haut integriert und hebt sich nicht mehr ab. Er wird Teil des Menschen, lässt uns nur noch kurz und blitzartig an bestimmte Ereignisse zurück denken.
Dann gibt es da noch eine letzte Gruppe. Dazu gehören die Leute, die sich heldenhaft mit ihren Wunden schmücken, mehr oder auch weniger nach aussen hin getragen. Die sie immer wieder aufkratzen. Die den Schmerz immer wieder neu empfinden. Die sich nicht helfen lassen, die keine Pflaster, Salben und Verbände wollen. So sind Narben aus dem Januar noch im November frisch, und Wunden aus dem August heilen nie.